Es gibt keine Glühwürmchen, ich schwörs!

Vorhin auf der Freilandcouch, nicht wirklich müde. QQlka presst Johannisbeeren, will sie zu Wein machen. Katzter ruht auf dem Sofa. Der Mond funkelt. Niemand wagt es, über Glühwürmchen zu sprechen (aus Angst in die Klapse eingewiesen zu werden (siehe Eintrag vor ein paar tagen)). Plötzlich gleisendes grünes Licht. Eine Taschenlampe wackelt auf uns zu. Zuvor hatte man im Wald einen Schuss gehört. QQlka bricht das Schweigen und flüstert: „ein Glühwürmchen.“ Mitleidig lächele ich: „Jajaaa, und es trägt eine Flinte auf der Schulter.“

Da taucht schon mein Schwager auf mit dem riesigen Fernglas um den Hals und einem toten Fuchs im Schlepptau.

Die Glühwürmchenmärchen ist also immer noch ein Mythos. Es gibt keine Glühwürmchen hier auf dem einsamen Gehöft, nur Jäger, die so aussehen wie Glühwürmchen.

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Wie es hier aussieht. Das einsame Gehöft liegt unter trägen Wolken. Jemand hat Regen gemeldet. Darauf warte ich jetzt. Die Pappeln im Westen zittern. Mein Schwager, der Jäger wird sich nachher in den Hochsitz bequemen um einen Fuchs zu erschießen. QQlka, der mal kurzfristig unterwegs war, ist wieder eingetrudelt. Er näht an der ewigen Hose. Eine uralte Jogginghose mit ausgebeulten Knien und unzähligen Löchern. Sie ist ihm lieb und teuer. Vielleicht ist er Hosenfetischist?

Die Knie verstärkt er mit Leinen. Das sieht schick aus, wenn es weiß durch den ansonsten schwarzen Stoff schimmert. Ein geradezu mantrisches Dasein, wie er unter dem Vordach auf der Freilandcouch sitzt. Katzter liegt in der Ecke. Journalist F. hat wieder einmal die Wahrheit geschrieben über das unsäglich gefräßige Vieh. Ein echter Sonntag ist das heute. Wenn mein Leben ein Fluss wäre, dann wäre es sicher der Rhein zwischen Mannheim und Worms. Ungebremst, langsam, gemütlich, ruhig. Wären da nicht die Lastkähne, die auf mir rumschipperten und für Unruhe sorgten. Ich fordere ein Sonntagsfahrverbot auf dem Rhein des gelebten Lebens!

Vorhin im Wald spaziert und das Totholz betrachtet. Seit mein Vater die kroatische Winde ersteigert hat, ist er ununterbrochen in der Schlucht und zerrt viertonnenschwere Eichen und Douglasien auf den Weg. Das passt mir insofern nicht, als ich eigentlich vor hatte, den Raupenfahrer M. zu engagieren, den schmalen Waldweg zu verbreitern.

Ich kann einfach nicht mehr mit ansehen, wie mein Vater den 50er-Jahre Porsche Traktor auf zwei Rädern durch die Schlucht steuert. Er lenkt das Ding, Vorderräder in der Luft, indem er die Hinterräder einzeln bremst. Irgendwann geht das schief.

Zustände herrschen hier. Das Gehöft ist eine 50-jährige Baustelle. Nie ist etwas fertig geworden. Die Stallwände zum Beispiel, immer noch unverputzt. Alles was ich anpacke perlt blasengleich wie in einer Sprudelflasche. Blasen der Ordnung im Chaos. Aber vielleicht ist das Leben generell so: man leiert Projekte an und beginnt und stellt irgendwann fest, das Ding ist zu groß und es gibt so viel Neues, was man auch noch tun könnte und so häufen sich die Baustellen. Davon träume ich: eines schönen Tages alle Projekte zusammen zu bringen – im Prinzip gibt es ein Masterziel, das erreicht werden kann und wohl auch wird. Der Weg ist lang und von krähenfußähnlich grinsenden Irrwegen begleitet.

