Raus aus Santiago

Normflughöhe. Den Start im Regen in Santiago gut überstanden. Nachts schlafe ich so schlecht wie seit 5 Wochen nicht mehr. Ich mag es nicht, meinen Körper in die Obhut der mobilen Sammelbehälter der modernen Zivilisation zu geben. Zu nachtschlafender Zeit verlasse ich die Pension Estrela. Kurzer Abschied von Rodrigo. Es war gut, dass er mit im Zimmer war. So kontte ich das Pilgergefühl bis zum Ende beibehalten.
Am Morgen regnet es in Strömen. Die Stadt ist totenstill. Im Rundbogen an der Nordseite der Kathedrale – dort wo tagsüber der Sackpfeifenmusiker jaddelt – hat es sich eine verkümmerte Gestalt bequem gemacht. Was heißt hier bequem. Der Mann kauert zitternd neben seinem Rucksack. Keine Ahnung, ob er ein spät angekommener Pilger ist, der auf die Morgenmesse wartet, oder einer aus dem Bettlerspalier. Ich kann ihm keine Münze geben, weil ich kaum noch 10 € in der Tasche habe. Glaube nicht, dass man den Flughafenbus per Kreditkarte zahlen kann.
Die Rua do Franco ist wie ausgestorben. Über Nacht hat sie all ihren Glanz eingebüßt. Die Aquarien mit den lebenden Langusten, Krebsen und Hummern sind hinter verrammelten Türen verschwunden und die abends so zynisch schön beleuchteten Fleisch-Arrangements in den Schaukästen der Restaurants zeigen nun ihr kaltes morbides Gesicht. Natürlich ist auch das Spalier der Bettler wie weggeputzt. Vorne strahlt eine Gestalt mit Sicherheitsweste per Dampfstrahler das speckige Pflaster. Im fahlen Gegenlicht sieht der Mann im Dunst aus wie Mondlandung oder wie ein Scout in dem Western Vierzig Knaben westwärts (Bezug zu einem noch nicht geposteten Artikel).. Er hält inne, grüßt, lässt mich passieren, strahlt weiter. Kleinlaster beliefern die Läden. Missmutige Typen mit Sackkarren beginnen den Tag. Vorhut einer verzweifelten Menschengesellschaft zwischen Hoffen und Betäuben. Wie auch immer.
Den Camino zu laufen scheint mir die beste aller Illusionsspritzen. Oder eine Art Wissen um Hoffnung?
An der Bushaltestelle warten schon einige Flugwillige mit kleinem Gepäck. Keine PilgerInnen.
Der Bus kommt spät. Der Fahrer steigt aus, geht grußlos an uns vorbei. Ein Mann wie eine kastilische Telefonzelle: zugegen, aber nicht funktionsbereit. Nach einer viertel Stunde kommt er wieder. Niemanden kümmert das. Hier stehe ich mit echten Profis an der Haltestelle. Die wissen, dass wir nach dem Mañana-Prinzip alle ankommen. Irgendwann. Zum Glück halte ich mich an die seit Urzeiten gültige Regel, zwei Stunden füher am Flugplatz sein zu wollen. Eine Praxis, wie sie in meiner Familie, der echten zu Hause, unumstößlich eingehalten wird. Noch nie hat ein Link den Flieger verpasst. Trotzdem bin ich nervös. Der Bus kostet 3 €. Egal wo man einsteigt. Leid tut mir ein bis auf die Knochen nasser Junge, der an einer Haltestelle ohne Dach die Verspätungspause abgewartet hat. Missmutig bezahlt er den Preis. Vorbei an der Pilgerstrecke, raus aus Santiago. Im Abstand von etwa 150 Metern passieren wir zwei Ortsende-Schilder. Die beiden Santiagos haben nur ein halbes Eingangsschild, dafür eben zwei Ausgangsschilder. Tse.
Seltsamerweise ist der Bus pünktlich am Flugplatz. Der Fahrer ist die nicht funktionierende kastilische Telefonzelle der Herzen. Checkin klappt reibungslos. Rucksack wiegt ohne Kamera, Wasser und Essen doch nur 8,5 kg.
Warten warten warten. Auf Gate 3 werden wir eingeschifft. Ein Typ, der aussieht, als sei er ein Pilger, erkundigt sich in gebrochenem Spanisch nach einer gewissen Cynthia. Jaja, die arbetet hier, versichert er. Die Spur der Fluglemminge bremst er damit sichtlich aus. Auch in der Tür zum Flieger fragt er nach Cynthia. Alle hinter ihm warten nun auf Cynthia. Vor Reihe Acht wird er endlich fündig. Die Chefstewardess kennt diese Cynthia. Sie arbeitet heute auf dem Flug nach Barcelona. Liebe und Hoffnung checken heute an verschiedenen Gates ein.

