Struve, Schmuggler, Tunichtgute #AnsKap

1995

Dieser Ulf, den sie alle nur Ülfen nennen, ist ein durchtriebener Kerl. Aus einer Spriteflasche hat er uns, QQlka und mir, die Gläser halb voll gemacht und mit verschmitztem Lachen hebt er seins und sagt ‚Skol‘.

Höflich wie wir sind, stoßen wir an. QQlka nimmt einen großen Schluck, ist ja nur Sprite, schaut mich mit verdrehten Augen an, ein stummes ‚Nein‘ im Blick. Das Zeug brennt wie Hölle. Sie brennen es selbst und wir können nur hoffen, dass sie den Vorlauf gut abgesondert haben, sonst gehen wir mit argen Nervenschäden aus der – ähm, was ist das eigentlich? – Privatparty.

Wir sind in einer Mietwohnung in Pajala. Draußen ist es schon dunkel. Es ist mitten in der Nacht. Der Pub, in dem wir gelandet sind, als wir in die Stadt kamen, hat uns alle rausgeschmissen. Etwa acht bis zehn Nachtschwärmer in einer schwedischen 3000-Seelen-Gemeinde weit nördlich des Polarkreises. Ülfen ist UN-Soldat. Er ist der einzige in der Runde, der ab und zu raus kommt aus Pajala, dann aber richtig dicke in die Krisengebiete dieser Erde. Die Wohnung gehört einem Mädchen, das durch einen Unfall im Rollstuhl sitzt. Früher war sie Sportprofi. QQlka unterhält sich lange mit ihr auf Englisch. Wohl hat sie sich, aus Stockholm stammend, hier oben verkrochen. Dann ist da noch Sven, der uns aufgegabelt hatte, als wir nachmittags in die Stadt einradelten. Auf der Terrasse der Bar saß er und wir wollten ihn eigentlich nur nach einem Laden fragen, da verstrickte er uns in ein Gespräch und wie Ameisen rutschten wir in den Trichter imaginärer Riesenameisenlöwen.

Immer mehr Leute kamen, bis eigentlich alle, die in Pajala etwas Abwechslung suchen, in der kleinen Bar versammelt waren. Man trank. Man fachsimpelte über das Reisen und über das Hiersein in diesem naja, gottverlassenen letzten Außenposten Stockholms in den unendlichen Weiten Lapplands.

Sven bot uns an, bei ihm zu übernachten, auch die Sauna könnten wir benutzen, die in jedem Mietshaus hier in der Gegend zur Standard-Ausstattung gehört. Dass er ein Tunichtgut sei, das Enfant Terrible der Stadt, sagte er, man glaube, er verderbe die Jugend, verleite sie zu Alkohol und Zigaretten. Seine Wohnung sei so eine Art Open House.

Am Morgen, verkatert in seiner Küche, verstehen wir, was er meint. Die Schüler kommen in der großen Pause herüber vom nahen Schulhof, setzen sich an seinen Tisch, schenken sich Kaffee ein. Einer nimmt Sven eine frisch gedrehte Zigarette aus den Fingern, die dieser sich gerade anzünden will.

Völlig verkatert ächzten QQlka und ich raus aus der Stadt hinüber nach Finnland, wovor man uns mit einem schwer deutbaren Augenzwinkern gewarnt hatte: Passt auf, jeder Finne hat ein Messer.

Am gestrigen Sonntag war Pajala wie ausgestorben. Gegen zehn Uhr erreiche ich die Stadt, vorbei an Wohnsiedlungen – war es hier, in diesem Haus, wo die finale Party stattgefunden hatte? – vorbei an Kirche und dem riesigen Friedhof bis zu einer fast menschenleeren Kreuzung, an der ein Hamburgerrestaurant steht. Alles scheint geschlossen. Ein Münchner Reiseradler irrt umher. Wir halten ein Schwätzchen. Er ist in Kirkenes an der russischen Grenze gestartet und durch Finnland vorbei am Inarisee hierher geradelt. Ziemlich zügig. Er hat wenig Zeit. Man sieht ihm den Bussinessmann an. Teure Funktionskleidung, GPS, Handy im Schulterhalfter, fehlt nur noch ein Headset.

Sein Rad kam mit zwei Tagen Verzögerung in Kirkenes an. Die müsse er jetzt aufholen. Über 150 Kilometer radelt er am Tag. In seiner Haut möchte ich echt nicht stecken. Radeln gegen die Zeit ist der größte Feind der Kreativität. Dann verkommst du zur Gepäckvorantreibungsmaschine. Zum puren dahinschwitzenden Etwas, das sich permanent neue Landmarken und Herausforderungen setzen muss und einem strikten Urlaubsplan unterworfen ist. Im Prinzip sind die Ferien für ihn vielleicht so eine Art Fortsetzung des Bussines mit anderen Mitteln und in anderer Umgebung.