Wenn man zurück blickt, kommt einem alles, was man getan hat logisch und konform vor. Aber man befindet sich ja dummerweise in der Gegenwart und in der Gegenwart sind die Bausteine wirr verstreut, man muss suchen, fummeln, fügen, so entsteht Ganzes im Angesicht ungewisser Zukunft.

Die Stadtlinks besuchten mich gegen Fünf. Man debattierte über den örtlichen Kunstclub, schmunzelnd ob der Rivalitäten.

Ich weiß, dieser Eintrag ist krasse Tagebuchtechnik, sprunghaft – am Besten, die geneigte Leserschaft stellt sich ein Haus vor, das noch nicht gebaut ist. Häuser, die noch nicht gebaut sind, durchleben diverse Stadien: Zuerst existieren sie als vager Entschluss in den Köpfen der Bauleute. Kann ein paar Monate dauern, bis das Geld zusammen gekratzt ist, Baugrund gefunden, und die Bauleute – in der Regel Ehepaare um die 30 – schon ein gewisses Bild vom Häuschen haben. In Stadium Zwei geben sie ihre Träume dem Architekten. Der rechnet, zeichnet, printet und kommt zu Beginn von Phase Drei in die Mietswohnung der Bauleute, rollt die Pläne auf dem Tisch aus und erklärt ihnen den Grundriss, dramaturgisch sinnvoll, denn mit dem zweiten Plan entrollt er die schön gemalten Seitenansichten von Norden, Süden, Osten und Westen mit einem Bepflanzungsplan des Gartens, pi, pa und po.

In Phase Drei karren Laster Steine und Zementsäcke auf das Grundstück, eine leere Grube gähnt, ein Kran wird gestellt. Diese Phase ist nicht sehr ansehnlich – und somit für die Bauleute ziemlich aufregend.

Ich überspringe die dynamischen Zwischenphasen 4A, B und C, sowie Fünd, die aber durchaus ihren Reiz haben, weil sich auf Baustellen täglich etwas tut – von der Grundsteinlegung bis zum Richtfest. Und komme direkt zu Phase Sechs: das Haus ist fertig, die Mietswohnung ist gekündigt, Die Möbellaster rollen an und die Hütte wird eingerichtet.

Ein paar Jahre geht das gut bis zur Phase Sieben: Scheidung. Die Schulden sind erdrückend. Der Bauherr trinkt, die Baufrau amüsiert sich in Swingerclubs, Die Baukinder stehen unter Ritalin oder pöbeln.

Das Haus wird verkauft.

Das Schicksal der Bauleute verliert sich im Dunkel gesplitteter Familienzukunft.

Wie jetzt die Geschichte weitergehen soll, fällt mir gerade nicht ein, deshalb zurück aufs einsame Gehöft. (Ich hatte ursprünglich überlegt, die Baugeschichte zu extrahieren und als standalone Blogeintrag zu posten, aber das ist mir zu kompliziert.)

Das Einsame Gehöft ist seit drei Generationen in Linkscher Hand. Die Links haben es gebaut, sie haben es bewirtschaftet, sie leben nun in Harmonie zwischen Vöglen, Katzen, Bilchen und unheimlichem Gezücht, welches nächtens über den Hof streicht, keiner hat dieses Gezücht je gesehen. Ja.

Und das könnte immer so weiter gehen, denn die Scheidung vor Phase Sieben kann mir ja z. Zt. nicht passieren.

PS: Der Titel hat mir einige Schwierigkeiten bereitet, deshalb hab ich ein erfundenes style-Attribut benutzt, wie man es in HTML-tags benutzt.

Bauesoterik reloaded

Ist ja schon zehn Jahre her, dass ich zusammen mit QQlka auf mainzer Baustellen die Bauesoterik erfunden habe. Zum Spaß und um uns die Arbeit zu versüßen haben wir versponnene Ideen zum Thema Bauen entwickelt, saßen in den Pausen, in denen unser Gips, Zement oder Kleber „gehen“ musste auf dem Boden in einer Ecke und fabulierten: „Bodenleger sind horizontale Wesen. Wenn sie die Fußleisten anbringen müssen, welche sich aus der Horizontalen um zehn Zentimeter erheben, sind sie zum Scheitern verurteilt.“

Heute ein Comeback. Wir saßen nach getaner Arbeit bei Jaab in der Küche und schmierten Brote.

