Plateau

Okay. die drei, im Beitrag zuvor gelinkten Artikel zeigen mir: ich kann vermutlich das Niveau nicht mehr steigern. Ich werde kaum besser werden. Mit einigen Einbrüchen halte ich seit zwei Jahren ein ähnliches Schreibniveau mit ähnlichen Themen. Damit muss ich leben. Ich kann höchstens noch Rechtschreiben lernen und Kommafehler vermeiden. Und alle Unds oder Oders kann ich streichen, aber die Abers und die Dies, die lasse ich stehen.

Es gibt nur noch Eines: mehr erleben, anders leben, es aufschreiben, mich zurück lehnen, in Ruhe und Gelassenheit die Dinge schreiben, die mir wichtig sind.

Sowie ein Zweites: die lange Strecke üben. Ein Schreibwerk von abendfüllender Länge etwa.

Mehr will ich auch nicht.

„Habe ich also meinen Stil gefunden?“ frag ich.

„Du hattest schon immer Stil“, sagt ich.

Schriebs, an einen Lattenzaun lehnend, um Pfennige bettelnd, eine gestohlene Krücke in der Hand, an einem sonnigen Tag im April.

PS: ein Hip-Hoper hat eben an den Zaun gesprüht „1-Mann Armee“, was auch immer das heißen mag.

Wirrer Artikel über das Erleben

Die Szene kommt nie wieder. Ich bin in Eile, haste mit dem Auto über die Landstraße. Es dämmert. Alles versinkt in Grau. Schwere Wolken hängen über dem Land. Kaum einen Kilometer vom einsamen Gehöft entfernt hat man einen weiten Blick über den Kreuzberg, die Stadt Z., das benachbarte Frankreich. Im Frühling ziehen sich satte, lehmschwere Felder bis zum Horizont. Das tun sie sonst auch, aber im Frühling kommen sie wirklich zur Geltung. Da ist zum Beispiel ein Grundstück, das ich den Pro Sieben Acker nenne. Aus einer bestimmten Perspektive sieht er nämlich aus, wie das Logo des Fernsehsenders Pro Sieben. Die Obstbäume an der Chaussee stehen in voller Blüte und die Luft schmeckt nach Wasser in seiner Urform.

Scheiße. Das wäre ein Foto. Schon überlege ich, zurück zu fahren und den Fotoapparat zu holen, es aufzunehmen. Es wäre ein grandioses Bild. Aber ich bin eilig, will zu Journalist F. „Egal! Fahr zurück,“ ruft eine Stimme, aber die Vernunft erklärt: „das macht doch keinen Sinn. Wenn du den Fotoapparat dabei hättest, wie würdest du das Bild machen wollen? Hier aus dem Auto bei 100 Sachen durch die fliegenverschmierte Windschutzscheibe? Das wird doch nix. Und anhalten mitten im Land, das kannst du wohl vergessen. Bis du einen geeigneten Parkplatz gefunden hast und zum Bild zurück gelaufen bist, ist es dunkel.“ Die Zeit, sie rinnt, tickitick tickitick tickitick tick tick.

Schreibs auf!

Mit 80 Sachen in die Stadt. Die oberen Gebiete sind unbelebt, keine Kontrollen, da rast jeder. Ich lange mir an die Brust. Häuser schieben sich aus dem Dampf des kalten Frühlingsabends, werden Stein, werden Farbe in allen Pastell-Variationen. Kein Notizbuch in der Brusttasche, keine Chance die Szene auch nur annähernd zu skizzieren, um sie später wieder zu beleben. „Du musst es im Hirn notieren, baue dir eine Merkstrecke. Du weißt es. Du kannst es. Du hast es schon oft getan. Nur wenige Worte genügen.“ Eine andere Stimme sagt: „Pah, versuche es gar nicht, die Situation ist zu komplex, gib auf, du wirst es nie rekonstruieren. Schon gar nicht ohne Fotoapparat.“

Trotzdem scratche ich in die Tiefen meiner Seele: „Birnbaum, blüht, Dunst, weites Land, Farbe im Kampf mit der Dämmerung. Werde Eins mit dem Bild. Lebe darin. Sei das Bild.“