Und bei mir? Sind es ja eigentlich keine Ferien, sondern selbst auferlegte, unbezahlte Schreib- und Kunstarbeit, deren Medium und Quelle das Unterwegssein ist. Das macht die Sache so bizarr. Eine Art Umkehrung des modernen Menschseins liegt hier vor. Arbeiten und dabei Spaß haben. Und kein Geld verdienen, okay. Aber Geld, das ist doch sowieso oft nur ein billiges Trostpflaster für verlorene Lebenszeit in einem Job, den man eigentlich nicht mag … neinnein, keine Sorge, ich weiß schon wovon ich rede, ich Leichtfuß. Ich kenne ekelhafte Jobs, zu denen man sich selbst immer wieder hinprügeln muss, nur zu gut, seien sie auch noch so gut bezahlt. Und ich weiß, dass es eigentlich aus dieser Mühle kein Entrinnen gibt, es sei denn, man nimmt brachiale Maßnahmen strikten Verzichts auf sich.

Irgendwie passen diese Gedanken ganz gut zu Pajala. Die Menschen, mit denen QQlka und ich 1995 zechten, schienen alle irgendwie gefangen in diesem 3000 Seelen-Mikroabbild der menschlichen Gesellschaft. Ein Buch müsste man darüber schreiben, sagte QQlka, als wir mit argem Kopfweh auf die finnische Grenze zuradelten. Und ich meine mich zu erinnern, dass sogar ein Film gedreht wurde, zehn fünfzehn Jahre später, über genau das Städtchen und wir, als wir es erfuhren, uns anschauten und sagten, da, sag‘ ich doch, ein Drehbuch. 

TinyPlanet  eines Coop Ladens , grün, blau, sphärisch Ich irre hin und her in Pajala. Beide Supermärkte haben offen, also kaufe ich fast schon aus Instinkt ein. Süßkartoffel, Karotten, ein Bier, der Münchner Radler schenkt mir eine halbe Flasche Pepsi. Auch das passt zu dem antipodischen Bild Europenner versus normaler Mensch: Es muss diese Süß-Imperialistenplörre sein, die da in die Fahrradflschen kommt, oder etwas isotonisches. Pures Wasser? Nä. Die Maschine hat unsere Gehirne in ihre Warenmechanismen integriert.

Meine Karotten, die ich ihm im Gegenzug anbiete, lehnt er ab.

Welten sind das, die hier aufeinander treffen.

Der moderne Mensch wird Kraft seiner Gesellschaft, in der er sich organisiert zwangsläufig korrumpiert, verseucht und krank gemacht, schießt es mir in den Sinn, obwohl das Bild doch sehr einfach ist und sehr pauschal.

Die Bar, in der alles begann, damals, hat einen neuen Besitzer. Svens Mietshaus suche ich eine Weile, finde es nicht. Es ist zu lange her. Ich überlege, ob ich mich nach ihm durchfragen soll: der, der die Jugend verdirbt, lebt der noch? Wo wohnt er? Wie geht es ihm?

In einem kleinen Park repariere ich den Fahrradschlauch, der vorgestern platt ging, lümmele rum. Seltsame Pfosten stehen im Kreis. Jemand hat oben auf einen von ihnen ‚Dildo‘ draufgeschrieben.

Diese Jugend aber auch verdorben bis zum Gehtnichtmehr.

Ich folge der Straße 99 nach Norden, anders, als 1995 auf der schwedischen Seite des Torneflusses. Eine sehr gute Wahl. An diesem Sonntag ist sie so gut wie leer und nun, da ich dies schreibe, montags früh, etwa 100 Meter abseits auf einem Rastplatz am Fluss, kann ich auch kaum Autos hören.

Unterwegs gibt es nicht viel zu sehen. Die Landschaft ist herrlich. Bestes Sonnenwetter. Man passiert die Struve-Meridianvermessung. Das müsste man mal per Suchfunktion recherchieren. Vor bald zweihundert Jahren hat Friedrich Struve hier im Tornedalen die Erde mittels Polygonabschnitten vermessen. Vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer gibt es – ich glaube – 235 Messpunkte auf Hügeln, alle miteinander in Sichtweite, in denen er Winkel und Entfernung bestimmte und somit die Erdkrümmung und die Breitengrade exakt errechnete. Etwa 35 dieser Struve-Meridians-Punkte sind bis heute erhalten und sogar in das Unesco Welterbe aufgenommen.

