Die Zukunft liegt in der Gegenwärtigkeit

Das Künstlerleben hat wieder begonnen. Oder setzt sich fort. Aus dem Nichts puffen Ausstellungsangebote und vergehen wieder. Fast wie Denkblasen in Comics. Der Film für LA ist fertig. Gut geworden. Journalist F. diagnostizierte, man könne ihn sogar an Arte schicken. Ich bin skeptisch. Aber das Kompliment tut gut. Zwei Versionen habe ich auf den Server gepackt. Jeweils über 500 MB groß, damit man es in den USA downloaden kann. Liebend gerne würde ich die Links verraten. Aber ich habe Sorge, dass bei einem Download von vielleicht dreißig-vierzig Mal, die Amerikaner nicht zum Zug kommen. Das gute alte Ressourcen Problem. Zu wenig Bandbreite. Zu wenig Energie. Zu wenig Lust. Zu viel, was gleichzeitig geschehen könnte. Auch gibt es Verlagsanfragen für das Nordseerundenbuch. Skepsis auch hier. Längst legt mein Gedankenschiff schon wieder ab und ich formuliere den Spruch: Die Zukunft liegt in der Gegenwärtigkeit. Ich räume auf. Lösche die hunderte MB großen Filmdateien der Versionen Eins bisVier (die fünfte ist endlich gut genug) vom Computer und schicke noch etliche tausend Fotos hinterher. Überblick? Gibt es nicht. Es gibt nur noch die Straße. Mit der komme ich zurecht. Ein seltsames Horroszenario des eigenen Daseins zeigte mich als Mensch, der alles verloren hat: SoSo hat mich verlassen (nur so eine Wahnvorstellung, zum Glück), die armen Eltern sind tot (auch eine Wahnvorstellung, glücklicherweise), aber wenn das Szenario eingetreten wäre am Ende der Ums Meer Reise, was wäre geschehen? Eine Rückkehr in ein verwüstetes Leben. Ich wäre weiter geradelt bis anś bittere Ende des Mobilfunkvertrags, hätte den Privatbankrott irgendwo mitten in Frankreich gefeiert und wäre ohne jegliche Verbindung ins weltweite Netz weiter geradelt. Ein Mann, der alles verloren hat und trauernd aber lebend durch die Lande zieht. Ohne Ziel.

Ein Kunstwochenende, letztens mit der Künstlergruppe Prisma, die mich während meiner Abwesendheit aus Zweibrücken adoptiert hatte, bringt mich unter die Leute und ich blättere im Fotobuch von Künstlerkollege N. Es zeigt unter anderem eine Serie von sehr intimen Nahportraits gescheiterter Männer, die er auf der Straße fotografiert hat. Großartige Fotos von gezeichneten, bärtigen Gesichtern. Immer, als die Frage kam, wie es so weit kommen konnte, wie sie auf der Straße gelandet sind, hat Künstlerkollege N. den Auslöser betätigt. Knallhart. Ganz starker Tobak. Und wie ich so die Seiten blättere, wird mir klar, dass das Allerweltssschicksale sind. Jeder könnte betroffen sein. Im Lauf meiner fluffig leichten Europenner-Karriere habe ich etliche solche Typen getroffen auf den Straßen dieser Welt. Abgründe menschlichen Scheiterns. Herrlicher wie-hieß-er-noch-gleich, ich habs aufgeschrieben am Rigole in der Nähe von Toulouse, er lehte an einem Baum an dem kleinen Kanal und aß ein Stück Brot und fütterte seinen kleinen Hund mit Soucison sec. Geld verdiente er mit Singen auf dem Markt in Castelnaudary. Und die drei Kerle vorm Dom in Speyer – wann wars? 1991? – die mich ermahnt hatten, pass auf deine Schuhe auf! Schuhe sind wichtig! Putze sie! Sie sind das, was dir Halt gibt. Und ich lachte und radelte durch den Winter bis fast nach Alicante.

Wie wenig es braucht, in den Abgrund zu stürzen! Eben noch tanze ich auf den Bühnen und lasse mich – zu Recht – feiern für die wunderbare Ums Meer Reise, und schon bin ich ganz unten. Nein nein nein. Es ist noch nicht so weit. Vielleicht bin ich auch nicht der Typ für das langsame stille Ende auf der Straße. Ich hab einfach immer zu viel Glück. Ich werde immer gerettet?

