iDogma-Bild Birnbaum

Montage mit Autostitch auf dem iPhone und mit PS-Express entsättigt und geschärft. Originalgröße etwa 2000 px breit. Nachbearbeitet mit The Gimp auf dem heimischen PC. Somit ist es kein echtes iDogma-Foto, denn nur vollständig im iPhone verarbeitete und damit veröffentlichte Bilder folgen dem iDogma.

Entwurf: Große Konsumentenpumpe / 1000 Sklaven der Freiheit

Das neue, freie Leben ist noch etwas ungewohnt. Schon der heutige Feiertag macht mich ein bisschen nervös. Ich gebe offen zu, dass mir die Lohntackerei einen wunderbaren, psychischen Halt gibt, den ich als Freischaffender nicht habe. Ein Phänomen, das ich in den letzten Wochen auf der Arbeit festgestellt habe, ist das Vergessen oft guter Ideen. Morgens sprudele ich manchmal über vor Ideen. Auf dem Weg zur Arbeit über die Sickinger Höhe scheint mein Hirn auf Hochtouren zu pulsen. Weites abgeerntetes Land im Herbst, in den steilen Tälern schmiegt Nebel an den Waldrändern. Oft hat man bombastische Aussichten bis weit ins Saarland. In Käshofen, zwei Dörfer vom einsamen Gehöft entfernt, ist es mit der Weitsicht vorbei. Und oft auch mit den guten Gedanken. Dort biege ich ab auf die schmale, unfallträchtige Landstraße ins Lambsbachtal. Tal des Vergessens nenne ich es. Die Straße hat keine Markierungen, in dieser Jahreszeit liegt nasses Laub – Bauernglatteis genannt – darauf. Sie windet sich wie ein Wurm. Hinter jeder Kurve lauern Gefahren. Ich muss hochkonzentriert sein. Schon ein paar Mal hätte es beinahe gekracht. Und ich habe schon mindestens 3 Unfälle dort gesehen. Die Vernunft sagt mir, dass das Tal des Vergessens nur deshalb so vergesslich macht, weil mein Geist nicht friedlich vor sich hin trudeln kann, denn er wird beansprucht, den Körper in den Wachsam-Modus zu versetzen. Und wenn ich dann auf der Arbeit ankomme, am anderen Ende dieses Wurmlochs, bin ich selbstverständlich wie verwandelt. Dann warten die lieben Kollegen auf mich. Und es werden die Tacker sprechen. Eine laute, mantrische Arbeit, die zwar den Gedanken wieder freien Lauf lässt. Ich phantasiere oft einfach so vor mich hin und habe die ein oder andere gute Idee. Aber wenn ich sie nicht aufschreibe, werde ich mich schon nach wenigen hundert Tacks nicht mehr daran erinnern. Manchmal tippe ich ein gutes Wort ins Notizbuch des iPhones, manchmal kritzele ich etwas ins Papiernotizbuch, das mir fürs schnelle Merken zwischendurch ein guter Genosse ist. Aber die meisten Gedanken, die ich während der Arbeit hege, wäscht der Mahlstrom des Vergessens dahin. So dass ich zwar morgens passagenweise Blogartikel denken kann, und mir auch vornehme, sie abends zu schreiben. Aber solch ein Tackertag geht nicht spurlos an mir vorbei. Abends bin ich müde und leer. Ja. Leer vor allem.

