Loungemöbeltherapie

Ein Kondom überstreifen ist die einfachste Sache der Welt. Man macht es für gewöhnlich mit Daumen und Zeigefinger, geht dabei behutsam vor und rollt das Gummi von Vorne nach Hinten über das üblicherweise sehr dicke, immens lange männliche Glied. Soweit bis das Kondom zu Ende ist.

Die Analogie vom Kondomeüberziehen zum Loungemöbelbau wurde mir erst heute bewusst. Der Laie dürfte erstaunt sein, dass Loungemöbel beziehen wunderbar geeignet ist, um Partnertherapien zu machen, bzw. um spielerisch herauszufinden, ob man zueinander passt, oder um bildlich zu sehen, wer der dominante Partner ist; zu guter Letzt sieht man, ob das gemeinsame Leben im gleichen Rythmus schwingt.

Erfahrene Lounge-Möbeltherapeuten nutzen für ihre Therapiestunden grundsätzlich den Stehtisch. 1,10 Meter hoch und im Quadrat etwa 40 cm groß, kommt er der Form des männlichen Glieds auf abstrakte Art sehr nahe. Ein Penis-Kubisticus sozusagen, überdimensional, sauber, unempfindlich.

Beim Bau dieses Möbels muss man ein enges, maßgeschneidertes Stück Leder von Oben nach Unten über den Korpus spannen. Am Besten geht das zu zweit, da das Leder so lang ist, dass das lose Ende sich verwirft – alleine müsste man hundert Mal um den Tisch kreisen und Kante für Kante das Leder Zentimeter um Zentimeter nach unten ziehen.

Zu zweit nimmt jeder zwei Kanten zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann rutscht der Überzug in wenigen Minuten bis zum Boden.

Hier setzt die Loungemöbeltherapie ein. Es würde wenig Sinn machen, wenn der Eine sein Lederende nach unten zieht, und der Andere nicht nach kommt. Die Lederschürze verkantet sich und man bleibt mitten im Arbeitsgang stecken.

Wie in einer Partnerschaft. Wenn du nicht weiterkommst, wenn du auf Widerstände stößt, so bist du in den seltensten Fällen alleine Schuld. Du könntest noch so viel Kraft investieren, um ein Ziel zu erreichen. Du wirst es nicht schaffen, wenn dein Partner nicht im gleichen Rhytmus geht.

Beim Stehtischbau erkennt man recht schnell, an welcher Stelle man in einem Duett steht: ist man der Führende, der immer zuerst zieht, Zentimeter um Zentimeter, oder lässt man sein Gegenüber den Takt bestimmen, und zieht nur nach.

Kollege T. und ich haben diverse Techniken ausprobiert:

  • Beide ziehen unsensibel und chaotisch – sie stoßen immer wieder auf Widerstand und machen den Gegenüber verantwortlich, dass es nicht voran geht.
  • Einer führt im regelmäßigen Takt und der Gegenüber lässt das Leder geschmeidig in einem Zug nachlaufen – hier hat der Führende die meiste Arbeit, der Folgende braucht ungleich weniger Kraft, aber das Gemeinsam läuft wunderbar.
  • Mehr durch Zufall entdeckten wir die Methode des gleichen Takts, in dem jeder für sich das Leder spannt, aber beide strippen zum exakt gleichen Zeitpunkt die gleiche Strecke (man kann beim Stehtischbau nicht sehen, was der gegenüber tut, weil ja der Tisch dazwischen ist): diese Methode entspräche für mein Empfinden der idealen Liebespartnerschaft. Beide strengen sich gleichmäßig an und ticken im gleichen Rythmus. Es ist wie Tanz.
  • Wenn man sich beim Stehtischbau beobachten könnte, würde sicher auch Fall 4 vorkommen: einer macht vor und der Andere reagiert darauf. Man schwingt dann nur beinahe im gleichen Rythmus und derjenige, der sich anpasst, geht psychisch vor die Hunde.

Dr. Psych. multikompetent-Kollege-T. und Prof. h.c. Dr. Vet. YesSir-Irgendlink erwarten Euch :-)

Wringe um Barbie

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Aufnahme vom 5. Februar – eine halbe Stunde schien die Sonne, dann zog sich der Himmel zu und es regnete. Morgenrot – nasses Brot.

Tackery Fair – Jahrmarkt der Tackerkeiten

Eine Tackerwerkstatt ist eine Werkstatt wie jede andere auch. Dort gibt es alle möglichen Werkzeuge, Hämmer, Scheren, Schraubenzieher, und natürlich Drucklufttacker, die mit Spitzengeschwindigkeit Nägel bis 1,5 cm in Holz treiben. Es gibt auch eine Stretchmaschine. Das ist ein zwei Meter hohes elektrisches Gerät mit einem Drehteller so groß, dass eine Europalette darauf passt. Mit der Stretchmaschine werden fertig gepackte Paletten per Lichtschranke vollautomatisch in Folie gerollt, so dass man nur noch einen Knopf drücken muss und ansonsten seiner Lohntackerei nachgehen kann.

