Havøysund  # AnsKap

Ziemlich zerknautscht im Hafen von Havoysund, wo mich die Hurtigrutenfähre Vesterålen um – äh wann? – perversfrüh ausgespuckt hat. Ich glaube, ich war der einzige aussteigende Gast. Das Schiff lag noch im Schlaf, als es um 5:45 in Honningsvåg ablegte. Wegen Übermüdung und falsch gestellter Fahrraduhr hätte ich es beinahe verpasst. Um 5:43 schaue ich aufs Handy und realisiere, dass die Fähre in zwei Minuten ablegt, während ich hundert Meter entfernt um die Ecke im offenen WLAN vor der Touristinfo lustig vor mich hin twittere. Völlig außer Puste erreiche ich den letzten Lift aufs Autodeck, melde mich an der Rezeption, wo man mir eine Chipkarte gibt, die beim Auschecken gescannt wird. 

Blick aufs Meer über die orangenen Rettungsboote des Hurtigrutenschiffs Vesterålen Oben auf dem Panoramadeck, das rundum verglast ist und sogar in der Decke Fenster hat, lasse ich die Fjordstraße an mir vorbei ziehen. Möwen driften mit dem Ostwind parallel zum Schiff. Wir überqueren den Sund, der durch einen Tunnel die Nordkapinsel mit dem Festland verbindet. Jene fast sieben Kilometer lange Röhre, die ich vor drei Tagen durchradelt habe. Unheimlich. Ich bin vielleicht genau da, wo ich geradelt bin, nur ein paarhundert Meter höher auf dem Wasser.

Was hatte ich ein seltsames Gefühl da unten. Neun Prozent steil sackt die Straße fast drei Kilometer weit durch den Fels und windet sich unterm Meer durch, um auf der anderen Seite genauso steil wieder hinauf zu führen. In Zwischenstops alle fünfzig bis hundert Meter, in denen ich durchatmend die rechte Hand an der glitschigen Tunnelwand abstützte, ackerte ich wieder hinauf, im Gepäck immer eine kleine, hollywoodeske Roland Emmerich-Inszenierung, in der der Tunnel ein Loch kriegt und das Meerwasser eindringt.

Gestern begegnete mir in Honningsvåg ein franzöischer Radler, Stan aus Paris/Toulouse. Schiebend. Ziemlich zerknirscht. Nach vier Uhr. Alle Läden außer dem Lebensmittelladen zu. Auch der Fahrradladen. Seine Kette ist ihm achthundert Meter vor dem Tunnelausgang gerissen. Er fährt ein Rennrad mit Anhänger und einer geradezu barbarischen Rennübersetzung. Kein Wunder, dass bei neun Prozent Steigung die Kette ächzt.

Vom Tunnel nach Honningsvåg sind es über zwanzig Kilometer. Die hätte er eigentlich laufen müssen, wenn nicht das erste Auto, das er sah, als er wieder draußen war gestoppt hätte, das Kanu vom Trailer geladen und bei einem Nachbar gelassen und sein Radel mitsamt Gepäck aufgeladen hätte, um ihn nach Honningsvåg zu bringen.

Auch die sieben Kilometer bis zum Campingplatz hätte er schieben müssen und vielleicht sogar den Rest der Strecke zum Nordkap, wenn er mir nicht begegnet wäre. Ich habe nämlich einen Kettentrenner im Gepäck.

Ich zweifle ein bisschen, dass die Kette nun durchhält, denn wenn sie im Tunnel bei neun Prozent Steigung reißt, kann sie auch auf den drei Anstiegen zum Nordkap reißen.

Havøysund nun. Kleines Städtchen im Fjord, das alles hat, was das Herz begehrt. Sogar eine Bibliothek gibts hier, eine Schule, Kirche, Bank, Hafengebäude – apropos: die Warteräume in den Hurtigrutenhäfen – ich nehme an, es gibt sie nicht nur hier in Havøysund, sind beheizte, bequeme Etwase mit Toilette und Kaffeeautomat (nur für die Kapakten und falls man mal auf den irrwitzigen Gedanken käme, über Norwegen ans Nordkap zu radeln).