Wie sieht es hier aus? Ich sitze im Künstleratelier, das einmal ein Kuhstall war. Zwei PCs rechnen Daten. Die knapp bemessene Internetverbindung kracht an allen Ecken und Enden. Das iPhone rechnet auch und bringt sich auf den neuesten Stand, damit ich neue Reiseprojekte darauf speichern kann. Das Bankkonto dümpelt haarscharf im Plus. Eben erreicht mich die Nachricht eines Ausstellungskurators in Brüssel, dass die Ausstellung gecancelt wurde. Da wird mir klar, wie zerbrechlich und angreifbar die neue Kunstrichtung ist. Die Mobile Art Bewegung, ha! Sie lebt von Luft, von Leichtigkeit und von großen Worten, die mal eben schnell auf Facebook dahin geschnoddert werden. Genauso schnell, wie du ein Projekt hinaus posaunst, stampfst du es auch wieder ein. Es würde mich nicht wundern, wenn das Festival in LA, auf dem der Film „Ums Meer“ gezeigt wird, auch noch in die Knie geht. Nur zwei Tage vor der Eröffnung (ganz ehrlich: an mir soll es nicht liegen. Der Film ist fertig. Und gut. Ich hab meine Arbeit getan).

Fazit ist, dass doch nur wahr ist, was sich in unmittelbarer Umgebung befindet: du selbst, dein Computer, der dir diese Zeilen anzeigt, die Gefühle, die dir das Gelesene vermittelt.

Habe Katze! Katze frisst. Und in der Nacht kriechen die Igel aus dem Gehölz und bemächtigen sich des übrig gebliebenen Katzenfutters. Igel von Katzes Gnaden sozusagen. Meine Lieben. Das ist wahr! Es gibt nur mich hier. Der ich diese Zeilen hacke, schnell und ohne groß nachzudenken. Ein Abgetippsel aus dem eigenen Hirn. Kümmere dich nicht, ob es interessiert. Tu es! Durch die Glasfront, die nach Süden zeigt, starre ich ins Schwarz der Nacht. PC zwo dudelt Musik. Ein bisschen CPU-Kapazität gebe ich für die Unterhaltung frei.

Was auch immer geschieht mit den Kunstprodukten, die ich in der letzten Woche wahr gemacht habe, sie bringen mich auf neue Ideen. Das Bild, das ich für die Ausstellung in Brüssel, die abgesagt ist, gemacht habe lade ich in diesen Artikel (es war schon im April online, nun in hoher Auflösung remixed). Den Film schicke ich nachher zu Youtube und verrate Euch den Link, wenn er hochgeladen ist.

Neue Schandtaten stehen in der Warteschleife. Und der gute alte Owner hat mich auch angemailt. In seiner kruden Betreffszeilen-Knappheit: „Hey! Meldest du dich mal! Wollte mit dir sprechen! Grüße!“, steht in der Betreffszeile. Sonst ist die Mail leer. Das mag ich. Ich verspreche ihm, mich morgen früh zu melden. „Liebgrüß“ schreib ich auch noch.

Das Leben ist nicht besonders rosig nach der langen Reise um die Nordsee. Manchmal hätte ich Lust, mir einen Bart wachsen zu lassen, das iPhone wegzuwerfen, eine Gitarre zu kaufen und in Fußgängerzonen um Geld zu jaddeln. Oder weiße Farbe ins Gesicht und als lebende Statue etwas dazu zu verdienen.

Die längst hier gezeigte Datei, die auf der gecancelten Ausstellung in Brüssel gezeigt werden sollte, lade ich nun nicht nochmal hoch. Beigefügt der Aufkleber, der hoffentlich übermorgen neben dem iPad mit dem Film über die Nordseerunde prangt in Santa Monica.

