Das perfekte Rund allen Stillstands – #AnsKap

Es gibt nur noch das graue Band, das niemals endet. Straße, Straße, Straße. Dahinter ist Wald, Getreidefelder, ab und zu ein Farbtupfer eines rot bemalten Hauses. Die Gegend ist unendlich ländlich.

Nach der Hitze, vor ein paar Tagen weht ein kräftiger Westwind, der uns manchmal ausbremst, oft von der Seite nervt und die vollbepackten Räder hin und her schaukelt. Manchmal kommt er auch von hinten. Je nachdem, in welche Richtung der Weg gerade führt.

Wir folgen den grünen Sverige Leden Radwegeschildern über kaum befahrene Sträßchen. Rays Straßenkarte zeigt, dass wir zwischen zwei Seen nördlich radeln.

Es passiert … nichts.

Alle zehn Kilometer stoppe ich, um die obligatorischen Streckenfotos für die Kunststraße zu fotografieren.

Da, ein Café. Neben einem Steinkreis. Geschlossen.

Nichts passiert.

Wir radeln.

Sehenswürdigkeiten sind mit dem internationalen Symbol für Sehenswürdigkeiten ausgeschildert. Ein Quadrat mit verschlungenen Ecken.

Ein Grab. Uralt. 150 Meter rechts. Ein Naturreservat ein Kilometer links.

Nichts passiert. Die Silhouette der Findlinge auf dem Grabhügel liegt träge wie seit Jahrtausenden vorm Horizont.

Wolken ziehen über uns hinweg. Wie Buckelwalherden.

Voranschleppen. Der Wind steht wieder mal ungünstig. Oder ist es die Strecke, die sich nach Westen biegt? Egal wir ächtzen gen Alvesta.

Das Interessante an diesen Wetterverhältnissen ist, dass es im einen Moment nach Wolkenbruch und Weltuntergang aussehen kann und gleich darauf sticht Sonne aus unbeschreiblich klarem Blau.

In Alvesta fragt sich Ray nach Zugverbindungen durch. Am 15. Juli muss er wieder in Kopenhagen sein, um seinen Rückflug nach Edinburgh zu erreichen.

Entgegen den vagen Infos aus dem Internet, dass Radel und Zug in Schweden nicht geht, scheint es sehr wohl möglich, ein Fahrrad mitzunehmen. Es kostet aber ein bisschen.

Nichts passiert.

Ein zutraulicher Vogel setzt sich auf die Lehne meiner Bank und starrt mich an. Ein krähenähnlicher, hungriger Winzling. Ein Schluckspecht auf der Bank gegenüber fragt mich nach dem Woher und Wohin aus. Brachial-englisch-schwedisch-deutsch. Der Wind weht die Fahrräder zweimal um. Nichts ist passiert. Zum Glück.

Raus aus Alvesta dämmert mir langsam, warum QQlka und ich 1995 das Nordkap nicht erreichten. Es war gar nicht das Wetter im Norden, die Kälte, die uns letztlich ausknockten. Es war dieser Mangel an Input, an Zwischenzielen, an Seelenfutter.

Die Kälte und der Regen waren nur ein Symptom, deren Ursache – für einen im engen Deutschland lebenden – die Weite war. Um es mal so auszudrücken.

Nichts passiert. Dann fahren unser Nachbarn vom Zeltplatz Kärrasand fröhlich hupend an uns vorbei. Eine uralte Trötenhupe haben sie in ihrem Lotus Nachbau installiert. Genau wie wir sind sie mit dem Auto auf Gutwetter angewiesen. Das Verdeck und die Windschutzscheibe haben sie zu Hause gelassen in Vingåker. Bei Örebro.

Hatte ich vor ein paar Tagen nicht erstmals das Gefühl, dass ich es tatsächlich schaffen kann bis ans Kap? Nun sieht es wieder ganz anders aus. Fast wie das Wetter, schlägt die Stimmung um. Was, wenn ich letztlich alleine bin, die letzten 1700 Kilometer durch noch viel mehr Nichts radeln muss, als jetzt schon?

Wieder einmal spüre ich, wie die Kräfte, die ich investiere, um etwas zu erreichen, ebenso große Gegenkräfte in meinem Innern erzeugen. Fast schon yin-yangisch schmiegen sie sich embryonal aneinander und bilden das perfekte Rund des Stillstands.

Aber vielleicht ist das ja genau das Ziel meiner Reise. Der Stillstand, der im Trubel allen Wollens endlich zum Frieden führt?