Hier an meinem Schreibplatz stehen ein paar Tische und Parkbänke an einem kleinen offenen Platz vor dem örtlichen Coop-Laden. Die Sonne scheint. Ich habe Kaffee gekocht auf dem Trangia. In der Fähre hätte ein Kaffee siebenunddreißig Kronen gekostet, etwa fünf Euro. das ist knapp halb so viel, wie der Campingplatz in Olderfjord/Russens kostet, den ich heute abend anlaufen möchte.

Das GPS zeigt eine Distanz von neunundfünfzig Kilometern bis dahin. Luftlinie.

Havøysund erwacht mit dem Ablegen der Fähre. Hinter mir der Hafen. Ein Fischkutter läuft ein. Die Seile, mit denen die Flaggen an den Fahnenmasten hochgezogen werden, klappern im Wind. Der macht das Sitzen hier ein bisschen ungemütlich. Vermutlich wäre es ziemlich warm, wenn die Sonne ungestört scheinen würde.

Auf dem Tisch habe ich fast alle Sachen ausgepackt, die in den vier Fahrradtaschen sind. Viel ist es nicht mehr. Meist Lebensmittel, der Kocher, Notizbuch, Kleinkram. Die hinteren Packtaschen sind fast leer, weil ich sämtliche Kleider trage, die ich dabei habe. Nur noch Socken und Unterhosen, die Badehose sind darin.

Ich schätze, dass ich mit etwa 30 Kilo inklusive Radel in Alta abfliegen werde. Punktlandung. 23 Kilo als Gepäckstück und bis zu acht Kilo im Handgepäck.

Der Rückflug ist nächsten Mittwoch um 7:35 mit einem halben Tag Aufenthalt in Oslo, bis es um 16 Uhr weiter geht nach Frankfurt. Fast drei Monate Radeln werden in zwei kleinen Hüpfern von je zwei Stunden weggewischt.

Wie ich so hier sitze, zerknautscht, wie oben erwähnt, wird mir klar, dass mir die schnellen Verkehrsmittel nicht liegen. Auch die Fähre heute Morgen war stressig.

Ich könnte jetzt gut einen stillen Platz brauchen, schön warm und ohne Wind, an dem ich eine Weile dösen kann, danach mich ins Schneidersitzbüro begeben und ein paar Blogeinträge schreiben.

Kommentaroverflow

Hallo liebe Irgendlink-Bloglesende.

Erstmals komme ich in den letzten Tagen nicht mit Kommentare beantworten nach.

Einerseits weil es so viele sind, andererseits weil die WordPress-App und der winzige Touchscreen es erschweren.

Ich sitze im Nordkapcenter vor der riesigen, nach Norden gerichteten Glasfront und schaue über die Nordkapkugeldraußen auf der Klippe Richtung Nordpol.

Euch allen gilt mein Dank fürs Mitreisen, Mitfiebern, Anfeuern.

Herzliche Grüße, meine Lieben Mitreisenden

Euer Irgendlink.

Ans Kap #AnsKap

‚Sehnsucht nach Gegenwart‘, weiß man da schon Genaueres?Gerade kommt die Sonne durch irgendwo im Osten und wirft das zerklüftete Land zwischen Nordatlantik und Barentssee in ein gar bizarres Licht. Karge Felsen. Wollgras, Möwen, andere Vögel und wie hingetupft, meist rot, ein paar Wohnhäuser am Fjord. Die Insel da vorne sieht aus wie ein grün begraster Hexenhut und links, im Norden, ganz nah bei der E69 steht eine gelbe Bauruine. Die Sonne macht sie schön und ich fotografiere mich langsam heran. Ein Teil des Daches liegt vor dem Gebäude. Wie ein Gerippe ragt der Dachstuhl in löchriges Himmelsblau.

Aus dem Gebäude sind alle Fenster herausgetrümmert. Davor liegen Stühle, ein verrottender Tisch, ungedeckt. Unheimlich. Verrucht. Die Fenster im Parterre sind vernagelt. Dennoch, die Tür steht offen, ach was, es gibt sie nicht mehr, stelle ich fest, als ich davor stehe. Stattdessen Maschendraht, den jemand aufgescchnitten und zur Seite gebogen hat.

Ich kann einfach so hinein. Wenn ich mich traue. Graffities. Geborstenes, aus den Angeln gerissene Türen. Eine Schutthalde, als habe eine Explosion darin stattgefunden.

An der westlichen Außenwand hängt eine acht Meter breite, drei Meter hohe Tafel.