Aufkleber zur Demonstration des Filmclips
Aufkleber zur Demonstration des Filmclips über die North Sea Cycle Route

Seht nur, er spielt Preikestolen

Das Bild (nicht das angehängte, sondern das geschriebene Bild) zeigt den Künstler auf dem Preikestolen, dem Priesterstuhl. Ein paarhundert Meter hoher Felsen in Norwegen. Steht er da, der Künstler, in der Sonne unter blauem Himmel, stützt die Arme in die Hüfte. Rücken zum Abgrund, zehn Meter von der Tiefe entfernt. Am Horizont Fjordnorwegen. Die Vermutung von Abenteuer und Wildheit liegt in der Luft. Wenige Minuten vor der Aufnahme hat der Künstler auf der gut Fußballfeld großen Steinplatte gesessen und ein Brot verzehrt. Das Treiben beobachtet. Zig Menschen auf dem Aussichtspunkt, den man über einen abenteuerlichen Wanderpfad erreicht, der an zwei Stellen beunruhigend nah am Abgrund vorbei führt. Besonders gerne beobachtete er den Klassiker unter den Preikestolenszenen: wie der Mensch, Mann, Frau, Kind, welcher Nation auch immer, bis zur äußersten Spitze läuft, sich postiert, posiert, Faxen machen, gut aussieht. Manche gehen nah zum Abgrund. Die meisten bleiben in gebührendem Abstand. Die Felswand fällt paarhundert Meter senkrecht in den Fjord. An anderer Stelle kriechen die Fotofreaks auf allen Vieren bis zur Kante, legen sich auf den Bauch, recken die Arme nach vorne und knipsen, ohne zu sehen, was da hinter der Kante ist, ein Bild senkrecht nach unten. Im Fotoarchiv der Nordseeumrundungsreise gibt es auch so ein Senkrecht-nach-unten Bild.

Nach dem Kunstzwergfestival vorletztes Wochenende kehrt der Alltag zurück ins Künstlermorgenblütenleben. Ähm. Vielmehr das Loch, an dem sich der Alltag einmal befunden hat. Bevor ich die Reise gemacht habe. Als habe man einen Preikestolen rund um die Gewohnheiten gebaut, die man einst pflegte. Ein Besuch in der Loungemöbelwerkstatt, in der ich einst arbeitete, hinterließ ein diffuses Bild. Kaum einen Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin, die ich noch kenne. Als habe man über Nacht das gesamte Personal ausgetauscht durch neue Gesichter. Kollegin A. ist weg, Kollege P. ebenso. Zwei Neue im Büro, die vor einem riesigen Monitor mit einem CAD-Programm die Lounge der Zukunft gestalten. Vor der Eingangstür beunruhigt ein böser schwarzer Van mit abgetönten Scheiben. Jener Typ Van, wie sie gemeinhin von Massenmördern gesteuert werden. Auf der Frontscheibe prangt der Schriftzug „Audioslave“. Der Owner ist in Urlaub. Ob ich in der Firma wieder Arbeit finde?

Da die Nordseerunde ein Drittel teuerer war, als geplant, muss ich mich ein bisschen beeilen mit dem Job finden.

Fühler ausstrecken.

Den Film für LA will ich noch fertig kriegen. Muss ich fertig kriegen. Die Kuratorin der Mobile Art Schau hat eine extra Wand für mich reserviert. Die selbstgelegte Messlatte liegt hoch. Mit dem Material, das ich im vorigen Artikel als Skizze zeige, kann ich natürlich nicht kommen. Da muss mehr. Gestern nacht  habe ich die Methode entwickelt für die Rapid Fire Slide Show. Und einen ersten 50 MB großen Clip gebastelt. Nun gehts ans Umsetzen. Wegen der Hitze habe ich den Arbeitsplatz ins Atelier verlegt. Der alte Kuhstall eignet sich vorzüglich zum Nachdenken. Immer wieder stehe ich vom Rechner auf, laufe im Kreis. Zum Nachdenken. Wie Dagobert Duck. An der Wand im Rücken hängt die Nordsee Radweg Karte. Links das Poster, das SoSo kreiert und hat ausbelichten lassen. Phantastisch. Haltet mir ein Jahr den Rücken frei und ich kann Großartiges schaffen, so rein künstlerisch. Nach der Reise und dem Datensammeln fängt die eigentliche Kunstarbeit erst an. Dass ich die Dinge aber auch stets als Anfang sehe, denn als Ende. Schon merkwürdig. So kann man den Künstler sehen, wie er denkend im Kreis läuft, wie er auf dem alten Viehtrog herum turnt, ein Betonteil, das in einer wuchtigen Höhe von 25 cm über dem Rest des Raums thront. Mit gelb-schwarzen Streifen ist es markiert, damit auch ja niemand runter stürzt. Der Artestolen. Der Priesterstuhl des kleinen Mannes. Direkt an der Kante stolziert der Kerl, als gähne darunter keine Leere. Gewagt gewagt. Niemand, der ihn dabei beobachtet, niemand, der ihn fotografiert. Kein blauer Himmel, kein unergründlicher Fjord. Nur ein kleines Atelier irgendwo in der Saarpfalz mit einem fünfundzwanzig Zentimeter hohen Bordstein, an dem ein Kerl herum balanciert und sich sagt: Hei Mann, am Preikestolen würdste so arglos ganz bestimmt nicht rumlaufen – schon merkwürdig, dabei ist es doch fast die selbe Situation, nur dass es an der anderen Kante sechshundert Meter tief runter geht.