Spät erreiche ich das Dorf Kilhangi. Auch so ein Kleinod. Eigentlich folge ich nur einem Tankstellenschild, in der Hoffnung, dort meine Wasserflaschen auffüllen zu können und lande in einem Schmugglermuseum. Zumindest sagt ein Schild, dass es ein Schmugglermuseum ist. Tatsächlich jedoch ist das Haus, das auch Gemeinschaftshaus ist, vermietet. Der Mieter führt mich, barfüßig wie er ist, in eine Art Veranstaltungsraum mit Bühne und auf der Bühne gibt es tatsächlich einige Schmugglerutensilien: Sägen, Waldarbeiterzeugs, eine Art Kanister zum Feuer anschüren, und riesige uralte Kettensägen.

Ein paar Kilometer westlich am Schmugglerpfad gibt es eine Kaltwasserquelle, sagt der Mann, da müsstste mal Wasser holen! Das kälteste Wasser der Welt und er schüttelt sich dabei demonstrativ und ich kriege fast Lust, das Radel stehen zu lassen und loszulaufen auf dem alten Schmugglerpfad. Das Grab des Schmugglerkönigs, der irgendwann gestellt und erschossen wurde, ist auf einer Karte eingezeichnet, die an dem Haus angebracht ist.

Nun schon Kilometer weiter geradelt. Neben mir murmelt der Torne. Die Nacht war kalt. Ich zündete den Trangia an, um mich mal eine Viertelstunde aufzuwärmen. Jetzt brennt die Sonne, es ist heiß. Der Wind steht aus Süden.

Tag 62 | Rheinradeln im hohen Norden #AnsKap

Frau SoSo in der Homebase hat heute ihren freien Tag, weshalb ich mich aus dem ‚Schneidersitzbüro‘, achtzehn Kilometer südlich von Pajala melde. Das Zelt steht, ähnlich wie vorgestern, auf einer frisch gemähten Wiese zwischen weiß verpackten Silageballen, die ein bisschen aussehen wie überdimensionierte Marshmallows.

Die Wiese hat mich nach knapp sechzig Kilometern so wunderbar angelacht unter der schrägen, fast im Norden stehenden Sonne. Eine kleine Anhöhe etwa hundert Meter vom Straßenrand. Man hört den Torneälven rauschen. Wohl ist hier wieder eine der Kataraktstellen, die sich mit ruhigen, fast stehenden und sehr breiten Flussabschnitten abwechseln.

Für eine ganze Weile hatte ich heute das Gefühl, am Rhein zu radeln. Irgendwo in der Gegend um Kehl/Strasbourg, flussaufwärts. Hier Frankreich und drüben, wo eigentlich Finnland ist, wäre dann Deutschland.

Schwarzwald und Vogesen muss man sich wegdenken. Hier gibt es keine Berge. Allenfalls Hügel. Künmerlicher Wald aus Birken und Kiefern. Sogar so eine Art Landwirtschaft, Wiesen, Kühe, betreibt man hier.

Die Straße 99 ist an diesem Samstag so gut wie leer. Alle viertel Stunde mal ein Auto. Herrliches Radfahren ist das, vor allem, als gegen Abend die Sonne durchkommt.

Am Flussufer gibt es ab und zu Rastplätze mit Bänken, Tischen und kleinen Hütten. Scheitholzschuppen daneben. Die Hütten haben Feuerstellen in der Mitte und rusige Decken, sind aber sauber und gemütlich.

Ich war etwas schlapp heute und gestern. Rätsele immer noch, ob man als Mensch so einer Art Zyklus unterliegt, ähnlich wie der ganze Planet mit seinem Tagesrund, den Jahreszeiten, und ja sogar – wie gestern festgestellt – dem über zigtausend Jahre auf und ab wandernden Polarkreis.

Wenn dem so ist, freue ich mich, dass das nächste Hoch dann wohl am Nordkap erreicht wird.

Noch sind es etwa sieben- achthundert Kilometer. Je nachdem, ob ich den Sverigeleden über Vitangi und Karesuando weiter radele, oder die alte Kapschnittstrecke durch Finnland nehme, die wir 1995 radelten.

Finnland war übel, erinnere ich mich. Es war nicht nur mehr Verkehr, was uns so sehr nervte – jetzt fällt es mir wieder ein – es war Hektik, Geschwindigkeit und ein anderer Umgang mit schwächeren Verkehrsteilnehmern.

Ich werde mal darüber schlafen. In achtzehn Kilometern muss ich eine Entscheidung treffen.