Dieses Haus war Kulisse eines Films, steht darauf auf norwegisch, englisch und auch auf deutsch.

„Sehnsucht nach Gegenwart“ von Knut Erik Jensen. Eine Filmsymphonie aus der Region Nordkap. 

 Ich stöbere durch die Ruine, nicht zuletzt, weil sie ggf. ein möglicher Unterschlupf auf dem Rückweg nach Alta sein könnte.

Von Wind zerschossenes zweistöckiges Etwas. Was war das einmal? Alles Möbel sind zerschlagen. Wie in einer Messiwohnung sieht es aus. Nie könnte man dieses System blindwütigen Vandalismus kapieren. Papier, Kleider, Comics, Pornos, der Dachstuhl bietet eine tolle Panoramaussicht auf die Hexenhutinsel.

Ich bin noch etwa fünfzehn Kilometer von Honningsvåg entfernt, der letzten Stadt vor dem Nordkap.

Vor kurzem hat mich Alexej, ein russischer Radler aus Sankt Petersburg überholt. Mit fast nichts ist er hier unterwegs, hat Finnland durchradelt, kein Geld. Im Trinkflaschenhalter eine Vodkaflasche. Wasser sei da drin, sagte er.

Zunächst habe er mich für einen Ukrainer gehalten wegen der blaugelben Flagge auf meinem Gepäckträger, sagt er. Und da wird mir bewusst, wie sehr die Gegenwart in der Vergangenheit wurzelt, wie alles, das sich ereignet aufeinander aufbaut. Genau wie das, was jetzt in dieser Gegenwart vor der Filmkulisse ‚Sehnsucht nach Gegenwart‘ geschieht womöglich die Wurzel ist für Begebenheiten in der Zukunft.

Schweden vor etlichen Tagen. Da liegt sie endlich, meine heiß ersehnte Schwedenflagge, mit der ich mein Fahrrad schmücken will. Rechts im Straßengraben. Gar nicht mal so schmutzig. Hastig packe ich den gelbblauen Wimpel ein. Er ist aus solider Baumwolle. Später spricht mich ein ukrainischer Beerenpflücker in Glommersträsk an, ob ich Ukrainer sei. Warum? Na wegen der Landesfarben.

Erst da bemerke ich, dass meine Schwedenflagge gar kein Kreuz darauf hat, dass es eine jener Art ist, wie sie manchmal vor den Häusern flattern.

Ennontekiö vor etwa einer Woche. Vor dem Supermarkt ist die Hölle los. Jede Menge Autos mit norwegischem Kennzeichen, in die man palettenweise Dosenbier, aber auch andere Lebensmittel lädt. Ein Paar mit Hund spricht uns an – ich bin da gerade mit dem Münchner Radler Tim unterwegs – und wir reden über unsere Wohers und Wohins. Dass das Wetter schön sei und wir Glückspilze. Alle. Sie kommen aus Holland. Am Nordkap arbeite ihre Tochter in der Touristeninformation und wir mögen doch mal bei ihr vorbeischauen, sagt der Mann. Dann steigen sie ins Auto und fahren winkend davon.

Vorgestern. Ich trödele durch Honningsvåg, fotografiere viel Rost und Buntes und eine Fischfabrik. Auf zig Meter langen, etwa sechs bis acht Meter hohen Gestellen, die aussehen wie längliche Indianderzelte hängen tausende Fische zum Trocknen, blecken ihre toten Zähne aus weit aufgerissenen Mäulern.

Im Hafen liegen zwei Kreuzfahrtschiffe.Eines ist die Astor mit etwa 500 Passagieren. Viele Deutsche. Eine von ihnen bitte ich um ein Foto vor einem zwei Meter hohen Troll. Ständig posieren Menschen vor dem Wesen mit den riesigen Augen und der Knollennase. Hafentreiben. Plötzlich kommt ein Mann auf mich zu, begrüßt mich freudig, achjaaa und das war doch … das war doch in Muonio, sagt er, oder, hmm? Auch ich muss grübeln, hmm es war … Ennontekiö. Seine Tochter hat gerade Dienst. Hier in der Touristinfo in Honningsvåg, wo es turbulent zugeht, das WLAN offen, ich eine Weile sitzen kann und surfen.

Bis dir mal noch jemand wegen Nordkapverzögerung an den Karren fährt.