Blick aus dem Fenster Flug Iberia 5637. Alpen in Sicht.

Spalier der Bettler

Ich müsste jetzt nicht bloggen. Es ist 3:38. Ich bin hellwach. Hellwacher, als all die anderen Hellwachs auf der Reise. Zum ersten Mal seit fünf Wochen wünschte ich, die Zeit verginge. Zum erstenmal nehme ich Zeit wieder wahr, gibt es ein Vorhin und ein Nachher und ein Bis-dann. Das Haus rumpelt. Durchs Doppelglasfenster summt ein Auto. Die Stadt ist still. Im Bett neben mir schnauft der klägliche Rest meiner Familie. Rodrigo ist ein guter Zeichner. In seinem schwarzen Moleskine hat er ein paar Skizzen von Unterwegs gemacht: die Kathedrale in Leon etwa. Und, direkt neben den Bauarbeiter stehend, die ewig lamge Brücke von Obrigo. Jenes eigenartig krumme Ding, das aussieht als wäre es natürlich gewachsen.
Unter welch flüchtigen, abgelenkten Bedingungen wir doch Kunst schaffen unterwegs. Im vorderen, größeren Teil des Skizzenbuchs hat Rodrigo Textskizzen gesammelt, feine Handschrift, stets mit schwarzem Fineliner. Wer weiß, was in den fünf Wochen alles an Kunstwerken, Dichtungen, ja sogar an Musik auf dem Weg entstanden ist. In allen Menschensprachen mit allen Menschenempfindungen. Meine Zukunftsvision vom Camino-Computer kommt mir in den Sinn. Darüber habe ich noch gar nicht berichtet. In den Tiefen des iPhones schlummert diese verrückte Vision zusammen mit anderen unveröffentlichten Ideen und Beschreibungen als Sprachnotiz.
Ich bin nervös wegen des Flugs. Wünschte, es wäre 13 Uhr, sicher in Zürich gelandet. Das letzte Mal, dass ich derart unruhig war, war im ICE mit über 300 Sachen durch die Champagne. Wir Menschen sind einfach nicht geeignet, schneller als mit Schrittgeschwindigkeit uns fort zu bewegen.
Sagt der Pilger.
Im Pilgerbüro kehre ich gestern noch mal ein, um einen neuen Pilgerpass zu beantragen. Wie wohl die Welt aussieht für jemanden, der dort arbeitet, jemanden, der tagein tagaus diejenigen empfängt, die manchmal tausende von Kilometern gelaufen, geradelt oder geritten sind bis hierher? Jeden Tag neue, spannende Menschengeschichten. Wie Mörtel, den der große Weltenmaurer auf die Wand bringt um Stein für Stein etwas Großes zu schaffen. Im Pilgerbüro drängt sich eine zierliche Schönpuppe vom Galizischen Regionalfernsehen vor, um wichtig die Modalitäten für einen kurzen Dreh zu klären. So dass ich mich umdrehe und gehe. Jetzt nicht auch noch ins Fernsehen kommen: „Mein Name ist Georgium Linlulum und ich bin extra den Weg glaufen, um für ein paar verrückte Spinner, die gerne Weblog lesen jeden Tag einen Text auf einer kaum Fingernagelgroßen Maschine zu schreiben …“. Neenee. Den Ausweiß erstehe ich abends für 75 Cent.
Hat mich der viel besungene Jakobseegvirus gepackt?
Santiago Stadtstimmung.