Hier der aktuelle Standort als Screenshot.

EDIT:  Zum Tagesstreckenlink (ungefähr) bitte → hier klicken.

Wie Landstraßen. Schrödingeresk befahren unbefahren #AnsKap

Kälte kriecht den Rücken hoch. Vor mir der Trangiakocher, Kaffeewasser sitzt auf. Bestecke, Topfgreifer, Küchenhandtuch liegen auf der Isomatte und daneben steht der leergeleckte Couscous-Topf von gestern Abend. Wenn das Wasser kocht, wird es im Zelt schlagartig warm. Dampf steigt auf. Wie in einer Schwitzhütte. Der schwedische Trangia-Spirituskocher entfacht eine ungeheure Energie. Zudem lässt er sich, mit viel Vorsicht, auch im Zelt aufstellen. Das ist bei Kälte oder bei Mückenbefall von unschätzbarem Wert.Büro, Küche, Lagerraum und Schlafplatz gehen unscharf ineinander über. Kaum auszumachen, wo was beginnt und wo was endet auf dieser winzigen, zwei Quadratmeter großen Wohn- und Arbeitsfläche.

Das Schneidersitzbüro besteht aus einer Bluetooth-Tastatur und dem Smartphone, das auf dem Feurzeug lehnt, leicht schräg, wie ein Pult. Daneben ein Notizbuch, Bleistift, Pufferakkus, Kabel, ein Stück Schokolade, eine halbe Zwiebel, Milch, Kaffee, Wasserflasche. 

Coop Supermarkt Schriftzug vor blauem Himmel in Övertorneå/Lappland Ich weiß nicht, aus wievielen Gegenständen das Lager besteht. Unzählige. Der neueste ist ein Beutel ‚Semper Mjölk‘. Das sei Trockenmilch, hat man mir versichert. Nach dem Debakel im ‚Paradies‘ auf der Landzunge am See – Kaffee zweiter Klasse trinken zu müssen, also ohne oder mit saurer Milch – habe ich mich nach einer Alternative umgeschaut.

Bis ans Nordkap, nun noch zwischen 700 und 800 Kilometer, je nach Strecke, kommen nicht mehr viele Einkaufsmöglichkeiten.

Ein Blick aus dem Zelt auf die Baustelle an der Straße 99. Drei vier Arbeiter in gelben Warnwesten werkeln an der gesperrten Brücke. Hämmern und flexen und schrauben seit halb sieben. Unter der Brücke und neben meinem Zelt rauscht der Bach, der in den Torne-Fluss mündet. Das Zelt steht neben einem – hmm, was ist das? – eine Art Trafohäuschen. Drumherum frisch gemäht, davor der Radweg, geteert, der unter der Straße hindurchführt.

Wenn die Straße nicht gesperrt wäre, hätte ich hier nie das Zelt aufgeschlagen. So aber ist es ruhig.

Interessanter Weise hat sich meine Lagerplatztaktik seit 1995 um 180 Grad gedreht. Konnte es mir damals nicht unbelebt und menschenfern genug sein, zieht es mich heute eher in die Siedlungen (nur hier in Schweden).

Beliebt ist das ‚Kirchenasyl‘, sprich direkt neben der Kirche das Zelt aufzubauen. Natürlich nicht auf dem Friedhof, obwohl sich der auch bestens zum Zelten eignet. Um die Kirchen sind die Wiesen immer frisch gemäht und es gibt meist Trinkwasser und ein WC. Sportplätze sind auch eine tolle Zeltmöglichkeit. Eigentlich ist es mir heuer egal, wo das Zelt steht. Nur nicht zu nahe an einer Straße. Und nicht dort, wo Mücken sind, in hohem Gras, im dichten Wald usw.

Apropos Mücken. Bisher kann ich den Lappland-Mücken-Supergau, wie man ihn aus unzähligen Reiseberichten kennt, noch nicht bestätigen. Nichts, was ich nicht schon daheim auch so erlebt hätte.

Zu Beginn der Reise hatte ich – wegen dieser Berichte, wegen dieser ‚Kenntnisse‘ – die Horrorvorstellung,kliometerweit bergauf, langsam, angreifbar durch Stechmückenschwärme radeln zu müssen, die Augen kaum aufzukriegen in einer mit Mücken durchmischten Luft. Das ist mir bisher erst einmal passiert. Und zwar am Main.

