Tag 6 | #AnsKap. Die Strecke

Von kurz vor Gemünden ging die Reise ins Tal der Fränkischen Saale. Ähnlich wie 1995, nur statt auf Hauptstraßen auf Radwegen. Über Hammelburg und Bad Kissingen bin ich nun auf einer frisch gemähten Wiese in einer Saaleschleife oberhalb von Kleinbrach angekommen. Direkt am Fluss. Er murmelt. Hinterm Zelt etwa 100 Meter entfernt ist ein Wäldchen, aus dem – ich glaub das sind Rehe – so eine Art röhrendes Bellen kommt. Das ist unheimlich.

Ich kann kein Bild hochladen, da mein Datenpass schon wieder verzehrt ist. Stellt euch einfach einen Sonnenuntergang vor. Und zwei Flieger in neun Kilometern Höhe, die parallel fliegen und dazwischen schimmert scharfkantig die Mondsichel. Garniert wird das Ganze von Zelt und Fahrrad et moi mème.

Ich wünsche euch ein erholsames Wochenende.

Grenzen – Tag fünf #AnsKap

Dieser verflixte Spessart. Ich erinnere mich. In dieser Gegend ist die Erde eine Scheibe, die schief hängt.
Ungünstiger Weise in eine Richtung, dass ich mit dem fünfzig Kilo schweren Radel bergauf kurbeln muss. Hinter mir Wolken, die mit jedem Umdrehen, jedem argwöhnischen Beobachten dunkler werden, regenschwerer, sich irgendwann unweigerlich ausschütten werden.

Schaffe ich es noch vor dem Regen über den Spessart? Wie hoch ist der – zugegeben milde Pass, der über die B26 nach Lohr am Main führt?

Sie graben einen Tunnel durch den Seekopf. So heißt offenbar der Berg. So heißt auch der Tunnel. Überall Baustelle. Schmutz, Laster, Schlaglöcher.

In Hain ist das eine Ende. Das Spessarttor, prang ein Schriftzug auf einem Schild.

Hain ist auch der Ort, ab dem ich die B26 nehme, statt mich mit den miserablen Radwegbeschilderungen rumzuärgern. Stetig im zweiten Gang geht es bergan. Nichtendenwollend. Mit den Augen versuche ich die Passhöhe herbeizuzerren.

Hinter jeder Kurve muss es doch endlich mal wieder bergab gehen.

Kolonnenweise überholen mich Autos und LKW. Dieselrußgestank,Lärm, zum Glück ist die Straße breit, sonst müsste ich auch noch das Wörtchen Gefahr zu der Wortsumme addieren.

Wäre ich bloß am Main geblieben. Hätte ich bloß öfter auf Twitter geschaut, von wo Alternativen zu meiner Wegstrecke gezwitschert wurden. Hätte Hätte Fahrradkette.

Endlich oben, setzt der Regen ein. Mit vierzig Sachen abwärts. Kilometerweit. Ein guter Fahrradfahrregen.Die Scheibenwischer der Autos stehen auf Intervall. Die Frontroller am Radel weisen das Wasser ab.

In Lohr bin ich dann doch ziemlich nass. Kaufe bei Aldi ein, ziehe endlich die Regenjacke an und die Gamaschen. Fauler Radler, nasser Radler.

Nun zelte ich auf einem – vermutlich – Privatgrundstück.Schön gemähte Wiese. Topfeben. Ein bunter Bauwagen steht hier und eine riesige Lagerfeuerstelle ist in der Mitte des Geländes. War nicht abgesperrt. Kein Schild. Dankeee liebe Leute.

Im Engen Tal ist es unheimlich laut. Die Landstraße ist gerade mal achtzig Meter entfernt. Der Main zwanzig. Eine Bahnlinie schneidet im Stundentakt gar elende, langanhaltende Güterverkehrsarien. Flugzeuge, oben, irgendwo. Ich bin heute definitiv an meine Grenzen gekommen. Wenn ich mehrere Tage bei diesen Temperaturen – in Lohr zeigte ein Thermometer zwölf Grad – und dem Wetter radeln muss, und zelten, werde ich die Tour nicht überstehen.

Mir graut vor Lappland, wo das so sein wird.

Zudem muss ich mit meinen Ressourcen jonglieren. Schließlich ist dies keine eitel Radeltour, die ich nur so zum Spaß mache. Es ist eine digitale Expedition.

