Primzahlenwandern mit Herrn Irgendlink – von Zwiesel nach Lam am Großen Arber #UmsLand/Bayern

Der ‚Zipfel‘ wäre also abgehakt. 2019 hatte ich entgegen meines Plans, möglichst grenznah rund um Bayern zu radeln, in Bad Feilnbach eine ‚Abkürzung‘ genommen, folgte ab Raubling dem Inn-Radweg und endete schließlich nach einem Abstecher nach Tschechien durch die Sumava in Zwiesel. Das ist ziemlich genau drei Jahre her. In Feilnbach herrschte Regen, Regen, Regen, und es schien mir unvorstellbar, am Chiemsee vorbei in den ‚Trichter‘ hinein zu radeln. Eine Falle, so dachte ich mir. Tiefhängende Wolken und Dauerregen, garniert mit Bergen, die sich zur Schlucht verjüngen. Ich erinnere mich nicht mehr so genau. Das Wetter staute sich jedenfalls vor den Alpen. Die Prognose: tagelang Wutzewetter. Und ich keine Lust, dauernass zu radeln und zwischen heftigen Schauern zu spießrutenlaufen.

Regen, Regen, Regen gab es auf der gestrigen Etappe auf eine ganz andere Weise. In Marktl stieg ich in den Zug mit Destination Zwiesel im Bayerischen Wald. Vier Züge, drei Umstiege, ein Horror, so vermutete ich, doch es lief alles glatt. Die Umstiege in Mühldorf, Landshut und Plattling liefen bestens. Nur das Hochwuchten des schweren Radels in die alten Wagen war etwas umständlich. Auf die Minute erreichte ich meine Waldbahn, die ab Plattling hinauf fährt in den Bayerischen Wald und mit einigen Verzweigungen das wunderbare Naturreservat erschließt. 12:58 Zwiesel. Gar nicht mal so kleine Stadt. Es gibt sogar einen Sportladen, in dem ich eine neue Radlerhose kaufte, die mir Freund @perVelo (Kai) spendiert hatte, nachdem er mein Jammern vom Vortag ob der Hochpreisigkeit aller Radelklamotten gehört hatte.

Frisch ‚gepampert‘ (so sagt man in Radelkreisen zu den gepolsterten Höschen) schwinge ich mich auf die Radroute, den Regenradweg, der zunächst entlang der Bundesstraße bis Ludwigs-irgendwas, vielleicht -lust aber wohl eher nicht, führt und dann mehr oder weniger im Wald verschwindet. Rast bei einer Brücke, die den Namen Unglücksbrücke trägt. It is hot, it is very very hot. Solarzelle pumpt das Handy voll, während ich auf einer Parkbank döse. Insekten und Geplätscher und fern die Bundesstraße, Wassermurmeln. Welcher Regen ist das, frage ich mich. Ich erinnere mich an einen Bach namens Schwarzer Regen, ich las davon in einem Prospekt über die Gegend, die sich Bayrisch Kanada nennt und ich weiß, dass es noch weitere Regen gibt. Einen weißen vielleicht? Egal. Der Waldweg fährt sich prima mehr oder weniger entlang des Soundso Regens bis nach Eisenstein, Bayrisch Eisenstein, um es zu präzisieren. Grenzdorf zu Tschechien und: absolut nix los dort. Zig Hotels und Pensionen, von denen die meisten irgendwas mit Arber heißen. Arberblick, Arberlust, Arberterrasse, Arberliebe, Arberverdammnis (nein, ich scherze). Riesige Kästen oft mit vielen Zimmern und Balkonen. Bloß, wo ist dieser ominöse große Arber? Ist es der Berg mit den zwei Kugeln obendrauf, die aussehen wie Sternwarten. Ich durchkämme den Ort vergeblich nach Menschen, die ich fragen könnte, ej, wo ist denn der Arber, isses der da. Niemand auf der Straße. Bei der Kramerin im winzigen Dorfladen zuvor, hatte ich versäumt zu fragen und nun radele ich durch die geisterhafte Stadt bis zum Bahnhof. Endstation. Grenze. Tolle Allee. Ein Bus brummt. Eine typische Rollende-Büsche-Szene analog zu unheimlich langsamem Italowestern, in dem irgendwas geschieht, schon bald, vielleicht ein Schuss? Hier nicht. Fern jault eine Kettensäge. Da, endlich ein Mensch. Im Fußballtrikot. Ich frage, wo ist der Arber. Der Mann erklärt mir zuvorkommend, Hotel Arber ist dort und zeigt in eine Richtung. Nein, ich meine den Berg, isses der dort. Er zeigt wieder in eine andere Richtung, Pension Arberblick ist dort und so geht das weiter und weiter, aber ich erfahre erst viel später, im hohen Preis des eigenen Schweißes, wo der Große Arber ist. Und auch, dass Eisenstein wohl eigentlich nur im Winter bevölkert ist. Das erklärt die zuen Läden, die zue Quellefiliale, die zue oder gar nicht vorhandene Post, die vernagelten Fensterläden vor vereinzelten vermeintlichen Bauruinen. Außer der Kramerin, einem herzigen Dorfladen mit Alles – vom Bergkristall über Konserven und Milchprodukten bis hin zu Postkarten – hat nur noch die Tankstelle offen, die sich letzte Tankstelle vor der Grenze nennt. Welch bizarre Literpreise. Ich bin froh, zu radeln. Noch.