Etwa dreißig Kilometer sind es noch. Zwei drei Stunden, kalkuliert mein Hirn. Wie naiv, Herr Irgendlink, wie naiv.

Ich glaube, in Honningsvåg denkt jeder Radler, juhuu, nur noch zwei Stunden und ich stehe am Kap. Keiner hat das je geschafft. Das Nordkap ist auf einem paarhundert Meter hohen Felsen und man hat nicht gerade eine Autobahn mit Tunneln und Brücken dahin gebaut. Überhaupt gibt es erst seit Mitte der 1950er Jahre eine Straße. Vorher musste man mit dem Schiff in einer Bucht unterhalb festmachen und hinauf klettern.

Die Strecke zum Nordkap gehört zum Härtesten, was ich radlerisch je erlebt habe. Dabei sind es eigentlich gar nicht so viele Höhenmeter. Ich habe die 2400 Meter hohe Porte d Envalira in den Pyrenäen mehrfach überquert, den Simplonpass, den San Bernhardino, um nur einmal die höchsten zu nennen, meisterte den niederländischn Overdijk über dreißig Kilometer weit im Sturm, natürlich gegen den Wind, durchquerte die Kjöllurroute in Island und, hmm, am ehesten erinnert mich der Auftstieg zum Nordkap an die Öxiroute im Osten Islands. Ein ungeteertes, garstiges Etwas, von Wind und Wetter umspült, das ich im Schneetreiben hinaufächzte bis zu einer Schutzhütte, die mit schweren Ketten im Fels verankert war.

Der starke Westwind macht es nicht leichter auf den letzten drei vier Anstiegen zum Nordkap. Teils acht neun Prozent Steigung, serpentinös anfangs, zermürbend im Nebel verschwindend der letzte lange Anstieg. Immerhin geteert. Mit fünf km/h ackere ich gegen eine dreißig Meter entfernte Nebelwand. Alles nass. Demut irgendwie und dieses egal wann du ankommst Gefühl, denn dieses Mal ist es eben nicht wie in Island, dass dich eine zugige Hütte erwartet, sondern du weißt, da ist ein riesiges Gebäude aus Stein. Da drin ist es warm, es gibt ein Restaurant, Tische, Stühle, Museum, Souvenirs, Menschen.

Noch fünfhundert Meter bis zur Schranke, an der alle motorisierten Besucher den Eintritt von zweihundertfünfzig Kronen pro Person, also etwa dreißig Euro bezahlen müssen. Unheimlich wie sich die Mautstation und zwei abzufertigende Autos aus dem Dunst schälen. Man fragt, woher ich komme, drückt mir ein Prospekt auf deutsch in die Hand und winkt mich durch. Nichts. Nebel. Keine Geräusche, die auf Menschen hindeuten. Wo ist das Gebäude? Wieder eine Schranke. Und eine Hütte daneben, die der Schutzhütte auf dem Öxipass ein bisschen ähnelt. Statt mit Ketten ist sie mit Streben, die sich wie Spinnenbeine in den Boden stemmen, gegen Sturm gesichert.

Wie elend lange doch zwei dreihundert Meter werden können. Plötzlich erkenne ich eine unscharfe Silhouette, eine Kugel ragt in den Dunst. Darunter die Umrisse eines flachen, etwa sechzig achtzig Meter langen Bungalows. Es könnte auch eine zufällig gerade Felswand sein. Ein Eingang in der Mitte. Licht. Drei vier Fahrräder lehnen davor. Die Kugel entpuppt sich als Teil des Gebäudes, eine Art runder Turm. Die berühmte Nordkap-Kugel, vor der man sich fotografieren lässt steht hinter dem Bauwerk.

Ich stelle das Rad ab, gehe auf das Portal zu, die gläserne Schiebetür öffnet sich automatisch.

Ich bin da.

Der Tacho zeigt 4463.

Wann hat diese Reise ihre Wurzeln? War es vor zehn Wochen beim Start, oder vor ein paar Monaten, als die Planung begann?

Oder vor zwanzig Jahren, als Monsieur QQlka und ich den ersten Kapschnitt in Angriff nahmen?

