Das Schicksal will nicht, dass ich um 8 mit der Arbeit beginne. Fahrradschloss vergessen, Zug verpasst; auf halbem Berg umgedreht, zurück zum einsamen Gehöft. Sind ja immerhin 10 km, die ich täglich mit dem Radel auf dem Arbeitsweg zurück lege. Und über 100 Höhenmeter.

Besorgniserregender ist mein Rücken: er will wohl nicht, dass ich überhaupt arbeite. War vielleicht keine gute Idee, mit dem Möbelbauen aufzuhören (ich hatte den alten Job schon länger in Verdacht, eigentlich eher Rückengymnastik zu sein, denn Arbeit ;-) )

Den Spruch habe ich gesucht im Hirn: „Das Leben ist ein Amt ohne Wiederkehr“

Glücklicher Weise habe ich ihn ins lederne Notizbuch gekritzelt. Er ist bei Weitem nicht so gut wie mein geliebter Wahlspruch: „Das Leben ist eine Kombination verschiedener Gewohnheiten“

Ich genieße diese Tage. Heute war ja Feiertag, Vatertag, auch Herrentag genannt – für nicht-Deutsche: Männer ziehen in Gruppen mit kleinen Handkarren voller Bier durch die Gegend, betrinken sich und feiern die Vaterschaft.

Seit Jahren praktiziere ich an diesen Tagen eine gewisse Prophylaxe.

Die Radeltour mit den Ex-Kollegen führte über 40 km über Stock und Stein und vier schöne Waldhütten. Wir verhüteten den Exzess, obschon er gerade in der letzten Hütte mit dem sündhaft billigen Bier ohne Probleme möglich gewesen wäre. Keine besonderen Vorkommnisse. Nur ein  leicht Verletzter wegen Sturz in Linkskurve – dass es aber auch immer die Linkskurven sind, die uns das Genick brechen. Fit wie nie. Ich könnte pilgern und ich darf Euch etwas verraten: ich werde pilgern, zwei Tage lang, nächste Woche mit dem Kollegen der Herzen, T. Vielleicht schaffen wir es gemeinsam bis Metz, von wo aus ich mit dem Zug retour fahre und er weiter radelt nach Santiago.

Jawohl T., die Starthilfe sei dir sicher, egal ob es regnet oder schneit. Versprochen.

Journlist F.s Antischokolade-Theorem

Gnädige erste Woche – wenn ich denn über die neue Arbeit bloggen würde, was ich ja nicht darf, denn ich habe gelobt, es nicht zu tun, würde ich erstmal ein paar Begriffe prägen. Die Arbeitsstelle hieße Amt für organisierte Kultur. Der Chef hieße Dienstherr oder Owner-reloadet. Die Kollegen würde ich nach den Anfangsbuchstaben ihres Vornamens nennen, außer Frau Sch., die würde Frau Sch. heißen. Im Schrank des Büros würde ich ein schwarzes Loch oder eine Zeitanomalie definieren, in der sämtliche Schokolade, die ins Amt für organisierte Kultur gelangt, verschwindet.

Journalist F. hat mich auf das Schokoladenphänomen aufmerksam gemacht: „Wenn du in dem Schrank fünf Tafeln Schokolade ablegst, sind sie nach spätestens zwei Tagen verschwunden. Restlos. Keiner wird gesehen haben, wer sie gegessen hat und auf keinen Fall wird auch nur ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin je davon gegessen haben. Mehr noch – das Phänomen ist geradezu gruselig – wenn du nämlich eine Hochgeschwindigkeitskamera in dem Schrank installieren würdest, die 20.000 Bilder pro Sekunde macht, so wirst du auf dem Film allenfalls einen grauen Schatten sehen, der nach der Schokolade greift, letztlich ist eine Tafel pro 160.000 Bilder realistisch für das geheimnisvolle Verschwinden von Schokolade in diesem mysteriösen Schrank. Ich vermute, es handelt sich um einen Antischokoladeschrank. Im Regal treffen Schokolade und Antischokolade aufeinander und jeder weiß ja aus der Materieforschung, wie das ist: wenn Materie und Antimaterie zusammenkommen, verpuffen sie im Nichts.“

Männlein-Meeting

Das ist nicht richtig. Das läuft total quer. Du darfst es nicht zulassen. Die Welt ist korrupt. Wir treiben im Strudel des Konsums. Stechender Schweißgeruch nach 20 Uhr in diesem riesigen Supermarkt mitten in der Stadt. Alle Kassen sind besetzt und die Angestellten mit den gelben Hemden – bei aller Liebe zu Lebensmitteln – sehen gar verdrossen aus. Wenn man allen Schmerz, den die Belegschaft in dieser Sekunde empfindet, Verspannung, Sorgen, Kopfweh, Stress, Unmut und Ärger auf einen einzigen Körper projizieren würde, so würde dieses Wesen auf der Stelle sterben. Mehr noch, es wäre auf der Stelle nie geboren worden, so groß ist das Leid im Monstermarkt kurz nach Acht. Ich brauche Puddingpulver und Grillzeug. Aber wie ich so durch den Markt laufe und mir die Hektik betrachte, die langen Schlangen an den Kassen, die genervten Väter mit den genervteren Müttern und den verdrossenen Kindern, glaube ich plötzlich „Nichts brauchst du, du willst“.

Vor der Tür begegnete mir ein verschwitzter Radler mit mörderisch Gepäck, keine Ahnung, wie lange er schon unterwegs war, woher er kam, wohin er wollte. Meinen Gruß ignorierte er. Der Himmel sah nach Gewitter aus und ein Auto mit Sonderlackierung und Spoilern brauste auf den Parkplatz. Der Auspuff röhrte und aus dem Fenster schallte HipHop. „Männlein“, rief ich ins offene Fenster und flüchtete in den Laden. Männlein nenne ich diese Typen mit dem künstlich aufgemotzten Superschwanz namens Auto.

