Heute: 2 Faxe (je eine Seite) verschickt (eins davon war schon fertig geschrieben), dreimal telefoniert und neuen Schreibtisch aufgestellt – wozu eigentlich?

Die Monitore im Amt ohne Wiederkehr zeigen FreeCell, Zeitkonten, Tageszeitungen etc. Zwischendruch kollektives Jammern über schlechte Bezahlung und zu viel Arbeit (hysterischlach!).

Hochgradig deprimiert.

Nichtstun zermürbt so sehr, dass ich im Zug einschlafe, meinen Rucksack vergesse, ihn dank eingleisiger Strecke und Begegnungsverkehr mit dem nächsten Gegenzug wieder bekomme. Beschließe, mit dem Bus den Kreuzberg hinaufzufahren. Aber der Busfahrer lässt mich einfach stehen. Ich verstehe ihn. Sein Job ist ähnlich beschissen wie meiner.

Das Leben ist kein Tackerhof.

PS: die ersten 50 Höhenmeter liegen Bus und ich (radelnd) gleichauf bei der Bezwingung der steilsten Straße der Stadt.

Da ist noch was: ich erinnere mich an zahlreiche Pässe in den Vogesen und den beiden Juras, sowie den Simplon, Italien, Tessin, Bern – ganz groß der 1165 Meter hohe Col du Grand Ballon oberhalb Besancon, den ich aus purer Tollpatschigkeit (weil ich die Karte ohne Brille gelesen habe und die Passhöhe nicht erkannt habe) überquerte. Von dort Oben vergisst man, dass es zwei Jura-Kämme gibt, die auch über 1000 Meter hoch sind, denn man sieht tatsächlich die Alpen im Süden.

Bilder der zweiwöchigen Radtour werde ich wohl nicht posten – das Gift des Alltags lähmt mich.

Mein aktueller Zustand gleicht etwa dem eines völlig Gesunden im Irrenhaus, der mit massiven Medikamenten ruhig gestellt wird.

Zu Hause ist, als wäre nichts gewesen

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Wie nah doch Anfang und Ende einander sind! Just zwei Wochen Urlaub in mein Leben gequetscht. Gemütliche Radeltour durch Vogesen und Jura, mit einem Abstecher ins Tessin (dorthin zum Glück per Auto). Im Rückblick und für mein Gefühl fallen Anfang und Ende auf den fast gleichen Zeitpunkt. Zu Hause ist, als wäre nichts gewesen.

;-)

sackgasse

Anmerkung: ich bin der, der in die andere Richtung läuft

Ratschlag an die Mitbloggenden: wenn ein Artikel erst einmal kommentiert wurde, ist es umso schwerer, ihn noch einmal umzuschreiben. Hätte ich mit dem gestrigen Artikel gerne gemacht, aber die werten Kommentatoren, allen voran AxeAge, haben durch geschickte Zitierung im Kommentar dieses Unterfangen zunichte gemacht (ich kann ja die zitierte Passage nicht im Artikel löschen).

Bleibt eigentlich nur noch Möglichkeit zwei, um Brisantes vergessen zu machen: durch nachhaltiges Bloggen den Artikel möglichst schnell nach Unten bringen, so dass normale Leser ihn erst gar nicht zu Gesicht bekommen.

Warum bin ich nur immer so nassforsch. Schnitt.

Die derzeitigen Kollegen sehen mein Bloggebaren sicher nicht so entspannt, wie die Ex-Kollegen (von denen ich ja nie gedacht hätte, dass sie mein kleines Geheimnis entdecken). Aber wie das so ist im Leben diesertage. Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Geheimnis zu ergründen: Verrat und Suchmaschine. Der gute alte Verrat. Wer ein Geheimnis hüten will, darf es niemandem erzählen und er sollte auch alleine schlafen, damit er es nicht im Schlaf ausplaudert. Jedes Wort, das du in die Welt schickst, ist anfällig für Verrat.

