Berlin, Januar 2008
Irrgartenstraße
Gefunden in Neunkirchen (Saar) während eines Geocaching-Trips mit Kokolores. Irrgarten ist eine Lebenseinstellung.
Fingermonster – Blase des Glücks
Noch eine Szene aus Berlin letzte Woche. Zur guten Nacht. Herr Hauptstadtethnologe hat Frau Hauptstadtethnologin ein Fingermonster gekauft, welches in unmittelbarer Nähe des Holocaust-Mahnmals zur Hauptfigur für eine kleine Fotosession wurde. Wir haben uns einfach die Puppe auf die Finger gesteckt und mit der Makrofunktion der Kamera ein paar Quatsch-Fotos geschossen. War ein grandioser Tag.
Im Holocaust-Denkmal konnte ich mich wegen der bedrückenden Atmosphäre nur wenige Minuten aufhalten. Es ist schrecklich, die Schicksale von ermordeten Menschen wie Du und Du und auch wie mich zu beäugen, 60 Jahre danach. Unglaublich, wie unmenschlich die Krone der Schöpfung einst war und in vielen Gegenden der Welt sie es noch immer ist. Es wird wieder geschehen. Es geschieht immer. Es hört niemals auf. Es ist alltäglich. Beinahe ist es banal. Deshalb sollte man davonlaufen, tun als wäre man allein, niemand kann einen dann angreifen.
Trotzdem das Fingermonster, denn wir leben in einer Blase des Glücks.
Alexanderplatz, Berlin
Noch ein Bild aus Berlin von letzter Woche. Der Fernsehturm, gespiegelt in der Fassade eines schöngeschniegelten Hochhauses. Ich erinnere mich, dass in einer düsteren Passge zur Linken noch vor drei Jahren bettelnde Punker gastierten. Man hat sie gesäubert, die Passage, mit vieltausendwatt Licht und die Punker sind verschwunden. Sie waren ja cool, diese wunderbaren Nichtstuer mit den vielen Hunden und den Billigbierflaschen. Schade, dass man dieses bizarre Gut menschlicher Kultur vertrieben hat und stattdessen Feind B.-King und Brille? installiert hat. Aber unsere Welt muss ja sauber sein.
Zur Fotografie: aufgenommen mit stinknormaler 5 Megapixel-Kamera, Iso 400 ohne Blitz, in der Abenddämmerung, aufgestützt auf einem Mülleimer. Der Punkereuro, den ich in Berlin immer in der Tasche trage, ist noch immer im Seckel.
Durst
Ein bizarres Leben führe ich. Ich bin Dichter, Zeitungsschreiber, Webmaster, Holzfäller, Künstler, Fotograf und Jobmaker. Nebenbei auch Landlord.
Das nährt seinen Mann.
Nachmittags mit meinem Vater im Wald, wo er auf dem schmalen Forstweg ein 30-steriges Inferno angerichtet hatte, sprich, mittels Seilwinde kapitale Eichen und Pseudoakazien auf den Weg gezerrt hat, die es zu zerteilen galt und in ofengerechten Stücken hinauf zu schleppen auf das einsame Gehöft. Der nächste Winter kommt bestimmt. Die Holzfällerei ist eine schweißtreibende Arbeit und ich bin mir noch nicht im Klaren, ob Holzfällen schöner ist, als kulturmasochistische Veranstaltungen für die lokale Zeitung zu besprechen. Das Schönste im Leben ist eigentlich schreiben, weshalb ich es nun hier tue. Lass die Worte fließen, Mann, es ist das Einzige, was Sinn macht.
Dummerweise hatte ich vergessen, eine Flasche Wasser mit in den Wald zu nehmen, weshalb ich über etlichen Raummetern Holz schwitzte bis ich durstete und Dursten, das weiß jeder, der es einmal erlebt hat, ist die schlimmste Qual, die man als Mensch erdulden kann. Nach getaner Arbeit den Kilometer zurück bis zum einsamen Gehöft hinauf, schleppte ich mich mühsam, den Forsthelm zwischen Daumen und Zeigefinger, träumte von Apfelsaftschorle, Bier, Milch, direkt und in Massen. Ein Kilometer unter Durst ist mit das Schlimmste, was einem passieren kann. Ich will ein wenig assoziativ werden und mich an die letzte Durstsequenz erinnern irgendwann vor drei vier Jahren, vom italienischen Desencano kommend, das Schweizer Centovalli hinauf radelnd. Ich hatte vergessen, Wasser zu fassen und ächzte die schmale Landstraße, nicht sehr steil, hinauf durch eine wunderbare südalpine Gegend. Nur eben, die trockene Zunge klebte am Daumen, wahlweise Oben oder Unten. Kilometerweit phantasierte ich von frischen Quellen, seichten Bächen, aus denen ich trinken könnte, wurde schwächer und schwächer, bis es zu regnen begann und ich mich verschwitzt im frühherbstlichen Himmel reckte, den Mund öffnete, Tropfen um Tropfen trank.
Das war ein guter Moment im Leben. Ich habe überlebt.