Ich muss meine Zeit gut aufteilen. Muss radeln, um voranzukommen, schätzungsweise sechs bis acht Stunden am Tag. Radeln und denken geht ganz gut gleichzeitig, aber das Gedachte will ja auch in Tweets und Blogeinträge verwandelt werden. Die schreiben sich ja nicht von alleine. Wahrscheinlich gibt es eine Umrechnungsformel für Blogeinträge in Radel- und Erlebenszeit. Vielleicht dreißig Kilometer Radeln entspricht einem Blogeintrag? Also wenn ich blogge, komme ich dreißig Kilometer weniger voran.

Leider hat das Geld nicht gereicht, um eine Crew anzuheuern für die digitale Expedition. Dann gäbe es einen Schiffskoch, der mir ein Abendessen zubereitet hätte, während ich diese Zeilen schreibe. Ein anderes Expeditionsmitglied würde ein Fahrrad steuern, das einzig Energie via Nabendynamo produziert, um die gesamte Wegstrecke live ins Internet zu übertragen.

Der gläserne Künstler sozusagen.

Mit Freund QQlka, der ja 1995 mit dabei war auf der Kapschnitt-Radtour, diskutierte ich gestern darüber. Man könnte so viel mehr aus der Sache machen, wenn man im Team arbeiten würde. Die Liebe SoSo zum Beispiel macht in ihrer knappen Freizeit die Homebase, kommuniziert für mich, redigiert sanft die Beiträge, die unter ebärmlichen Umständen im Schneidersitz im Zelt bei Stirnlampenlicht auf einer Bluetoothtastatur von Natur aus voller Tippefehler sind.

Einen Konzern könnte man aus der Sache bauen, wenn man nur einen guten Schreiber und Erleber losschicken würde, Erlebnisse von unterwegs zu digitalisieren.

Hätte hätte Fahrradkette.

Keine Sorge. Der Artikel mag etwas deprimiert klingen. Ist aber nicht so. Zwölf Uhr nachts. Bisschen Anstrengungskopfweh. Noch nichts gegessen.

Ein Kopfkissen wäre jetzt toll. 

 

Ist dieser Tunnel das Spessarttor? Hain    .

Die ersten drei Reisetage #AnsKap in Fotos

Aus Freund QQlkas Schnellnetz heute ein paar Bilder der ersten Reisetage.

Es regnet ohnehin und ich verlasse Mainz erst wenn der Letzte Tropfen gefallen, die letzte Wolke verweht …


Tunnel auf dem Glan-Blies-Radweg

      

Josephs Kastanie (siehe Artikel The Omelette Situation)

Readymade

    

Dieses Bild ist fälschlich in die Serie gerutscht. Am Glan-Blies-Radweg. Ich lass das trotzdem.

Meisenheim am Bahnhof, der yin-yangisch im Kontrast zur herausgeputzten Altstadt steht.

Nahestausee bei Niederhausen.

Delta Bravo Kunstwerk von Hundefänger K. R. D.  Auf dem Kauzenberg in Bad Kreuznach.

Kautzenburg.

Kreiznacher Gässje.

Bei Bretzenheim/Nahe.

Rhein-Nahe-Eck in Bingen. Man beachte die Germania oben links winzig.

Kunststraßenkilometer 150.  so sehen die Streckenfotos im Abstand von 10 km aus. Bis werden es fast 400.

Der Rhein. Endlich.

Ich möchte wetten, dass die Kunstwerke bei der Rheinfähre Ingelheim-Oestrich-Winkel von Walter Schembs sind. Hab in der Hitze vergessen nachzuschauen.

Container falsch aufgesetzt :-) beim in Gentrifizierung befindlichen Mainzer Hafen.

Diese Wand

Diese Hauswand ist kein Klo. Geh doch bitte an die Noh.

Schon merkwürdig, an was man sich so alles erinnert. Seit zig Jahren nicht mehr in Bad Kreuznach gewesen, fällt mir dieses Schild ein, das in irgendeinem Gässchen in der Nähe des Kornmarkts angebracht war. Und noch so einiges, so dass ich ein bisschen sentimental werde im Anblick all der zerronnen Zeit.

Ich fotografiere Panos von den Brückenhäusern, obwohl sie sich nicht gerade im besten Licht befinden und die Brücke mit Planen verhängt ist.

Die Straße, die man früher noch mit dem Auto fahren konnte, ist eine einzige Baustelle. Fahrradfahrer müssen absteigen und tun das auch, was mich wundert. Also schiebe ich das Radel über die Brücke und treffe in der Mitte drei Polizisten – If The Cops Are United – ein Schwätzchen halten wir.

Ob die Leute wohl alle absteigen, weil sie wissen, dass Sie da sind? – Wahrscheinlich. – Wir lachen.

Ich frage mich durch zu dem Schild mit dem Hauswand-Spruch. Niemand erinnert sich. Ich finde es nicht. Durchschreite die berühmten Gässchen. Nicht umsonst nennt man die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt „Kreiznacher Gässje“.

