Die Hälfte seines Lebens verbringt der Mensch mit Anziehen. Die andere Hälfte mit Ausziehen. Alle Reißverschluss-Aufziehens und -Zuziehens zusammen gerechnet, zieht ein Durchschnitts-Westeuropäer 40.000 km Reißverschluss in seiner Lebenszeit. Das entspricht einem Reißverschluss, der einmal um die Erde spannt. Die Fläche aller Klettverschlüsse, die ein Mensch in seinem Leben auf und zu macht, ist so groß wie Österreich.
Ein ganz und gar Suchmaschinenunoptimierter Beitrag mit der Hoffnung auf Heureka, er kann es noch …
Stampfmugge in den unerklärlichen Weiten des eigenen Hirns: Ja lebt denn der alte Holzirgend noch … ouh Shallala. Der Junge mit dem wehenden Haar, der auf seinem Seelensurfbrett durch den Alltag reitet auf den meterhohen Wellen eines selbsterdachten Phantasie-Pazifiks-in-Hawaii?
Es ist in diesem Artikel höchste Zeit, dass etwas passiert – Exkurs in den ganz normalen Alltag eines ganz normalen Menschen.
Sonntag. Raus zum Naturwunder. Per Rad. 18,8 Kilometer von Daheim entfernt. Volle Wintermontur. Vier Westen übereinander, zwei paar Socken, sechs Meter Reißverschluss, Minus 10-Grad Handschuhe. Was auch bitter nötig ist, denn die Füße werden und werden nicht warm auf der Tour. Ich fahre langsam, passiere, nicht gerade in bester Laune, jede Menge Sonntagsspazierende. Viele alte Leute, die sich auf Gehwägelchen stützen und denen ins Gesicht geschrieben steht, wie knapp sie den Winter überlebt haben. Aber auch junge Paare mit dick vermummten Kinderwagen. Ein vorsichtiger Hundegassieführer mit einem Bub im Schlepptau, der sich wackelig zaghaft auf Rollskates versucht. Auf dem Hinweg zum Naturwunder, eine bizarre Eiche mit überladender Krone, die nur im Winter gut aussieht, grüße ich niemanden, schaue stur gerade aus. Eigentlich bin ich in diesem Moment so wie die meisten Menschen, nicht ich. Erst beim Naturwunder bessert sich die Laune. Ich taue auf. In den Bereichen ewigen Schattens, die hierzulande zum Beispiel Straßengräben sein können, in denen um diese frühe Jahreszeit nie auch nur ein Sonnenstrahl ankommt, liegt noch immer Schnee. Kaum Plusgrade, und, so weit ich mich entsinne, das erste bisschen Sonne für dieses Jahr. Gab es einen trüberen Winter, als 2012/13? Wird mit zunehmendem Alter der Winter, rein gefühlt, immer bedrohlicher? Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal, schießt es mir in den Sinn. Hoch über Dietrichingen habe ich einen Prima Weitblick über die gelbgrünbraunen Felder, das kahle Land. Der Rückweg ist von einer ganz andern Laune geprägt. Irgendwie kommt mir das Lied „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen Sonnenschein …“ ins Ohr und geht nicht mehr weg. Ein Gutelauneschlager aus den Siebzigern – bei Youtube konnte ich ein Stück mit Nana Mouskouri ausfindig machen:
Bei Flann O’Brien las ich einst: die Richtung, in der man einen Weg bereist, ist von elementarer Bedeutung. Je nachdem fliegt einem der Weg nur so entgegen, während er umgekehrt zur qualvollen Marter wird. Was wohl auch auf die Laune zutrifft. Der Rückweg, auch Glückweg genannt, fliegt mir tatsächlich entgegen. Auf der Sprachfunktion des Fons sammele ich Ideen, akustische Skizzen zwar vermutlich wertlos, aber es ist ein gutes Gefühl, der dahinschreitenden Gegenart ein paar Fetzen abzutrotzen für das eigene Archiv. Ich fabuliere die Namen fiktiver Künstlerinnen und Künstler, denen ich eine Geschichte andichte. Angefangen hat alles vor einem Jahr mit Heiko Moorlander, den ich in einer Fonkunstplattform als Mud-Art-Künstler etablierte. (Später taucht Moorlander noch einmal auf in diesem Artikel bei Haushundhirsch – dort wird die Mud-Art-Legende leider ziemlich diskreditiert (siehe Kommetare des Artikels)). Seither macht es mir Spaß, Menschen zu erfinden. Stella Steinrich, sie hat nur wenige Jahre gelebt, ist bekannt geworden durch ihre „Secret Sekrets“, die geheimen Sekrete. Vielleicht lasse ich sie als Stellvertreterin bei der örtlichen Künstlergruppe auftreten.
