Der das Tal nie verlässt

„Eine ungewisse Zukunft gegen eine Ewigkeit wie diese tauschen – das wäre ein gutes Geschäft.“ denke ich neulich abends, schreib’s auf, schlaf‘ ein, vergess‘ es.
Heute, wie wir so durch’s Tal cruisen, per Auto und auch zu Fuß, wird mir die Beschränktheit der Welt bewusst. Eingekeilt zwischen Felsen wandeln wir ein Leben lang, hie und da bietet sich ein malerischer Ausblick auf den Sturzbach, der durch die Niederung rauscht. Viel zu schnell. Das muss kein schlechter Zustand sein. Eingeengt sind nur diejenigen, die einen über die Maßen Bewegungsdrang haben, die, denen das Nahe nicht gut genug ist.

Wir sollten nach dem Ausschau halten, der das Tal nie verlassen hat; dem, der nie wissen wollte, was hinter den Bergen ist oder jenseits des Passes oder drunten auf der anderen Seite der Stadt, wo die große Straße dröhnt.
Der sein Leben auf einer 20 mal 3 Kilometer Fläche lebt. Nach genau Dem in uns sollten wir ausschau halten. Und glücklich sein.

Als Spinner in Biasca

‚egen ‚ egen ‚ egen. Jeden Tag ein Bisschen weniger. Widrige Umstände führen uns nach Biasca, jenes kleine Städtchen, in dem die Lugmanier- und die Gotthardtroute zusammen kommen. Während sich Sofasophia bei der Doktorin eine lästige Infektion diagnostizieren lässst, streife ich auf Fotopirsch durch die Straßen in der Nähe des Bahnhofs. Niesel auf mein Haupt. Aus den Felsen über der Stadt spritzten gleich mehrere Wasserfälle in die Tiefe. Wegen der flach hängenden Wolken sieht man nicht bis ganz nach Oben. Auf der Suche nach der Altstadt durchquere ich ruhige Vorstadtstraßen, aufgelockerte Besiedlung, ab und zu eine kleine, fettgrüne Weide, kaum größer als 400 qm, paar Kühe darauf Dann wieder betonene Bauten neueren Datums. Zweckbauten, nix Altstadt. Nach dem Ortszentrum zu fragen, dazu bin ich zu eitel, ich Mann, ich. Stapfe lieber nach dem Serendipitätsprinzip umher, knipse mit dem iPhone die Straßennamenschider: Via Zurigo, Via Basilea, Via Quinta, Via Stall Danz und wie sie alle heißen. Bei einem Manor-Laden komme ich in eine Art Fotorausch. Hinter dem Laden Graffities, Kuhweide, abgefratzte Mülltonnen und schwerer, grauer Himmel wie er regensatter nicht über der Szene hängen köntte. Beinahe fasele ich mit mir selbst, so entzückt bin ich, ach was, plötzlich rede ich laut und deutlich, halte das iPhone vor den Mund wie ein Diktiergerät und spreche auf Band: „Habe heute meine Forschungsarbeiten zum Thema iDogma abgeschlossen. …“ Pause, Blick in die Wolken, Mütze zurecht rücken. “ … nun kann es endlich los gehen: alle Kunst eint sich in dir, du kleiner Wunderkasten.“ Verliebt starre ich das Telefon an Drei düster drein blickende Jugendliche beäugen mich misstrauisch. Da wird mir die Groteskizität meines Auftretens bewusst. Sie müssen mich für einen totalen Spinner halten, wie ich in fremder Zunge mit dem Gerät spreche, mich hinter Mülltonnen bücke, um irgendwas Komisches zu fotografieren. Eine Weile starren wir einander fassungslos an. Dann kommt eine SMS der frisch verarzteten Geliebten: „Warte im Schuhgeschäft auf dich.“ – „Nichts kaufen, komme sofort“ hacke ich panisch in die Tasten.
Bild: Zahlensampler aus den Nummern an den mechanischen Weichenstellern am Bahnhof Biasca. Aufgenommen nach dem iDogma mit Pro-Camera-App, kombiniert mit Pixter, beschnitten mit Photoshop Express und gebloggt mit Blogger+.

