Kollege T.s Jakobsweg I

Legen wir mal alles beiseite, was es noch zu erzählen gäbe. Samstag gab ich Kollege T. ein wenig moralische Unterstützung bei dem Beginn seiner Radel-Pilger-Reise nach Santiago de Compostella. Er sagte, das sei gut, er hätte es sonst nie geschafft, um Punkt 15 Uhr – mit einiger Verspätung zwar – loszuradeln. Ich kenne das Problem: wenn man aufbricht, ist der Kopf voller wirrer Gedanken und man meint, dies und das vergessen zu haben. Man will eigentlich gar nicht los, ehe der Kopf leer ist. Dass der Kopf erst unterwegs klar wird und nach und nach alle Sorgen von einem fallen und sich ein Reisealltag einstellt ist die Königsdisziplin des Radreisens, finde ich.

Tag eins bis drei: Von Homburg über Sarrealbe, Bayon (Mosel), Chaumont nach Chateauvillain.

Wochenende mit T. losgeradelt gen Süden. Das ist, wenn man in der Kreisstadt H. startet eine prima Strecke, dem Bliesradweg auf einem ehemaligen Bahndamm folgend, bis zur Mündung der Blies bei Sarregueminnes (F) in die Saar und dann der Saar aufwärts bis zum Rhein-Marne-Kanal. Durchweg auf geteerten, gut ausgebauten Routes Iternaire, wie man in Frankreich die Radwege offenbar nennt. Wie Kollege T. vorhin telefonisch berichtet, führt der Radweg kurz vor Schleuse 1 mitten durch einen See auf den alten Treidelpfaden, welche einst dazu dienten, Schiffe per Pferd zu ziehen.

Bis Sarreunion begleitete ich ihn. Bei Schleuse 15 trennten wir uns gestern früh. Die Nacht verbrachten wir auf einer frisch gemähten Wiese direkt am Saarkanal, erzählten, in Schlafsäcke gehüllt, allerlei Geschichten, becherten Wein; als materielle Beigabe Baguette und Käse, sowie Wurst von der Ardeche. Savoir Vivre – das ist französisch und heißt wissen wo man Wein kauft ;-).

Beim Zeltaufbau brillierte T. mit einem nigelnagel neuen Zelt, das er für unverschämte 25 Euro gekauft hatte, ein Leichtgewicht zwar, aber vom Packmaß eher ungewöhnlich. Es sieht aus, wie Raumschiff Enterprise, ein Diskuss von 70 cm Durchmesser. T. machte den Reißverschluss der Packtasche auf und das Zelt spritzte heraus, entfaltete sich, stand. Während ich mich mit meiner Ein-Mann-Hütte abmühte, denn ich hatte das neue Ding ja noch nie aufgebaut. Großes Lachen erstmal. Auf Campingplätzen gibt es eigentlich kein größeres Schauspiel, als unerfahrene Zeltbauer beim Zeltbauen zu beobachten. Da ich das Zelt noch nie aufgebaut hatte, kann ich zu Recht als unerfahren gelten. Dennoch konterte ich frotzelnd: „Warte du nur! Wie klappt man dieses Raumschiff wieder zusammen, schon mal darüber nachgedacht?“ fragte ich T, „lach‘ du mich nur aus, du wirst auf Zeltplätzen bestimmt immer bis zu letzt warten, um dir diese Blöße nicht zu geben.“ „Welche Blöße?“ „Na, es zusammenbauen, sieht ziemlich kompliziert aus …“

So weit sollte es nicht kommen.

Am nächsten Morgen erübrigte sich die Sache mit dem Zusammenklappen: das Fieberglasgestänge war schon in der Nacht an einer Stelle gebrochen, beim Zusammenbau verabschiedete sich ein weiterer Teil des Gestänges. Wir entsorgten das Ding in einer riesigen Mülltonnen und witzelten: wenn die Müllmänner das aufklappen, wird ihnen das Ding entgegen spritzen ahahaha.

So kommt es, dass T. nun mit meinem Zelt weiter radelt. Gestern bis nach Bayon an der Mosel, versuchte heute, per Zug nach Vezelay zum Einstieg der Jakobsweg-Hauptroute in Frankreich zu kommen und scheiterte an dem komplizierten französischen Regionalbahn-System. Das französische Regionalbahn-Netz gliedert sich Regionenweise. Man kann, soweit ich das sehe, immer nur sehr kurze Strecken in den einzelnen Regionen fahren. Da es sich offenbar um viele kleine Bahnunternehmen handelt, gibt es kein landesweit abgestimmtes Netz. Außer dem TGV-Netz, aber dort kann man nicht einfach so das Fahrrad mitnehmen, muss reservieren. Sollte einer der Leser Infos haben, wie man doch ganz einfach mit Rad (in A einsteigen und das Rad ins Abteil nehmen und in B wieder mit Rad aussteigen) mal 200 bis 300 km in Nord-Süd-Richtung reisen kann, bitte unbedingt hier kommentieren. Gesucht ist die Strecke ab Nevers oder Bourges bis ca. Limoges oder noch weiter.