„Wenn du die Spachtelmasse so aufgetragen hast, wie die Butter auf dem Brot, dann sehe ich schwarz für unsere Arbeit,“ sagte ich.

QQlka schmunzelte, nahm ein Stück Wurst und ein Stück Schinken, schnitt gleichgroße quadratische Stücke und legte sie Fuge an Fuge aufs Brot: „So sind wir Fließenleger,“ sagte er, „alles was wir anfassen wird verfugt.“

Der Randschnitt an der runden Brotkante entlang ist ihm wirklich gelungen.

Die Bauesoterik ist eine Baustelle. Ich habe mal diese Domain registriert, mit der ich gerne was anfangen würde, skurrile Geschichten, aber das wird erstmal nix. Ich sollte wieder auf dem Bau arbeiten, das erhellt das Gemüt und füllt die Kassen.

Ein gut gefließter Boden ist auch viel schöner anzusehen, als W3C konformer Quelltext – last but not least könnte es sein, dass Bauarbeiten besser ist für den Rücken als Webdesign. Ich werde das testen, gibt ja genug zu bauen hier aufem Gehöft.

Rückenschule erste Klasse.

Gestern konferierte man wieder am Lagerfeuer. Das einsame Gehöft kommt mir manchmal vor wie der berüchtigte Bunker in der Bowery. William S. Burroughs Bunker. Man weiß nie, welcher Hungerleider neben einem sitzt, der später vielleicht weltberühmt ist. Mit uns Künstlern ist das seltsam. Wir sind so lange Dreck, bis wir vom Kommerz entdeckt werden.

Nun ist es natürlich illusorisch, hier draußen auf dem Land jemals berühmt zu werden. Man müsste in der Gemeinheit New Yorks leben und mit den schrillen Gestalten zusammen kommen, die sich im richtigen Moment als Konzernchef oder sonstjemand, der etwas zu sagen hat, enttarnen und rufen: „Hey Du, da machen wir was. Ein Buch, ’nen Film, eine Session, ich bring dich groß raus“, pi, pa und po.

Wir grillten Fleisch. Der Katzter strich um die Beine, Wir redeten Schwachsinn: „Schau mal, ein Glühwürmchen.“

„Hier gibt’s keine Glühwürmchen, du gehörst in die Klapse.“

„Nein wirklich, ein Glühwürmchen, sieh doch.“

„Pass auf, sonst bind ich dir die Jacke vorne zu und lass dich abholen.“

In der Tat gab es Glühwürmchen zur Nöche, aber wir redeten so lange von Irrrenhaus und Illusion, bis keiner mehr sich traute, zu sagen „Schau mal ein Glühwürmchen.“

Das ist wie mit dem Großen Wagen. Freund Leb musste von seiner Freundin so lange hören: „Sieh mal, der Große Wagen, ist das nicht romantisch,“ bis er sich von ihr trennte.

Zerredete Romantik ist wie Stille unterbrochen von unpassenden Tönen. Der stille Genuss ist außer Mode gekommen, dafür sorgt alleine schon der fingernagelgroße MP3-Player, den man sich allerorts in die Ohren stopft.

Noch früh. Die Stille unterm regenberieselten Dach in der Künstlerbude ist exorbitant. Heute steht dies und das an. Fließenlegen bei einem Freund, beigefarbene Fließen. Das sollte dem maroden Kreuz – ich nenne es nur noch den Vorfall – nicht schaden. Es tut nicht mehr weh. Die Rückenmuskeln warten darauf, gestärkt zu werden.

Noch so ein Schwachsinn, an dem man sich gestern Abend erfreute:

„Du musst in die Rückenschule,“ sagte jemand.

„Und ihr bringt mich dann am ersten Schultag dahin, nicht wahr?“

„‚türlich! Mit Schultüte“

„Und in der Schultüte ist Helium, wegen des Rückens?“

„‚türlich.“

Wir lachten.