Mensch am Preikestolen
Mensch am Preikestolen

Freispüler und andere Lustigkeiten

Schon eine Woche her, dass ich den Zweibrücker Kreuzberg hinauf geächtzt bin. Nach fast vier Monaten Radtour um die Nordsee wieder daheim. Siebentausenssechshundertnochwas Kilometer, drei Platten, ein Tretlager, zwei Beinahestürze, ein beinahe Unfall, selbst verschuldet, zwei kritische Überholmanöver, viel Straßenlärm um viel. Und Stille.
Die Künstlerbude auf dem einsamen Gehöft ist eingestaubt. Überall Spinnweben. Ich muss an den Minicamping in der Nähe von Harlingen denken, wo die Tür zur Damentoilette mit einer Spinnwebe versiegelt war. Mann war da das Wetter schlecht.
Die Künstlerbude hatte ich zum Glück vor der Reise aufgeräumt, was sonst nicht meine Art ist. Das Auto hat keinen Tüv mehr. Derjenige, der es reparieren soll ist für drei Wochen krank. Der Internetanschluss funktioniert nicht mehr. Lebensader der Informationsgesellschaft. So verbringe ich die ersten Tage daheim damit, das Netzwerk zu reparieren, suche bis gestern, wie so oft, die Schuld bei mir selbst, bis ich erkenne, dass es ein Anschlussproblem ist, bzw. ein Problem an den Kompetenzgrenzen, jener Grauzone zwischen selbst und den anderen.
Eilvorbereitungen für das Kunstzwergfestival, welches am Wochenende 20-30 Dauergäste auf die Wiese hinterm einsamen Gehöft gespült hatte.
Welch krasser Lebenswechsel zwischen vier Monaten alleine, langsam, leise und dem Getümmel eines Kulturfestivals. Mit meinem bissig humorigen Freund Journalist F. scherze ich, telefonierend auf das Maisfeld hinter dem Küchenfenster blickend: diese Künstler sind wie Zombies. Wenn es dämmert erheben sie sich, die Arme nach vorne gereckt aus dem Maisfeld und du kannst verflixt nichts dagegen tun. Sabbernd die Zähne fletschend kommen sie langsam auf dich zu. Das Lächeln am Ende der Leitung. Drei ebenso schöne, wie bizarre Festivaltage – versteht mich nicht falsch, wenn ich vom Zombiebild rede. Es hatte sich mir einfach aufgedrängt, ebenso wie der etwas plumpe Spruch: Ein Kunstler macht muh, viele Künstler machen Mühe. Der stimmt. Und die Mühe ist es wert. Samstagsfrüh nach dem ersten Festivalabend spülen SoSo und ich das Geschirr vom gemeinsamen Essen am Vorabend und wir prägen den Spruch vom Freispülen: jetzt ist das Chaos noch nicht zu groß. Wer jetzt spült, wer sich jetzt nassforsch aus dem Kollektiv löst, kann sich freispülen und muss an den nächsten Tagen nichts mehr tun für die Gemeinschaft. Denkste! Aber der Freispüler war geboren. Schon skizziere ich, Teller trocknend einen Spülkurs und Spülhosen, auf die man gestickte Etiketten nähen darf. Nach dem Freispüler kommt der Fahrtenspüler. Es gibt das Seespülchen für die Kleinen und den Totentopf für die Mutigen. Nachmittags, verspreche ich, mache ich einen Kurs Freispüler. Die Kriterien, nach denen man das Abzeichen kriegt, sind 15 Minuten Spülen und ein Kopfsprung ins Spülbecken. Die Zeit rennt. Samstags feiern SoSo und ich drei Jahre Liebe. Ich glaube, SoSo sagt, drei Jahre schon, bzw. drei Jahre punkt punkt punkt, mit diesem sehnsüchtig unergründlichen Schwingen in der Stimme, das den Moment zur Ewigkeit erstarren lässt. Und mir schießt es in den Sinn: Erst? Nicht etwa, weil mir die Zeit so lang vorkommt, sondern weil so viel passiert ist. Ich sehe uns gleichzeitig am Polarkreis, in den Pyrenäen, in Bern, in Zweibrücken – wie viele tausend Kilometer mussten wir fahren, um einander immer wieder zu erreichen, zwischendrin lebten wir ein ganzes Jahr zusammen … höchste Höhen, tiefste Tiefen. Das alles kann nie und nimmer in nur drei Jahren passiert sein. Um uns das Getümmel der Welt.
Die Nordseereise ist siebentausendsechshundertnochwas Kilometer entfernt. Ach was, es fühlt sich, nun montags, dies schreibend, so an, als habe sie niemals stattgefunden. Als habe ich das einsame Gehöft nie verlassen. Ausradiert. Was bleibt, ist eine Slideshow auf dem Computer, die eine zur Fiktion werdende Vergangenheit abbildet.
Im Notizbuch des Fons finde ich einen nicht veröffentlichten Tourenbericht mit dem Titel: „Der letzte Kreuzberg – Ausrollen auf dem weichen Teer des Alltags“.
Er handelt von einem Mann mit 50 kg schwerem Fahrrad, der nach vier Monaten Radeltour die steilste Straße seiner Heimatstadt hinauf kurbelt.

