Ich sehe schon, das werden drei ruinöse Tage. Sagen wir Nächte. An Schlaf nicht zu denken. Zu aufgekratzt nach fast zwölf Stunden unter Jazzern. Klamme Künstlerbude. Asche-in-mein-Ofen, Schnee-auf-mein-Dach. Das grieselt. Der Ofen brummt. Bin versucht, zu denken, es wäre gut ein Jazzer zu sein wie dieser Schwede, der heute in mehreren Kapellen aufgetreten ist mit seiner roten Trompete. Er wirkte so souverän, trank kaum Bier. Ein unheimlicher Mensch. Morgen tritt er auch wieder auf. Es gibt nur noch den Schweden. Schwede hier, Schwede da. Die Alphamusiker des Landes liegen ihm zu Füßen. Wie paradox.

Manchmal habe ich mich vor der Backstagetür postiert und die Laternen betrachtet, wie London, der Ripper schleicht umher, hinzu kommt der Schneeregen, die unheimliche Stille, untermalt vom Wummern des Schlagzeugs. Ab und an ein Gespräch mit irgendwem, der sich auch vor die Tür wagt.

Über das Wetter. Samstag ist schon wieder gut sagen sie.

Das will ich auch hoffen, denn nächste Woche beginne ich mit dem Bau der Kunststraße nach Boulogne. Werde erstmal bis Luxemburg fotografieren.

Von komischen Hosen und wie man Jazzikonen ruhig stellt.

Just zurück vom Jazzfestival. Wieder mal was gelernt: wie man eine Jazzikone im Backstageraum ruhig stellt. Man gebe dem Jazzer eine gutaussehende Praktikantin des lokalen Rundfunks, die mit einem Mikro hantiert und ihn interviewt. Dann spricht er zuweilen hochdeutsch, reißt sich zusammen, schaut auf die Brüste, ab und zu auch auf das Mikro.

Und weiters gelernt: wie die Hosen, deren Schritt in der Kniekehle hängt, am Körper haften. In dem nutzlosen Raum zwischen Hoden und Kniekehle befindet sich ein Ballon gefüllt mit Helium.

Von Hundegeschlechtsteilen und wie sie daran lecken.

Nachher wieder dieser Job beim Jazzfestival. Ich mag diese Arbeit, ein Kratzen am Mythos große weite Welt, wenn alljährlich in der Nachbarstadt der Spirit des Jazz hochlebt.

Derweil bin ich in Gedanken schon weit in der nächsten Woche, wenn das Wetter besser ist und die Fotografie wieder möglich, sowie das Radfahren. Kürzlich mit dem Kulturdezernenten diskutiert, ob es möglich sei, eine Kunststraße zur französischen Partnerstadt zu bauen und zwar bis Pfingsten. Ich sagte nein. Er sagte, sie kriegen einen Dienstwagen. Aber Dienstwagen geht nicht, gebt mir lieber Geld, Der Weg und ich, ach, wie könnten sie das je verstehen, nein, Dienstwagen ist zu schnell.

Trotzdem träume ich von der Dienstwagen-Variante und überlege, ob es nicht möglich ist, ein anderes Projekt zu machen, das nicht so sehr mit dem Weg verknüpft ist.

Mach‘ es für den Dienstwagen.

Aber da sind wir schon wieder beim Kern des Problems: der Mensch sieht immer nur die markanten Dinge, wuchtige Elemente scheinbar voller Bedeutung und Wert, ohne zu erkennen, dass die markanten Dinge zunächst leer sind und die eigene Vorstellungskraft füllt sie mit Wert und macht sie zu dem, was sie sind.

Hirngespinste in schöner Verpackung.

Sei es ein nobler Gegenstand oder ein Amt und Würden, dein Name auf einem Plakat, ein Bericht über dich in der Zeitung – Was ist die Zeitung? Nur bedrucktes Papier und wenn es eine deutsche Zeitung ist, so verstehen maximal 60 Millionen Menschen das, was darin geschrieben steht. Rein statistisch so gut wie niemand. Dann ist es doch nichts wert, ebenso, ob man einen riesigen Turm in der Stadt gebaut hat und alle Welt schaut scheinbar her, Mann, ist das Ding groß.

Groß wird etwas erst, wenn man lange genug darüber nachdenkt und sich etwas vormacht.

Wer hätte gedacht, dass ich nun noch die Kurve zurück zu den Jazzern kriege, welche sich alljährlich in den Garderoben der Stadthalle der Nabarstadt treffen und jammen oder ihren Gigs entgegenfiebern. Eine Mischung aus Weltstars und lokalen Jazzikonen, die nichts besseres zu tun haben, als ihren willigen Groupies die Backstagemacht zu demonstrieren, mit der Potenz des geplünderten Kühlschranks, aber hey, Lokaljazzweltstar, deine Macht endet unter der flimmernden Neonröhre an einem krümeligen Tisch in einem verqualmten Raum, ich hoffe, du schaffst es, das abgehalfterte Groupie herumzukriegen.

und jetzt fallen mir noch ein paar Dinge ein: wie wir im Strom der Zeit treiben zum Beispiel, unaufhaltsam, obwohl die Augen gen Ufer gerichtet, aber mit den Augen, mein Gott, mit den Augen können wir doch die Zeit nicht aufhalten und den Strom zum Stillstand bringen. Was also bleibt, ist, sich einfach treiben lassen und hie und da eine Träne verlieren und wer weiß, vielleicht ist der Strom in dem wir treiben nur eine Ansammlung von Tränen all derer, die mit uns in diesem Strom treiben.

Trotzdem stünde ich gerne am Ufer.

Der Straßen-leber

Nee, so kann die Woche nicht beginnen. Mit einem Vigenère Eintrag. Da muss etwas Lesbares her.

Bloß was?

Hab all mein Pulver im Vigenère verschossen.

Eine Idee vielleicht. Die Idee vom Leben auf der Straße bei vollem Lohnausgleich. Wir Künstler sind gut für solche Phantasmen und dafür, weit in die Zukunft zu blicken, weil wir die Gegenwart nicht überbewerten und weil wir gewagtere Zukünfte denken als andere Menschen.

Das Leben bei vollem Lohnausgleich auf der Straße sieht so aus: mit allem nur erträumbaren technischen Equipment ausgestattet bereist der Straßenleber als mobiles Redaktionssystem die Welt und berichtet zeitnah von unterwegs. Dem Internet sei dank. Die Strukturen sind ja schon längst zu sehen. Aber es fehlt noch was: es gut zu machen (mir ist das leider auch noch nicht gelungen).
Eine Kombination aus Literatur, Kunst und Berichterstattung.

Die eierlegende Wollmilchsau der Unterhaltungsindustrie?