Walkaround Mainz

Die grünlich bis bläulich colorierte Landkarte aus der Openstreetmap, deutsche Ansicht, zeigt die Fläche der Landeshauptstadt Mainz etwas dunkler blassblau hinterlegt. Sie hat die Form einer senkrecht stehenden Raute mit einer kleinen Beule am unteren rechten Rand. Vier blaue Marker zeigen die Extrempunkte Nord, Ost, Süd und West und in der Mitte ist der Schnittpunkt dieser Punkte als Mittlpunkt verzeichnet. Es sind nicht sehr viele Details in der Karte erkennbar, aber die Hauptrouten wie der Autobahnring, der Rhein sind deutlich. Links oben ist eine Projektbeschreibung als weißes Tablar eingeblendet.

Eine Wanderung entlang der Stadtgrenze von Mainz

Relation 62630 ist in der Openstreetmap der Code für die Zusammenfassung der Stadtgrenzen der Rheinland-Pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Der Künstler Irgendlink (Jürgen Rinck) folgt dieser Linie auf möglichst nahe begehbaren Wegen und erstellt ein künstlerisches und literarisches Profil des umwanderten Gebiets. Geodaten, Koordinaten, Fotos, Ton- und Filmaufzeichnungen speisen das multidimensionale Erlebniskunstwerk als zunächst grobe Datensammlung, die sowohl in Echtzeit, als auch im Postprozess zu haptischen oder digital erlebbaren Kunstwerken bzw. Videos weiter entwickelt werden.

Der postmoderne „Walking Act“ ist live erlebbar und kann an einem noch zu bestimmenden öffentlichen Ort als eine Art moderne Wandzeitung in Echtzeit miterlebt werden. Und natürlich auf den ans Internet angeschlossenen Endgeräten zu Hause.

Streckenlänge ca. 60 bis 80 km.

Auftakt einer neuen Serie. Dieses Jahr möchte ich unter dem Label „Walkaround“ die eine oder andere Stadt wandernd porträtieren. Mögliche Kandidatinnen sind Mainz, Zweibrücken und Pforzheim. Für Mainz habe ich schon eine Projektskizze in meiner uMap angelegt.

Am 10. Mai wird es gemeinsam mit den Künstler-Kollegen Büttner und H. rund um Limburg gehen. Mehr Infos folgen in Kürze … um ehrlich zu sein, steht dieser Artikel vor allem deshalb hier, weil ich einen ersten Artikel benötige, um dem nigel nagel neuen Schlagwort „Walkaround Mainz“ Leben einzuhauchen.

Eine feine Woche wünsche ich allerseits.

Finally Happy – eine Ausstellung, die beinahe nie kreiert worden wäre

Handgeschriebener Zettel, auf dem geschrieben steht Finally Happy. Der Zettel hat eine ovle Risskante ringsum.

Ich schriebs auf einen Zettel, finally happy, und dachte, hey, sieht irgendwie ganz schick aus, deine Handschrift ist nicht so tatterig wie sie sein könnte, gut so. Das dürfte fast ein Jahr her sein und ich riss den Wortfetzen vom großen Blatt, verwahrte ihn in einem Stapel voller Wortfetzen, man weiß ja nie und verbrannte den Rest, auf dem Abgearbeitetes geschrieben stand.

Es war um die Zeit als ich mit Becks über eine mögliche Ausstellung debattierte: Machen wir doch eine Retrospektive, wie lang bist du schon dabei? fragte der Galerist. 1995, sagte ich. Ungefähr. Na, das passt doch. Dreißig Jahre.

So kam es und letzten Sommer wollte ich die Ausstellung eigentlich absagen, weil ich keine Lust hatte, darauf hin zu arbeiten oder vielmehr, keine Lust, im Rampenlicht zu stehen. Meine Welt ist doch eher die live bloggende, schön abgeschirmte, mit Menschenkontakt in erträglichen Dosen, als diejenige mit vielen Leuten in einem Raum, die alle plaudern und dies und das wissen wollen oder dies und jenes schlecht oder gut reden. Absagen wollte ich und schob die Absagemail an den Galeristen raus und raus und raus und irgendwann schien es mir dann zu spät und außerdem hatte ich ohnehin schon angefangen, die letzten hundert Jahre Irgendlink, ja ja, hundert, ich scherzte mit mir selbst, aufzuarbeiten. Wie soll die Ausstellung denn heißen, fragte die Galerie ende Dezember an. Öhm, Retrospektive? schrieb ich und reichte noch ein paar Ideen nach, die ich nicht einschätzen konnte. Hundert Jahre Irgendlink stand darauf, Botschafter des langsamen Vorankommens und eben Finally Happy. Sowie, ich hatte gerade die Crowdfunding-Collage der Kunststraße nach Gibraltar vor mir liegen und darauf stand Ich sah, Rad und schriebte. Ja. Genau. Das schicke ich denen nun und dann sollen sie sich etwas raussuchen. Mir steht der Kopf ohnehin sonstwo.