Nachdem ich bei der Kramerin ein paar Lebensmittel gekauft hatte und mit fünf Brevetradlern und zwei Oberpfälzer Motorradlern einen Kaffee in der stechenden Sonne genommen hatte, schwinge ich mich auf den Radweg Grünes Dach. Er wird mich die nächsten 350 Kilometer weit nordwärts begleiten entlang der Tschechischen Grenze bis zur Sächsischen.

Was soll ich sagen. Manchmal ist Ahnungslosigkeit ein durchaus großer Vorteil. Ich weiß bei der lieblichen, etwa sechs prozentigen Steigung, die entlang eines Bächleins (vielleicht einer jener vielen Regen?), gut kurbelbar über einen glatten Waldweg, noch nicht, dass das in zehn plus X und teilweise in bis zu zwanzig Prozent-Steigungen mündet. Dass ich ein zwei Stunden schieben werde. Dass plötzlich, als ich zwischen den vielen kleinen Schiebungen mich einmal umdrehe, hinter mir der Berg mit den Sternwartenkugeln plötzlich zum Greifen nah ist, dass ich auf über tausend Meter hoch muss.

Die Ahnungslosigkeit hilft mir komischerweise. Man versinkt dann in seinen eigenen Gedanken und denkt, irgendwann hört es schon auf, statt ständig auf den Höhenmesser zu schauen und zu sehen, ohnein, noch soundsoviel Meter … dennoch, ich takte auch. Ab und zu lege ich das Handy aufs Rahmenrohr und messe die Steigung mit der Wasserwaagen-App. Ist mein Hobby. Auf den Schiebstücken zähle ich die Doppelschritte, wobei ich immer schaue, dass ich eine Primzahl viele Doppelschritte mache. Meist 19, je nach Steigung, mal 29, mal auch über 40. Nonstop da hoch schieben oder gar kurbeln, das kann ich nicht. Die Sonne ist mittlerweile recht nah beim Horizont. Gutso. Ist nämlich affenheiß. Die Steigung will und will nicht enden und ich will und will nicht verzagen. Meine Primzahlenwanderung gerät gegen Ende dennoch ein bisschen delirieus. Hab ich jetzt 23 Atemzüge gezählt oder waren es 23 Doppelschritte? Hatte ich nun mit dem linken Fuß begonnen zu zählen oder mit dem rechten? Ist 23 überhaupt eine Primzahl? Was, wenn ich mich verzähle?

Zwei Mountainbiker aus Regensburg holen mich aus dem Delirium auf etwa 900 Metern Höhe. Wir halten ein Schwätzchen. Sie erzählen von ihrer Gegend, die auch sehr schön zu radeln sei. So schön, dass man ab und zu Markus Söder sehen könne, der dort auch oft radelt. Einmal haben sie sogar mit ihm ein Eis gegessen. Und die Segen des Ebikes natürlich. Gerade hier. Oh ja.

In Brennes bin ich endlich oben. Ein paar Hotels, ein Gasthaus, Parkplatz, paar Autos, viel Sonne. Selfies mit Rad vor geschlossenem, mit Holzschindeln verkleidetem Winterhotel.

Als ich mich umdrehe, erwische ich die Sonne gerade noch so beim hinter dicker Wolkenwand Verschwinden. Rumpeln fern. Nix wie weg, dieses Mal aber stetig abrollend durch kleine Weiler vorbei an verschiedenen Hotels. Klar könnte ich mich einquartieren, aber etwas sagt mir, rolle weiter nach unten. Einmal lädt man mich sogar ein bei einer Waldhütte, man werde die Wirtin überzeugen, dass sie mich aufnimmt. Das war jedoch ein Männerclub, die sich in der Hütte eingemietet hatten für ein Fest und da fällt mir immer das Crask Inn ein in Schottland. Ein kleines Gästehaus, in dem eine Nacht lang kein Schlaf zu finden war, sondern mitfeiern angesagt war, eingepfercht auf engem Raum neben Zapfhähnen und selbst gemachter Musik, jaja, das ist zwar schön und war es damals auch, aber die Morgen nach dem Fest sind dann doch verheerend.