Die Suchmaschine hingegen ist gnadenlos. Sie macht Dinge sichtbar, von denen man nie gedacht hätte, dass sie jemals sichtbar werden können. Basserstaunt, dass man in Kombination diverser Begriffe mit Irgendlinks echtem Namen auf diese Seite kommt. Ich mache Fehler. Kürzlich etwa habe ich den Namen der Stadt Z. ausgeschrieben. Und sicher steht mein echter Name im Titel eines der Bilder. Der Suchmaschine ist es scheißegal, ob sie die Information aus einem einfachen Absatz oder aus einem Bildnamen hat. Sie merkt sich mein Gesicht, sie weiß wo ich wohne, sie kennt meine Gewohnheiten. (Ich glaube, dass die Suchmaschine Infos aus Bildtiteln höher bewertet, als aus einfachen Text-Absätzen).

Im Zeitalter der Suchmaschinenoptimierung, kann ich nur jedem investigativ tätigen Blogger, der nicht gleich enttarnt werden will, empfehlen eine SuchmaschinenDEoptimierung durchzuführen: alle Namen und Ortsnamen abkürzen, alles, was irgendwie eindeutig ist, vernebeln, umformen, unkenntlich machen.

Das hat auch etwas Gutes: wenn man mein Weblog mit der Eingabe des Suchbegriffs Stadt Z. finden würde, würde es einem nichts nützen, da es hier keine Infos über die Stadt Z. gibt. Ich bin noch immer etwas beklommen, dass viele Suchmaschinentreffer wegen des Begriffs „Hodentritt“ gelandet werden. Dabei enthält das Blog doch gar keine Infos über Hodentritte. Schnitt.

Ich verquassele mich mal wieder, ist aber auch gut so, ich muss ja den Eintrag untendrunter in tiefere Sedimente bloggen.

Von Anerkennung, Homosexualität und 15 Touristikstudentinnen

Weit vor der Grenze bleibe ich stehen. Das wurde mir heute bei der Lungenärztin bewusst. Belastungstest auf dem Fahrrad. Sie triezte mich, spornte mich an, musst in den anäroben Bereich kommen. Irgendwie schien das wichtig für die Messung. Aber bei 240 Watt gab ich auf. Auf dem Bild endete die Kurve unter dem anäroben Dings, von dem ich nichtmal weiß, was es ist. Ein Puls von 180 sei für einen Kerl wie mich nicht schädlich, sagte die Doktorin – aber nein, Monsieur Irgendlink hat irgendwann schwer schnaufend einfach aufgehört. Vielleicht ist das einer meiner großen Fehler: zu früh aufhören?

Andererseits kultiviere ich die Faulheit ganz gerne. Nichts gegen einen gestandenen Berg, den es zu erklimmen gilt, aber bitteschön wehtun soll es nicht.

Früher aufgeben als Andere hat sich aber schon immer gelohnt. Sei es nur, dass ich beim großen Oku-Konzert vorgestern noch während des Feuerwerks die Hühner sattelte. Ein schönes, entspanntes Abrollen vom Parkplatz ohne Stau und ohne Konflikte.

Dies ist ein Hieb in die Kerbe, an der ich seit einigen Wochen arbeite. Rein gedanklich. Es geht um das Thema Anerkennung und was wir bereit sind, alles dafür zu tun: Lügen, dummschwätzen, großtuten (wie Journalist F. so schön formuliert hat), anderen nach dem Mund reden, neben dem Chef auf der Kirchenbank knien und beten, in eine Partei eintreten, den coolen Macho raushängen lassen, stets zimmernd am Fachwerk des eigenen kleinen Selbstbildes, das doch bitteschön eins zu eins auch den Mitmenschen zu vermitteln ist. Ein großes neues Auto kaufen und ein Motorrad dazu, sich mit diesen Gegenständen sehen lassen, hupen, falls niemand hinschaut, einen Spoiler ans Auto schrauben und die Karre sonderlackieren lassen, mit der Arbeit, die man tut angeben, ein Bild malen und behaupten, es sei Kunst, immer frisch rasiert, die Haare gefönt, parfümiert, Frauen Blumen schenken, einem Verein beitreten, Vorsitzender werden, Reden halten, überall wo eine Bühne ist raufklettern und was tolles machen, Beifall abwarten, später Groupies abgreifen, sie ficken, liegen lassen. Falls man schwächelt, Koks kaufen und einen Spiegel, 500-Euro-Schein durch den Kopierer jagen und das Zeug dann schnupfen. Allen heile Welt vorgaukeln, mit Frau und Kind angeben, beste Schulnoten, jawohl, das kann ich dir versichern und Klavier spielt es auch schon, das Ding, das Kind.

