Der höchste Dan der Verwieung – von Lam nach Treffelstein #UmsLand/Bayern

Die ‚VerWIEung‘ der Welt mit zunehmendem Lebenslauf steht mir im Sinn am Morgen nach dem Gewitter in Lam. Die Nacht war WIE eine Nacht vor vielen Jahren auf einem Zeltplatz auf Norddeich, erinnere ich mich. Freund Ray und ich durften unsere Zelte in einem Festzelt aufbauen. Ich weiß zwar nicht, ob auch in der damaligen Situation, die sich ein bisschen ähnelte mit der jetzigen, auch Regen runter ging, die Kongruenz Zelt in Zelt war jedenfalls da.

Frau SoSo und ich scherzen oft, Gegenden durchquerend, da siehts ja aus wie im Berner Oberland. Ein running Gag, zweifellos. Es ist nunmal so, dass die zunehmende Lebenserfahrung abnehmend Neues mit sich bringt, dass sich Situationen wiederholen, man sich an Ähnliches erinnert, dass einem Menschen begegnen, die anderen Menschen ähneln, die man mal kannte, dass ein Gericht dieses Namens in der Gegend einem Gericht anderen Namens in jener Gegend in der Rezeptur verdammt ähnlich ist und so weiter und so fort.

Die Gegend um Lam erinnert zunächst an den Schwarzwald, später finde ich mich auf kargen Höhen wieder, die der heimischen Sickinger Höhe ähneln, ein bisscchen Cevennen hier, ein bisschen ‚Weites Grünes Land‘ da. Das ist der Werbeslogan des Donnersbergkreises in der Pfalz.

Was Deutschland oder Europa betrifft, habe ich wohl einen hohen Grad der VerWIEung erreicht, was aber der Lebensfreude und der Freude am Radeln keinen Abbruch tut. Zum Glück. Einziger Wermutstropfen ist, dass das Gefühl des ersten Mals nahezu abhanden gekommen ist. Das ist nämlich ein ganz besonderes Gefühl, das sich zwischen einer gewissen Unruhe ob des gerade stattfindenden Unbekannten (wird die Situation gut oder schlecht) und dem, den inneren Abenteurer herausfordernden, Gefühl, gerade etwas nie Dagewesenes zu erleben, ansiedelt.

Tendenziell radele ich den gestrigen Tag abwärts, folge dem Weißen Regen bis zu seiner Mündung in den Regen – ich nenne ihn den Regen ohne Eigenschaften, frei nach Musil, alle anderen Regen sind schwarz, groß und weiß.

Auf dem Regen reger Kanubetrieb. Paddelklatschgeräusche und das hohle Rumpeln der Bootskörper, während ich nahe Mitlach eine Mittagspause im Kies liegend mache und vor mich hin döse. Der Fluss stinkt. Schöne Steinensembles zieren das Gewässer. Gut ausgebauter Flussradweg und ziemlich gute Beschilderung. Ich folge stets dem Radweg Grünes Dach, dessen Symbol stilisierten Fichtenzweigen ähnelt, die wie ein Dach ausschauen.

Ein Manko gibts immer. Gegenwind. Den ganzen Tag lang bei meist strahlender Sonne, weshalb der Zentimeter Haut, der zwischen der kürzeren neuen Radelhose und der alten frei liegt, unbemerkt verbrennt. Ich friere und schwitze zugleich. Eine seltsame Wetterlage, bei der man nie genau weiß, was man anziehen soll. Das Dauerrauschen des Winds in den Ohren stört mich mehr, als das langsame Vorankommen.

Es ist faszinierend, wie das eigene Befinden, durch Kleinigkeiten beeinflusst, größere Läufe verändert. Demut hilft mir, an dem Tag dennoch gut voranzukommen. In Cham drei Pubertierende, die gröhlend über eine der vielen Brücken laufen. Eigentlich müsste ich auch da lang, um in der Stadt eine Einkaufsmöglichkeit zu finden. Samstag Nachmittag. Das Bubengegröhle ist einer jener winzigen Stachel, die den Lauf ändern, mich veranlasst, stupid den Radwegschildern zu folgen rings um die Stadt, statt mittendurch. Draußen nur Brückchen. Keine Lädchen. Eine merkwürdige Stadt. So viele Brücken im flachen Land aus Wiesen und einem chaotischen Gewusel aus Gewässern. Ein Fluss heißt glaube ich Cham, wie die Stadt, alle anderen sind wohl Regens verschiedener Eigenschaften.