Letztlich fand ich es fasziniernd, wie eine Ausstellung, die ich lieber nicht machen wollte, bzw. die ich nicht vernissieren wollte, im Kopf Gestalt annahm und ja, ich freute mich. Und ich freue mich nun, eine Woche vor der Eröffnung immer noch.

Vorgestellt hatte ich mir ein museal ausgearbeitetes rundum glücklich Ding mit auf die Wände aufgeklebten Begleittexten, einem Zeitstrahl von 1991 bis 2026* und einer Art Tour, die die Menschen, die die Ausstellung schauen würden, durch das nachgezeichnete Künstlerleben führen. Ich hatte sogar Kunstsammlungen angefragt, ob sie Leihgaben hätten, aber das scheiterte leider an den verwalterischen Dingen wie Versand, Versicherung, keine abschließbare Vitrine, kein pi, kein pa oder po.

Kurzum, es läuft eigentlich wie immer wenn ich ausstelle. Das Maximalprogram ist im Kopf längst real und die Wirklichkeit holt mich da ab wo ich bin, im eigenen Atelier. Ich packe Kisten, rahme noch ein paar Kleinigkeiten und Samstag in acht Tagen transportiere ich alles zur Galerie, die nur fünf Kilometer vom Atelier entfernt ist. Erwarte leichtes Hängespiel.

*es sind denn doch eher 35 Jahre Rückschau.

Hier die Einladung mit Appspressionismen aus dem Jahr 2025. Kommt Alle!

Ausstellungeinladung. links sind sechs Bilder zu sehen. Zwei dovon zeigen Europaletten, zwei zeigen Landschaft, eines eine menschliche Silhouette, die im Gegenlich vor blauem Himmel ein Handy hoch hälz. Ein Bild ist eingelber  Kreis, in dem geschrieben steht Save the Date. Rechts daneben stehen die Ausstellungsdaten und der Titel Jürgen Rinck Ich sah, Rad und schriebte. Sonntag 1. 3. 2026 ab 16 Uhr.

Galerie m beck | Homburg
Schwedenhof | Am Römermuseum
Am Schwedenhof 4
66424 Homburg/Saar
Germany
Tel +49 6848 70119 0
ger@comebeck.com

Öffnungszeiten vom 1. März bis 3. April 2026:
Mittwoch 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Donnerstag 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Freitag 11 – 14 Uhr
Und nach Vereinbarung

Opening Reception:
So 01.03.2026 16 Uhr
Livestream auf Youtube

Weitere Ausstellende:
Christine Tophoven
Friedhard Meyer
sowie verlängert die Ausstellung von Christian H. Friedrichs

Alltag, der 11. Februar 2026 – von Selfbeuteln, lustigen Objekten und rindsledernen Bossen

Weiße Blechtasse mit silbernem Rand, Griff rechts auf hellem Grund. Aufdruck ist ein Karnevalshut wie man ihn aus Mainz bleibt Mainz Kennt, sehr bunt und darunter der Schriftzug Närrin mit drei R, auch bunt.

Heute ist ein großartiger Tag. Ich habe endlich aufgegeben. Aufgegeben daran festzuhalten, dass die kommende Ausstellung exakt so und so wird. Dadurch wird einiges an Energie frei. Die Karten neu gemischt, neue Ideen haben wieder eine Chance.

Kommt mir der lederne Geldbeutel von BOSS gerade recht, wie er so rumliegt und ich keine Verwendung habe dafür. Wenn ich die Objekte-Ecke meiner Retrospektive umsetze, könnte dies mein neuestes Objekt werden. Ich fummele an dem nigelnagelneuen Lederding herum; der Kontakt mit den Händen, der Haut, das Ertasten lässt langsam eine Idee wachsen. So muss sich das Eierlegen für ein Huhn anfühlen. Was war zuerst da, die Idee oder das Objekt?

