Kunst direkt 2012 – iPhoneart Pavillon

Nu hat er das beste 3G Netz, der Herr Artist in Motion, aber partout keine Lust, zu bloggen. Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig Ruhe ist, um Texte zu schreiben. Übervoller Kopf. Mannigfaltig die Eindrücke beim heutigen Aufbau des Irgendlink-Pavillons auf der Mainzer Kunst direkt.
Es lief ganz gut, nachdem die Scharmützel an der Laderampe ausgefochten waren. Nun sitze ich im Auto auf dem KünstlerInnenparkplatz direkt am Rhein, Theodor Heuss Brücke im Blick. Alle Autos, die hier stehen sind voller Packmaterial, Leitern, Kisten. Kombis mit umgeklappter Sitzbank, in denen notdürftig Künstlerbettchen eingerichtet wurden. Herrliche Familie, finde ich. Ich hätte Lust, ein Europallettenfeuer anzuzünden und Wurst zu grillen. Und Feierabendbier.

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Schnell wie eine Sanduhr, mit goldenen Körnern

So muss sich ein Hochofen kurz vor dem Abstich fühlen. Voll brodelnder Lava. Wann schmilzt Eisen? 1200? 1400 Grad? Weißkochende Suppe unter Schlacke. Wie außerirdisch in Asbestanzügen ächzt der Hochöfner der feinen Künste. Funken sprühen.

Die letzten Tage, Wochen, Monate waren so intensiv, so voller Arbeit, Querelen, Kopfzerbrechen, dass es sich im Vergleich dazu richtig leicht anfühlt, wie sich nun die einzelnen Puzzlestücke des gelebten Lebens wieder zusammenfügen. Erledigungen zwingen mich runter in die Stadt, wo ich allmöglichen Leuten begegne, die Künstlerinnen H. und B. und ein lange nicht gesehener Ex-Komilitone flanieren in der Fußgängerzone. Ich erinnere mich an die Namen und atme insgeheim auf. Mein Hirn scheint wieder zu funktionieren. Am Busbahnhof schnappe ich das Gespräch zweier Männer auf zum Thema Weltuntergang. Fetzenweise: „Sonnensturm“, sagt einer, „in paar Minuten hier bei uns … Mayakalender … Weltuntergang … schneller als das Licht.“ Hä? Und als hätte der Endzeitler mein gedachtes Hä gehört, relativiert er: „Oder genauso schnell wie das Licht.“ Wir wollen doch hier die Relativitätstheorie nicht ad Absurdum führen. Vor einer Apotheke sitzt ein Saxophonist mit offenem Kasten voller 20 Cent Münzen und spielt so herzerweichend schlecht, dass ich nicht umhin komme, ihm Geld zu geben. Saxophon ist schwer. Die Rhythmusmaschine tockt grotesk im Hintergrund. Dankesblick und Saxman-Nicken, als die Münze fällt. „Kollege“, denke ich, und verschwinde hinter der Ecke. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen bei dem Gedanken, dass ich Europenner, ausgestattet mit den Insignien der Konsumgesellschaft doch auch nur ein paar Fehltritte von dem Leben auf der Straße entfernt bin und versuche mir zum Spaß auszumalen, wie einer wie ich, der keine Ahnung hat von Musik, nicht alt genug fürs religiöse Mitleidsbetteln auf Knien, zu Stolz für ein „Nehme jede Arbeit an Schild“, sich seinen Lebensunterhalt auf der Straße verdienen würde. Kann ja heutzutage jedem passieren auf der Straße zu landen. Nur ein paar Fehltritte zu viel. Werde ich iPhone-tippend in der Fußgängerzone hocken und an den „Protokollen eines existenziell gescheiterten Kunstfuzzies“ schreiben, live bloggend? Und die Kundschaft kann mit ihren iPhones, noch während sie vor mir steht, den Artikel abrufen, den ich gerade über das Geschehen da draußen in der Fußgängerzone mit all den hart arbeitenden, scheinbar so glücklichen Menschen schreibe? Wie sieht das eigentlich aus, wenn man bedürftig ist, bettelnd am Straßenrand gescheitert, Putzer der schmutzigsten Klinken des Universums? Ich meine das Driften geschäftiger Menschen in einer westlich zivilisierten Fußgängerzone aus dem Blickwinkel zum Beispiel von Saxman? Ich weiß es nicht. Ich möchte es mir nicht einmal vorstellen.