Die Anerkennung mit all ihren bunten Facetten ist Thema meiner Gedanken in den letzten Wochen. Völliger Overflow im Hirn, so dass ich nur noch denken konnte, aber nichts schreiben. Gleichzeitig jedoch handelte ich, analysierte mein Anerkennungsgebaren und versuchte mühsam Stein um Stein die Mauer der Repräsentanz, die mich umgibt abzutragen. Grundlage dieser Handlungsweise war ein Spruch, den ich hier mal gebloggt habe und von dem ich nicht mehr weiß, wie er genau lautet, aber er besagt, dass es besser ist, gleich am Anfang sich zu versagen (nicht zu verwechseln mit dem Versagen ansich), sich zurückzunehmen an den Stellen im Leben, an denen man wie ein flehender Hund dem Rudel hinterher läuft, um einmal das Alphatier zu werden. Als Hund mag es vielleicht Sinn machen, sich abzurackern, aber als Mensch? Was hat man von Anerkennung? Nur Scherereien, einen ermüdenden Job, ein ekelerrregendes Ehrenamt, zickige Ehepartner, verkorkste Kinder (ich stelle hier einen Extremfall dar, nicht alle Ehen sind unglücklich und es gibt wirklich großartige Kinder. Ich gehe aber davon aus, dass jeder Mensch der Verzückung der Anerkennung mehr oder weniger erliegt).

„Jetzt ist es endlich raus“, sagte ich zu Journalist F., „unser Lügengebäude stürzt zusammen wie ein Kartenhaus.“ Wir hatten gerade ein Restaurant verlassen, gemeinsames Mittagsessen, zwei Kolleginnen am Tisch gegenüber beäugten uns argwöhnisch, um – dessen waren Journalist F. und ich uns sicher – gleich nach der Mittagspause die Kunde in die Welt zu tragen, wir beide seien ein Paar. Haben wir es nicht schon immer gewusst!

Zwei Monate zuvor. Als ich den Vertrag unterzeichnet hatte für den Job im Amt ohne Wiederkehr, nahm mich Chef R. bei Seite: „Ich muss dir eine Frage stellen und es geht mich ja nichts an,“ druckste er herum,“ du musst die Frage auch nicht beantworten,“ fügte er hinzu, „aber, ihr beiden (punktpunktpunkt), ähm, na du weißt schon (punktpunktpunkt).“ Ich ließ ihn in der Kompliziertheit schmoren, bis es aus ihm heraus platzte: „Seid ihr ein Paar?“

Ich überlegte, ob ich die Wahrheit sagen soll, lügen oder schweigen.

Sicherlich ist es ein interessanter Aspekt, was jemand auf die Frage antwortet, ob er schwul ist. Wenn er nein sagt, könnte es bedeuten, dass er nicht schwul ist oder nicht weiß, dass er es insgeheim doch ist, oder es könnte bedeuten, dass er schwul ist und lügt. Wenn er Ja sagt, ist es eindeutig: er ist schwul. Wenn er nicht antwortet, so würde der knallharte Wissenschaftler sagen, er hat keine Antwort gegeben. Ab hier darf nicht mehr spekuliert werden. Jeder andere Mensch würde natürlich glauben (und Glauben verdichtet sich ja ruckzuck zu echtem unumstößlichen Wissen), jeder andere Mensch würde also wissen, dass der Befragte schwul ist, weil, wenn er es nicht wäre, hätte er ja nein gesagt.