Ich glaube, die Art wie wir Menschen in Deutschland leben, ist nicht förderlich für die Kreativität des Einzelnen. Manchmal habe ich den Eindruck, Kreativität ist überhaupt nicht erwünscht. Gar vermute ich, dass wir uns im täglichen Revierkampf der Kreativität befinden; dass man, wenn man selbst kreativ ist, die Kreativität der Anderen zurück drängt, weil einfach das Revier für’s Kreativsein nicht groß genug ist. Natürlich hören wir während der Arbeit in der Lohntacker-Werkstatt Werberadio. Ein interessantes Phänomen. Tagein tagaus die gleichen Lieder, die gleichen Slogans, die gleichen einfachen Gewinnspielchen; heimlich reiben sie dir ihre Parolen zwischen die Hirnwindungen. Kauf! Und untermalen das Ganze Gewerbe mit eingängigen Popsongs. Nachts dudeln mir die ewig gleichen, seichten Lieder im Kopf. Es ist fast, als würden sie andere, kompliziertere Dinge in mir überschreiben oder ersetzen. Ich glaube, wir Menschen sind für das Einfache gemacht. Für Leichtes, statt für die schwere Kost. Schwere Kost ist so anstrengend, dass man sie nur in kleinen Häppchen genießen kann. Deshalb gibt es so viel einfache Musik im Radio, so viele seichte, nichts bedeutende Nachrichten, Gesellschaftstratsch und all das. Aber es ist genau diese institutionelle Kreativität, die die Kreativität des Einzelnen zurück drängt. Kommt dann noch ein angezüchteter Minderwertigkeitskomplex hinzu, hast du die Menschen dort wo du sie haben willst: rosiger Lachs im Fischteich des Konsums.

Ich bin noch immer verseucht von den wochenlangen täglichen acht Stunden leichter Radiokost. Mein Geist ist angereichert mit dem Mist. Morgens erwache ich mit Pop-Liedern im Kopf.

Die ganze letzte Woche habe ich damit verbracht, über dieses Phänomen nachzudenken. Manche meiner LeserInnen können es vielleicht nachvollziehen, weil auch sie zu den Ganztags-Werberadiohörern gehören. Andere könnten es auf sich nehmen, es einmal auszuprobieren?

Empfehlenswert ist es nicht.

Die Zeichen, die auf mich eindringen sind eindeutig: wir versuchen uns gegenseitig in dieser Gesellschaft zu Sklaven zu machen. Die „Tausend Sklaven der Freiheit“, schrieb ich schon 1990: Ein Kreativer Mensch, der sein Buch, seine CD oder sonst ein geistiges Produkt veröffentlicht, schart mit seiner „Tat“ die Massen um sich, schlimmstenfalls und so ist es in der Popindustrie, macht er sie zu willenlosen Sklaven, mit seinen einfachen Tralala-Parolen überschreibt er ein Teil der Kreativität in ihren Köpfen und kriegt obendrein noch Geld dafür.

Mit dem letzten Update der iPhone-Software hat es ein Games-Programm in den Mini-Computer gespült, welches fest ins System integriert ist. Das Programm lässt sich, wie alle System-Programme, schwerer entfernen, als die Programme, die man sich freiwillig aufs iPhone lädt. Seit ich den Minicomputer von Apple besitze, bin ich hin und her gerissen. Eine wahre Hassliebe. Zum Einen ermöglicht es mir, meine Studien fürs Live- und Direktbloggen von unterwegs voran zu treiben. Zum Anderen habe ich erheblich mit den besitzergreifenden Knüppeln zu kämpfen, die mir der Konzern unter die Füße wirft: am besten würde ich ihnen meine Kreditkartennummer verraten, mich wie jeder brave Nutzer fest im Shop registrieren. anstatt auf die nicht sehr einfache Möglichkeit zurück zu greifen, per gekaufter Guthabenkarten das iPhone aufzuladen. Es ist natürlich klar, dass Nutzer, die ihre nahezu unlimitierte Kreditkarte als Legitimation angegeben haben, den Umsatz besser fördern, als solche, die ihren Einkauf auf z. B. 15 Euro mit einer Kaufkarte beschränken. Das ist wie in echten Läden auch: wer nur 15 Euro dabei hat wird nur 15 Euro ausgeben können. Wer mehr hat, bleibt an den schönen Auslagen hängen und kauft auch mehr. Selbst ich, der ich mich für vernünftig im Umgang mit dem Konsum halte, gehe allzu oft mit mehr aus einem Geschäft, als ich eigentlich kaufen möchte.

Ich glaube, wenn alle Menschen nur das kaufen würden, was sie wirklich wollen, wäre unsere westlich zivilisierte Konsumgesellschaft am Ende.