Das heutige Zeltlager auf einer frisch gemähten Wiese auf einer Waldlichtung direkt unter einem kaputten Hochsitz, findet sich bestimmt tausendmal in Schweden. Es könnte überall sein.

Ich könnte überall sein.

iDogma Postkarten. Die ersten dreißig Motive – #AnsKap

Die ersten dreißig iDogma Postkarten – Screenshots vom Smartphone und deswegen sehr klein.

Wer eine haben möchte, kann sie mit dem Paypal Knopf in der Seitenleiste bestellen oder per Kommentar oder Kontakt zur Homebase. Es handelt sich um Unikate, auf dem Smartphone gestaltete Kunstwerke. (Hebt sie auf für den Fall, dass Monsieur Irgendlink mal berühmter Künstler werden sollte). Mehr Info.                                                           

Ten Kay – alle 10 Kilometer ein Bild #AnsKap

Die ersten neun Bildtafeln mit je sechzehn Fotos der bereisten Strecke sind fertig.

Chaotisch sortiert zwar noch, aber von oben links sind die Tafeln 0-150 bis 1280-1430 angeordnet. Insgesamt werden es ca. 27 solcher Tafeln.

Das Skelett dieser Reisekunstaktion.

Von einem, der auszog, das Radwegen zu lernen – #AnsKap

Tu immer das, was deine Radwegeschilder dir sagen. So lautet Herrn Irgendlinks Credo seit er vor – äh wievielen? – einigen Wochen in Zweibrücken mit dem Radel gen Norden starrte.Deutschland, deine Flussradwege. Ein großes Lob.

Über Glan-Blies, Nahe, Rhein, Main, Fränkische Saale rüber zur Unstrut, Saale und Elbe und ab Havelberg nördlich bis Rostock, konnte ich das Land fast ausschließlich auf Radwegen durchqueren. Vor zwanzig Jahren musste ich zumindest im Osten oft die Straße nutzen.

Es gibt noch immer viel zu tun, Deutschland. Knie dich rein, dass die Wege besser werden. Insbesondere die alten Kopfsteinpflaster in den verarmten östlichen Kommunen sind nicht gut radeln. Rütteln an den Schrauben, Packtaschen und Nerven. (Klasse finde ich die Behelfsradspuren, die es manchmal neben den Pflasterstrecken gibt, dreißig cm breite Splitwege, auf denen man rüttelfrei radeln kann. Warum immer das volle Program nach DIN soundsoviel – der Reisende ist froh um jeden noch so billigen Behelf).

Über 1200 Kilometer stehen am Ende Deutschlands im Überseehafen Rostock auf dem Tacho. Zieht man die 180 Kilometer Zweibrücken-Mainz ab, sind das nur 70 Kilometer mehr, als bei der Reise 1995, die in Mainz startete. Ein guter Preis für Autofreiheit und Ruhe.

Schweden nun. Ich muss das Land erst lernen. Und das Radwegenetz. Getreu dem Motto, dass hinter jedem System eine Logik steckt, hat auch das schwedische Radwegenetz eine Logik: der allesübergreifende Sverige Leden (hier als PDF betrachtbar), der sich von Nord nach Süd durchs Land zieht wie eine Wirbelsäule mit unregelmäßig östlich und westlich herausstehenden Rippen, ist das Hauptwegenetz. Seine Schilder sind grün. Spärlich aber unübersehbar und sinnvoll angebracht stehen sie an allen relevanten Abzweigungen. Wo kein Schild, da geradeaus, lautet die Regel. Der Sverige Leden war bis zur Eröffnung der North Sea Cycle Route im Jahr 2001 der längste beschilderte Radweg der Welt (zur NSCR siehe hier im Blog unter Projekte verlinkt).

Regionale und kommunale Radwege ergänzen das Steckennetz. So folgen wir etwa gestern einer Radroute der Gemeinde Kristianstad auf einem alten Bahndamm stets nördlich fünfzehn zwanzig Kilometer weit und gehen ab Arkelstorp auf die Skåne Spåret der Region Schonen. Die Schilder der Skåne Spåret sind zwar nahezu verblasst. Aber aus Mangel an Verirrungsmöglichkeiten, ist das kein Problem.

In Trelleborg hatte man mir in der Touristeninformation eine Karte Schonens in die Hand gedrückt, die unser Navigationskonzept abrundet.

Last but not least sind auf dem Smartphone die Open Cycle Maps der Region gespeichert. In der App GPS Kit kann ich so immer nachschauen, wo ich gerade stehe und wo die Radwege verlaufen.