Journalist F. amüsierte sich köstlich, als ich ihm das erzählte.

Zurück zur Anerkennung. Das Thema ist zwar eigentlich zu komplex, um es in einem einzigen Artikel auszubreiten, aber ich kann ja mal beginnen.Im Wesentlichen habe ich mich die letzten Wochen damit beschäftigt, Anerkennungsstorries zu sammeln, sie im Kopf zu archivieren und ich habe mich selbst auch nicht ganz ausgeklammert. Die Kollegen im Amt sind ein guter Fundus, das Thema Anerkennung auszubreiten, aber auch die Typen am Bahnhof, die ich alltäglich sehe. Auffallend ist: wenn Menschen Anerkennung brauchen, werden sie manchmal unangenehm. Laut, vulgär, sie kleiden sich komisch, geben mit dem Motorrad ordentlich Gas an der Ampel oder drehen das Autoradio laut. Ich nenne solche Leute grundsätzlich Männlein, weil sie nie groß genug geworden sind, um hinter den Horizont eines Sechsjährigen zu schauen. Sie sind Gefangene. Willige Opfer der Werbewelt, die ihnen zeigt, wie sie sein müssen, um cool zu sein. Meist sind die Männer diejenigen, die ihr Bedürfnis nach Anerkennung lauthals nach Außen kund tun. Aber im Zug auf dem Weg zur Arbeit sind mir auch ein paar äußerst nervige Mädchen begegnet.

Schnitt.

Chef R. schwärmte vor Wochen von seiner großen Rede im Hörsaal vor 15 Touristikstudentinnen, eine fünfundzwanzigjähriger als die Andere. Sie hätten an seinen Lippen gehängt und die Vorlesung habe doppelt so lange gedauert wie geplant.

Schnitt.

„Alder eih, ich sags dir, ich kauf mir einen Schlagring und einen Schlagstock[…] das mit den Häusern, die da abgesackt sind, Alder, das iss doch der Hammer, Alder.“ 30 Alder später gehen mir die beiden Typen dermaßen auf die Nerven. Und der Zug hat Ultraverspätung. Alter. Aber laut müssen wir reden, so dass alle auf dem Bahnsteig uns hören. Hier ist die Bühne. Quatsch! Die Bühne bin ich – l‘ etat c’est moi, wusste schon Ludwig der Vierzehnte.

Schnitt.

Vier Gören frühmorgens im Zug, ich im Sitz hintendran. Sie tun alles, um Aufmerksamkeit zu erregen: klappern mit dem Mülleimer (ein nervtötendes, gar folteröses Geräusch), kichern, vergewissern sich immer wieder, dass die Fahrgäste sie auch bemerken, knatschen mit dem Kaugummie, sprühen Parfüm (billiges Parfüm), schauen irgendwann über die Lehne, grinsen. Ich hebe mein Handy, simuliere, dass ich sie fotografiere. „Der holt sich einen runter“, sagt eine.

Schnitt.

Frau S. ist der ruhende Pol im Büro. Problematischer Weise ist ihr Büro ein Durchgangszimmer. Immer, wenn ich nach Draußen will, muss ich an ihr vorbei und sehe ihren Monitor. Stets fühlt sie sich ertappt, wenn ich nach Draußen will. Ein Dilemma. Ich werde irgendwann das Büro ohne Wiederkehr im Amt ohne Wiederkehr nicht mehr verlassen. Aus purer Rücksicht.

Schnitt.

Irgendlink hackt diese Zeilen und will von Euch nur Eins: Anerkennung. Aber pronto.

;-)

PS: Ich frage mich gerade, ob die beiden Kolleginnen vom Tisch gegenüber vielleicht lesbisch sind?