Zugegebener Maßen muss auch die Hintergrundarbeit in den technischen Innereien dieses Weblogs sein. Und bis zu einem gewissen Grad darf sie sogar öffentlich in Artikeln wie dem vorigen ausgebreitet werden. Was bin ich anderes, als ein Suchender zwischen Zukunft und Vergangenheit, der all-täglich versucht, ein Maximum an Glück zu schöpfen?
Das Kerngeschäft dieses Blogs ist seit über einem Jahrzehnt doch der Alltag, nicht wahr? Selbstbefragung, rhetorisch, inclusive Selbstbeantwortung: Ja.
Früher kümmertest du dich nicht im Geringsten darum, ob die Blogeinträge suchmaschinenoptimal sind, ob sie gefunden werden, ja, es war dir sogar egal, ob überhaupt jemand sie liest. Aber seit Betreten der Leistungsspirale weht ein anderer Wind, Mann. Und der schadet so viel wie er nutzt. Natürlich wird das Blog bekannter, durch diese „Maßnahmen“, aber mal ehrlich, die herzige, leutselige Rede, so wie jetzt, die ist dir doch abhanden gekommen …
So dudeln die Gedanken um das, was ich tue. Den Alltag als Themenschwerpunkt habe ich wohl ziemlich vernachlässigt, bzw.: sind nicht die technischen Dinge auch Teil meines Alltags?
Ganzheitliches Begreifen des Internets. Datenbanken, Content, Content, Content, Bilder und Verknüpfungen, ständiges Agieren und Reagieren. Treiben im Strom, aus dem man sich an der rechten Stelle löst, den Kopf in die Luft reckt, sichtbar wird für den kurzen Moment eines Atemzugs. Wieder abtauchen in die Innereien der vollinformierten Gesellschaft. Begreife dein Blog als eine Art spiralös vernetzten Mutterkuchen, auf den du in verschiedenen Schichten die sozialen Medien aufsetzt.
Pechschwarzer Bildschirm. /bin/bash. Die Konsole. Das Leben ist nur eine Verkettung verschiedener Textanweisungen, die auf ein Arsenal vordefinierter Programme zurück greift. Alles andere ist Hokuspokus. Spiegelfechterei. Pfauengehabe.
Mittlerweile ist das Blog – zu Forschungszwecken – mit Twitter verknüpft. Jeder Eintrag wird automatisch in den Mikroblog gepresst. Immerhin vier Follower habe ich schon. Gibt es einen verlasseneren Twitter-Account, als den meinen? Standardmäßig übernimmt Twitter den Blogtitel als Tweet. Von Twitter geht es – zu Forschungszwecken – weiter zum Facebook-Account. Man könnte sagen, ich arbeite an einer spiralösen Content-Infrastruktur. Das nächste Live-Blog-Projekt kommt schon bald. Dieses mal mit mehr Social Media Tamtam. Neben ein paar kommerziellen sozialen Medien, wie etwa Spreadshirt und iPhoneart, letzteres eher bedeutungslos, plane ich weitere Präsenzen – nur zu Forschungszwecken. Getreu dem Motto: wieviel Soschelmedia darfs denn sein? Darfs a Scheiberl mehr sein, gnä Herr? Ich Wurstverkäufer der feinen Künste.