An der Kasse spürte ich für den Moment rein telekinetisch den verspannten Rücken der Kassiererin. Ich weiß etwas von Rücken. Wie sie hektisch tippte und Kunde um Kunde durchnudelte bis ich an der Reihe war. Ein kurzer Moment Ruhe genügt oft, um Verspannungen zu lösen. Es ist wie wenn man einen Weg in eine Richtung geht unter Qualen und verzweifelt versucht, anzukommen, je eher desto besser, aber an diesen Kassen arbeitend kann man nie ankommen. Man kann sich abends müde in den Schmutz der imaginären Straße legen, um frühmorgens an den Arbeitsplatz zurück zu kehren. Ich glaube, es war mein seltsamer Gruß, der die Kassiererin für einen Moment aus der Hektik befreite. Es war ein interessierter, mitfühlender Gruß, kein dahingerotzter Pflichtgruß, wie wir es schon beinahe instinktiv tun. Sie lächelte dankbar und sie kassierte ein bisschen langsamer, hatte ich den Eindruck. Weiß nicht, ob ich ihr helfen konnte.

Wir sind einfach auf dem falschen Weg, wir Menschen. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als die Läden um 18 Uhr schlossen, als mittwochs nachmittags grundsätzlich geschlossen war und man montags keinen Friseur auftreiben konnte. Was ist aus uns geworden? Eine Horde hektisch hetzender Marathonläufer, die eher sterben würden, als langsamer ins Ziel zu laufen … ahahaha, Ziel, was hab ich gesagt, Ziel gibt es doch gar nicht. So: wozu die Hektik, warum die Schrauben so unbarmherzig anziehen?

Wieder draußen auf dem Parkplatz, hatten sich zu Männlein zwei weitere Männleins gesellt und an der Motorhaube eines aufgemotzten Polo lehnte eine dick geschminkte Schönpuppe mit Ohrringen so groß wie Radkappen. Na das kann ja ein suuper spannender Abend werden, dachte ich, ab durch die Nacht, laute Disco, Mixgetränke, Zungenküsse, Petting …

Unbedingt Sonderlackierung ans Fahrrad.

Alles

Gut, dass ich das lederne Notizbuch habe. Darin rette ich die Struktur von Ideen. Es ist, als wäre ich ein junger Alexander von Humbold auf der Suche nach fremden Pflanzen, nach Saatgut, nach südamerikanischen Mumien, die ich in leichenschänderischer Schamlosigkeit auf Eseln durch die Anden trage. Jawoll. Mein Notizbuch beinhält all das Fremde, das ich der Welt in Form von Worten nahe bringen möchte. Jedes Wort ein Samenkorn, jeder verkrüppelte Satz eine fremde Pflanze. Und dabei reise ich nicht in die ferne, unbekannte Welt, sondern forsche inmitten des ach-so-bekannt scheinenden Alltags. Aber was ist wirklich gewöhnlich? Wir alle glauben, der Alltag und die Gesellschaft, die wir täglich vor Augen haben, ist bis zur Gänze erforscht.

Paperlapapp.

In den Nischen zwischen dem Gewohnten lauert so viel Neues, so viel Abstraktes, Abstruses, nicht Hinterfragtes, dass Leute wie ich (und wie andere Blogger) es einfach erforschen, notieren, bekannt machen müssen.

Natürlich wende ich in meinem Online-Textwerk eine harsche Technik an, verschiebe die Schablonen des Lebens, suche nach Kongruenz, nach Ähnlichkeit, nach Mustern, nach sich Wiederholendem und bin manchmal bass erstaunt, was daraus gelingen kann.

Ein Hoch auf mein ledernes Notizbuch. Ex-Freundin Kokolores fragte neulich: „Was steht da drin?“ Ich sagte: „Alles.“

Seither sage ich immer bedeutungsschwanger „Alles“, wenn jemand nach dem Buch fragt. Die tolle T. fragte und ein fremder im Zug und die beiden Mädchen heute Morgen, denen ich im Zug gegenüber saß. Ich notierte gerade eine Passage über den Werdegang der Menschheit, in der ich skizzenhaft die Theorie äußerte, dass Kriege mehr und mehr verinnerlicht werden, sich also nicht mehr zwischen den Völkern ereignen, sondern im einzelnen Menschen stattfinden. Dass aus chaotischen Sippenstrukturen Feudalherrschaft wachsen musste und dass die Feudalgesellschaft unweigerlich die Demokratie gebären musste und die junge Demokratie diktatorische Megastaaten hervorbringen konnte, weswegen es zu Kriegen kommen musste. Da aber heute konsumatorische Verhältnisse herrschen und Konflikte über das Wirtschaftsleben gelöst werden können, gibt es bald keine Kriege mehr und der letzte Schritt der Menschwerdung ist, den Krieg in sich selbst anzuzetteln, innerlich zu verzweifeln, krank zu werden, in Scheinwelten zu flüchten – letztenendes fällt die Entscheidung, wie es mit der Menschheit weitergeht beim Psychiater und nicht auf dem Schlachtfeld, konklusierte ich.

All das kritzelte ich ins lederne Notizbuch. Nur wenige Worte, die ich später mal ausformulieren würde. (Nun sind es ja auch nur ein paar Worte, aber ein paar mehr, als im Notizbuch). Die Mädchen gegenüber im Zug zeichneten sich deutlich vor verschwimmender Landschaft ab. Wir saßen im Fahrradabteil und starrten queren Blickes aus dem Fenster. Jetzt ein Fotoapparat!

„Was schreiben sie?“ fragte eine. „Alles“, antwortete ich wie gewohnt und grinste.