Durch die Hintertür, ein rotes Stadttor, komme ich doch noch ins Städtchen, schaue, treibe, fotografiere, finde einen noch offenen Laden, kaufe ein. Den Buben begegne ich auch wieder. Sie haben sich beruhigt. Ich habe mich beruhigt.

Raus aus der Stadt wie irgendwo im Elsass auf die Nacht zuradeln wie irgendwo am Niederrhein und nicht zu wissen, wohin mit sich, dem Zelt wie schon so oft. Der Einkauf war so klug, so wichtig. Kilometerweit hinter Cham keine Läden mehr in Sicht, noch nicht einmal Automaten oder Hofkühlschränke.

Ich friere, stelle ich bei sinkender Sonne fest. Der Wind hat mich ausgelaugt. Hinter Treffelstein baue ich das Zelt auf einer Wiese auf, ganz schamlos neben einer alten Scheune.

Über 90 Kilometer stehen auf dem Tacho, die ich dem heimischen Stadtradeln gutschreibe.

3 Gedanken zu „Der höchste Dan der Verwieung – von Lam nach Treffelstein #UmsLand/Bayern“

  1. Lieber Juergen,
    Du weckst Sehnsuechte – wenn auch nicht unbedingt nach Zelten. 😉Ach koennte ich doch nur den inneren Schweinehund besiegen und auch wieder radaktiv sein. Aber vielleicht kommt das bald wieder. Wir werden wohl auf E-Bikes umsteigen. Mary hat schon eins [https://wp.me/p4uPk8-53W] und ich werde – hoffentlich – bald eins bekommen. Und dann haben wir fuer Juli einen unserer RailTrailsRoadTrips geplant – nach langer Zeit mal wieder – und zwar hoch hinauf in den Norden, bis nach Vermont. Du weisst ja, dass Mary und ich das Ziel haben, in jedem Bundesstaat der USA mindestens 10 Meilen zu radeln, und auf dem geplanten Trip wuerden 9 Bundesstaaten dazu kommen. Halte mal bitte die Daumen, das das klappt.
    Liebe Gruesse,
    Pit
    P.S.: Aber das „normale“ Radeln moechte ich nicht ganz aufgeben. Ich habe zwar mittlerweile 3 meiner Raeder verkauft, meine „italienischen Freundinnen“ aber behalten.

    1. Ich sehe unterwegs fast nur noch Ebikes. Toll wäre, wenn es leichter wäre unterwegs zu laden, ohne gleich ins Hotel zu müssen.
      Eure Railroadtrips finde ich toll. Wieviele Bundesstaaten habt Ihr denn schon ‚im Sack‘?

      1. Stimmt, lieber Juergen, das Laden der Batterie waere fuer Dich schon ein Problem. Aber so wie ich es sehe, sind die Zeiten des unbeschwerten Selbertretens fuer uns vorbei – insbesondere fuer Mary. Ich muss es einmal testen, in wieweit ich es noch schaffe. Aber ich freue mich schon auf mein E-Bike, weil ich mir sicher bin, dass ich damit wieder mehr unterwegs sein werde.
        Unsere Bundesstaatensammlung bis jetzt: Mary hat 29, und ich habe 27. Sie hat mir Nevada voraus, weil sie dort einmal mit ihrer Tochter geradelt ist, und in South Carolina konnte ich nicht radeln, weil ich auf unser Auto aufpassen musste. Mary war schon vor mir losgeradelt und hatte den Autoschluessel mitgenommen, und ich konnte den Wagen nicht abschliessen und auch die Fenster nicht schliessen – bei aufkommendem Gewitter.
        Unsere jetzt geplanten Reise soll aber South Carolina einschliessen, sodass ich das dazu bekomme. Und hoffentlich ist mein E-Bike rechtzeitig beim Haendler [in NEVADA!!]. Ich habe geplant, das dort abzuholen, Dann koennte ich Nevada zu „meinen“ Bundesstaaten hinzufuegen und so zu Mary aufschliessen.
        Unsere Sommerreise soll uns uebrigens 7 weitere Bundesstaaten einbringen, und dazu den District of Columbia.
        Es wird aber mal wieder – wegen der riesigen Distanzen hierzulande – eine „Gewalttour“. Nur hin und zurueck, ohne Abstecher und ohne Kurztrips jeweils vor Ort werden es schon knapp 4500 Meilen!
        Liebe Gruesse, und weiterhin happy and safe bicycling,
        Pit

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