In Lam sei ein Campingplatz erzählt man mir unterwegs. Das Gewitter ist schon sehr nah. Ich schaffe das. Ein Wunder oder gar Vorsehung? Ich frage mich, wieso man oder es oder etwas mir immer wieder den Hintern rettet, den Weg frei räumt, das Richtige zum rechten Zeitpunkt ist. Ein Rätsel.

Ultrafreundliche Campingplatzbesitzerin empfängt mich und dirigiert mich auf die wunderbare Zeltwiese, besinnt sich und schaut gen Himmel, kommens mit, I hab da was für Sie, und schwupp stehe ich nebst Zelt und Radel in einem Pavillon und die ersten dicken Tropfen gehen nieder.

Von Stiller Nacht und ehemaligen Pferden. Salzburg nach Marktl #UmsLand/Bayern

Jeden Tag ein bisschen besser. So sollte es sein. Der gestrige Nachtplatz wild zeltend nördlich von Salzburg war schon ein Tick besser, als der vorgestrige. Nicht ganz so schräg, eher flach sogar. Im knöchelhohen Gras. Das bereitet zwar immer ein bisschen Sorge, ob sich Zecken darin befinden, dennoch, es gibt wild zeltend nunmal keinen Campingplatzkomfort mit fein gemähtem englischen Rasen. Der Duft der Gülle, die wohl kürzlich auf die Felder aufgetragen wurde, ist auch – so gut wie – passée.

Noch immer ohne GPS-Signal schwinge ich mich auf den Tauernradweg, der bis fast nach Passau führt. Zudem ganz gut beschildert, so dass es auch ohne Kartenorientierung geht. Verbringe die morgendlichen Pausen damit, technische Probleme zu lösen. Datenbankserver im Blog neu starten, ganz brachial über den Hoster, statt per ssh. Mühsam auf dem Handy.

Zwischendurch Oberndorf gegenüber von Laufen in Deutschland. Beide Städtchen gehörten mal zu Salzburg, erzählt mir später beim ehedem nördlichsten Punkt Salzburgs ein ehemaliger Buddhist, der einst ein Pferd war, so sagte er. Nördlichster Zipfel ist zwischen Tittmoning und Burghausen. Ach, herrliches Städtchen. Skurril der Stille Nacht-Bezirk in Oberndorf, rings um eine Kapelle, die wohl dort steht, wo einst die Kirche stand, in der das Lied Stille Nacht erstmals gesungen wurde. Historischer, weihnachtlicher Boden also. Alles in Oberndorf ist Stille Nacht. Bezirk, Museum, und bestimmt gibts auch Stille Nacht-Wurst :-), Kuchen, Brot, Turnschuhe … ich scherze. Spektakulär die Salzachschleife mit Blick aufs mittlerweile bayerische Städtchen Laufen (von wo aus übrigens Oberndorf gegründet wurde, verriet mir das Pferd.

Erst in Tittmoning, links der Salzach, löse ich das GPS-Problem. Ich hatte wohl versehentlich die Standortfunktion des Telefons abgeschaltet. Wahrscheinlich abends, brillenlos, eine nervige Popup-Meldung loswerden wollend. Ich AGB-Leseverweigerer, ich …

Der Tauernradweg führt auf österreichischer Seite ab Tittmoning-Brücke etwa elf Kilmeter über die Landstraße. Nicht zu empfehlen, sagt mir ein Mountainbiker. Am Fluss den Kiesweg könne man aber auf deutscher Seite bis Burghausen fahren.

Nachdem ich die Technik im Hotspot surfend auf dem Marktplatz Tittmoning wieder eingerichtet hatte, schwinge ich mich auf den … najaaa … Wanderweg. Entgegenkommende Radler sagen, man komme nicht durch. Nach fünf Kilometern verenge sich die Strecke zu einem Pfad. Bachdurchquerung inklusive, Matsch, Brennnesseln, eine Treppe. Die Hitze. Die Landstraße. Monsieur unbelehrbar. Und immerhin behauptete ein Mountainbiker, das würde klappen. Lost between alternativen Fakten der modernen Radreiseverirrungswelt, wie auch immer, ich folge dem Weg und siehe da, nach fünf Kilometern verjüngt er sich zum Brennnessel gesäumten Singletrail, Wurzelwerk, Bachdurchquerung, Treppe, wun-der-schööön. Zum Vorankommen taugt das natürlich nicht, aber man kommt prima durch die urige Au nach Burghausen, trifft auf den nördlichsten Grenzstein des ehemaligen Bistums oder Landes Salzburg und einen Buddhisten, der mal Pferd war. Weiter auf der Perlenschnur des Erlebten:  ein alter Kalkbrennofen und überall spritzt Wasser aus den steilen Hängen. Der Pfad und die Unwegsamkeit ist nur zwei Kilometer lang. Der Rest des Weges führt über holprige Betonplattenwege. Kurz vor Burghausen sind an einem Haus barbarisch hohe Hochwassermarken angebracht, die teils fünf sechs Meter bis fast unters Dach reichen. Datiert in alle Jahrhunderte, sogar ins sechzehnte. Große Manndränke auf Bayerisch. Was zur Hölle?