In einem Rundbogen auf der Nordseite des Kathedralenkomplexes dudelt fast den ganzen Tag ein Kerl auf einem galizischen Dudelsack. Rodrigo hat mir gestern Abend den Namen des Musikinstruments verraten. Habs leider wieder vergessen. Gute Geräuschkulisse. Als ich mit dem iPhone einen Tonmitschnitt mache, spricht mich ein Mann an, ob ich Wifi suche. In der Tat gehören zum modernen Bild einer Stadt diejenigen Leute, die, das Smartphone in der Hand durch die Straßen laufen auf der Suche nach einem offenen Drahtlosnetzwerk. Geigerzähler der überinformierten Gesellschaft.
Die Rua do Franco ist eine quirlige, schmale Gasse mit Restaurants und Souvenirsläden. An ihrem Anfang nahe der Kathedrale stehe ich kopfschüttelnd vor einem Souvenirsladen, der per Lautsprecher Galizische Volksmusik spielt. Schöne Musik. Die CDs sind, wie alle Souvenirs, ja sogar Getränke und Essen unheimlich teuer. T-Shirts kosten um 20 bis 25 €. Kleine versilberte Kathedralenfiguren 8 €. CDs knappe 20 €. Angewidert wegen dieser dunklen Seite des Pilgertums drehe ich mich um und will meines weges gehen. Ungemolkene fette Pilgerkuh, ich. Man hat mich offenbar beobachtet. Nach ein paar Schritten wird die Musik lauter gedreht. Jetzt erst Recht nicht!! Ich habe ohnehin nur noch 20 € im Seckel und keine einzige Münze mehr. Die Rua do Franco am Morgen zu durchqueren ist ein einziger Spießrutenlauf. Zig Bettler stehen Spalier. Frauen, Männer, alt und jung. Viele knien demütig auf einem schmutzigen Büßrrlappen. Andere sprechen dich offen an. Einer kommt sogar im Restaurant an unseren Tisch. Nach der Hälfte der Rua do Franco habe ich alle meine Münzen vergeben. Thomas bedient ein Punkerpärchen mit zwei Hunden. „Wir brauchen eine Taktik“, raune ich ihm zu, „Sonst schaffen wir es nicht bis ans andere Ende der do Franco.“ Vielleicht ist es ja ein selbst gemachtes Problem: die grundgütige Spendenbereitschaft von uns Pilgern lässt uns so lange Münzen spenden, bis wir selbst bedürftig sind und uns ins Spalier der Bettler einreihen am Ende der Rua do Franco? Jeder entwickelt dabei seine eigene Technik. Diejenigen, die büßend, gesenkten Kopfes vor einem knien, sprechen die Katholiken an. Die penetranten Typen, die sich dir mit klimpernden Münzen in der Hand nähern und dir eine Geschichte erzählen gehen auf Künstlerfang. Die manchmal schrecklich falsch spielenden Musiker, Jongleure, Feuerschlucker erhaltwn ihr Geld von jener Art Leistungsbürger, die noch immer überzeugt aind, dass wer arbeiten will auch Arbeit findet in dieser Gesellschaft, naiv glaubend, dass man somit auch glücklich werden kann. Bettler mit Hunden gehen auf Tierfreunde. Und so weiter und so fort.
Ich müsste diese Zeilen nicht schreiben, meine Lieben. Die Arbeit an diesem meinem ersten live geschriebenen Buch, das auf dem iPhone getippt wurde ist eigentlich abgeschlossen. Betrachtet diesen Text als Supplement eines verzweifelt Ängstlichen, der auf seine A 320 wartet und deshalb nicht schlafen kann.
So schließe ich denn mit den Worten der Mutter von Blogkollege Axel:
„Flieg‘ vorsichtig, Junge.“