Im Norden nichts neues #AnsKap

Regen ist angesagt. Die Wetterapp auf dem iPhone zeigt die Prognosen verschiedener Orte für fünf Tage an, sowie den aktuellen Status, den sie von der jeweiligen Wetterstation bezieht. Du solltest dich also sputen, Herr Irgendlink, wenn du das Nordkap trockenen Fußes erreichen willst.

Zelt und Fahrrad in einer windgeschützten Kiesmulde an der Barentssee

Gerda, die Niederländerin, die ich am Láhpojárvi getroffen hatte, erzählte mir von Leuten, die schon elf Mal am Nordkap waren, aber noch nie die Sonne dort gesehen haben. Immer waren sie nur für einen Tag da, gehetztes Reisevieh, ausgespuckt von einem Hurtigrutenschiff, in einen Bus verfrachtet, hinaufgekarrt, 255 Kronen Eintritt bezahlt, drei vier Stunden im Nordkapcenter gewesen …

Maurice fällt mir ein, den ich vor bald zwei Wochen in Schweden getroffen hatte: Wie lange wirst du am Nordkap bleiben?, hatte er gefragt, als würde es sich um einen Malle-Trip handeln, wie lange warste denn am Ballermann? Nur eben, hier geht es nicht um leichte Partykost. Da hatte er recht, der Mindcore-Musiker.

Ich wandele diesertage stets auf einer dünnen Schneide zwischen ‚in Hektik fallen‘ und drauflostreten. Wie irrsinnig das ist, nach so vielen Tagen Kurbelei, das muss ich mir immer wieder vergegenwärtigen. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es ja nicht an.

Am zweiten September habe ich einen Flug ab Alta. Übernächsten Dienstag, glaube ich, aber auch den muss ich nicht unbedingt erreichen.

Wozu Eile? Fast schon ein guter Titel für ein Paul-Klee-Bild … oder hat er nicht tatsächlich eines seiner Bilder ‚wozu Eile‘ genannt?

Gestern erreiche ich bei Lakselv den Porsangfjord. Eine wichtige Marinebasis der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Weiter hinten im Tal aufwärts findet man die Ruinen eines ehemaligen Feldlazaretts. Nachdem ich am Morgen von Fluglärm geweckt wurde und mir fast vorkam wie in der Einflugschneise von Frankfurt, alle paar Minuten donnerte es über dem Zelt und mich wunderte, wow, was für ein großer Flughafen das sein muss hier in Lakselv, der die Nordfjorde mit Oslo verbindet (es gibt tatsächlich einen Flughafen hier), wurde ich später auf der Straße runter ans Meer belehrt, dass auch heute noch das Militär hier unterwegs ist. Schilder weisen eine sieben Kilometer lange Zone aus, in der man nicht fotografieren, nicht campen und auch nicht anhalten darf.

Unten in Lakselv herrschte samstägliches Treiben. Tankstellen, ein Coop-Laden, alle möglichen anderen Läden, alle geöffnet. Männer in Tarnanzügen, Militärs, beim Einkaufen. Ein unheimliches Donnern geht durch den Fjord. Es scheint mitten in Lakselv zu sein. Düsenantrieb. Niemand nimmt Notiz. Ich kann auch nichts sehen hinter den fabrikhallen-trostlosen Gebäuden und den Parkflächen dazwischen.

Einkaufen. Raus aus der Stadt, vorbei an der Kirche, wo ich vor dem Kriegerdenkmal einen Moment ruhe, auf dem etwa zehn Namen stehen von Gefallenen aus der Gegend. Was für eine Vergeudung und Zunichtemachung kleiner feiner Menschenträume so ein Krieg sein muss. Du rutschts da so rein als junger Mann, wirst manipuliert oder gezwungen, Teil einer Armee zu sein für ein Irgendwas, das sich dein Vaterland nennt und sollst es nun verteidigen auf Leben oder Tod, geknechtet in einer streng hierarchisierten Menschengruppe, wenn du Pech hast einen unbesonnenen, den Helden spielen wollenden, sich profilieren wollenden Offizier als Vorgesetzten, der bereit ist, dich beim nächsten tollkühnen Angriff einfach so in den Tod zu schicken.

Zwei Kampfjets. Sind das Mirage? Französische Kampfflieger hier oben?