Nun, wenn man Burghausen erreicht, sieht man, warum. Die Salzach muss durch eine enge Schlucht, deren nicht gerade stabile Wände über die Jahrhunderte verwuschen. Überhaupt Burghausen! In einem Satz: Sehr sehenswerte langgestreckte Burgenensembles auf steilem Hang, zu deren Füßen sich eine unheimlich schöne Stadt kauert.

Vergeblich versuche ich eine Radelhose zu kaufen. Aber 79 €, hey, das sind mindestens zwei Tagesbudgets. Die alte Hose wetzt und soll sie eben noch länger, denke ich mir.

Jenseits Burghausens schlängelt der Radweg über geteerte Landsträßchen Richtung Marktl. Längst habe ich den Plan aufgegeben, nach Simbach am Inn zu fahren und per Zug noch am Abend nach Zwiesel. Das Technikproblem hat mich mindestens zwei Stunden Radelzeit gekostet und die Verirrungen rings um Berchtesgaden an Tourtag zwei (Teufel noch eins, habt Ihr den Bodensee-Königsee-Radeg durch miese Streckenführung und miserable Beschilderung versaut) kostete mich auch mindestens zwei Radelstunden.

Wie auch immer, Umwege und Verirrungen sind auf Radreise meist äußerst produktiv. Man entdeckt Orte, die man auf geradem Weg nie erreichen würde, lernt Menschen kennen, denen man nie begegnet wäre, erfährt Dinge …

Ich steuere also am gestrigen dritten Reisetag Marktl an, den Campingplatz oberhalb des Badesees, auf dem ich schon 2019, ziemlich genau vor drei Jahren logierte.

14 Euro kostet die Nacht. Vor drei Jahren war es vermutlich acht Euro. Auf der Zeltwiese stehen zwei gigantische Zelte und ich fürchte nächtlichen Lärm, Geplauder, Suff und Gegröle. Es bleibt dann doch ruhig.

Nachts gehen in der Nähe Gewitter durchs Land. Regen streift uns sanft. Das Zelt ist dicht, aber nun nass eingepackt.

Schreibe diese Zeilen in der Regionalbahn zwischen Mühldorf am Inn und Landshut, heading for Zwiesel, wo ich 2019 die Reise rund um Bayern unterbrochen hatte.

Die Gletscherzunge des Königsee-Tourismus #UmsLand/Bayern

Es gab technische Probleme. Und der Akku ist fast leer.

Fing gut an in der gestrigen Morgenkühle. Zum Aufwärmen eine 14 Prozent-Steigung, nicht sehr lange, zum Glück und dann ging es abwärts nach Teisendorf, wo ich einen frühen Edeka enterte und ein bisschen Käse kaufte, sowie in einer Bäckerei das Exostischste, was ich finden konnte. Leider habe ich den Namen vergessen, aber es waren zwei Scheiben frischen Weißbrots mit Marmeladeninlay und knusprig mit Zucker karamellisiert.

Die Etappe zum Königsee sollte etwa fünfzig, sechzig Kilometer lang werden, so fabulierte ich, was im Prinzip auch hingehauen hätte. Nuja, aber der Radweg Bodensee-Königsee glänzt nun mal leider nicht mit Beschilderung, bzw. manchmal stehen auch irgendwelche Karren vor den Hinweisschildern und dann verirrt man sich eben.

So kam es, dass ich immer weiter einem Fluss namens Saalach folgte, ziemlich idyllischer Weg zwischen Hauptstraße und Fluss, und auch jenseits von Bad Reichenhall blieb ich dem Weg treu, bis ich die fehlenden Bodensee-Königsee-Markierungen unter den Radwegweisern registrierte. Ich war auf dem Saalach-Weg gelandet, statt in Bad Reichenhall links abzubiegen. Egal. Pause. Tolle Fotos gemacht auf dem Abweg und es waren auch nur drei, vier Kilometer abseits. Schon überlegte ich, hintenrum zu fahren – über einen Pass und die Deutsche Alpenstraße. Tu das nicht!, warnte mich ein radelndes Paar aus Regensburg. Die Bundesstraße wird es dir vermiesen. Wir plauderten ein wenig. Die beiden waren auf dem Tauernradweg unterwegs, hatten sich mit wenig Gepäck und ohne E-Motor von der Bahn am Brenner aussetzen lassen. Helden unter sich. So sangen wir das Lied aus der guten alten Zeit von den radelnden Reckinnen und Recken, die mit Muskelkraft noch alle Wege meisterten.

