Haggis

Herrliches Cockburnspath House. Ownerin Kim serviert mir abends Lasagne, Merlot, Kürbissuppe, ein vorzügliches Essen, und bittet mich, ihr meine Schmutzwäsche zu geben. Über Nacht könne sie trocknen. Ich frage nicht, was das alles kosten wird. Genieße den Moment. Als sie morgens 35 Pfund haben will, die sie mir als Preis fürs Bed & Breakfast genannt hat, kann ich es kaum glauben. Sie ist der Anti-Fletcher! Oder besser. Fletcher auf seinem schlammigen Hof bei Great Ayton ist der Anti-Kim. Wir einigen uns auf 40 Pfund wegen des Essens und ich beschließe insgeheim, die Adresse in diesem Blog wärmstens weiter zu empfehlen: Ihr könnt das Haus in Cockburnspath nicht verfehlen. Von der Cycleroute kommend liegt es eine halbe Meile südwestlich an der Countryroad, die als Bypass neben der A1 an Cockburnspath vorbei führt. Ein Schild steht vor einer Koniferenhecke. Das Interieur ist zwar sehr Ikea-lastig, aber fein. Erstaunt hat mich, dass Kim die Tischdekoration im verglasten Wintergarten, in dem sich der Essbereich befindet, den Tageszeiten anpasst. Stand abends eine schlichte leere Dekorvase auf dem Tisch, passend zum Weinglas, fand ich morgens Tulpen in einem weiten Gefäß vor. Der Salon mit Sofas und Flachbildschirm eigens für die Gäste tut sein übriges. Und die Klospülung ist kontinental einfach zu bedienen.

Die Radroute, 76 oder 75, ich kann mich nicht mehr erinnern und ohne Brille sieht für mich eine 76 sowieso aus wie eine 75, führt ein gut Stück an der A1 entlang auf separatem Radweg, um ab East Linton auf die gewohnt idyllischen Countryroads zu wechseln. In East Linton kommt die Sonne raus, und mit dem Hailes Castle, welches eine Ruine ist auf idyllischer Wiese an Bach, besichtige ich erstmals eine schottische Burg (siehe letzter Artikel). Im Prinzip ähnlich wie Pfälzer Burgen, nur dass der rote Fels fehlt. Außenrum Ginster. Zwei alte Damen sitzen quatschend auf einer Bank. Das So-hab-ich-es-mir-vorgestellt-radeln hat begonnen. Auf den knapp 70 Kilometern bis Edinburgh wird mir mit einem Schlag klar, wie unheimlich hart die letzten Tage waren. Wettertechnisch. Der Hochnebel die Tage zuvor hat unheimlich aufs Gemüt gedrückt. In ständiger Regenerwartung durchquerst du das Land. Ich stelle fest, dass das Wetter selbst nur in seltenen Fällen ein Problem ist. Es ist die eigene Vorstellung, die zum Problem wird. Die Idee, es könnte bald schlimmer werden. Das kann man getrost auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Für einige Meilen denke ich darüber nach, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, sich mit geschönten Statistiken die Staatsverschuldung und die Arbeitslosenzahlen schön zu reden. Psychologische Glanzleistung. Wenn mir die Wettervorhersage auf dem iPhone immer Sonne vorgaukeln würde, würde ich mit ganz anderen Voraussetzungen in die nächsten Tage gehen. Wenn sie aber, was Tatsache ist, Regen und Nachttemperaturen um null Grad voraus sagt, denke ich mich innerlich in jeden Outdoor-Laden an der Strecke und ärgere mich noch immer, dass ich in Robin Hood’s Bay nicht eine der wollenen Decken gekauft habe, die es im Haus des Küstenwächters für 12 Pfund zu kaufen gab.

Ab Haddington – Bilder im vorherigen Artikel – führt der Radweg über einige Meilen auf einer alten Bahntrasse, die sich vor Edinburgh verliert und erst kurz vor der Stadt wieder als Radweg ausgezeichnet ist.

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Auf dem Weg nach Edinburgh: Lagune.

Durch einen dreihundert Meter langen Tunnel, eigens für Radler, gelange ich in die schottische Hauptstadt. Das Bern des Nordens. Wegen der Hügel und dem Gefühl, ich stehe direkt in der Länggasse, taufe ich die Stadt spontan so. Auch das Gequirle von Menschen und die vielen Touristen erinnern an die Schweizer Bundeshauptstadt. Die Aare kann nicht weit sein.

Es ist fast 18 Uhr Ortszeit. Ich beschließe, hier zu bleiben. Frage Passanten nach dem B&B-Strich, mogele mich vorbei an der Altstadt ins Gebiet hinter dem Bahnhof. Das sei momentan nicht sehr schön, sagte Kim vom Cockburnspath House, weil sie dort Tramlinien anlegen und die Straßen aufgerissen sind. Ein Typ, den ich vor dem Gebäude der schottischen Nationalbank anhaue, erklärt mir den Weg zum nächsten Youth Hostel: zur Ampel, „turn left, go to the end of the lane, turn right and watch for the „Haggis“ at the right hand side“.