Abends wenn ich das Zelt aufbaue, richte ich es dennoch so ein, dass ich drinnen koche und nicht vor der Türe. Es ist einfach gemütlicher. Die Technik, das Innenzelt mit allen Utensilien, Kochpacktaschen, Matte, Schlafsack usw. zu befüllen, noch ehe es im Gestänge eingehakt wird und dabei den Reißverschluss zuzuziehen, hat sich bewährt. Dann können sich keine Viecher hinein verirren, wie dies der Fall wäre, wenn man nach dem Aufstellen bei offenem Reißverschluss alles einräumen würde.

Zeltfachsimpelei.

Kenntnisse.

Wissen.

Alles, was ich hier erzähle sind ja subjektive Wahrnehmungen.Das geht mir beim Radeln öfter durch den Kopf. Ich schiebe dann eine Art Wissen von der Welt, die mich erwartet vor mir her, das ich mir durch Bloglesen und Reiseberichte, manchmal auch vom Hörensagen von Mensch zu Mensch unterwegs, angeeignet habe.

Dass es sich dabei aber um andere, subjektive Welten handelt, die nicht unbedingt deckungsgleich mit meiner erlebten Welt sein müssen, durchsschaue ich zunächst nicht. Lappland gleich Mücken. Finnen gleich Messer, Berge gleich schwitz, Gegenwind gleich gemein, unsichtbar. Oaaah, was für ein höllisches Radlerleben, das ruckzuck vor einem liegt, wenn man die selektiven Wahrnehmungen der anderen zu seinen eigenen macht und im Hintergrund sein Bild von der Welt festzementiert, ohne sie selbst gesehen zu haben.

Ja, auch dieser, mein Bericht, zementiert, ob du willst oder nicht, ein Bild, ein Feeling von dem was Lappland, was diese Radreise zum Nordkap ist. Für dich, in dir. Vergiss es. Versuche zumindest, es zu vergessen. Es ist meine Welt, die du da montierst, stellvertretend für etwas, was du noch nicht erlebt hast (oder was du selbst auch schon erlebt hast, nur eben anders).

Seit Ewigkeiten geht mir das im Kopf rum. Dass wir so wenig wissen im Vergleich zu dem, was wir zu wissen glauben. Selbst wenn ich meine eigene Vergangenheit betrachte, zum Beispiel die Reise 1995 mit dem Fahrrad zum Nordkap, die ja Vorlage für die jetztige Reise ist: wir hatten sechs Wochen lang nur Sonne. So erzählen wir es, QQlka und ich. So haben wir das erlebt. So erinnern wir uns. Im alten Tagebuch, das leider sehr spärlich ist und sich fast ausschließlich mit dem Kunststraßenprojekt beschäftigt, steht etwas ganz anderes. Natürlich gab es Regen. Natürlich hatten wir Gewitter. Gegenwind. Kälte. Mücken? Ne, Mücken gab es damals auch nicht. Dafür war es am Ende in Kautokeino mit fast null Grad wohl zu kalt. Ich erinnere mich, in einem Gästebuch auf dem Campingplatz Kautokeino lasen wir einen Eintrag von einem Deutschen, der eine Woche vorher dort war, der sich über die Mückenplage ausließ.

Es könnte also sein.

Seine Welt, nicht unsere.

Wenn ich eine Landstraße radele und darüber fluche, wie stark befahren sie ist, bin ich vielleicht in der nachmittäglichen schwedischen Stoßzeit geradelt. Sonntags früh sieht die Straße ganz anders aus.

Wenn also jemand in der Stoßzeit radelt und über die Straße schreibt, ist sie stark befahren, wenn jemand sonntags radelt und darüber schreibt, ist die Straße menschenleer. Geradezu schrödingeresk.

Eigentlich handelt dieser Beitrag vom trügerischen sich selbst eine Welt und Sichtweise zusammenschustern und daraus in herrischer Uneinsicht abzuleiten, dass diese eigene Sichtweise – wie die Dinge nunmal so sind – für immer und jederzeit auf alle anderen übertragbar ist.

Ein gefährlicher Aspekt des Menschseins. Denn es gilt ja nicht nur für Witterungszustände, Insektenplagen, Gegenwinde, verkehrsreiche Straßen, es gilt auch für uns Menschen und wie wir uns gegenseitig sehen. Vorurteile. Rassismus.

Die Finnen haben alle Messer.