Was, wenn ich mit dem Geldbeutel den uralten Kinderstreich inszeniere, wie wir ihn tatsächlich als Fünf-Sechsjährige in den 1970er Jahren in einem kleinen Dorf in der Nordpfalz gespielt hatten? Wir banden eine Angelschnur an einen Geldbeutel, legten ihn auf den Gehweg vor unserem Haus, versteckten uns hinterm Zaun, hielten das Ende der Schnur und warteten auf Kundschaft. Wenn jemand käme und den Geldbeutel aufheben wollte, würden wir an der Schnur ziehen und schwupp …

Es kam jemand, trat auf die Schnur, riss den Geldbeutel ab und nahm ihn mit.

So sehe ich meine Retro-Inszenierung des Geldbeutels mit der sündhaft teuren Brieftasche von BOSS, die ich nie genutzt hatte plötzlich als Element einer Kunstretrospektive eines zig Jahre alten erwachsenen Mannes. Das Hirn schuftet schnell. Ich könnte, sehr edel, eine Öse in den Rindsledernen einstanzen, Stahlseil durchführen und das Seil zu einem fest verschraubten Haken an der Galeriewand führen, wo es mit einem Vorhängeschloss gesichert wird. Dann soll mal einer kommen und versuchen, auf das Stahlseil zu treten und das Ding abzureißen. Ne ne, mit mir nicht! Ich habe meine Lektion gelernt.

Der Geldbeutel braucht aber noch Inhalt. Wo sind die Kreditkarten, wenn man sie einmal braucht!? Es gibt zudem ein Fach mit Sichtfenster, in das ein 15 cm hohes Motiv im Format 2:1 passen würde. Ein Selfie? Der Titel Selfbeutel war geboren. Schnell nahm das lustige Kunstwerk Kontur an. Neben dem Vorhängeschloss könnte ich noch eine AGB aufhängen, eine Allgemeine Geldbeutel Bedingung, in der steht: „Wer dieses Kunstwerk aufhebt und hineinschaut, verpflichtet sich zu einer vertraglichen Einlage von (sagen wir einmal) fünf Euro.“ Das ist nicht zu viel. Zumal der hochwertige Geldspeicher aus dem Hause BOSS sowieso kein Fach für Münzgeld hat und ich somit auch keine günstigeren Preise machen könnte.

Du bist fast live dabei beim Entstehen einer Idee. Und wenn Du mich später einmal fragst: Ich schätze, diese Idee führt dazu, dass ich tatsächlich eine Kunstwerke-Gruppe Objekte mitnehme in meine Retrospektive. Ich hatte gehadert, ob ich es meinen Besuchenden zumuten darf, aber es wird bestimmt eine kleine Abwechslung im ansonsten eher ernsten Ausstellungsgeschehen. Zu den Objekten passt auch prima das QR-Code-Projekt, das ich erstmals 2014 zur Ausstellung Code 5 inszenierte.

Da der Selfbeutel erst im Kopf existiert, füge ich ein anderes Objekt als Titelbild zu diesem Artikel.

Die Tasse auf dem Artikelbild gibt es in meinem Seedshirt-Shop.

Alltag, der 4. Februar 2026 – ephemer bis zum Gehtnichtmehr

Bronzeskulptur eines Treidelpferd-Reiters am Main. Der Reiter sitzt quer auf dem Rücken. Im Hintergrund der Fluß und auf der anderen Seite grüner Baumbewuchs.

Die Sonne kämpft mit dichtem Hochnebel. Schon früh rief Künstlerkollege KRD Hundefänger an und holte mich aus dem Bett, das ich dieser Tage nur ungern verlasse. Der Übergang von Traum zur Wachwelt kostet in den letzten Monaten eine ziemliche Überwindung. Ich will nicht da raus! Ich will keine News, keine Probleme wälzen und obschon die Träume alles andere als erquicklich sind, scheinen sie mir dennoch geringer von Übel als das Gezeter und Gezerre der echten Welt.