Haggis, dritter Stock, 25 Pfund für ein Vierbett-Zimmer, in dem ich alleine bin. Wifi kostet 3 Pfund. Ich checke ein, schleppe Gepäck und Rad nach oben. Es schläft sich besser, wenn man weiß, dass das Rad nicht auf der Straße steht. Youth Hostel-Atmosphäre. Gespräche in der Gemeinschaftsküche. Viele Sprachen, viele Nationen. Das Gewusel macht mich ein bisschen nervös. So muss sich ein Hirtenhund fühlen, wenn die Herde zu weit auseinander grast. Im Leseraum kann ich das Rad platzieren. Dort liegt auf dem Tisch ein Ordner mit Ausdrucken aus Weblogs von Travelern, die das Haggis lobend erwähnen. Die Dusche wird am meisten zitiert. Sie sei ein wahres Wunderwerk der Technik, das ganz viele Einstellmöglichkeiten habe, das Wasser sei immer warm und man verbringe dort mindestens die Hälfte seines Herbergsaufenthalts. Lobhudelei vom Feinsten nur für eine Düse, aus der schnödes Wasser spritzt? Ich bin gespannt. Muss an die Hightech-Dusche auf dem Jakobsweg denken, weiß nicht mehr, wie die Herberge hieß, es war schon ziemlich nah bei Santiago, und die dortigen Duschen hatten Radio integriert und man konnte darin sitzen und es gab Massagedüsen. So auch im Haggis? Ich finde eine stinknormale Dusche vor, die drei Temperaturstufen und drei Wassersparstufen vorhält sowie einen Regler an der Düse, mit dem man die Verteilung des Wassers einstellt. Blitzsauber. Betten auch sauber. Küche sauber. Freundliche Hosts. 24 Stunden ist jemand an der Rezeption. Aber die Dusche, entschuldigung … ein Alleinstellungsmerkmal ist das nicht. Da möchte ich doch schon eher die vielen schönen Gemälde an den Wänden des ovalen Treppenhauses anmerken.

Ich überlege nun, ob ich hier bleibe, oder für 2 Pfund pro Gepäckstück meine Sachen bis 14 Uhr aufbewahren lasse, oder direkt mit vollem Gepäck noch einen Schlenker durch die Stadt mache. Der angekündigte Regen mit Wahrscheinlichkeiten bis 70 % ist bisher nicht aufgetaucht.

(sanft redigiert, Bilder eingefügt und gepostet von Sofasophia)

Tag 37 – Bilder

Hailes Castle, die Tafel

Hailes Castle, höchstpersönlich.

In Haddington habe ich in Mikes Fahrradladen Werkzeug gekauft.

Ebenfalls dort, vor einem Spielzeugladen …

Auch in Schottland gibt es vor Park-Radwegen die engen Fahrradsperren, durch die man das Radel quetschen muss.

Bahnüberführung kurz vor Edinburgh

Fortsetzung auf pixartix_dAS bilderblog

Tag 37 – die Strecke

Im Haggis Youth Hostel in Edinburgh hat sich Irgendlink in ein noch leeres Viererzimmer eingemietet. Begeistert erzählt er vom ersten richtig schönen Sonnentag seit Frankreich und dass ihm die Stadt Edinburgh sehr gut gefalle. Das Bern des Nordens, so nannte er Edinburgh sogar. Wow, was für eine Hommage an meine Lieblingsstadt! :-)

>>> Cockburnspath – Edinburgh: zum heutigen Kartenausschnitt: bitte hier klicken!

Eine Compostela für die NordseeumradlerInnen

Am Ende seiner Jakobsweg-Reise (siehe Blogroll) bekam Irgendlink im Dezember 2010 in Santiago de Compostela die berühmte Compostela.

Eben habe ich auf der Nordseeroute-Website, NSCR, dies hier entdeckt: Eine Liste mit den Namen all jener Menschen, die die Nordsee teilweise oder ganz umradelt haben. Nicht ganz so viele, wie jährlich nach Compostela pilgern, aber doch einige. Und vermutlich noch nicht mal alle.

Der Küste entlang nach Schottland

Barn at Beal liegt quasi am Brückenkopf von Holy Island, jener geschichtsträchtigen kleinen Insel, über die einst die Wickinger nach Britannien kamen – so schreiben Hanne und Klausbernd in Kommentaren einen Eintrag zuvor. Die Insel ist nur bei Ebbe zu erreichen. Eine Straße führt durchs Watt. Vor der Passage hängt eine Tidentabelle, die das großzügige Zeitfenster listet, in dem man gefahrlos den Damm überqueren kann. Taggenau, minutengenau. Gegen 20 Uhr stehe ich davor, hätte noch bis 22 Uhr Zeit. Und könnte am nächsten Tag, bis spätestens 10:20 Uhr wieder zurück. Warnschilder, auf denen Autos abgebildet sind, die in den Fluten versinken, hängen über der Tabelle. Dies könnte Ihr Auto sein. Rettungshubschrauber, an deren Seilwinden Menschen aus Seenot baumeln. Mit der Tide ist nicht zu spaßen.