Die schwedischen Radwege verlaufen selten solo autofrei. Meist auf kaum befahrenen Straßen. Und wenn es mal mehr Verkehr gibt, gibts einen extra Radweg neben der Straße.

Soviel an dieser Stelle einmal ganz nüchtern die Radwegesituation von einem, der auszog, das Radwegen zu lernen.

Die Opportunitätskosten der Kunst #AnsKap

Noch ist unklar, ob ich diesen Artikel mit den Nacktschnecken aufziehe, oder lieber mit den Gedanken eines, der mitten auf einer schwedischen Landstraße steht und mit dem iPhone drei Bilder in Richtung seines Reiseziels macht und eines zurück. Atmosphäre versus verschwurbelte Konzeptkunst-Denke. Körperliches versus unsichtbare Vorgänge und Denkstrukturen.

Das Leben als reisender Künstler und Schriftsteller ist kompliziert.

Nun ist Freund Ray für vierzehn Tage mit im Künstlerboot, was auch eine gewisse Änderung im Tagesrhythmus bedeutet. Zum Positiven hin. Aus dem Selbstausbeuterischen anarchischen Drauflos der letzten Wochen formt sich ein lieblicher Tagesablauf mit Breakfast und Lunchtime – Ray ist Schotte – und genau wie auf der Nordseerunde 2012, klingelt sein Armbanduhrwecker immer noch um sieben Uhr abends, um auf die Lagerplatzsuche aufmerksam zu machen.

Das Orchestrale am Menschsein, schießt es mir in den Sinn, als ich ein typisches Kunststraßenbild-Quadrupel knipse bei Kilometer 1300 plus X. Ray radelt langsam weiter, verschwindet am Horizont, geht seinen eigenen Rhythmus, während ich den meinen, selbst auferlegten, gehe. Das Land ist schön, Gerstenfelder und Rapsfelder wechseln sich ab. Dazwischen hat in impressionistischer Manier eine unbekannte Kraft einsame Gehöfte getupft mit roten Scheunen und schneeweiß glänzenden Metalldächern.

Erst nach etwa einem Kilometer hole ich Ray wieder ein, der im Schatten eines Baumes wartet.

   
     

Typisches Kunststraßen-Quadrupel: drei Vorblicke (1 Normalbild, 1 sw Hipstamatic und 1 Color Hipstamatic), sowie das Bild in die andere Richtung. Zurück.

Ein Kilometer Reisestrecke sind die Opportunitätskosten für mein Kunstkonzept. Alle zehn Kilometer radele ich einen Kilometer weniger, als jemand, der nicht Kunststraßen fotografiert.

Jeder Blogartikel kostet mich 20 Kilometer, die ich nicht radeln kann derweil. Ungefähr. Jede iDogmakarte kostet vielleicht fünf bis zehn Kilometer.

Manchmal kostet mich die Produktion meiner Kunst und Literatur auch das Abendessen.

Eigentlich ein gutes Bild, um zu verdeutlichen, wie wir ‚Taugenichtse‘ der feinen Künste, die wir alltäglich scheinbar ein feines, freies Leben jenseits der Knochenmühle führen, ticken.

Unsere Ideen und Bilder strahlen wir hinaus in die Welt. Jeder darf sie haben, darf sie nutzen, sich daran erfreuen oder auch mal darüber aufregen, sich inspirieren lassen. Kostenlos.

Dennoch stehen wir Künstlerwesen stets ein bisschen so da, als würden wir uns das Leben auf Kosten Anderer leicht machen. Verdammt, es ist ja auch frei und leicht, aber das Auf-Kosten-Anderer kann so nicht stehen bleiben.

Kunst ist oft eine nicht wahrgenommene Arbeit. Genau wie Luft eine nicht wahrgenommene Ressource ist.

Und Schnecken? Hunderte braune eklige nackte Viecher kriechen am Abend aus der Wiese. Als lebten sie in einer unterirdischen Gegenwelt, kriechen am Zelt hinauf, an den Wasserflaschen, am (ausen) Kocher und in die Schuhe. Hinterlassen Kackspuren, Schleim. Der Lagerplatz auf einer abgegrasten Weide unweit von Eslöv ist dennoch viele Sterne wert. Five Stars sagt Ray.

Mhmm, four because of the trains nearby.

Alle halbe Stunde donnern Güterzüge etwa hundert Meter jenseits an uns vorbei. Das gibt Punktabzug.

Und wenn ich es mir nun recht überlege, ich hätte diesen Artikel auch mit den Güterzügen beginnen können.