So gehen die Tage des Januar und auch der Februar dudelt zu Ende und Mosjö Irgendlink ist mit ölverschmiertem Gesicht wie ein Automechaniker unter der Haube des Internet tätig. Dichtungen erneuern. Luftfilter. Ölwechsel der feinen Künste. Shellskripte automatisieren endlich die Backups auf dem Server. Welch Segen. Und auch ein bisschen Kunst kommt auf den Weg. Zwei Reiseprojekte baldowere ich aus, unklar, ob ich vor September starten kann. Überhaupt scheint mir 2013 um Lichtjahre ungewisser, als die Jahre zuvor. Erst als ich mich auf die Sterblichkeit konzentriere gelingt mir vor ein paar Tagen, wieder Struktur in mein Denken zu bringen. Je älter man wird, desto mehr lernt man Sterblichkeit (mit all ihren Gefahren für das Überleben :-)), als Peilstab in die Zukunft, der Sicherheit und dem Komfort vorzuziehen.
Mit erschreckender Rasanz geht die Auslagerung von Wissen aus dem eigenen Kopf vonstatten?
Montags und dienstags gehen so viele Dinge schief. Früher mussten Loungemöbel daran glauben. Heute sind es Daten. Ich darf beruhigen: die Montagsproduktionen aus dem Hause Irgendlink sind dennoch ganz passabel. Sie haben einen gewissen quasiomodoesken Charme. Und aus Fehlern lernt man ja. Soeben ein 1GB Datenbackup durch nassforsche Befehlseingabe geschreddert. Mit einem „Puuuh“ und „Schweißwisch“ von der Stirn sinkt der Blutdruck langsam wieder. Man müsste Montag und Dienstag durch Samstage ersetzen. mv Montag Samstag
Papierbildhauerei und Pixelmeißelei. Lässt sich im Grunde jedes menschliche Handeln auf Bildhauerei zurückführen? Mühsame Wegnahme von Unnötigem führt zwangsläufig zu einem Endergebnis.
Das Arbeiten in den Systemen auf dem Rechner und auf dem Server wäre ohne ausgelagertes Wissen im Netz kaum möglich. Dennoch bleibt das eine oder andere Stückchen Wissen hängen. Sei es nur, dass man wissen sollte, wo das Wissen liegt, das man jeweils benötigt. Ich weiß, dass ich nichts weiß versus ich habe vergessen, dass ich nichts weiß versus jemand anderes weiß, was ich nicht weiß versus niemand weiß, dass ich nichts weiß versus ich weiß, dass niemand etwas weiß versus ich weiß, dass ich etwas vergessen habe versus niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.
Spätestens seit der Erfindung der CD rückt die Beständigkeit von Daten in ein immer enger werdendes Zeitfenster, so eng, dass mittlerweile jedem Menschen klar sein dürfte, wie vergänglich wir und unser Wissen sind. Egal ob Papier, Papyrus, Vinyl oder gar Stein. Alles vergeht. Und zwar schneller, als uns lieb ist. Wie weit blicken wir zurück? Wie tief ist die Schärfe, mit der wir Vergangenes sehen? Wie genau ist unsere Vorstellung? Ein-, Zweitausend Jahre? Ach was, schon an der eigenen kleinen Menschengeschichte, den letzten zehn zwanzig Jahren erkennt man, wie trügerisch die Vergangenheit ist. Eine Lösung des Archivierungsproblems wird es wohl nie geben. Dafür ist die Ewigkeit einfach zu ewig. Einen interessanten Ansatz der Archivierung verfolgt der Keramiker Martin Kunze aus Gmunden im Salzkammergut. „Memory of Mankind – ein Kratzen am Mythos Vergänglichkeit“ weiterlesen