Vorhin ruft T. an, ein seltsamer Mann habe ihm kurz vor der Dämmerung freundlich Wasser gegeben, ihn in sein Haus gelockt, ihm sodann eine Zeltmöglichkeit neben dem Haus angeboten. Ob ich das Angebot annehmen würde, was ich ihm raten könne. Es befände sich noch ein Zirkus in direkter Nähe, vor dem unrasierte junge Männer herumlungerten, Zigaretten rauchten und derbe Scherze in allen Sprachen der Welt rissen. Laut lachten.

Im Prinzip kann man solche Angebote annehmen. Ich habe jedoch speziell eine Situation erlebt, in der ich es besser nicht getan hätte. Doch davon erzählte ich ihm nichts. Ich riet: „Wenn du dich nicht ganz wohl fühlst bei der Sache, fahre weiter.“ Nebenbei recherchierte ich die Campingplätze in der Nähe von Chateauvillain (Nähe Chaumont); der nächste liegt 12 km in die falsche Richtung. Auf seiner Spur nach Südwesten würde er 30 km radeln müssen. Nach über 100 km am heutigen Tag so kurz vor Dunkelheit nicht machbar.

„Falls du nix mehr von mir hörst“, sagte T., „dann weißt du, dass ich in Chateauvillain verschwunden bin.“

Nun noch einmal kurz telefoniert. T. hat ein Plätzchen gefunden auf einer frisch gemähten Wiese etwas außerhalb. Nun träumt er von dem tollen Supermarkt in Chateauvillain, denn auch in Frankreich war heute Feiertag und alle Läden geschlossen.

Übrigens: eine Geschichte will er mir nächstens auch noch mailen. T.s Geschichten sind für gewöhnlich brilliant.

Kollege der Herzen, T. pilgert jetzt. Habe ihn gestern und vorgestern bis ca. Sarreunion begleitet. Prima Radweg am Saarkanal, befahrbar von der Kreuzung mit dem Rhein-Marne-Kanal bis zur Mündung in die Mosel. Insbesondere die Strecke Sarregueminnes-Sarrealbe ist sehr schön.

Schnuppern an der Fremde. Bei Ecluse (Schleuse) Nr. 15 radelte T. weiter nach Süden, ich in 104 km Parforce-Ritt retour gegen den Wind, nebenbei alle Schleusen fotografiert; muss leider jetzt um 11 arbeiten.

Der Meister, auf immer lernend

Der Meister.
Wie viele Stunden verbringt er mit der Suche nach Erz?
Wie viele Jahre dauert es, im Innern des Geistes eine Schmiede einzurichten und einen Hochofen?
Den Prozess der Reinigung zu optimieren?
Metall und Schlacke zu trennen?

Nur noch ein kleiner Schritt, denkst du, und das Schwert ist geschmiedet.
Der Meister jedoch sagt: schmieden ist Nebensache.
Schärfen, mein Junge, das ist die Kunst.
So lernte der Meister, Erzklumpen zu schärfen.

(Vorgeblogt am 30. Mai)

Anomalien des Alltags

Dass ich nun im Amt ohne Wiederkehr arbeite, macht Sinn. An einem der ersten Arbeitstage spazierte ich vom Amt zum Bahnhof, ganz Berufspendler. Auf dem Bahnsteig beobachtete ich, wie die Züge einlaufen, Menschen ausspucken, Menschen sich einverlaiben, weiter fahren. Ein seltsames Bild unter glasiger Sonne. Gebückte Männer mit Aktentaschen verließen den Bahnhof und ich stellte mir vor, was sie alles erlebt haben mochten an diesem Tag, worauf sie sich freuten, ob ihr Leben schön ist. Dass es Ansichtssache ist, ob das eigene Leben schön ist, dämmert mir schon seit Jahren. Es ist eine Frage der Einstellung. Freude kommt von Innen. Ärger, Hass und Liebe ebenso. Die Äußerlichkeiten sind nur Ablenkungsmanöver einer pulsierenden, auf Leistung getrimmten Welt. Jener Typ im grauen Anzug, wie er die Treppe hinauf schwitzt, sich ängstlich umschaut, zur Schalterhalle läuft: was geht in ihm vor? Ist er glücklich? Mag er die Sonne auch wenn sie hinter Schleierwolken seichtes Licht versprüht?