Eines Morgens auf der Sickinger Höhe der Erkenntnis sah ich die Konsumentenwelt als geschlossenes System, erkannte es sogar als meine Bürgerpflicht an, zu konsumieren. Ich arbeite, um mir etwas kaufen zu können, das ich nicht brauche und kaufe Dinge, die ich nicht brauche, um meinen eigenen Arbeitsplatz zu erhalten.

Und die Revierkämpfe der Kreativität? Mit diesem Artikel, den du offensichtlich zu Ende gelesen hast, habe ich dich davon abgehalten, selbst einen Artikel zu schreiben oder ein Bild zu malen. Du hast es freiwillig getan, das weiß ich. Vielleicht ergibt sich aus dieser Situation eine weitere Komponente der Kreativität – die positive Seite: sich gegenseitig zu inspirieren und voran zu bringen, anstatt einander zu versklaven zu versuchen.

Jakobsweg Testlauf – eine Rekapitulation des Erlebten

Höm? Ich hab die Dinge, glaub ich, ins Rollen gebracht. Nur noch der Tod kann mich vom Santiago-Trip abhalten – kleines Grinsen im Gesicht. Die gestrige Wanderung von 9 Kilometern mit mehr als vollem Gepäck ließ sich doch ganz gut an: 18 Kilo bergab und, nachdem ich Künstler H. die Stahlplatten für seine Kunstwerke abgeliefert hatte, nur noch 14 Kilo bergauf. Es ist psychologisch von Vorteil, wenn man den Weg, den man geht, schon kennt. Um Vieles schwerer werden 9 Kilometer ins Unbekannte sein. Hirn, dein Name sei Verrat.

Abends entpackte ich den nigelnagelneuen Rucksack in der Künstlerbude und dividierte von den flüchtig gepackten Gegenständen diejenigen, die ich nicht mitnehmen werde auf den Camino Frances, schrieb eilig eine Liste der Dinge, die zusätzlich in den Rucksack gepackt werden müssen und eine Liste derer, die ausgetauscht werden müssen gegen leichtere Gegenstände. Den Regenschirm, liebe rebellierenden FernwandererInnen, lasse ich natürlich daheim. Ich hatte mir nur die Illusion gemacht, dass es gut ist für die sündhaft teure D 300, sie unter einem Regenschirm im nassen Galizien zu bedienen. Aber vielleicht lasse ich auch die D 300 zu Hause. Was nützt mir die beste Hightech-Kamera, wenn ich mir wegen ihres Gewichts die Gelenke zu Schanden laufe?

Ihr seht, liebe Live-Blog-Lesende, ich hadere im Vorfeld dieser Reise mal wieder sehr mit den Möglichkeiten – und weiß gleichzeitig, dann, wenn alles begonnen hat, wird es ein Großes werden, und kein Hahn mehr, insbesondere ich selbst, wird danach krähen, woran man einst zweifelte.

Bilder aus Zweibrücken

Montage mit Pixter auf dem iPhone
1 Hofenfelsstraße nähe Hilgardcenter
2 Der ewige Birnbaum vor Irgendlinks Haustür
3 Straßennamenschild
4 Buntes Haus in Niederauerbach