An einem Pfosten hängt auch ein Hinweisschild auf die Barn at Beal, die Scheuer in Beal. Ich bin daran vorbei gefahren. es war der große Bauernhof auf dem Hügel, zu dessen Linken ein Areal mit Luxus-Wohnungen liegt. Rechts ein Coffeeshop, Restaurant mit Glasfront zum Meer hin. Sie bieten auch Camping für Zelte, was in England oft ungewöhnlich ist. Wenn in der Karte ein Campingplatz eingezeichnet ist, so handelt es sich meist um einen Caravan-Club, ein Areal, auf dem riesige Wohnwägen parken, die sich fürs Touren nicht eignen. Es handelt sich dabei eigentlich um Wochenendhäuschen ohne Fundament. Rätselhaft, dass die winzigen Rädchen unter einem filigranen Fahrwerk überhaupt das Gewicht der Wohncontainer tragen können. An der Front sind die Dinger voll verglast. Dort befindet sich das Wohnzimmer, das meist gen Süden aufgestellt wird. Caravaningclubs nehmen in seltenen Fällen „Tourer“ auf, lose Vagabunden wie mich. Es gibt keine sanitären Anlagen in den Clubs, keine Gemeinschaftsräume. Einmal hat mir ein Caravaner seinen fein gemähten Vorgarten angeboten, zum Zeltaufbau. Nette Geste, die ich ablehnen musste, weil es zu sehr geregnet hatte und die Wiese voll Wasser war.

In Barn at Beal gibt es keine Caravans. Der Zeltplatz befindet sich unterhalb der Glasfront des Coffeeshops neben einer Schafskoppel. Ich bin der einzige Gast, erhalte einen Schlüssel zum kleinen Sanitärhäuschen, das nur zwei Toiletten und Duschen enthält. Blitzsauber, Zentralheizung. Drei Pfund billiger, als Fletcher’s Non-Comfort-Horror-Camping zwischen Great und Little Ayton.

So müsste es immer sein. So hatte ich es vor Tourstart erwartet. Zwischen meinen Erwartungen und der Realität klafft mittlerweile eine riesige Lücke. England geht zu Ende. Ich werde an diesem 36ten Tourtag Schottland erreichen. Es sei completely different, hat man mir gesagt. Über eine Mischung aus Countryroads und Feldwegen geht es an der Küste weiter. Ich durchquere eine Schafskoppel, passiere den Golfplatz Goswick, wo mir die Golfer zuwinken. Vor Berwick-upon-Tweed führt der Radweg auf den Klippen durch eine Kuhweide. Schwarze Viecher grasen. Runter nach Berwick, Satz Bremsbeläge für 10 Pfund, die vorderen wechsele ich sofort. Der dicke Fahrradhändler leicht mir einen 8er Schlüssel, um den Frontgepäckträger fest zu schrauben. Ein Wunder, dass der nicht abgefallen ist. In der Touristinfo empfiehlt man mir, den N1 entlang der schottischen Grenze bis Edinburgh zu nehmen. Die 76 an der Küste sei steil und von Feldwegen durchzogen. Ein Bloggesurteil bringt mich 2 km westlich von Berwick einen sehr steilen Anstieg hinauf, um an einer Abzweigung festzustellen, dass ich auf der 76 gelandet bin. Ich müsste einen Kilometer wieder runter, um zur 1 zurück zu kommen. Höhenmeter gibst du nie preis. Also Küste. Richtung Dunbar, welches sich auch als nächste Einkaufsmöglichkeit entpuppen soll. Es ist fast 6 Uhr abends, ich durchrolle menschenleere Gegenden, schinde mich schier endlos über eine schnurgerade Strecke, die so aussieht, als sei sie topfeben, aber insgeheim mit etwa 3 bis 4 Prozent steigt. Die gemeinste Art berghoch zu radeln. So muss sich Tantalus gefühlt haben, als er einst was auch immer … Antike Geschichte im hohen Norden. Die Kuppe ist zum Greifen nah, und wenn du sie glaubst, erreicht zu haben, verbirgt sich dahinter nur eine neue Kuppe.

In Peasbay gibt es einen Caravan-Club der widerlichen Sorte. Die idyllische Bucht ist vollständig mit riesigen Wohnburgen belegt. Spielhölle am Eingang, Billiardtische, flackernde Automaten. Keine Zelte natürlich. Ich lasse meine Wasserflaschen füllen, ackere hinauf nach Cockburnspath, wo ich in Kims Bed and Breakfast unterkomme, für 35 Pfund.

Mailischer Nachtrag um 11:17 (10:17 Ortszeit): Ich fahre los. Das Cockburnspath House ist klasse. 40 Pfund mit Abendessen und Wäsche waschen. The Antifletcher!

(sanft redigiert, mit Links bestückt und gepostet von Sofasophia)