Das deutsche Klomannprinzip #AnsKap

Was für ein schrilles Grün diese Pflanzen haben. Rankende Etwase mit breiten, moosgrünen Blättern, so grün, dass es schon wieder leicht gelblich wirkt, auf jeden Fall eine sehr angenehme Farbe, die sie da auf ihrem mannigfaltig mit Tätowierungen verzierten Oberarm trägt.Fast scheu fragte sie, ob sie sich neben mich setzen darf bei dem kleinen Café an der Abzweigung der Cycelspåret vom Sverigeleden ungefähr 25 Kilometer östlich von Kalix. Es ist der einzige sonnige Platz auf dem Freigelände. Die Tische sind verwaist. Direkt hinter uns befindet sich die Hundebar – auch Schweden lieben Hunde – mit drei vier Näpfen voller Wasser und einem Haken in der hölzernen Wand des Hauses, um die Tierchen anzubinden.

Kaum zu glauben, dass wir uns eben noch ein Duell geliefert haben, draußen in den Wäldern, nur sie und ich, fast wie in dem frühen Spielbergfilm, der mit dem Autofahrer und dem Truck. Ich glaube, der deutsche Titel ist sogar ‚Duell‘. In dem Film wird kaum ein Wort gesprochen. Ein düsterer Truck verfolgt einen spießig wirkenden Familenkutsche fahrenden Geschäftsmann durch die weiten der USA. Will ihn töten, überfahren. Die Scheiben des Trucks sind dunkel. Nur schemenhaft erkennt man, dass jemand am Steuer sitzt.

So wie in dem Traktor, der den Straßengraben zwischen Kalix und – ähm – weiter östlich mulcht.

Die Walze macht ganz schön Lärm. Das Ding fährt mit zehn km/h vor mir her. Irgendwann nehme ich mir ein Herz und überhole, ganz links am anderen Straßenufer. Steine werden geschreddert. Ich bin heilfroh, als ich vorbei bin.

Wäre da nicht die Kunstfotografie und das Twittern, hätte ich jetzt leichtes Spiel, würde nie wieder was von meinem Verfolger hinter den spiegelnden Scheiben des Traktors sehen. Aber ab und zu ein Tweet, gerade mal 140 Zeichen lange Gedankengänge, direkt ins Internet gepostet und Fotos bei dem tollen Licht, halten mich auf. Schon rauscht mein Verfolger wieder heran, gleich kommt er hinter der Kurve herbei. Ich muss mich sputen.

So geht das Spiel vielleicht zehn Kilometer weit bis zur Mündung auf die Hauptstraße, die 356, wo auch schon das Café wartet. Pause. Rad abstellen, Kaffee kaufen und leckeren Kuchen.

Plötzlich parkt der Traktor direkt vor dem Hof und die Fahrerin mit neongelber Warneste kommt herüber. Und so kommen wir ins Gespräch.

Fast schon wie Seelenverwandte erzählen wir über dies und das, das Reisen.

Sie hat einen Sohn, der in Tromsø lebt, droben in den Fjorden, den sie kürzlich besucht hatte. Das Auto zu einem schlafbaren Miniwohnmobil umfunktioniert, fifty Miles da hinauf, zeigt sie mit der Hand. Also etwa 500 Kilometer bis an den Atlantik. 

Das schlimmste an ihrer Arbeit sei die Zerstörung, die sie ausübe. Bei Radlern stoppe sie den Rotor, wenn sie sie rechtzeitig sieht. Ich sei einfach zu schnell gewesen. Ganz besonders übel war das Übermähen eines Karnikelnests. Das ist ihr ziemlich unter die Haut gegangen.

Über Gott und die Welt reden wir und sie hat noch eine witzige Anekdote aus Deutschland parat, wo sie einmal mit Ihrem Freund, einem Monstertruckfahrer getourt war. Monstertruck, verstehst du, die, die mit riesigen Reifen andere plattwalzen, hakt sie nach und erinnert mich an unser kleines Duell von eben. Wie auch immer, an einer Autobahnraststätte in Deutschland sei plötzlich ein Mann in der Damentoilette aufgetaucht und habe sie fordernd angeschaut, ihr die Hand hingehalten. Da sie dringend musste und nicht kapierte, was er wollte, schüttelte sie ihm die Hand, sperrte sich in einer Kabine ein, worauf er mit einem Wischmob demonstrativ davor wischte – trug er einen weißen Kittel, frage ich – ja – sogar unter der Tür hindurch sei der Wischmob gewedelt und sie habe die Füße hochheben müssen, bis irgendwann wieder diese Hand unter der Tür durchkam und sie dann endlich das deutsche Klomannprinzip kapierte und ihm ein paar Münzen in die Hand drückte.

Ich schreibe diese Zeilen an einem Badeplatz kaum zwanzig Kilometer Luftlinie bis zur finnischen Grenze. Die Sonne scheint. Seit Stunden ist kein Auto mehr auf der nahen Landstraße vorbei gebraust. Es gibt ein Plumpsklo hier, zwei kleine Grillhütten, Scheitholz und eine kleine Rutschbahn steht mitten im See. Mäßiger Südwind hält mir die Mücken vom Leib.