Vollmond der feinen Künste

Junge, lass den Clown weg! Das blockiert Dich nur.

Wenn ich bloß unterwegs schreiben könnte, dann, wenn die Gedanken in Form von einzelnen Worten, Satzfetzen, ja, ganzen Passagen entstehen. Umblasen von Wind, zerschossen von Sonne, überdacht von Wolken, durchwirkt von Regen, kurbelnd ohne zu realisieren woher, und wohin die Reise geht, entsteht in mir manchmal ein kleines, brüchiges Wort-Universum, das so instabil ist, dass es schon beim nächsten schiefhängenden Briefkasten hinter einer vom Wind zerzausten Kiefer in sich kollabiert und dahin geht, woher es kam. Ins Nichts meiner Gedankenwelt.

Fotografisches Schlachtfest. Kasum vier Kilometer nach dem Start geht es im Dorf Voersaa los. Ein Kerl in Latzhose kümmert sich liebevoll um ein Stück Wiese neben seiner Garage, hat einen Schubkarren voller Gras neben sich stehen und den Rechen, wie von Joseph Beuys arrangiert, daran gelehnt. Fehlt nur noch die Fettecke und das Ding kann ins Museum. Ich frage, ob ich fotografieren darf, und er nickt stirnrunzelnd. Ich erzähle ihm, dass wir zuhause sieben Schubkarren haben, eine Marotte des Überflusses, aus Mangel geboren, drifte um die Ecke weiter, weiter, weiter und erlebe an diesem Morgen ein Dorado der schnellen Schnappschussfotografie. Plötzlich ist alles bunt, alles wichtig, alles interessant. Solche „Läufe“ ereignen sich manchmal, aber auch die Gedanken schlagen Purzelbäume. Mit dem „Material“, das ich in den folgenden Kilometern erknipse, könnte ich einen Bildband füllen: eine Serie von 16 Wandgemälden an der Mauer des Museums in Voersaa, von Kindern gemalte Chronologie der dänischen Könige und Königinnen. Schon sehe ich eine fertige Bildtafel vor mir. An der Tür des Heimatmuseums, das in einem ganz normalen Haus untergebracht ist, hängt ein Schild mit der Aufschrift: Wenn die Tür auf ist, ist das Museum geöffnet, wenn die Tür ikke (nicht) auf ist, ist das Museum geschlossen. Die haben Humor.