Mit dem Rad bin ich unterwegs, hatte ich das erwähnt? Durchquere die Stadt und radele hinüber in die Schwesterstadt (siehe Blogbild im Eintrag zuvor). Ich muss üben, trainieren für die Nordseeumrundung und mit dem Rad verlasse ich sehr gerne das einsame Gehöft, fühle mich per Rad in Innenstädten sowieso wohler, als mit einem belastend großen Auto.

Zwischen den Schwesterstädten, am neu gebauten Bahnhof Einöd ächzt eine Frau mit omakrummen Beinen nur dreißig Meter entfernt, „nur noch dreißig Jahre entfernt“, rechne ich, „dann bist auch du so weit, Knochenschwund, Stützstrümpfe, Schmerzen im ganzen Körper, froh um jeden Winter, den du überleben wirst, froh um jeden Meter, den du in der Frühlingsluft an deinem Rollator laufen darfst“. Die ehrenwerte Frau P. kommt mir in den Sinn, wie sie mich kürzlich angesehen hat, sehr wohlwollend, und mir viel Glück gewünscht hat für das Reiseprojekt: „Machen Sie das, so lange sie noch können,“ hat sie gesagt und ich habe genickt. Von allen Stellen kriege ich das zu hören: Lebe, so lange es noch möglich ist. Die meisten Menschen merken viel zu spät, dass es für etwas zu spät ist. Wo hätte ich gedacht, dass sich die Angst vor dem „Nicht mehr so können, wie früher“, schon so zeitig einstellt, gerade mal Mitte Vierzig. Aber es ist so. Hör gut zu, junger Mensch. Beeile dich. Tu, was du tun willst sofort. Warte nicht. Verschiebe nichts. Spätestens ab der fünften Lebensdekade rinnt die Zeit.

Am Abend erzählt mein Vater von einer Sanduhr mit goldenen Körnern, die man in Zeitlupe rieseln sehen kann. Zu jung, um genau hinzuhören, nehme ich nur wahr, wie er sagt, dass er mit Glück 90 werden könnte, und dass die zehn fünfzehn Jahre, die ihm vielleicht noch bleiben einen so hohen Wert haben, dass er sich genau überlegt, wie und mit wem er seine Zeit verbringt, wem er seine Aufmerksamkeit widmet. Der Abend glänzt. Rote Sonne sinkt. Zwei helle Sterne an einer Stelle, wo keine sein sollten. Ich muss an die Männer mit dem Sonnensturm denken. Schneller, als das Licht.

Ein Singen am Lied von der ewigen Gegenwart

Donnerstag waren drastischere Maßnahmen nötig. Die Zeit rinnt. Ich kann mir die beiden Parallelleben nicht mehr leisten. Der gute Owner (so nenne, äh, nannte ich meinen Chef), hätte mich zwar drei Monate durchgefüttert, aber ich habe es für besser gehalten, den Brotjob zu kündigen. Nun bin ich, erstmals seit vier Jahren, wieder vollberuflicher Künstler. Schlagartig lässt das Dauerkopfweh nach, das mich seit zwei Wochen plagt. Vielleicht nur zufällig? Egal. Schon dieses Wochenende kriege ich zu spüren, wie sehr ich alle Zeit, die ich nur kriegen kann, auch benötige. Samstag und Sonntag gingen mit Kunstmesse-Vorbereitungen dahin.