Dann raus aus der Stadt. 18 Kilometer bis Bingen. Der Memory-Effekt, den die Gegend auf mich ausübt, tut mir nicht gut. Ich bin froh, als ich vorbei an meiner alten Schule endlich nach Bretzenheim komme. Dort kaufe ich in einer Bäckerei ein, in der es die Süßigkeiten noch einzeln gibt.

Schnuggeltüten würden die Kinder bei ihr immer kaufen, sagt die Bäckerin und ich kann sie sehen, die ABC-Schützen mit Schulranzen und Händen voll Klimpergeld, das sie unentwegt zählen, um sich eine Erdbeere zu kaufen und eine Brausestange.

Die folgende Bildcollage ist der Wand gewidmet, ihrer sowohl schützenden, als auch trennenden und informativen Funktion. 

  

The Omelette Situation #AnsKap

Joseph sollte ich erwähnen. Wir erkennen einander an einem Dorfbahnhof. Er jenseits des Gleises, ich diesseits. Winke ihm zu. Er winkt zurück. Das ist nicht irgendso ein Passant, dem man beiläufig den Gruß erbietet, denke ich bei mir, radele weiter, fotografiere eine Hauswand. Da kommt er schon um die Ecke mit seinem Radel. Hat den Zug nach Kusel verpasst. Spricht Englisch, ist Amerikaner. Nein, kein Soldat, wie man hier in der Gegend um die Airbase Ramstein erwarten könnte.

Eher das Gegenteil. So eine Art Buddha. Auf der Suche. Mit den Jahren weise geworden, eine ruhige Seele im Einklang mit der Natur.

Wir radeln ein Stück und setzen uns dann auf eine Bank unter einer verdrehten Kastanie. Ein vergleichsweise junger Baum, nicht so wie die mehrere Meter durchmessenden alten Kastanien, die ich aus dem Tessin kenne.

Ich soll den Baum anfassen, mit ihm reden, erkennen, dass alles Eins ist, dass wir Lebewesen und auch die Steine miteinander verbunden sind und das ist mir ja schon auch klar, auf meine rationale Weise, aber ich kann das nicht fühlen.

Da lacht er, Joseph, erzählt von seinem Haus und seiner Fmilie und dass er fünf Jahre um die Welt gereist ist, Himalaya, Indien, auf dem Amazonas mit einem Hausboot. Nun leben sie hier und sind irgendwie anders. So dass es mit den Dorfbewohnern nicht immer einfach ist.

Fast wie wir Künstler, sage ich. Ja. Künstler sind so Wesen, die man beargwöhnt. Weil man sie nicht einordnen kann.

Künstler sind keine Bäcker. Sie sind keine Steuerfachgehilfen und auch keine Maurer. Sie lassen sich nicht einsortieren. Sie sind wie die Welt. Vieles in Einem und alles miteinander in Korrespondenz.

Joseph lädt mich ein in sein Haus, ich soll mir die blaue Sonne ansehen, die er über das Tor gemalt hat. Den Hahn namens Bob und seinen Buddha, der hinten im Garten in einem Schrein steht.

Ich kann Entschleunigung gut brauchen, also radeln wir zu ihm nach Hause.

Insbesondere am Beginn einer Reise ist es wichtig, den eigenen, inneren, enthusiastischen Schweinehund ein bisschen auszubremsen.

So lande ich in dem alten, verwinkelten Haus, das unheimlich gemütlich ist und mache einen Parforce-Spaziergang durch das Leben von Joseph und seiner Familie. Es erstaunt mich immer wieder, wie nahe man sich im Vorbeigehen kommen kann.

Ein Omelette? Du bist doch hungrig, fragt er. Ich auch, sagt er. Und legt los. Franzöische Art drei Eier, Wasser, Gewürze, dann Käse draufreiben und zusammenrollen.

Wir essen aus einem Teller, jeder von seinem Ende des Omelettes bis in die Mitte.

Dass ich darüber schreibe, erwähne ich in einem Nebensatz.

The Omelette Situation, sagt er.

Hey, und das ist doch ein guter Titel für einen Blogartikel. Hat was wie Pulp Fiction, nur unblutig.

Nun sitze ich hier, einen Tag später auf einer Bank zwischen Gensingen und Dietersheim. Das Handy liegt auf einem Betontisch. Kalt ist er und hinter mir in der Sonne brutzelt die Solarzelle zwei Zwischenakkus voll.

Heute will ich noch nach Mainz und möglichst noch weiter bis in die Gegend um den Windsor Weinberg, irgendwo am Main außerhalb von Kastel.