Die Flut an Bildern spiegelt sich in meinem Innern wieder, so dass ich auf der ruhigen Strecke nach Fredrikshavn immer wieder das Fon herauskrame und Skizzen aufs Band rede. Schnurgerade Strecke. Man fährt bedacht … bis auf … wie aus dem Nichts schießt in einer Sechziger Zone ein Taxi an mir vorbei mit hndertzwanzig plus X. Au Backe. das hätte können schief gehen. Der Druck des Fahrtwinds umwirbelt mich, so dass ich mich frage, wieso diese unsichtbaren, kaum spürbaren Windatome nicht ungebremst durch mich hindurchjagen. Ist doch wohl genug Platz zwischen den Künstleratomen, aus denen ich bestehe. Ich werde noch wahnsinnig in disem Land, das in meiner Vorstellung eine riesige Wanderdüne ist, die sich mit dem Wind nach Osten wälzt. In hundert Jahren ist Dänemark vielleicht schon in Schweden, scherze ich innerlich – das wäre ein Beitrag, der mal wieder mit einem Clownfrühstück und einem „Liebes Tagebuch“ beginnen könnte.

Dem Taximännlein dichte ich nebenbei eine Geschichte an, dass er eine hochschwangere Frau im Kofferraum hat, die er nach öhm, mist, das Krankenhaus liegt in die andere Richtung, in Fredrikshaven eigentlich, die Geschichte hinkt, egal, die Puppe will nach Kopenhagen ins Krankenhaus, und deshalb jagt der Taxifahrer mit hundertzwanzig Sachen nach Süden. Plötzlich überholt mich ein Feuerwehrauto mit auch über hundert, ohne Blaulich, was mir aber egal ist – auch diese Fahrtwinddruckwelle trifft mich mit Wucht, aber irgendwie passt das zu meiner hanebüchenen hochschwangeren Taxigeschichte, denn die Frau hat ihr Teelicht brennen lassen, welches nun das Häuschen am Stadtrand von Fredrikshavn entzündet hat, ach, Herr Irgendlink, wie hanebüchen sind deine Geschichten. Feuerwehrauto im Einsatz ohne Sirene und Blaulicht, das glaubt dir doch niemand! Doch, so wars, ich schwörs. Mein Eid. Die Feuerwehren in Dänemark haben kein Blaulicht und Sirene, weil hier so wenig los ist. Sie sausen einfach durch dich hindurch und du merkst gar nix davon. Jawoll.

So treibt mich der Südwind nach Fredrikshavn. Das ist ein Fall fürs Clownfrühstück. Dieser Tag. Diese Situation, denke ich und formuliere am Stadtrand eine Geschichte mit einem Clown namens August-mit-A-mit-Kringel-drauf, der mal wieder so dumm ist, dass er mir ins Netz ging und ich ihn zum Frühstück verspeist habe. Seine Schuhe waren ein Yard lang und ich habe sie zu einem Kreuz geformt am Straßenrand aufgestellt.