Etwas vorschnell rekapitulierte ich meine neue Situation: wenn ich es möchte, kann ich bis zur Rente im Amt ohne Wiederkehr arbeiten. Etwa 25 Jahre. Tagein tagaus das selbe Spiel und Abwechslung gibt es nur, wenn man sie sich im Innern seiner Seele selber bastelt. Die Impulsstärke der Reize von Außen sind begrenzt. Wie viele verdrossene Männer im grauen Anzug, die ängstlich Richtung Schalterhalle laufen, werde ich in den 25 Jahren sehen? Werde ich ein Buch über Männer im grauen Anzug, die ängstlich Richtung Schalterhalle laufen, schreiben? Was verbirgt dieser oder jener Mensch?

Oder was geht in jener Frau vor, die morgens im Dörfchen L. zusteigt am Zugende, aufreizend gekleidet, mittelalt mit Stöckelschuhen, und man kann sie an ihrem aufdringlichen, billigen Parfüm schon am Geruch erkennen. Weißgott stolziert sie an allen freien Plätzen, derer gibt es genug, vorbei bis ganz nach Vorne, wo sie sich setzt, so dass jeder sie gesehen hat. Sucht sie einen Mann? Soll ich ihr einen Heiratsantrag machen? Möchte ich bis ans Lebensende dieses Parfüm riechen?

Im Anblick menschlicher Haut mögen oberflächliche Betrachter rein gar nichts erkennen. Allenfalls richtet sich ihr Blick auf markante schwarze Stellen, die lebensbedrohlich sein könnten. Dass Haut aus Poren, Falten, Flecken und Pickeln besteht ist vielleicht auch nur die verzweifelte Entdeckung des Gelangweilten, der im Gewöhnlichen, immer Daseienden, das Besondere sucht.

So wie ich derzeit verzweifelt den Alltag durchforste nach absonderlichen Feinheiten. Bass-erstaunt stelle ich fest, es klappt. Man kann das Unbekannte im Bekannten finden. Man darf sich nicht blenden lassen, alles und jedes sei entdeckt, somit ein alter Hut, langweilig, nicht bemerkenswert.

Habe ich schon seit Jahren meinen Blick auf das Alltägliche gerichtet, so werde ich es nun um so mehr tun.

„Was ist mit dem Zick-Zack-Jungen? Du hast uns diese Geschichte versprochen.“

„Zick-Zack-Junge? Ahja,“ antworte ich, „nicht vergessen, aber zuerst musste die parfümierte Frau aus L. beschrieben werden“.

Die Anomalien des Alltags zu referenzieren, dies sei meine Aufgabe.

Sei auch Du gebenedeihet

War eigentlich ’ne ganz gute Woche im Amt ohne Wiederkehr. Vor allem die süffisante Geschichtenausbeute, die sich seit ein paar Tagen verstärkt, macht mich froh. Wie schrieb ich doch heute morgen ins lederne Notizbuch: „Folge dem Alltag bis in die schmutzigsten Poren; du bist das Clerasil-Hautwasser der modernen Literatur, ein pubertierender Beobachter, wilder Reiter der Welle; wehenden Haares in den gewöhnlichen Landen, die einjeder schon huntertmal gesehen hat und von denen einjeder glaubt, er kenne sie, aber du, du bist der der die Elemente findet, die bisher alle anderen übersehen haben“.

In den trüben Stunden des Morgens neige ich dazu, mir selbst zu lobhudeln, mich zu bauchpinseln, mir mein kleines, der Langeweile anheim fallendes Leben schön zu reden. Und ich kann sagen: funktioniert prima.

Dieser Morgen war brilliant. Wetter skandinavischen Ausmaßes, unglaublich klare Luft, blauer Himmel – genau wie vorgestern, als ich den Gebenedeiten des Weizenfeldes erkannte. Wer das ist? Ich natürlich, moi meme. Man muss natürlich zu einer ganz bestimmten Stunde am Weizenfeld vorbei radeln. Das Junge Grün schimmert in der aufgehenden Sonne und der eigene Kopf muss in Konjunktion mit der Sonne stehen, also in gerader Linie zwischen Sonne und dem Acker. Dann umgibt den Schatten, den man aufs Grün wirft, ein glänzender Heiligenschein. Müsst ihr selbst mal anschauen. Die grandiose Aura umringt den Schatten, während man sich langsam strampelnd in den Mahlstrom des Pendlers einreiht.

Das wars eigentlich schon zu der Geschichte, einer der Geschichten, die ich im letzten Beitrag so schmackhaft und reißerisch angepriesen habe.

Hum? Eigentlich nix dahinter – außer, man schaut sich das tatsächlich am eigenen Leib mal an. Ist es eine optische Täuschung? Sei auch Du gebenedeihet ;-)