KRD rief an, um eine Email zu beantworten, die ich ihm geschickt hatte. Sie sei verschlüsselt und er habe nicht die Lust, sich ums Entschlüsseln zu kümmern, also besser Telefon. Gutso. Seit Jahresbeginn schufte ich hart an der Unpluggung, am Umbau von den Konzernen weg hin zu mehr Datenschutz, Datenhygiene, google-und applefreiem Zeugs. Flagschiff ist das neue Handy, das mir die Liebste zum Geburtstag schenkte und auf dem das googlefreie Betriebssystem GrapheneOs läuft. Da ich mit der Neuinstallation, weg vom Konzern, schon einmal dabei war, räumte ich allmögliches Zeug auf: Kalender und Kontakte in die eigene Nextcloud synchronisiert, einige Linux-Maschinen, die bei mir zum Einsatz kommen geupdatet, die Mailprogramme umgestellt, Mails verschlüsselt, die Gmail-Adresse zwar nicht gelöscht, aber weitergeleitet. Und weil es sich anbot im Rausch des Säuberns und Umbaus, räumte ich das Adressbuch auf, entfernte doppelte Kontakte, recherchierte fehlende Datensätze, pi, pa, po. Außerdem drei Raspicomputer in Ordnung gebracht, die mir in der kommenden Ausstellung als Slideshow-Minis dienen sollen; neuen Monitor gekauft extra für die Ausstellung. Ich liebäugele, auf einem der Raspis eine Slideshow zu zeigen und auf dem anderen, dem mit dem handygroßen Miniscreen, einen Film. Entweder den zwanzig Stunden langen Film „Mit dem Rad zur Liebsten März 2025“, oder den Bliestallabyrinthfilm in Echtzeit, der etwa vier Stunden lang ist.

Im Zuge der Filmideeërei habe ich mir auch das ungeschnittene Videomaterial das seit Jahren auf den Rechnern liegt vorgeknöpft und einige Projekte zu Ende gebracht. Mit der letztjährigen Irgendwohintour bin ich nun fertig mit dem Schnitt von Tag zwei. Der Film lädt gerade hoch zu meinem Tchncs-Account. „Mit dem Rad zur Liebsten 2025-März“ habe ich als 800 px breites Video gerendert als heißer Kandidat für die Ausstellung bei Becks. Es ist ein schlichtes Straßenfilmvideo, hatte einfach die Kamera auf dem Lenker mitlaufen und filmte drei Tage der Reise, insgesamt knapp 20 Stunden Film. Gedacht ist das Material eigentlich für meine Zukunft, falls sie nicht so rosig wird, ich womöglich dement oder hinfällig in einem Pflegeheim lande. Dann kann ich meine eigenen Radreisen als eine Art Slow-Movie anschauen.

Ich schlafe schlecht. Nachts grübele ich oft ums Weltgeschehen im Balltanz mit dem eigenen kleinen Leben. Letzte Nacht allerdings ging es in der unruhigen Wachphase um die kommende Ausstellung, die Retrospektive bei Becks. Hab Sorge, nicht fertig zu werden. Ach was, ich werde nicht fertig! Kunst ist nie fertig. Und am Ende, kurz vor Ausstellungsbeginn, mache ich immer Abstriche an die Realität. Am meisten nerven mich die Formalitäten. So muss ich der Galerie logischerweise eine Kunstwerkeliste zukommen lassen. Preise, Titel, Formate, Werksfotos, ein Statement und einen Ausstellungstitel. Nuja, sind noch zehn Tage Zeit.

Dennoch, ich muss endlich auf die Tube drücken. Hätte ich bloß in diesem Blog die begonnene Skizze weiter geführt – vor Weihnachten gab es ein paar Artikel, die sich mit den einzelnen Elementen der Ausstellung beschäftigten und ich hatte überlegt, wenn ich alle Ideen, die mehr oder weniger chaotisch in meinem Kopf miteinander rangeln hier skizziert hätte, dann wäre es leichter, die Ausstellung zu bauen. Was man einmal niedergeschrieben hat, ist oft klarer und sakrosankter als das wieder und wieder Gedachte aber nie Ausgesprochene. Selbst wenn man es nicht noch einmal liest, der Druck der Finger auf die Tasten ist wie ein Geben an die Echtheit der Welt. Ein haptisches Wahrmachen von Dingen, die ansonsten mit all den anderen Gedanken für immer im Kopf geistern, ungeformt, unausgesprochen, ephemer bis zum Gehtnichtmehr.