Fredrikshavn ist die größte Stadt Norddänemarks. Gewitter jagen mich hinein. Es gelingt mir, über dreißig Kilometer weit, den Schauern auszuweichen, mich an Tankstellen unterzustellen, in Straßencafés abzuwarten, in einem Laden so lange einzukaufen, bis ein Hagelschauer das kurze Stück über die begrünte Sanddüne, auf der ich radele Richtung Nordosten überquert hat. In einem Schönpuppenkleiderlädchen kann ich eine Weile rumlungern, auf Einladung der Besitzerin. Ich helfe ihr, die Kleider, die sie vor der Türe stehen hat, hinein zu tragen, um sie vor dem Schlagregen zu retten. Etliche Damen im Laden, junge Frauen um dreißig, die sich die vorwiegend in rosa gehaltene Mode betrachten, ein bärbeißiger, nicht sehr amüsierter Kerl reicht seiner Freundin ein Kleidungsstück nach dem anderen. Ich mag den Laden. Die Besitzerin schenkt mir einen Spratz Kaffe ein – die Kanne ist leider fast leer. Es gibt Lebensmittel von hoher Güte, Tee, Kaffee, Gewürzöle, Geschenkartikel und Kleider. Ein sehr spezieller Stil, der die Touristinnen, die auf dem Weg nach Skagen sind, wie eine Aalreuse anzieht, sie fängt, sie erst wieder entlässt, wenn sie ein wenig Geld dagelassen haben. Bis vier Kilometer vor Skagen radele ich dank dieses geschickten Regenschauer-Hoppings im Trockenen, nur, um bei einer versandeten Kirche, von der nur noch der Turm zu sehen ist, im Schlagregen zu enden. Alle Kleider an, auch die Neoprengamaschen, komme ich in die Stadt, finde Rays Jugendherberge, stehe vor verschlossener Rezeption. Kaum zu glauben, die machen um 17 Uhr schon dicht. Da es mir wegen rauchender Zeitgenossinnen, die mürrisch vor der Tür stehen, nicht sonderlich attraktiv scheint, suche ich nach Campingplätzen. Wildzelten fällt flach. Die Gegend wirkt gut bewacht, naturgeschützt – überall um die Stadt sind Camping verboten-Schilder aufgestellt, Waldbrandgefahr, Hunde an die Leine, Privat … es gibt zwei Campings nördlich der Stadt, von denen ich den nördlicheren anpeile. Der regen lässt nach. Ray schreibe ich eine SMS. Seit Stavanger habe ich ihn nicht mehr getroffen, aber wir haben stets unsere jeweiligen wo-sind-wirs geteilt. Ich war immer ein bis drei Tage hintendran.

Nach dem Duschen steht sein Radel neben meinem Zelt und ich treffe ihn im TV-Raum, wo wir das neueste austauschen, beschließen gemeinsam weiter zu radeln am nächsten Tag. Ein Berliner Radler namens „Rute“, Rastaman, der gegen den Uhrzeigersinn um Dänemark radelt, gibt uns Tipps zu den „Shelters“. Das sind Biwackplätze mit hölzernen Verschlägen, in die man gerade so reinpasst zum Schlafen, Achtzig Zentimeter hohe Kabäuschen. Über tausend Stück gibts davon in Dänemark. Sie kosten 25 Kronen pro Nacht, wobei es schwer ist, das Geld zu entrichten, weil niemand da ist, dem man es geben könnte. Rute hat ein Buch, in dem auf dänisch die Shelters beschrieben sind und in einer Karte eingetragen sind. Drei heiße Tipps notiert er uns auf einen Zettel: Nummer 9, Nummer 63 und dann noch jenen, bei dem man aus dem Kabäuschen direkt auf die Nordsee schaut. Vorsorglich fotografiere ich die Karte und das Symbol, mit dem die Dinger auf Hinweisschildern gekennzeichnet sind. Die geheime Zwischenwelt halbhoher spartanischer Übernachtungsgelegenheiten, quasi Gleis Zweieinhalb von Dänemarks Campingwelt.

Die Dichte des Tages mit all seinen Erlebnissen und Bildern, lässt mich nachdenken über die Vermutung, dass Kunstschaffen und Schreiben einem unsichtbaren Zyklus folgt, ähnlich wie Mondphasen, und dass es gilt, die Durstphasen, in denen „nichts kommt“ ebenso zu meistern, wie die Überflussphasen, in denen fast zu viel ist. Fürs Liveschreiben eine enorme Herausforderung – wie halte ich einen splatterhaften Artikel, der sich aus der Vielfalt von Erlebnissen, die fast alle gleichzeitig auf einen herniederprasseln, zusammen, so dass er eine wohlige Form bekommt?

Klausbernds Anmerkungen in den Artikeln zuvor, das eine nachträgliche Überarbeitung der Einträge in diesem Liveblogbuch wihtig ist, kommt mir in den Sinn. Jawohl, so muss es sein. Und gleichzeitig darf man dem Proagonisten auch zuschauen bei seiner Operation am offenen Herzen der Literatur. Jetzt.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)