Einen Motor hätte ich mir eine Stunde später sehr gewünscht, jenseits von Bad Reichenhall, wo sich der Bodensee-Königsee-Radweg über üble Steigungen bis ca. zwanzig Prozent durch den Wald windet. Etliche Kilometer auch direkt neben der Hauptstraße. Busse voller Königseereisender. Kolonnen Kettenfahrzeuge in Tarnfarben, wohl auf dem Heimweg von der Arbeit im Tal. Auf der Karte sehe ich ein rot gemustertes Gebiet nahe Berchtesgaden, das wohl eine Kaserne ist. Wie auch immer. Sieht martialisch aus. Irgendwie drängt es ja auch die Martialik dieser Tage aus allen Poren. Wie Schweißperlen in Getöse und Geröhre und die hochgezüchteten Autochen mit den Brüllauspuffen und die schön geschniegelten Modemotorrädchen mit den silbernen Schreiflöten sind ja auch nur die Rüstung des kleinen Mannes, der mal Gewalt spielen möchte, ohne allzu sehr über die Stränge zu schlagen.

Zum Königsee radelt man wie in einen Trichter. Radler, Wandererinnen und gen Ende, jenseits von Evil Berchtesgaden, dann eine Art merkwürdiger Pilgerinnenstrom, in dem sich alles mischt. Auf steinigen Wegen direkt neben einem stürzenden Gebirgsbach. Wohnmobilstellplatz, Campingplatz, Parkbänke allüberall und alles, was zu Fuß geht, will irgendwie hinauf zum See, der nur noch ein zwei Kilometer entfernt ist und aus dem sich der kalte, reißende Bach ergießt. Oder kommt er von dort?

Der Königsee ist eine Touristenmaschine wie jede andere auch. Die Fortsetzung des Titisees, nur mit anderen Mitteln, unke ich. Statt Kuckucksuhrenbuden gibts Bergkristallbuden. Gegen 18 Uhr räumen sie langsam die Auslagen aus Käpphen, Kleidchen, Sonnebrillen und Steinen zusammen, müdgeschwitzte Tourimusbudenfleißarbeitende. Einen Lebensmittelladen gibts da nicht, erzählt mir eine müde Frau.

Dann am Schlund. Dort wo der See sich zum Gebirgsbach verjüngt. Schnell ein paar Fotos. Da spuckt ein Kahn eine Hundertschaft Menschen aus und ich schwinge mich schnell aufs Rad, denn die Truppe drängt drei, vier Leute breit, die ganze Straße einnehmend, durchs Tourismusdörfchen. Da kann man mit dem Radel nur noch mitschwimmen im Strom, kein Durchkommen mehr. Aber ich schaffe es gerade noch so.

So müssen sich Gletscher anfühlen, wie sie langsam die Endmoräne vor sich hertreiben. Ich stoppe kurz bei einem Trinkwasserbrunnen, um die Flaschen zu füllen, die Menge wälzt sich unaufhaltsam auf mich zu. Das Wasser fließt langsam. Die Gletscherzunge der Königseetagestouristen wird mich gleich zermalmen, zuschrauben. Löss im Geschiebe aus Menschen.

Aufs Radel rasch. Puh, gerade noch so geschafft und zurück nach Berchtesgaden. Ich hegte Groll gegen die hektische Stadt ohne Radwege, die ich auf dem Hinweg durchqueren musste und nun, auf dem Rückweg, kann ich Frieden schließen. Endlich. Innendrin abseits der Hauptstraße ist das Städchen nämlich sehr lieblich. Auf dem Platz vor Schloss und Kirche treffe ich G., plaudere mit ihr,  die eigentlich Münchnerin ist, aber schon lange in Freiburg lebt und nun ihre Erinnerungen an früher, an das Bayern von vor vielen vielen Jahren, auffrischen will. Sie liebt Kirchen. Wir plaudern und sie verspricht mir, einige Fots zu senden, die sie von mir mit Radel vor der Kirche und dem Brunnen gemacht hat.

Der Rest der gestrigen Etappe: abwärts, abwärts, abwärts immer der Berchtesgadener Ache folgend, meist auf dem anderthalb Meter breiten Seitenstreifen der Bundesstraße. Durchaus erträglich nach Feierabend. Dann Österreich. Plötzlich ist meine Karte auf dem Handy weg. Ich hatte vergessen, die Basiskarte Oberösterreich downzuloaden. Meine Welt endet wie eine mittelalterliche Karte. Nach anfänglichem Umherirren in Anif, erreiche ich den Tauernradweg, dem ich durch den Park Hellbrunn bis Salzburg folge und dort, nicht wissend, wie ich wieder rauskomme, frage ich einen Mann mit Schlips und Fahrrad, nicht etwa das Pärchen, das die Räder schiebt, die alternativ zu fragen gewesen wären. Und das war ein Glückstreffer, denn der Mann ist mein weißes Kaninchen, das mich durchs Salzburger Wunderland leitet bis weit jenseits der Stadt und mir den Weg bis Passau erklärt.