Das Plumpsklo nebenan ist sauber, erinnert mich aber an eine Szene aus Jo Nesbøs Roman ‚Headhunter‘, in der sich der Held in einem Plumpsklo verstecken muss, einizig mit einer Pappröhre im Mund, völlig untergetaucht, um seinem Häscher zu entkommen.

Ich weiß nicht, ob diese Kloanalogien hier als Blogbeitrag durchgehen.

Es war mir aber ein Bedürfnis, darüber zu reden.

Wie Davy Jones tausend Jahre verwachsen mit einem Ostseehafen #AnsKap

Jagdflugzeug als Skulptur auf einer grünen Wiese. Der linke Flügel und die spitze Nase bohren sich ins Grün.

Den Hirnreaktor runterfahren, die synaptisch kosmodämonischen Brennstäbe herausziehen, um eine Schmelze zu verhindern, Körper und Geist klingen am Besten gemeinsam, wenn sie eine ähnliche „Geschwindigkeit“ haben.
Hanebüchen, Herr Irgendlink, hanebüchen. Hat man Ihnen Ihr Hirn weichgekocht auf all den tausenden Kilometern, die Sie in den letzten Wochen geradelt sind?

Das Zelt steht neben einem achteckigen Pavillion, in dem gut und gerne eine kleine Partygesellschaft Platz haben könnte. Von Westen schützen ein paar Birken vor Wind. Die Wiese ist gut. Frisch gemäht. Kaum Stechmücken, die sich darin verstecken könnten. Dafür sorgt auch schon der emsige Westwind, der gestern Abend Regen herbei geblasen hatte.

Den kleinen Ostseehafen von Båtskärsnäs habe ich mir irgendwie quirliger vorgestellt. Mit Kaimauer, größeren Kuttern, Fischkisten und so weiter. Aber es ist ein ganz normaler Yachthafen ohne groß Ausbau. Einen Kran gibt es und ein paar Maschinen zum Boote ein und Auswassern. Fischerei Fehlanzeige. Båtskärsnäs ist ja auch nur ein winziges Dorf am allerallerobersten Zipfel der Ostsee. Vielleicht der nördlichste kleine Hafen der Ostsee überhaupt?

Es ist nicht leicht, ohne jegliches Kartenmaterial, einzig ausgestattet mit einer gedownloadeten Karte auf dem Smartphone, Informationen über die Gegend zu kriegen.

Ich wollte eigentlich einen Campingplatz hier in der Nähe ansteuern, mal wieder heiß duschen, Kleider waschen, ein bisschen relaxen, bevor es auf die letzten, geschätzt 900 Kilometer zum Nordkap geht. Auch noch mal in der Ostsee baden wäre schick. Es ist sehr sommerlich diesertage hier oben. Nicht so heiß, wie daheim, einfach sommerlich und gut radelbares Wetter.

Durch die rasanten Etappen der ersten Tage ab Falun und eine, vermutlich, Fehlberechnung der letzten 2300 Kilometer ans Kap, die gar keine 2300 Kilometer sind, habe ich nun viel Zeit zum Rumtrödeln.

Ich muss mich allerdings regelrecht zum Nichtradeln zwingen.

Das ist gar nicht so einfach, wenn es eigentlich kaum etwas zu sehen gibt, als Straße und Wald und Briefkästenensembles vor Waldwegen, mal ein paar Rentiere auf der Straße, ab und zu eine Sandgrube, Hochsitze und Stromleitungen.

Die Städte sind zig Kilometer voneinander entfernt. Sie sind auch nicht so opulent und sehenswert. Das Leben scheint sich in schwedischen Städten vorwiegend in Shoppingcentern abzuspielen. Große Komplexe mit vielen Läden mitten in den Städten, in denen man rumlungern kann und gucken, kaufen, lungern, gucken.

Verloren im Supermarkt. Ein Lied von The Clash dudelt einem dann sogleich im Kopf: Lost in the Supermarket. Es hat so was Resigniertes, das Lied, obwohl ich den Text gar nicht kenne.

Der Konsum ansich hat auch so etwas Resigniertes. Das ist mir schon in Falun aufgefallen. Die Tristesse, eingesperrt im Kauf, zu ewigem Geben und Nehmen verdammt. Gib Arbeitskraft, Nimm Gegenstand, um es mal darauf zu reduzieren.