„Im ersten Jahr Rückenschule lernt man wie man richtig etwas hochhebt.“

„Im zweiten Jahr erklären Sie dir die Hebelgesetze und im dritten Jahr kriegst du gezeigt, wie du andere dazu bringst, etwas für dich hochzuheben.“

Wir lachten erneut und die Stimmen mischten sich unauffällig mit dem Rauschen der Pappeln an der Westgrenze des einsamen Gehöfts.

Ein Gewitter lag in der Luft.

Never prell a Scherenschleifer

Pervers früh schon beim Arzt wegen des maroden Kreuzes. Im Wartezimmer lese ich Kinderbücher ohne jegliche Scham. Das ist besser, als in zerfledderten Automagazinen zu stöbern.

Zwischendurch fällt mir der Spruch ein: ‚Kommt ’n Mann beim Arzt.‘

Den schreibste mal ins Blog, nahm ich mir vor.

„Kannste aber nicht ohne Erklärung reinschreiben. Was sollen denn die Leute denken?“

Der Spruch geht zurück auf einen uralten Witz, den mein Erzfeind, Drucker Sch. immer erzählt hat: „Kommt ’ne Frau beim Arzt“, hat er die Rheinhessen gefrotzelt. Die sagen das wohl wirklich so und meinen: ‚Geht eine Frau zum Arzt.‘ Damit wird herkömmlicherweise ein rheinhessischer Arztwitz eingeleitet. Manchmal heißt es in diesen rheinhessichen Arztwitzen, in denen die Frau beim Arzt kommt, sie sage zum Doktor, ich habe eine grüne Katze auf dem Kopf oder so ähnlich und der Witz geht weiter bis zur Pointe.

Drucker Sch. hat den Witz stets auf das Minimum, ‚Kommt ’ne Frau beim Arzt‘, gekürzt.

Ich habe so lange nicht über den Witz lachen können, bis die Frau des Druckers eines Tages angenervt kommentierte: „Du immer mit deinem geht eine Frau zum Doktor.“

Der Erzfeind Drucker Sch. ist der einzige Mensch auf der Welt, dem ich wirklich böse bin. Er hat mir die Freundin ausgespannt. Nicht einfach so, dass die Liebe zu Ende geht und es kracht im Getriebe und der Eine wendet sich einem Anderen zu, was ja ganz natürlich und verkraftbar wäre. Über Monate hat er konsequent intrigiert und auf gut Freund gemacht. Die Sache hatte Plan. Er lud mich zum Trinken ein und horchte mich aus, er lud sie zum Trinken ein und machte sie gefügig. Zwischendurch erzählte er immer wieder den Witz: „Kommt ’ne Frau beim Arzt.“ Zuguterletzt hatte der Drucker zwei Frauen und ich keine.

Jahre später habe ich einen anderen Erzfeind des Drucker getroffen. Diesmal ging es um Geld, gerichtliche Auseinandersetzung wegen einer Druckmaschine. Dem Drucker war es gelungen, seine uralte Druckmaschine an einen Grafiker zu verkaufen mit einem zweifelhaften Vertrag. Der Vertrag bestand darin, dass die Druckmaschine beim Drucker bleibt und als Gegenleistung würde der Drucker kostengünstig die Erzeugnisse des Grafikers umsetzen.

Hat er aber nicht gemacht. So kam es, dass der Grafiker keine Druckmaschine und kein Geld hatte und der Drucker hatte Geld und Druckmaschine.

Nun, da ich dies schreibe, fallen mir noch viele weitere Geschichten zum Drucker ein. Beeindruckend waren die mannshohoen Hanfpflanzen, die er mitten im Dorf in seinem Garten gezüchtet hatte. Allererste Sahne. Oder die Malerin W., die er mir als Ersatz für die Freundin zuschanzte. Und das riskante Ding, einen fahrenden Scherenschleifer zu prellen. Wohl sein größtes Wagnis. Mache dir den fahrenden Scherenschleifer nicht zum Feind.