Bei all der Notationsarbeit berücksichtige ich notdürftig die Verkehrsregeln, bremse in Zone 30 auf 50, vergesse für die hunderte von Metern, die es benötigt, die Worte in die Seele zu kratzen, das Bild ansich und addiere, schon fast auf der Autobahn: „Es ist das Neunkircher Kreuz der Erinnerung. Dort wo sich A6 und A8 treffen, ist alles, was du wissen musst.“ Lobhudele derweil einen halben Blogartikel, der sich mit dem Mythos Irgendlink beschäftigt und diese seltsame Weblogfigur als egomanisches Wesen entlarvt, was nicht unbedingt schlecht sein muss, „denn“, so kratze ich weiter in die Seele, „nur die Egomanie, und das in dir selbst sein, und das dich selbst lieben und verehren bis zum letzten Tag, kann solche Texte – ahaha, solche Texte denkst du, du hast sie doch noch gar nicht geschrieben – kann solche Texte hervorbringen.“

Auf der A6 hatte ich eigentlich nur noch ein Ziel: so schnell wie möglich einen Zettel und einen Bleistift in die Hand zu kriegen, um die Ideen vor dem Vergessen zu retten.

Bei einem Schiffsbruch muss in der Regel binnen weniger Minuten gehandelt werden. Ein angeschlagenes Schiff sinkt in allerkürzester Zeit und zieht im Sog alles mit, was sich darauf befindet. Klar: mein Schiff ist das Schiff der Geschichten und Erlebnisse. Geschichten, insbesondere aber Erlebnisse haben eine sehr kurze Halbwertszeit. Auf hoher See keine Überlebenschance. (Zur Rettung von Geschichten habe ich vor etwa einem Monat an dieser Stelle geblogt).

So stelle ich mir vor, dass ich beim Ziel, Journalist F., völlig erschöpft aufschlage und zur Begrüßung schreie: „Schnell! Zettel und Bleistift,“ und mich wie ein Sterbender über das Blatt beuge.

Aber alles kommt anders, denn das Radiogedudel lenkt mich ab und ich vergesse.

Vergesse, vergesse, vergesse. Endlich vergessen.

Angekommen beim Journalisten wartet schon das Abendprogramm. Es gilt, gemeinsam die 5-stündige Fernsehfolter des Senders Pro S. zu überstehen, denn dort ist an diesem Abend Frontsänger O. zu Gast bei dem allseits beliebten Spiel Schlag den R. Seit gut einem Jahr stelle ich seiner Band die Galerie als Proberaum zur Verfügung.

Nix Zettel, nix Bleistift, nix Geschichten retten, sondern einzig stupide Glotzerei in einem zugegeben spannenden Zweikampf, den O. nur knapp verloren hat.

So bleibt es leider bei den wenigen, in die Seele gescratchten Worten, aus denen ich mühsam diese Zeilen extrahiere.

Notiz an mich selbst: Lebe im Bild.

PS: der Sender, der die Show macht, heißt genau wie der oben genannte Acker ;-)

Le Courant

Le Courant, der große Strom des Lebens macht, dass Du dich gerade im Moment an der Position befindest, an der Du bist. Du liest diese Zeilen.

Le Courant zeichnet verantwortlich dafür, wen Du wann kennen gelernt hast, wen Du kennen lernen wirst. Die Kombination willkürlicher Zufälle lässt Dich bei Aldi an der Kasse stehen. Hinter wem stehst Du? Knüpfst Du ein Gespräch mit diesem Menschen? „Ah, Rotwein! Der Merlot ist gut und gar nicht mal so teuer.“ Wen lässt Du vor, nur weil Dein Karren elends voll ist? „Kommen se, ham ja nur Katzenfutter, gehn se nur vor.“

Le Courant ist unerbittlich. Der träge Kahn Deines Daseins lag fest verankert am Ufer? Kein Erbarmen kennt der Strom, er reißt Dich trotz massivster Ankerketten mit.

Ein kurzer Claim vom Regnen

„Was nass wird, wird auch wieder trocken“, ist einer meiner Lieblingssprüche beim Radfahren. Das Zitat wird in den großen Zitatensammlungen der Zukunft einmal Herrn Irgendlink zugeschrieben werden. Ich habe das Wort in Skandinavien erfunden, benutzte es in Irland, am Rhein, in Frankreich, der Schweiz und Italien. Selbst im unsäglich heißen Sommer 2003 benutzte ich den Spruch, den Neckar hinauf radelnd, in umgedrehter Form: „Was trocken ist, muss unbedingt genässt werden“. In regelmäßigen Abständen tauchten wir unsere T-Shirts in Brunnen oder in den Fluss und streiften sie klatschnass über, um uns von der bis 40-Grad Hitze zu schützen.

Einzig in Island 1992 setzte ich den Spruch zeitweilig außer Kraft, bis es mir gelang, die Trockenheit neu zu definieren; ich nenne die Eigenschaft seither „island-trocken“, was ungefähr dem Zustand frisch geschleuderter Kleider aus der Waschmaschine entspricht.

Heute erster Regentag seit Langem.