Das wird einem hier oben, draußen, wo es nur noch Welt und Mensch gibt und sonst kaum eine Bespaßung oder Ablenkung umso bewusster. Wir sitzen gefangen in einem gigantischen, globalen Hamsterrad, das wir gemeinsam antreiben und versuchen verzweifelt, irgendwelche goldenen Vorhänge vorzuziehen, bloß um uns die Illusion aufrechtzuerhalten, das was um uns vorgeht, macht einen Sinn, unser Tun und Streben hat einen Sinn.

Vielleicht hat mir die viele Natur das Hirn zermürbt, dass ich auf solch triste, sagen wir mal sogar lebensbedrohliche Gedanken komme. Eine Art natürliche Lethargie macht sich in mir breit. Das fühlt sich aber nicht etwa depressiv oder traurig an. Es ist mehr so dieses Erstaunen, dieses Aha, das man der Wucht der Welt entgegen bringt, wenn man erkennt, wie winzig und wie klein man als Mensch doch ist und wie vergänglich.

Knochen liegen im Straßengraben. Ein Eichhörnchen, halb zerfetzt, mitten auf der Straße. Das Blut ist noch rot. Überall ist Tod und Auferstehung und Gebären und Leid und Freud. Scheint so, dass es sich dann, wenn man kein buntes, selbst geschaffenes Entzücken aus Konsumgütern und Geld mehr um sich hat, viel direkter auf einen Eindrischt.

Was?

Die Erbarmungslosigkeit des Lebens ansich. Dass es eigentlich doch nur eine art biologischer Multimechanismus ist, nach dem die Welt funktioniert, dass dieses denkende Ich, das in mir sitzt, das ich bin nur ein Funke ist, der kurz in der Ewigkeit blitzt und dann für immer verlöscht.

Was sehne ich mich nach einem Kinobesuch, irgendwo in Deutschland oder der Schweiz in irgendeinem lustigen Film. Einem Spaßbad oder einem Open Airkonzert oder einem Besuch in einem Technikmuseum. Egal. Irgendwas, was den goldenen Vorhang wieder vor meine Augen zieht, damit ich weiter an die Illusion der Ewigkeit des gelebten Lebens glauben kann und daran, dass das, was ich tue, was wir tun, was vorgeht in dieser Welt einen Bestand hat.

Die Risse im Asphalt des Radwegs am Kalix Älven zerstören diese Illusion. Ein zwei Jahre nichts tun, ein zwei Jahre keine Menschen, die hier Hand anlegen, und der Weg sieht aus wie nie gewesen. Schon jetzt drängen sich Birkenschößlinge neben Gras aus der Narbe im Teer.

Mir graut vor der Vorstellung.

Einen schönen Endzeitfilm, in dem genau das stattfindet, in dem genau diese Szene vorkommt, könnte ich jetzt gerne im Kino schauen, Dolby Sound und Breitbild, dazwischen eine Pause für Eis und Chips und Bier. Richtig Spaß haben könnte ich an der zur Fiktion degradierten Realität auf der Kinoleinwand.

Statdessen hier zu kurbeln auf dem grauen Band, das niemals endet und das irgendwann einmal so aussehen wird, als wäre es nie dagewesen, ist hart.

Es regnet mich ein gestern Abend. Kurz bevor ich den angepeilten Campingplatz erreiche. Leichter Nieselregen, Wind, Ekelwetter. Ich bin das kaum noch gewöhnt. Seit Beginn des zweiten Radelabschnitts ab Falun hatte ich regelrechtes Wetterglück.

Vier Kilometer vom Campingplatz strande ich unter dem Vordach eines Hafengebäudes. In den Hallen wird noch fleißig gearbeitet. Es mag 19 Uhr sein. Ich habe keine Lust, die Regenkleider rauszukramen, also klopfe ich an einem Bürofenster, jemand öffnet, schaut mich freundlich an, ich frage, darf ich da drüben neben dem Pavillon auf der Wiese mein Zelt aufbauen.

Aber klar darfst du. No Problem.

Nun beim Frühstück im Schneidersitzbüro beobachte ich das Hafentreiben. Jemand schaufelt Erde mit dem Bagger. Der Schiffskran quietscht. Autos fahren an und ab. Niemand nimmt Notiz von mir, bzw. es ist so, als gehöre ich dazu. Teil des Hafens in einem kleinen schwedischen Dorf an der Ostsee.

Das ist wie Davy Jones in Fluch der Karibik. Tausend Jahre Teil eines gesunkenen Kahns sein.

Hach und gerade hätte ich echt Lust, mir die Fluch der Karibik Filme anzuschauen.