klitzekleines Schlusswort

Liebster Irgendlink

Ein bisschen, ich gestehe es, habe ich mich zuweilen wie eine Voyeurin gefühlt oder wie eine Wanze, derart mitpilgernd mit all den anderen Blog-Lesenden in deiner Hosentasche, im Jackenärmel oder im Rucksack …

Wie ein Mäuschen, das in sicherer Distanz zu Sardi in einer Ritze unter dem Bett neben Wollmäusen und vergessenen Stinksocken mitlauschte. Dem Schnarchen. All den Träumen. Den Gedanken. Den Gesprächen.

Fern und doch ganz nah. Ich bin froh, dass du es geschafft hast und einen Teil deiner Erlebnisse und Gedanken mit mir, mit uns geteilt hast. Danke!

Doch nun bin ich froh, dass du zurück kommst. Obwohl nicht religiös gibt es da einen wunderbaren Satz im Heiligen Buch der Christenheit:

Alles hat seine Zeit.
Pilgern hat seine Zeit. Heimfliegen hat seine Zeit.

Gute Landung im doppelten Sinn!

Herzlich, deine Sofasophia

Neue Wege zur Schuld

Ach, ich herrlich kompliziertes Memschenwesen. Nun war ich für eine Nacht des naiven Glaubens, ich habe jegliche Schuld hinter mir gelassen, weil ich diese Pilgerreise absolviert habe. Zudem im Año Santo, dem heilgen Jahr. Soll mich das Schicksal gegen Nachmittag eines Besseren belehren. Mein armes kleines Gewissen gibt und gibt keine Ruhe. Obschon ich sagen muss, dass die Fallstricke der Zwischenmenschlichkeit mich in diese Predouille bringen.
Doch der Reihe nach. Chaeuk, Roser und ich haben ein Zimmer geteilt in der Pension Estrela, das eigentlich nur ein Zweibettzimmer ist. Aber die Wirtsleute quetschen kurzer Hand eine Liege hinter die Tür, so dass der gesamte Raum zu einer Liegefläche wird und das Abstellen von Rucksäcken bzw. das Öffnen der Türen eine logistische Herausforderung ist. Mit 25 € pro Person ein stolzer Preis. Immerhin Handtücher, Seife, warm.
Frühmorgems erkläre ich Roser das iDogma. Demonstriere, wie man mit dem Minicomputer und ein paar Applikationen schöne kleine Fotokunstwerke kredenzt und erkläre ihr an Hand des Wortes ‚Camino‘ die für das literarische iDogma typischen Fipptehler. Der M-Bug. Ein Klassiker. Die Zukunft wird zeigen, dass der M-Bug der wohl markanteste Hinweis ist, ob ein Text, so wie dieser Blogeintrag auf einer iPhone-Tastatur geschrieben wurde. „Guck, Roser, so schreibt sich das Wort Camino, wenn man versehentlich.die Löschtaste direkt neben dem M trifft“, erkläre ich. „Cino. Man löscht nämlich statt ein M zu schreiben den Buchstaben davor. In diesem Fall das A. Die Literaturexperten der Zukunft werden viel kryptologische Arbeit leisten müssen.“ Ein weiteres typisches iDogma Merkmal ist der E-R-Konflikt. Folgt ein R auf ein E, so tippt man oft versehentlich zwei R.
So lachen wir uns wach. Chaeuk kriecht auf allen Vieren aus den Federn, hat er doch bis 3 Uhr nachts mit Rosa, Rodrigo und Thomas gezecht. Die schlafen nebenan in einem echten Dreibettzimmer. Carlos haben wir gestern Abend in den 21:40 Bus zum Flugplatz gesetzt. Wie verblasste Geister spiegeln sich unsere Silhouetten in den Omnibusscheiben.
Vor der Kathedrale am Morgen: Abgang Chaeuk und Rosrr, die sich zu Fuß nach Finisterre aufmachen. Nur etwa 80 km. Wetter zum Glück recht freundlich. Den Mittag verbringe ich mit den drei erstaunlich frisch wirkenden anderen Familienmitgliedern. Thomas mietet ein Auto, mit dem er und Sardi zuerst nach Finisterre fahren, morgen zurück nach Pamplona. Wo sein eigenes Auto – hoffentlich noch – geparkt ist. Ach Thomas und Sardi, diese meine beiden größten Herausforderungen auf dem Camino. Sei es nur, dass ich mittags, als ich in meinem nun endlich Einzelzimmer Siesta machen will, Sardi unter meinem Bett wieder finde. Der Hauswart hat nämlich den Dreien erlaubt, Rucksäcke und Hund in der Pensionsküche zu lassen, damit sie die Stadt besichtigen können. Den Hund hat er kurzerhand unter mein Bett verfrachtet in MEIN Zimmer, ohne mein Wissen.
Zum Abschied hat Thomas die grandiose Idee, Rodrigo, der aus Kostengründen die Pension wechselt, könne doch einfach in dem nun freien Bett in meinem Zimmer schlafen. Kompliziertes Gewissen-Irgendlink ON: kannst dem armen Teufel doch nicht nein sagen, immerhin seid ihr zwei Wochen zusammen gelaufen … aber das ist doch Betrug an den Wirtsleuten … egal, die Bude ist teuer genug. So mahlt es in mir. Und ich fürchte, ich muss gleich wieder loslaufen zwecks Sündenabbau, denn egal wie ich nun handele, Rodrigo reinschmuggeln oder nicht, entweder mache ich mich an den Wirtsleuten schuldig oder an dem Weggenossen. Ach Thomas, du mein Prüfstein, in was für eine Lage hast du mich wieder gebracht.
Wie sagt man so schön in Pilgerkreisen: Nach der Schuld ist vor der Schuld.