Testpilgern Tag 1 – 9 km

Habe den ganzen Nachmittag damit verbracht, in der Startnext-Sphäre alle Felder des Eingabeformulars  auszufüllen und das Live-Reise-Projekt, welches mich ab 18. November auf dem Jakobsweg von Saint Jean Pied de Port bis nach Santiago de Compostella führen soll, auf digitale Beine zu stellen.
Die Arbeit ist sicher nicht schlecht investiert: erstmals betrachte ich die Idee, die seit anderthalb Monaten in den Tiefen meines Hirns Gestalt annimmt, wirtschaftlich. Erstaunlicher Weise wird mich die Reise mit Roamingkosten, Telefonie, Ausstellung und Buchproduktion knapp 5000 Euro kosten (die Lebenshaltungsspesen nicht eingerechnet). Es war nicht wichtig, das auszurechnen, aber äußerst aufschlussreich. Nicht wichtig, weil ich ein Getriebener bin, weil ich besessen bin von der Idee, live zu reisen, direkt darüber zu schreiben, Bilder ins Irgendlink-Blog zu posten, so wie ich es im Frühling auf der Andorra-Tour gemacht habe und so grandios, wie die geliebte Blog-Kollegin Sofasophia und ich es im Juli quer durch Skandinavien bewiesen haben: es ist möglich, die virtuelle und die reale Welt miteinander zu verbinden und auf Direktreisen , noch während man etwas erlebt, darüber zu berichten. Geld spielt dabei keine Rolle, traumhaft, nicht?
So arbeitete ich diesen milden Oktobertag verbissen im Netz, Serendipität sei Dank – ich suchte nicht und fand: Startnext. Die Zukunft wird zeigen, was sich aus dieser Sache entwickelt. Über meiner Fummelei an dem Profil vergaß ich, dass ich eigentlich Künstler H. besuchen wollte, drunten in der Stadt. Mit dem nigel-nagel-neuen Rucksack wollte ich die abgeernteten Felder überqueren, drei vier Kilometer mit vollem Gepäck, weil: eigentlich bin ich noch kaum gewandert. Und wenn, dann nicht mit Gepäck. Gegen 16 Uhr packte ich einige repräsentative Reisegegenstände in den Rucksack, Socken, Unterhosen, Handtuch, die schwere Digitalkamera, Zusatzakkus, Solarzelle. Eigentlich fast alles, was ich für den Jakobsweg auch mitnehmen würde. Die Zugwaage, die wir hier auf dem einsamen Gehöft normalerweise verwenden, um die Ernte zu wiegen, zeigte 16,5 Kilo. Gut doppelt so viel, wie ich im Geiste gerne schleppen würde. Egal. Vielleicht lasse ich den Regenschirm, den ich eingepackt habe, damit ich auch bei Regen fotografieren kann, doch besser daheim. Und natürlich die beiden Stahlsockel, die ich dem Künstler H. schenken will. Muss ich mich auch mit Künstlern abgeben, die mit Eisen arbeiten. Kann er nicht einfach Aquarell malen oder irgendwas mit Balsaholz machen?
Runter in die Stadt. Auf den Äckern ein paar Jungs, die mit Drachen im mäßigen Wind spielten, Wir nickten einander zu und nur knapp 100 Meter vom einsamen Gehöft entfernt, kam ich mir sogleich fremd vor, als sei ich schon Tage unterwegs. Die 16,5 kg schleppten sich mäßig, aber der Rucksack ist, (wie ich gestern berichtete) wie verwachsen mit meinem Rücken – eine perfekte Einheit.
Friedhof Niederauerbach: ein uraltes Muttchen begegnet mir mit Kopftuch, rot geweinten Augen, ich grüße sie, was ich nicht tun würde, wenn ich einer von hier wäre – ja, es ist wie unterwegs. Ein bisschen Phantasie und hinter den nächsten Hügeln findet sich Galizien. Das Muttchen tut mir leid. Vielleicht hat sie ihren letzten lieben Menschen verloren und ist nun allein. Für immer.
Kaffee bei Künstler H. Ich bin mächtig geschwitzt, vertraue ihm als zweitem Menschen nach Journalist F. meine geheimen Pläne an, den Jakobsweg live zu begehen (oke, Sofasophia weiß natürlich auch Bescheid). Räume auch ein, dass ich es vielleicht nicht tue (weil ich mich nicht traue, weil ich Angst habe zu scheitern, weil das liebe Leben mit Sofasophia so süß und warm ist – ach, es gibt tausend Gründe, solch eine Reise nicht zu tun, aber es gibt nur einen, sie zu tun: weil dein Künstlerleben es dir diktiert!), egal.  Dass ich es vielleicht nicht tue, erzähle ich Künstler H. Aber der hat mich durchschaut: „Gilt nicht, erst groß posaunen und dann kneifen. Du musst das durchziehen.“
Rückweg in der Dämmerung. Ich erklimme die Hügel durch die düstre Heilbachschlucht, erhasche einen letzten Blick auf einen Millimeter breiten Streifen rosa Horizont. Westen. Die Richtung, in die ich ab 18. November für mehr als 30 Tage laufen werde. Heute habe ich die ersten 9 Kilometer bei vollem Gepäck fast ohne Blessuren überstanden.