Neben einem Stapel Sofasophia’scher Umzugskisten stehen nun auch zwei Kisten Bilder für die Kunst direkt nächste Woche.

Dass die Dinge so geballt kommen müssen, SoSos Umzug in die Schweiz, die Kunstmesse und die Nordseetour, alle drei „Megaevents“ in nur zwei Wochen Leben. Überall liegen Zettel, auf denen ToDos notiert sind. Auf einem steht in Großbuchstaben „Kunstbübchenrechnung“. Eine grobe Rechnung für die nächsten vier Monate Irgendlink-Leben, mit allen Ausgaben, und den kargen Einnahmen. So schlimm, wie ich dachte, sieht es nicht aus. Finanziell könnte die Nordseerunde klappen, wenn ich nicht über die Stränge schlage. Kunstbübchenrechnung ist seit Jahren meine satirisch-sarkastische Antwort auf die Milchmädchenrechnung, wobei ich betonen muss, dass ich mit dem Wort einfach nur kokettiere, und dass ich mich selbst keineswegs als Kunstbübchen sehe.

Sorgen macht mir das Zeitkonzept. Da ich im Uhrzeigersinn das Meer umrunden will, bin ich in exakt :-) 47 Tagen auf den Shetland-Inseln, also vor Mitte Mai. Die Fluglinie, die von dort aus nach Norwegen fliegt, startet ihren Betrieb aber erst am 16. Mai. Ideal wäre, ein Segelschiff zu finden, das einen rüber bringt. Vielleicht gibt es ja eine Mitsegelgelegenheits-Plattform im Netz, bei der man sich anmelden könnte?

Kein großes Blog-Kino dieser Tage, ich weiß. Gute Blogeinträge brauchen viel Sorgfalt und Sorgfalt braucht Zeit, aber Sorgfalt und Zeit alleine genügen nicht. Der Blogger, die Bloggerin müssen geschmeidig sein, weichgeklopft, flexibel, frisch gebadet, fönfrisiert, herausgeputzt, uuultra-relaxed, Peace, Mann, Peace – nur so gelingen die grandiosen Artikel, die in streng voran galoppierender Zeit das Lied von der ewigen Gegenwart singen.

Selbstüberschätzung

Uralte Bilder. Ein ganzer Ordner voll, die ich durchblättere beim Aufräumen der Künstlerbude. Der Ofen lodert. Frisst alles, was ich ihm übergebe. Ich durchforste die Jahre 1994 bis jetzt und entdecke in den Archiven Unglaubliches: das sollst du einmal für gut, für ausstellenswert befunden haben? Der Spruch: „Wenn ich mich 1994 nicht selbst überschätzt hätte, wäre ich heute nicht dort wo ich bin.“ kommt mir in den Sinn. Vieles, was ich vor 15 oder 20 Jahren für gut und ausstellenswert befunden habe, würde ich heute nicht mehr zeigen. Was bedeutet das? War ich ein schlechter Künstler? Oder habe ich mich einfach nur entwickelt?

Die Beweise sind leider vorhin verbrannt :-). Wenn ich mich just dieser Tage nicht maßlos selbst überschätzen würde, würde vermutlich die Livereise Ums Meer ab April nie stattfinden. Wenn ich im Winter 2010 nicht „so unglaublich überheblich“ :-) gewesen wäre, wäre das Buch Jakobsweg 2.0 nie entstanden.

Nie hätte ich auch nur einen Stein losgetreten, auch nur einen Fehltritt begangen, auch nur einmal mich selbst bloß gestellt, verhonepipelt, verhaspelt, verheddert, gescheitert, am Ende-gewesen-seind, zu Nichte, ganz Unten, verloren! Wäre mein Leben dadurch glücklicher? Anders?

Selbstüberschätzung ist ein Preis, den es sich lohnt zu zahlen. So klammere ich mich an eine Hoffnung, dass alles, was ich in diesem Künstlerbudenofen verbrannt habe, nicht umsonst gewesen sein wird.