Gegen Dunkelheit dann eine Wiese abseits des Flusses. Das GPS fällt aus. Am nächsten Morgen ist der Datenbankserver der Webseite ausgefallen. Jede Menge Trouble technischer Natur. Den Datenbankserver konnte ich zum Glück neu starten. Das GPS-Problem könnte auch ein Hardwareproblem des Telefons sein oder es liegt am österreichischen Netz. Wer weiß. Ich folge dem Tauernradweg und schaue mal, ob ich papierene Radwegekarten kaufen kann.

So müssen sich Gletscher anfühlen, wie sie langsam die Endmoräne vor sich hertreiben. Ich stoppe kurz bei einem Trinkwasserbrunnen, um die Flaschen zu füllen, die Menge wälzt sich unaufhaltsam auf mich zu. Das Wasser fließt langsam. Die Gletscherzunge der Königseetagestouristen wird mich gleich zermalmen, zuschrauben. Löss im Geschiebe aus Menschen.

Aufs Radel rasch. Puh, gerade noch so geschafft und zurück nach Berchtesgaden. Ich hegte Groll gegen die hektische Stadt ohne Radwege, die ich auf dem Hinweg durchqueren musste und nun, auf dem Rückweg, kann ich Frieden schließen. Endlich. Innendrin abseits der Hauptstraße ist das Städchen nämlich sehr lieblich. Auf dem Platz vor Schloss und Kirche treffe ich G., plaudere mit ihr,  die eigentlich Münchnerin ist, aber schon lange in Freiburg lebt und nun ihre Erinnerungen an früher, an das Bayern von vor vielen vielen Jahren, auffrischen will. Sie liebt Kirchen. Wir plaudern und sie verspricht mir, einige Fots zu senden, die sie von mir mit Radel vor der Kirche und dem Brunnen gemacht hat.

Der Rest der gestrigen Etappe: abwärts, abwärts, abwärts immer der Berchtesgadener Ache folgend, meist auf dem anderthalb Meter breiten Seitenstreifen der Bundesstraße. Durchaus erträglich nach Feierabend. Dann Österreich. Plötzlich ist meine Karte auf dem Handy weg. Ich hatte vergessen, die Basiskarte Oberösterreich downzuloaden. Meine Welt endet wie eine mittelalterliche Karte. Nach anfänglichem Umherirren in Anif, erreiche ich den Tauernradweg, dem ich durch den Park Hellbrunn bis Salzburg folge und dort, nicht wissend, wie ich wieder rauskomme, frage ich einen Mann mit Schlips und Fahrrad, nicht etwa das Pärchen, das die Räder schiebt, die alternativ zu fragen gewesen wären. Und das war ein Glückstreffer, denn der Mann ist mein weißes Kaninchen, das mich durchs Salzburger Wunderland leitet bis weit jenseits der Stadt und mir den Weg bis Passau erklärt.

Gegen Dunkelheit dann eine Wiese abseits des Flusses. Das GPS fällt aus. Am nächsten Morgen ist der Datenbankserver der Webseite ausgefallen. Jede Menge Trouble technischer Natur. Den Datenbankserver konnte ich zum Glück neu starten. Das GPS-Problem könnte auch ein Hardwareproblem des Telefons sein oder es liegt am österreichischen Netz. Wer weiß. Ich folge dem Tauernradweg und schaue mal, ob ich papierene Radwegekarten kaufen kann.

Pfüat eana auch. Von Rosenheim nach Gastag – #UmsLand/Bayern

Gegen halb zwölf steige ich aus dem Zug. Rosenheim. Verlassenster Bahnhof Bayerns, was nicht stimmt, aber was mich in meiner recht verkaterten Stimmung so trifft. Imaginäre rollende Büsche. Zwei Menschen mit aufgeklapptem Notebook warten am Gleis. Wie so moderne Zeugen Jehovas. Oder bilde ich mir die nur ein. Später als ich am Aufzug warte, kommen sie mir hinterher. Die sind echt, zwar keine Zeugen, sondern eher Bahnmitarbeiterinnen, aber echt sind sie. Wie auch das Bahnhofsrestaurant mit Namen Hans Mampf. Mein müder Körper ringt sich eine innere Jubelfeier ab ob dieses Namens. Nach den Frisueren die Gastronomienamenswitze. Willkommen in der Endzeit der Benennung.