Langsam keimt eine ‚Krieg bricht aus-Hysterie‘ in mir. Ich bin ja seit Monaten uninformiert, was das Weltgeschehen betrifft. Bis zu einem Campingplatz zehn zwanzig dreißig Kilometer nordwärts von Lakselv tobt diese Hysterie und ich male mir schon Bilder, in denen plötzlich alle Transportmittel versagen, es keine Busse, Flugzeuge, nichts mehr gibt, die mich von hier wieder heimbringen, weil ein Krieg begonnen hat. Ich, abgeschnitten hier oben. Plötzlich ein Flüchtling.

Bei einem Camping, wo ich bei einer Russin ein Eis kaufe, erzählen mir zwei Norweger von den Übungen, die die nächsten zwei Wochen hier laufen. Manöver also. Belgier und Franzosen seien gerade hier. Kommt wohl öfter vor, so beiläufig, wie er es erzählt. Einer der beiden ist aus Lakselv, der andere aus Honningsvåg. Genüsslich schmatzen wir Eis.

Die russische Platzwartin zeigt lächelnd auf ihre Bluse, wo sie sich mit Eis bekleckert hat und ich zeige daraufhin mein ziemlich versifftes T-Shirt. Wir lachen, lecken Eis, genießen einen der vielleicht letzten warmen Tage des Jahres. Nebenbei tauschen wir, fast wie einatmen, ausatmen oder wie Stoffwechsel, Lebensgeschichten, Wohers und Wohins. Dass es sie so weit hier hoch verschlagen hat, aus einer Millionenstadt im Südural kam sie in die Murmansker Gegend und dann hierher. Halbes Jahr dunkel und kalt, halbes Jahr hell und warm. Verrückt.

Dass ich tatsächlich bis zur Barentssee geradelt bin, erklärt mir nüchtern ein ausgemergelter, kautabakkauender Norweger: „You have met the Barentssea“, sagt er schlicht, „enjoy“.

Ein paar Kilometer weiter kommt ein Typ mit reisebepacktem Radel entgegen, der aussieht wie der Schmied in den Asterix-Comics, wie hieß der noch? Verleihnix? Egal. Er war am Kap, ist zwei Tage bis hierher geradelt und er kommt aus Frankreich aus irgendwo zwischen Lille und Paris. Blonder Zopf wackelt. Wir erklären uns gegenseitig die Einkaufs- und Zeltplatzmöglichkeiten. In Russens gäbe es einen Campingplatz für 90 Kronen die Nacht und man könne die Waschmaschine umsonst benutzen. Na, und das wäre doch ein Ziel für den Abend. Von da aus seien es noch 140 Kilometer bis zum Nordkap, sagt der Gallier.

Ich trödele mich voran. Der Fjord ist unglaublich schön. Es herrscht Ebbe. Felsen liegen frei. Fischerhütten stehen wie deplatziert weit weg vom Wasser. Boote ankern. Bojen schimmern, Kanuten padeln, Flüsse stürzen von den zwei- dreihundert Meter hohen Bergen, laufen aus. Mal sehe ich mich in Island wieder, mal in den Cevennen, mal in den Südhängen der Pyrenäen – und plötzlich wird mir klar, ich habe einfach schon viel zu viel gesehen von der Welt, als dass ich noch einmal dieses jungfräuliche Erlebnis des ersten Anblicks, des ersten Anfühlens, Riechens und Hörens erleben könnte. Alles, was ich sehe wird nach den beinahe fünfzig Jahren Lebenszeit automatisch einsortiert in eine – ich will nicht sagen – Schublade, es gibt nichts Neues mehr und die Barentssee und das bevorstehende Nordkap können nie dieses Gefühl des ersten Anblicks erreichen, das man sich manchmal in besonnenen Momenten vielleicht herbeisehnt.

Dass ich mich beeilen soll. Das Wetter wird schlecht, rufen Stimmen in mir, sagt man mir sogar auf Twitter. Und trotzig ist da ein Stimmchen – zum Glück – auch irgendwo in meinem Innern, das ruft, na und! Das Wetter wird immer schlecht und das Wetter wird auch immer wieder gut.

Wind kommt auf gegen Abend. Kühler Nordwester und wie auf Befehl schält sich eine Kiesgrube, von allen Seiten windgeschützt, aus dem Nichts der nahenden Zukunft, wo ich nur ein paar Steine zur Seite schieben muss und schon steht das Zelt, ruhig, abseits der Straße unweit der Barentssee.