Alltag, der 10. Januar 2026 – ran an die Arbeit

Winterlandschaft im Weitwinkel. Blick unter kahlen, von Misteln bewachsenen Ästen hindurch auf eine ferne Zeile Obstbäume in schneebedecktem Feld.

Zwei Wochen „außer Dienst“, obschon ich zwischenzeitlich immer wieder versucht war, etwas zu tun. Als freischaffender Mensch hat man die Freiheit ebenso wie die Last, dass man seine Zeit frei einteilen kann, dass man seine Zeit frei einteilen muss. Und da viele Arbeitsschritte im Kopf stattfinden, was Grübelei und Sorgen bedeutet, ist es oft nicht möglich, „einfach abzuschalten“. So hatte ich den PC mitgenommen in den Ferien in Frankreich, ihn zum Glück nur einmal angeschaltet, um für eine Stunde etwas aufzuschreiben, das Hirn zu sortieren; die Stille und das weite Wegsein von der Heimat brachte ihr Übriges. Man konzentriert sich andernorts, dem Alltagsgewirre entronnen doch viel leichter auf das Wesentliche, als mittendrin. Wohnen. Einfach nur wohnen. Bis mittags in der Ferienbude, dann Ausflüge in die herrliche Juragegend. Die GTJ, die Grande Traverse du Jura, ein knapp 400 Kilometer langer Fernradweg führte durch unsere Feriengegend. Immer wenn ich die Hinweisschilder entdeckte, begann ich zu träumen, ey, das machste wahr dieses Jahr. Die Route startet in Montbeliard, welches ungefähr auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone liegt, dort wo sich Vogesen und Juragebirge beinahe berühren. Über Landstraßen gehts südwestwärts immer entlang des Juras und des Flüsschens Doubs und über zahlreiche Höhenmeter bis in die Gegend um Lyon, glaube ich. Das machste wahr. Und im Kopf noch so viele andere Dinge wie Norwegen natürlich, und für die eigene Künstlerarbeit mal wieder live bloggend rund um viele Länder. Dennoch: Ich schwanke mal wieder, aufzugeben. Den Künstlerberuf an den Nagel zu hängen. Nichts mehr zu tun. In den letzten drei vier Jahren ist die Gefahr ziemlich groß, dass ich das tatsächlich mache. Vielleicht hält mich nur davon ab, dass ich mittlerweile in einem Alter bin, in dem ich sowieso keine andere Chance mehr habe als weiter zu machen. Gefällt mir gar nicht. Der Körper geht langsam kaputt. Das Hirn ebenso. Ich lerne, das Ende zu verstehen und wie zur Verhöhnung drischt das große Weltengeschehen unermüdlich auf mich ein, drehen scheinbar alle Menschen um mich durch, frisst sich der Krieg von den vielen „echten“ Fronten dieser Welt, gepowert durch die hysterisierende und polarisierende Kraft giftiger sozialer Medien bis in den eigenen Freundeskreis, bis in die eigene Familie. Zum Glück nicht mit Waffen wird er ausgetragen, aber ich frage mich, ob es im Nachhinein einen Unterschied machen wird, ob ein Krieg mit Waffen oder mit Gedanken und „Meinungen“ geführt wurde.

Okay, ich gebe zu, das ist so ein spezielles Irgendlink-Ding. Die Verlagerung der vermeintlich so echten Welt – haptisch-physischen Gesetzen gehorchend wie sie ist – in die eigene Gedankenwelt. Immer öfter erlebe ich für mich, dass ich denke, das und das sollteste tun, diese Ausstellung dort und dort realisieren, dieses Liveblog da und dahin durchführen, die Leute dabei mitnehmen und dann denke ich mich ein in die Sache und es fühlt sich fast an, als würde ich es tatsächlich erleben und ich arbeite es aus bis ins feinste Detail und am Ende sage ich mir, gutso, das haste auch erledigt, brauchst gar nicht da raus in die echte Welt. Willkommen Sofa, willkommen warmer Ofen. Ich hänge unten eine Liste der Gedankengebäude an. Allesamt Liveblolog Projekte, die ich noch zu realisieren, äh, oder auf dem Sofa auszusitzen gedenke.