Eigentlich gehts mir nicht schlecht. Ich habe nur zu wenig geschlafen und die fünf Stunden im Zug luden auch nicht ein, sich zu entspannen. Ich schrieb ein paar Notizen und dämmerte ansonsten vor vorbeiziehender Landschaft.

Rosenheim raus bedeutet erst einmal, sich aus dem Inntal hinauf zu schuften, wo es aber nicht flach weitergeht, wie das Kunstradelbübchenhirn im ersten Gang kurbelnd sinniert. Ich folge dem Salinenradweg bis zum Chiemsee. Einfaches Schild, auf dem groß SALZ geschrieben steht. Gutso für die müden alten Augen zu erkennen. In Bernau verläuft der Radweg deckungsgleich mit dem Radweg Bodensee-Königssee. Zudem ist die Gegend ab etwa Chiemsee bis etwa Traunstein recht flach. Dann folgen wieder zermürbende Aufs und Abs, die mich in meiner Demut aber nicht mehr erschüttern. Manchmal messe ich die Steigungen mit der Wasserwaagen-App des Handys, steige dazu vom Rad, lege das Handy auf die Straße, 6,7 Prozent hier, 11,3 dort selten mehr als 16 Prozent und alles lässt sich treten, es sei denn, die Strecke verläuft auf Schotterpiste.

Schließlich gelingt mir DIE Innovation des Steigungsmessens, indem ich die natürliche Steigung des Oberrohrs am Radrahmen ermittele, 20 Prozent. Seither muss ich nicht mehr vom Rad, um zu messen, sondern einfach nur 20 Prozent abziehen von meiner quasi Steigungsmessung by Proxy.

Die Aufs und Abs werden von Osmand, dem Trackingtool auch ausgegeben. Ich weiß aber nicht, wie genau das ist. Unvorstellbare über 1500 Höhenmeter habe ich am Ende des gestrigen Tages erkeucht. Es deckt sich auch mit den Angaben auf einer Webseite, die den Salinenradweg beschreibt. Bloß: Wie wurden diese Angaben ermittelt? Im Endeffekt ist es egal. Ich gerate trotz des Sägezahnprofils in einen wunderbaren Flow. Zwar total matsche wegen des Schlafdefizits und der Bahnfahrtstrapazen, aber sehr angenehm. Ruhepol des gestrigen Tages war zweifellos die Heilquelle von Adelsholzen. Zweifach wäre ich beinahe daran vorbei geradelt. Zum einen als es eine kürzere und weniger steil anmutende Route entlang der Bundesstraße nach Siegsdorf gab. Ich erinnere mich, wie ich an der Abzweigung haderte, weiter im Gemalme des Straßenverkehrs auf dem Seitenradweg zu fahren, oder über die Mineralwasserfabrik auf einer engen, kaum befahrenen, im Wald verschindenden, steil anmutenden Straße. Verkehrslärm knechtete mich zur Vernunft und so erreichte ich den Besucherparkplatz der Fabrik und traf einen Angestellten, der mir erklärte, da oben hinter der schönen weißen Villa, gibts eine öffentliche Quelle. Nauf oder nicht? Zweite Schicksalsentscheidung. Entschleunigung ist das Wichtigste Element, um eine aus den Fugen zu geraten drohende Fahrradtour wieder in eine feine Bahn zu lenken und was entschleunigt besser, als das fünfzig Kilo schwere Gefährt ein paarhundert Meter eine brutal steile Straße hinaufzuschieben?

Gute Entscheidung. Die Quelle ist beliebt. Fast erinnert sie mich an ‚meine‘ Quelle in Moutherhouse in Lothringen. Von Fern kommt man per Auto und Kofferräumen voller leerer Flaschen und Kanister, um das kostbare Gut abzufüllen. Großer Andrang. Man lässt mich vor mit meinen zwei armseligen Radlerflaschen.

Bei der Quelle gibt es auch einen Pavillon. Der Ort fühlt sich ohnehin verlockend an. Ich liebäugele, die Hängematte im Pavillon aufzuspannen und dazubleiben. Genug Pavillon-Erfahrung habe ich ja auf meiner Tour in den Aargau, mit dem Rad zur Liebsten, schon gesammelt. Dieser wäre der König aller Pavillons. Groß, sehr ruhig gelegen. Trotzdem fahre ich weiter. Es ist zu früh. Ich würde mitten in der Nacht wach werden und dann wäre das auch ungemütlich, im Dunkeln weiterzufahren, lüge ich mir in die Tasche. Die Wahrheit ist, dass das Vorandrängen, der Bluthund, einfach nicht zu bändigen ist. Wenn schon entschleunigen, dann in homöopathischer Dosis!