Diesseits und jenseits zweier Atome #AnsKap

Der Mensch ist überall. Da darf man sich nichts vormachen. Sei es außenrum noch so grün, noch so karg, noch so unwirtlich – je nach Gegend und Gusto, der Mensch hat Europa voll im Griff. Wo Straße ist, ist auch Mensch. Die Physiognomie der Orte hier oben unweit des Nordkaps ist nur ein bisschen anders. Da heißt es schon mal, wie vor ein paar Tagen auf einem Schild, das die Grenze der Stadt Kiruna zeigte, 232 Kilometer bis ins Zentrum.

Offenkundig ist hier aber gar keine Stadt. Bei näherem Betrachten findet man dann doch menschliche Spuren. Funkmasten querab auf Hügeln, Zäune, Stromleitungen, alles sehr weitläufig, fast wie dekomprimierte Luft. Hier mal ein Atom, da mal ein Atom, hier mal eine Hütte, da mal eine Hütte.

Wie verloren steht zum Beispiel mitten in einem kargen Gelände, wo man eigentlich nicht hinfahren kann, ein Wohnwagen. Keine Ahnung, wie er da hin kam? Per Hubschrauber? Oder hat man ihn im Winter, wenn alles mit Schnee bedeckt ist hierher geschleppt?

Die Gegend ist einsam. Ganz klar. Aber sie ist Menschenland. Alles gehört hier jemandem. Rentiere tragen manchmal Glocken. Ab und zu befinden sich Rentiersortieranlagen am Straßenrand, die sich übrigens gut eignen zum Zelten. Barrieren und Gatter und ein paar Lampen, die wohl mit Notstromaggregaten betrieben werden. Im Winter ist es hier ja immer dunkel. LKW-Rampen, damit man das Vieh in die Laster treiben kann. So stelle ich mir das zumindest vor. Ob es so ist, weiß ich nicht. Immer wieder zeigen Hinweisschilder in kleinen Siedlungen auf Rentierkjött-Verkaufsstellen, also Rentierfleischgeschäfte oder -metzgereien.

Es gibt hier keine Natur. Der Mensch beherrscht alles. Im Winter ist er mit Schneescootern sogar da unterwegs, wo die Straße nicht hinkommt, wo jetzt Sumpf, unwegsames Gelände, Pfützen und Tümpel für eine gewisse Finmarksromantiksorgen.

Dreißig Kilometer nördlich von Kautokeino biege ich von der Straße 93 auf die 92 ab in Richtung Karasjok. Eine etwas weitere Strecke zum Nordkap, als die Alta-Route. Das Hinterland reizt mich. Jemand sagte mir, es sei schön, schöner vielleicht als die Küste. Ich weiß es nicht. Ich müsste beides gesehen haben, um es beurteilen zu können und selbst dann könnte ich nicht sagen, das ist allgemeingültig. Das ist es, was mich an Reiseberichten so sehr zweifeln lässt. Ihre Subjektivität gepaart mit der eigentlich offenkundigen Ahnungslosigkeit,die man als Mensch grundsätzlich hat und dazu ein Spritzer momentane Stimmung.

Ich kann das Hohelied, ‚die Strecke über Karasjok zum Nordkap ist die schönste Strecke der Welt‘, laut und voller Inbrunst singen. Die Sonne scheint. Keine Wolke am Himmel. Das macht Gegenden grundsätzlich sehr schön. Die Straße ist ruhig und etwa dreißig vierzig Kilometer nach dem Abzweig von der Altaroute ist ein wunderbarer, glasklarer See. Sandstrand. Darin liegen Steine wie Perlen. Gar nicht mal so kalt ist das Wasser. Ich ziehe die Badehose an, wate hinein. Der See ist flach. Nach fünfzig Schritten steht mir das Wasser immer noch nicht bis zu den Knien. Weich ist der Sand. Auf dem Parkplatz mit Picknickbänken hinter mir ist kaum ein Mensch. Ich gleite ins Wasser, lege mich auf den Rücken, schaue eine Weile in den Himmel.

Als ich zurückkehre, steht ein Kleinwagen neben meiner Picknickbank. Jemand sitzt drin. Beobachte der/die mich? Durch die Scheibe kann ich es schlecht sehen. Verdrücke mich zum Umziehen hinter die Bank, die nur notdürftig vor dem vermeintlichen Blick schützt.