Das Kastanienmonument von Navone

Regen, Regen, Regen. Ein Bisschen fühlt sich diese Woche an wie die Woche Anfang Mai, in der ich durch die Tarnschlucht radelte. Es will und will nicht aufklaren. Von Südwesten treibt es dunkle Wolken das Tal herauf und die Schneefallgrenze liegt – ähnlich wie im Mai – bei etwa 900 Metern. Im Gegensatz zur Tarnschlucht, haben wir aber hier ein schnuckeliges kleines Häuschen als Basislager. Machen Tages- oder nur Stundentouren, leichte Rucksäcke, Wanderschuhe, Regenjacken, Mütze und Handschuhe. Wir lassen uns von Zufällen führen, bzw. von findigen Geocachern, die im Bleniotal ein paar besondere Orte markiert haben, indem sie einen Cache versteckt haben. So gibt es eine Kastanienbaum-Serie, die zu den größten und ältesten Bäumen im Tal führt. Einer von ihnen steht in dem winzigen Bergdorf Navone. Ein 2 Meter breiter Teerweg windet sich von der Hauptstraße ab dem Dorf Motto dort hinauf. Der Weg ist so beklemmend eng, dass es uns lieber gewesen wäre, über den Wanderweg die 350 m zu erklimmen. Aber der Regen … Unterwegs lauerte allmögliche Gefahr, naja, mehr in den Köpfen. So erinnerten wir uns jenes Kleinlasters, der uns bei der Anreise an unübersichtlicher Stelle überholt hatte – wenn man so etwas erlebt hat, muss man ständig daran denken, dass dieser Henker von Fahrer sich wohl immer noch auf den engen Straßen im Tal herumtreibt. Wenn er einen nicht gerade überholt, könnte er einem auch entgegen kommen. Am Castello di Serravalle hat sich just ein Unfall ereignet. Böses dunkles Auto hängt motorhaubenabwärts über einem Weinberg. Der verkehrsregelnde Polizist grinst. Paar Schaulustige. Auf dem Weg nach Navone blockiert eine Schafsherde die Straße. In Navone selbst herrscht Stille. Kein Mensch scheint hier auf knapp 800 Metern dauerhaft zu wohnen. Das Dorf besteht aus herausgeputzten Ferienrusticos, Strom scheint es nur von Solarzellen zu geben. Dann die 12 Meter hohe Kastanie mit einem Stammumfang von über 9 Metern. In ihr soll eine rote Katze wohnen. Der Nur-Stamm-Baum lebt noch immer. Hunderte von kleinen Ästen wachsen aus dem alten Holz. Zentrales Bauwerk in Navone ist eine achteckige wunderschöne Kapelle mit einem einladenden Vorbau, der bestimmt so manchem Wanderer schon als Schutz vor Regen gedient haben mag.
Auf unserem Rückweg schauen wir uns die Ruine der Serravalleburg an. Die Unfallstelle ist mittlerweile geräumt und dort wo das böse schnelle Auto hing, ist jetzt ein Loch in der Weinbergsmauer. Das Auto wäre nur ein zwei Meter abgestürzt. Es gibt andere Stellen im Tal, an denen es steiler, gefährlicher, böser ist. Ich frage mich, wie es dem Kleinlaster(henker) geht, der uns am Ankunftstag überholt hat.

Das iDogma in der Literatur

Annäherungsversuch an ein gerade erst aus der Taufe gehobenes Genre der Kunst

Der Arbeits-PC, den ich mitgenommen habe in den Urlaub, macht mir ein bisschen einen Strich durch die Rechnung, live auf dem iPhone zu bloggen. Der Mensch geht nunmal gerne den einfachen und geraden Weg. So ist es selbstverständlich, dass ich, wenn ich eine Idee für eine Geschichte habe, diese auf der Laptop-Tastatur hacke. Ich stelle fest, dass es zwei völlig verschiedene Schuhe sind, ob man einen Text auf dem iPhone schreibt, oder aufe einer normalen Tastatur. Auf dem Klwinstcomputer klammere ich mich an jedes Wort, gar jeden Buchstaben und die Gedanken sollten, bevor man loslegt schon einmal grob vorsortiert sein. Muss man schon grundsätzlich, wenn man etwas aufschreiben möchte ein gewisses Maß Ruhe mitbringen, so gilt das für einen iPhone Text ganz besonders. Sofasophia spricht schon vom erweiterten iDogma, eine Art Kunstform, die wir uns im Hinblick auf die iPhone-Fotografie ausgedacht haben. Das iDogma geht auch mit Texten, sagt sie. Und nun, da ich dies mit dem rechten Zeigefinger auf einer etwa 2 mal 8 cm großen glatten Fläche, auf der per Software eine berührungempfindliche Tastatur eingevlendet ist, erinnere ich mich an die Skizze einer Romanfigur, die ich kürzlich angelegt habe: eine Literaturspezialistin, die händeringend auf der Suche ist nach dem ersten, bedeutenden Roman, der auf einer iPhone Tastatur getippt wurde. Die Figur lehnt an an all die deutschen Literaturfuzzies der 1990er Jahre, wie sie sich verzehrten in der Hoffnung, sie könnten DEN großen Berlin-Roman heraus bringen (gibts den mittlerweile eigentlich?) nun, im Jahr 2010 ticken die Uhren anders.
Es gibt einige markante Merkme (gemeint ist nTürlich das Wort ‚Merkmale‘ – und natürlich ’natürlich‘) des literarischen iPhone-Dogmas: Buchstaben, die direkt neben dem Lösch-Zeichen liegen, L und M, erzeugen, ein Löschen des vorherigen Buchstabens, wenn man sie nicht richtig trifft. So wird etwa das A in Merkmale gelöscht, anstatt ein L zu schreiben und man liest das Wort ‚Merkme‘. Typisch iDogma-Literatur ist auch der Hochstelltasten-Fehler, der erzeugt wird bei allen Buchstaben rings um die Hochstelltaste (nTürlich). Statt des gewünschten Buchstabens, entweder das A oder das Y, wird ein Großbuchstabe erzeugt. Und dann wären noch so einige andere typische iDogma-Benchmarks zu nennen.

Eigentlich wollte ich ja über unseren Nachbarn hier Im Ferienhaus im Bleniotal schreiben. Er sagte, er habe Millionen im Haus liegen und wir müssten hier überhaupt keine Sorgen habenn, was mich zu einem Artikel mit dem Titel ‚Welt ohne Geld‘ inspirierte, sowie wollte ich aufschreiben, wie es kam, dass ich im Schlafanzug auf dem Lugmanierpass war. Aber zu diesen Texten ist es wegen der mühsamen Unschärigkeit der iPhone-Tasten nicht gekommen. Blödes iDogma. So verbleibe ich, fieberhaft am großen Roman, der auf einem iPhone geschrieben wurde.
Euer Irge dli k
-)