Als ich heute Morgen den Raum betrat, hing ein Pappschild an der Stretchmaschine: „Megadrome 5 Euro“. Kollege T. stand an seinem Arbeitstisch. Irgendwie schien die Tackerwerkstatt verändert. Ich schaute mich weiter um. Kollege T. grinste über beide Backen und fixierte einen Punkt zu seiner Linken. Auf einer Palette Möbelkorpusse klebte ein Zettel: „Was sagen die Runen? Ein Mal Zukunft 4 Euro“. Noch ehe ich begreifen konnte, was das bedeuten soll, ließ sich T. auf den Boden fallen, am ganzen Körper zuckend und in den Händen einige Holzstückchen, die in der Tat aussahen wie Runen. Er murmelte mantrisches Zeug mit kehliger Stimme: „Uahlo um kolla runz“. Dann warf er die Runen nach Hinten über den Kopf. Wir betrachteten das Ergebnis. Mit der Hand das Kinn reibend sagte T.: „Oh die Lebensrune …“ „Was ist damit?“ „Hummmh, ich weiiiiß nicht …“ Die drei Punkte am Ende seiner Rede machten mir Sorge. Ich schaute aus dem Fenster, auf das die Lebensrune zeigte: „… direkt zum Müllhaufen, meine Scheiße“.

Auf diese Weise retten Kollege T. und ich einen Tag nach dem anderen vor der vorgezeichneten Tristesse.

Im Laufe des Tages verwandelten wir die Tackerwerkstatt in eine wahre Loungemöbel-Kirmes. So klebte ich, als T. mal kurz wegschaute, ein Schild an die Tür zum Hinterhof, auf dem geschrieben stand: „Das Labyrinth des Tackers – geheimnisvoll und voller Abenteuer 3 Euro“. Kollege T. kritzelte neben das Megadrome noch eine Notiz „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“, wie man es früher auf Jahrmärkten fand. Dann reichte er mir ein Schild, auf das er „Geisterbahn“ geschrieben hatte: „Wenn du dich traust, das an die Bürotür zu hängen, dann bist du ein Held“.

Der absolute Knaller war jedoch eine Arbeit, die wir in der Mittagspause anfertigten. Mit Schnur, einem Stab und einem Magneten bauten wir neine Angel, arrangierten einige Möbelkorpusse zu einer Art Aquarium und versenkten darin kleine Fische, die wir aus Pappe ausgeschnitten hatten und mit Schrauben durchbohrt. Das Angelspiel tauften wir auf den Namen „Dumm fischt gut“ und als Hauptgewinn lobten wir den Sattelschlepper von Vorarbeiter A. aus.

Langsamkeitstheorie

Die Loungeforensik hat eine neue Maßeinheit beschert: Das Mo. Das Mo ist ein Maß für die Langsamkeit. Benannt ist es nach Kollege Mo. T. hat ihn einmal „Die Entdeckung der Langsamkeit“ genannt. Heute haben wir während der Arbeit wichtige Formeln für das Mo diskutiert: „Es ist ein absolutes Maß“, sagte T., „ähnlich wie der absolute Nullpunkt der Temperatur von minus 273 Grad Celsius.“

„Du meinst, ein Mo ist die Maßeinheit dafür, dass es nicht mehr langsamer geht?“

„Jawoll. Es kann niemals 1,5 Mo oder gar zwei Mo geben, sondern immer nur Werte, die kleiner sind als ein Mo.“

„0,9 Mo wäre auch noch recht langsam?“

„Sehr langsam, Irgend. Wir beide arbeiten im Nano-Mo-Bereich.“

Mehr und mehr freundeten wir uns mit dem Mo als Maß für die absolute Langsamkeit an, bis wir auf das Problem der Langsamkeitssphären stießen. Langsamkeit, diskutierten wir, ist ja von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz verschieden. Im Büro nebenan etwa muss eine noch viel langsamere Langsamkeit herrschen, als bei uns in der Abteilung Loungeforensik.

„Kaum vorstellbar“, sagte T., „ich fürchte jedoch, wir müssen eine zweite Größe, das De (Anm.: benannt nach Kollegin De.) einführen. Erst dann deckt unsere Gleichung alle Bereiche der Langsamkeit ab.“

„Ein De ist ungefähr 1,5 Mo, was widerum ein Problem ist, genau wie mit der Lichtgeschwindigkeit“, sagte ich, „Schnelligkeit geht ja auch nicht schneller, als Lichtgeschwindigkeit, und so ist es auch mit der Langsamkeit, langsamer als 1 Mo geht nicht.“

„Doch, ein De! Das ist die spezielle Langsamkeitstheorie. Da geht langsamer als langsam. Eigentlich alles analog zu Einstein.“

PS: liebe Leser, wenn Ihr diese Theorie nicht versteht, macht Euch nichts daraus, die Relativitätstheorie versteht auch kaum jemand und die ist viel weniger komplex, als die Langsamkeitstheorie.