Die Person steigt aus, eine Frau, sie geht zum See, setzt sich ans Ufer, sitzt lange da, eine ewige Picknickpause lang und länger, steht auf, läuft auf und ab, fotografiert etwas, setzt sich wieder, derweil eine norwegische Limousine anfährt. Türen auf, fünfköpfige Familie raus. Kurz ein paar Takte Pixies, eines meiner Lieblingslieder, dann stellen sie die Musik ab. Sie sind Franzosen. Wir sagen Bonjour. Sie staksen im See.

Wir alle würdigen die Stille.

Später kommt die Frau, die so lange am Ufer saß herüber und wir halten ein Schwätzchen. Gerda aus Den Haag. Auf dem Fotoapparatedisplay zeigt sie mir das Bild, das sie gemacht hat. Eine Steingruppe, die sie schon vier Mal fotografiert hat. Immer dann, wenn sie hier an dem See vorbei kommt. Sie war schon oft hier oben und in Norwegen war sie erstmals 1961, jaaa, ich bin alt, sagt sie.

1961 mit dem Segelschiff nach Fredrikstad und die Menschen seien damals in Aufruhr gewesen, unruhig wie ein Wespennest, in das jemand gestochert habe. Es war am Tag des Mauerbaus, als sie mit ihren Eltern erstmals nach Norwegen kam.

Dass ich Künstler bin und das mit den Fotos und dem immer Wiederkehrenden – sie sagte, es sei ein Spleen – nur allzugut verstehe. Da guckt sie mich kumpelhaft an und sagt, ah, Künstler, dann darf ich ihnen was verraten: Seit einem Beinaheunfall habe ich eine Überwachungskamera im Auto und ich fürchte, sie war vorhin, als sie sich umgezogen haben noch an, grinst sie.

Ha! Die Geschichte gefällt mir. Wir überlegen, ob man diesen Outdoor-Porno des kleinen Mannes irgendwie kopieren könnte, so dass ich die Daten habe. Scheitern an der technischen Umsetzung. Und es ist ja auch alles so vergänglich. Wenn sie losfährt und die Kmera wieder aktiviert, werden die Daten nach fünf Minuten überschrieben.

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, die Finmark sei ereignislos, nicht abwechslungsreich, stelle ich fest. Es hängt einfach von Zufällen ab, ob man jemandem begegnet oder nicht, ob etwas passiert oder nicht, ob das eigene Hirn aus dem wenigen Input, den es kriegt etwas macht oder nicht.

Am Tag zuvor, auf Kautokeino zuradelnd, erzählte mir Radlerkollege Tim, er wisse nicht, was er in einem Blog schreiben könne, es passiert ja nichts, außer dass man hundert, hundertfünfzig Kilometer weit radelt, das Zelt aufbaut, kocht und schläft.

Es ist mit dem Erleben und den Ereignissen wohl so wie mit den Häusern – sie liegen weit auseinander. Oder wie mit dekomprimierter Luft, die Atome sind zwar noch da, aber nicht so häufig.

Kaum radele ich vom traumhaften See weiter, kommt schon die nächste Begegnung. Ein Quadfahrer braust auf mich zu, verlangsamt, also verlangsame ich auch und stoppt, also stoppe ich auch. Sogar den Motor macht er aus und so stehen wir da ratlos auf der Landstraße, was will er von mir, was will ich von ihm? Beide dachten wir wohl, der andere bauche Hilfe oder wolle etwas sagen, aber nein, eigentlich wären wir ganz normal weiter gefahren, wenn nicht diese seltsame Rückkopplung stattgefunden hätte. Idd is werry hodd, sagt der Mann immer wieder und es klingt fast ein bisschen südländisch, als begegneten wir uns gerade auf Sizilien oder in der Extremadura. Dabei war es doch vor Kurzem noch so kalt, sagt er. Im Juli hätten sie noch Schnee gehabt, da drüben, fünf Kilometer weiter in dem Dorf, in dem er wohnt.

Nein, die Gegend ist nicht leer. Die Gegend wird von Menschen beherrscht. Wir verabschieden uns und er lässt den Motor an, fährt rechts runter von der Straße in einen kaum wahrnehmbaren Sandweg und verschwindet im Nichts irgendwo in nördlicher Richtung diesseits und jenseits zweier Atome.