Rings um Traunstein einige Kilometer am Fluss namens Traun. Abwwärts. Lohn der Sägezahnmarter.

Viele Begegnung mit Menschen, die mich fragen, woher, wohin, wo übernachten. Bei einem Ort namens Hufschlag steht ein Rondell mit Glasfront, das wie ein Museum aussieht. Es entpuppt sich als Notausgang für den Straßentunnel der Nordumfahrung von Traunstein, erzählt mir eine Frau. Man kann da schön in der Sonne sitzen und das Kirchel beschauen und das Alpenpanorama. Sie habe eine Panoramakarte, in der alle Gipfel verzeichnet sind, erzählt sie mir. Wie sie die Berge liebt! Auf allen Gipfeln war sie früher mit ihrem Freund, der vor 14 Jahren starb. Nun bleibt ihr nur noch Erinnerung. Wie Stein geworden, so ein Menschenleben wenie Jahre vor dem Ende. Mit Rissen und Riefen und abendlichen Spaziergänen zum Kirchel, das wunderschön in einer Wiese liegt. Aus der Tiefe des Rondells brüllt der Straßenverkehr. Hinter der Scheibe ein Modell des Dorfes mit Kirchel. Vielleicht, so frage ich mich, verwandeln wir ja im Laufe unserer zu lebenden Leben alles was uns umgibt irgendwann in ein schön anzusehendes Modell seiner Selbst?

Die Sonne geht. die Frau sagt ‚Pfüat eana‘ und ich antworte ‚Pfüat eana auch‘, was sie mit einem irritierten Lächeln gustiert. Mein Bayerngreenhorn-Ich darf auch mal flappsig.

Zwei drei Steigungen und Gefälle später baue ich das Europenner-Zelt hinter einem Wäldchen auf. Frisch gemähte Wiese. Parkbank, Hochsitz, Bergkulisse, Stille, aber ein bisschen schräg. Dennoch schlief ich prima.

Finally #UmsLand/Bayern part three

Drei Jahre sind vergangen, seit ich in Zwiesel im Bayerischen Wald mein Projekt UmsLand/Bayern unterbrechen musste. Schlechtes Wetter, keine Aussicht, die Strecke bis zu Ende zu schaffen und ein bisschen Blauäugigkeit trugen Schuld daran, dass ich etwa 1200 Kilometer vor Vollendung der Runde abbrach. Kannst ja im Herbst weiter machen oder nächstes Jahr, dachte ich.

Mein Leben als Mensch in einer Gesellschaft war damals geprägt von einem seltsam verklärten Blick in Zukünfte, die noch irgendwie zu retten sind. Eine naive Alles-wird-gut-Mentalität.

Die Dinge können recht schnell recht kompliziert werden.

Morgen früh werde ich mit dem Zug nach Rosenheim fahren. Der IC Dachstein ist ein weiteres Wurmloch nach Bayern. Ohne Umsteigen. Das ist mir wichtig. Ich mag kein Gerangel. 5:58 gehts los in Homburg/Saar.

Schon um die Mittagszeit dürfte ich in Rosenheim sein. Dort werde ich den Salinenradweg bis zum Radweg Bodensee-Königssee nehmen, südlich am Chiemsee vorbei ins Berchtesgadener Land, zack, Königssee und dann der Salzach folgen in Österreich bis Simbach am Inn. Ich bin pedantisch, will den Zipfel, den ich wegen übelsten Regens im Mai 2019 ausließ auch erfahren.

Von Simbach geht es per Zug zurück nach Zwiesel und dann folge ich dem alten Plan auf grenznahen Fernradwegen, den ich in dieser Google-Karte skizziert habe. Darin sind jede Menge Strecken gelistet und ein paar eigene Routen, die die grenznahen Radwege verbinden. Sowie ein paar Punkte von Interesse, die mir vor drei Jahren interessant schienen.

Der aktuelle Status des Kunst-, Blog- und Reiseprojekts wird in dieser Karte dargestellt. Sie enthält Bilder, tatsächlich bereiste Strecken und die jeweiligen Tagesetappen mit Blogbeiträgen.

Was in den nächsten zwei Wochen in diesem Blog passiert, hängt von der Tageslaune ab. Ich habe nicht die Absicht, mir einen Zwang anzutun. Da das Projekt eigentlich tot ist, habe ich es auch bei Funk und Fernsehen nicht an die große Glocke gehängt.

Ein schönes Blog-Buch wird es ohnehin.

Neben Twitter und Facebook als Noreply Social Media werde ich den aktuellen Abschnitt auch im #Fimidiverse (ein kleiner Teil des sogenannten Fediverse) mit kurzen Statements von unterwegs garnieren (dort spielt die Musik :-) ).