Denkmal, Knochen, Loch

Einmarsch der HeldInnen in Santiago.
Monte de Gozo. Oberhalb der Pilgerherberge, die aussieht, wie ein Campingplatz an der Adria, steht ein riesiges Monument, auf dem Johannes Paul II modelliert ist. Man sagt, wenn man den Monte de Gozo erreicht hat und hinunter schaut nach Santiago, kann man vor Rührung kaum weiter laufen. 800 km Leiden, Lachen, Hoffen entladen sich in einem einzigen Augenblick. Deshalb erwarte ich einen panoramesken Blick über Santiago und die Kathedrale gut sichtbar mitten drin.
Aber der Blick hat nichts Besonderes. Bebautes Land, von Straßen zerschnitten und von der Kathedrale keine Spur. Dunkle Wolken drängen von Westen. Vielleicht werden wir nicht trocken ankommen. Das Ortsschild von Santiago ist nur noch halb vorhanden. Kurz dahinter die Polizeiwache und ein etwa 12 Meter hohes Denkmal mit den Bronzen berühmter Pilger. Nochmal Johannes Paul, sowie der heilige Domingo. Die Camino AllStars, namentlich verewigt. Ich fotografiere die vier Seiten der Säule zwecks späterer Recherche und vielleicht, um die Happy Family digital hinein zu verhonepipeln. Wenn ich daheim am PC mal wieder Lust auf Quatsch habe.
Aus einem Restaurant schneit mir Mitpilgerin Alice entgegen. Mit ihren beiden brasilianischen Mit-Mitpilgerinnen. Großes Hallo, Küsschen hier, Küsschen da. So klackern sie vor mir her mit den Alu-Wanderstecken. Und die Beine unserer Regenhosen reiben rhythmisch – ff pf ff pf und kleck kleckkleck kleckeldikleck – Was für eine atemberaubende Einreise. Geräusche, Düfte, Stadthektik, enger und enger werdende Gassen bis wir, Carlos sei Dank nur 50 Meter bevor sich die Kathedrale aus der Enge schält für zwei Stunden in einem Restaurant unterkriechen, MjamMjam.
Pilgerspießrutenlauf: 3 Minuten vor der Messe will Roser unbedingt, dass wir durch die Pforte des Heiligen gehen, uns was wünschen, Andacht halten usw. Um dann durch die Pforte am südlichen Flügel zur Messe zu gehen, wo wir vom Pfarrer öffentlich als Pilger und Compostela Besitzer gewürdigt werden. Ein Weg von etwa 400 Metern labyrinthisch, auf ab, vorbei am Standbild des Heiligen, runter in die Krypta, Gebeine. Drei gebrechliche Muttchen vor uns, die wir in dem engen Keller nicht überholen können, so erreichen wir die Messe. Zu spät. Der Pfarrer liest mit monotoner Stimme: eine französische Pilgerin, die in Le Puy gestartet ist, vier spanische Pilger aus Leon, ein Ungar aus Roncesvalles und so weiter und so fort. Den Deutschen aus St Jean, mich, hat er wohl schon gelesen, Mist.
So hektisch hab ich mir das nicht vorgestellt, als Amerikanerin Laura mir in der Herberge in Foncebadon von dem Jakobsritus erzählte. Zuerst, sagte sie, kommt die Skulptur und der Handabdruck, wo du deine Hand reinlegst und dir was wünschen darst. Dann passierst du die Gebeine des Jakobus und dankst. Dafür, dass du es geschafft hast. Zu guter letzt ein Loch, in das du einen Zettel werfen kannst, auf dem du einen Wunsch geschrieben hast. Denkmal, Knochen, Loch, merke ich mir.
Vorgestern erzählt mir Deusch-Spanierin Frauke, die mit ihrem Vater pilgert, dass der einzige Grund der Pilgerschaft nach Santiago Dankbarkeit ist.
Ich stelle fest, auch hier jede Menge Vermutungen, Gerüchte, Internetwissen. Ungeprüft und nicht belegt, je öfter durchgekaut und verstümmelt überliefert – so wie ich das gerade in diesem Blog-Fachartikel tue – desto schemenhafter erscheint die Wahrheit.
Prophylaktisch wünsche ich mir ein schönes Restleben zusammen mit Sofasophia, umarme die Santiago-Büste, wie dies Roser mir vormacht.
Als Katholikin muss sie es ja wissen.

Kathedrale Santiago von Osten gesehen, Praza Do Obradoiro.