Schaue die Welt durchs Fenster an. Hier gleich rechts neben meinem Arbeitsplatz. Garstig kahle Hecken neben glänzenden Hainbuchenstämmen, mit Neuschnee belagert. Wind aus Südwest. Gestern war sämtlicher Schnee weggetaut. Ein Sturm namens Elli zauste am Land, selbst hier in der Pfalz recht wütend. Ich hatte einen Termin beim Kardiologen. Mal das Herz anschauen nach Blutdruckeskapaden, Rhythmuskapriolen, Bruststechen, -bohren und -ziehen. Der Herzdoktor erklärte, ich sei vermutlich gesund. Ich solle die Tabakexzesse, die ich ein- bis dreimal im Jahr mit den wenigen Freundinnen und Freunden, die noch rauchen, exerziere, ganz sein lassen; kein Problem sagte ich. Tabak ist weit weg, wenn er weit weg ist. Die Arztpraxis hatte ich zuvor als Absteige bezeichnet, weil es ein kleiner Ärztekonzern ist, den der Kardiologe aufgebaut hat, der mir vor zwei Jahrzehnten prophezeihte, dass mein Herz irgendwann stehen bleiben würde. Die angestellten Doktorinnen und Doktoren haben eine hohe Fluktuation, doch vermutlich hatte ich Glück und einen hoch motvierten Menschen am anderen Ende des Echogeräts. Hasse mich ein bisschen dafür, dass ich die Praxis als Absteige sah. So despektierlich, denn ich wurde nett behandelt, musste gar nicht warten und überhaupt gab es den Termin sprichwörtlich von heut auf morgen, also von vorgestern auf gestern. Gutso für einen Herzwehzimperer wie mich. Da hat das zur Hypochondrie neigende Gehirn nicht genug Zeit, ein Krankheitsluftschloss zu errichten.

Ich sehe gerade, ich gerate ins Plaudern. Egal, mach mal wieder Alltag, Mann. Ist Fingerübung. Taste Dich an die Arbeit heran. Schließlich sollte man sich vor dem Leistungssport auch erst aufwärmen.

Wie erwähnt, nette Menschen. Die Sprechstundenhilfe nahm mich sofort nach dem Checkin mit ins Behandlungszimmer, legte mir ein EKG an, eiskalte Gummimanschetten, erklärte mir, was wie muss und wie ich auf der Behandlungsliege mich positionieren solle. Wir plauderten über den Sturm, und dass er oben auf dem Berg bei mir daheim gar arg zauste. Er solle noch schlimmer werden, samstags. Und dass der Schnee über Nacht weggetaut ist, sagte ich, so bedauerlich, so etwas erleben wir ja nur noch selten. Ich kam mir vor wie ganz normaler Mensch unter ganz normalen Menschen. Fast fühlte sich diese mikroskopisch kleine Zeiteinheit im Umgang miteinander an wie früher in der heilen Welt, bevor alle an die Meinungsfronten gerückt sind und ihre Schützengräben ausgehoben hatten.

Nun Samstag. Eigentlich kein guter Tag, um wieder mit der Künstlerarbeit zu beginnen. Als abhängig Beschäftigter würde ich erst Montag neun Uhr wieder im Job sein müssen. Das Hirn aber tut was es will und es beißt sich an der kommenden Retrospektive fest. Noch anderthalb Monate bis zur Ausstellungseröffnung. Ich habe das Konzept halbwegs im Kopf und wenn ich so darüber nachdenke, das genügt mir eigentlich. Es wäre okay, die Ausstellung dabei zu belassen, ein Kopfgebäude zu sein. Ich weiß, welche Bilder wo hängen werden und ich habe viele schöne Dinge eingebaut in die Ausstellung …

Hier die versprochene Liste meiner Luftschlösser:

  • UmsLand Sachsen
  • UmsLand Baden-Württemberg (ach seit wievielen jahren liebäugele ich damit)
  • UmsLand Brandenburg (darauf hab ich richtig Lust)
  • UmsLand Hessen (steht auch schon lang auf der Liste)
  • Andorra (da gabs letztes Jahr einen Bericht über einen Wanderweg rings um)
  • Thüringer Wald (hätte ich voll Bock drauf. Die Runde ist etwas größer als nur der reine T-Wald, dafür aber auf ausgeschilderten Radrouten)