Digitale Expeditionen

Zwei Bilder einer Straße mit Kirche und Dorfeingang in Burgund. Ähnlicher Standort im zeitlichen Abstand von 10 Jahren.

Die Vorreisezeit bei solch digitalen Expeditionen, wie muss man sich die vorstellen?

Wir befinden uns in Woche Minus 3. Der Countdown oben links im Blog sagt, es sind noch 18 Tage bis zum Tourstart. Dann werde ich mit voll bepacktem Radel, Zelt und Campingküche aufbrechen zu einer Reise, die ich vor genau zwanzig Jahren schon einmal gemacht habe. Von Mainz bis nach Alta in Norwegen und weiter bis zum Nordkap.

Dieses Mal breche ich in Zweibrücken auf, radele durchs Saarland  die Blies hinauf, die Nahe runter anderthalb Tage bis nach Mainz. Ab dort folge ich der alten Strecke, die ich in dieser Google-Map skizziert habe. Ich versuche, die alten Bildstandorte zu finden und zu fotografieren wie 1995. Nur eben digital mit dem Smartphone.

Ein ähnliches Experiment habe ich übrigens schon einmal gemacht. In den Jahren 2000 und 2010 habe ich Frankreich durchradelt und zwischen Zweibrücken und Andorra die gleichen Bildstandorte aufgesucht. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

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Zweibrücken-Andorra 2010 war die erste Passage in diesem Blog, die mit dem iPhone von unterwegs gemanaged wurde. Ein echtes Abenteuer mit damals sehr spartanischer WordPress App. Per Mail und SMS sendete ich die Bloginhalte an die Homebase, in der die liebe SoSo am Projekt mithalf. Ich erinnere mich an diese denkwürdige halbe Stunde auf der Allierbrücke in Le Nouveau Monde, in der ich ein Bildchen mailte. Dieses Glück, als es endlich klappte.

Links zu den beiden Reisen innerhalb dieses Blogs

Die Etappen 2000 bei Everytrail (Rekonstruktion auf Basis der handschriftlichen Notizen)

  • Tag 1 -> Zweibrücken bis Lutzelbourg
  • Tag 2 -> Lutzelbourg bis Bayon (Mosel)
  • Tag 3 -> Bayon bis Montigny (Wildzeltplatz)
  • Tag 4 -> Montigny bis Dijon
  • Tag 5 -> Dijon bis Autun
  • Tag 6 -> Autun bis Motte aux Chennes bei Marcigny
  • Tag 7 -> Motte aux Chennes bis Villerest
  • Tag 8 -> Villerest bis Feurs (ein absolut verregneter Tag)
  • Tag 9 -> Feurs bis Prats de Mars bei Vorey
  • Tag 10 -> Vorey bis Chapeauroux
  • Tag 11 -> Chapeauroux bis Le Pont de Montvert
  • Tag 12 -> Le Pont de Montvert bis in die Tarn-Schlucht
  • Tag 13 -> Tarn-Schlucht via Millau … (Wildzeltplatz)
  • Tag 14 -> Tarn bis Roquecourbe
  • Tag 15 und 16 ->Roquecourbe Canal du Midi bis Ax les Thermes
  • Tag 17 -> Ax les Thermes bis Seo ‘d Urgell

Feilen am Publishing System

Ich hatte schon erwähnt, dass ich die kommende Reise gerne zweigleisig publizieren möchte. Zum Einen wie gewohnt per Blog in einer Art Tagesrhythmus, also wie tägliche kleine Zeitungsberichte. Zum Anderen auf Twitter in 140 Zeichen lange Aphorismen zerlegt mehrmals täglich. Ich weiß nicht, ob das zeitlich machbar ist, schließlich hat man es als radelnder Reisender auch mit ganz anderen Rhythmen zu tun, als mit Schreib- und Denkrhythmen. Das Leben auf der Straße, kunstschaffend, ist wie ein inneres Konzert. Eine Art literarisches, schöpferisches Kammerorchester … wer dirigiert?

Auch der physische Rhythmus ist wichtig unterwegs. Man wird müde, hungrig, muss sich was kochen, Lagerplatz suchen, der Gedankenrhythmus, so er sich denn einstellt, ist stetigen Störungen unterworfen. Aber diese anderen, scheinbar störenden Rhythmen befeuern ihn auch. Der Input aus der Umgebung. Begegnungen mit Menschen. Situationen. Die Umwelt. Gefühle. Das Wetter. Gegenwind. Allesamt Unkalkulierbarkeiten, die als – ich will nicht sagen Stör – Geräusche mitspielen im Orchester der Livereise.

Twitter nun. Wie muss ich mir das vorstellen als Laie? Es ist ein sogenanntes Microbloggingsystem. Die Blogeinträge sind maximal 140 Zeichen lang.

Klingt kompliziert, gell? War es auch anfangs. Ich habe fast drei Jahre gebraucht, bis ich letzten September endlich mit meinem Twitteraccount warm geworden bin. Ich hatte einfach nicht kapiert, wie einfach es ist. Im Grunde ist es eine Art kollektive Gedankenablademaschine, ein Kommunikationsmedium und zudem kann es eine Schreibstilschule sein. Wer nur 140 Zeichen hat, um einen philosophischen Gedanken, eine Herzensangelegenheit oder einen Scherz zum Ausdruck zu bringen, lernt schnell, welche Worte wirklich wichtig sind (wenn dieser Satz ein Tweet wäre, sähe er anders aus).

Ich schweife ab. Eigentlich wollte ich nur testen, wie ich Tweets aus dem Twitteraccount auf dem Smartphone in einen Blogeintrag einfügen kann. Also mit Kasten außenrum, Zeitstempel usw. Scheint per Mailexportfunktion und Copy und Paste zu gehen. Über das innere Kammerkonzert der feinen Künste schreibe ich dann in einem späteren Beitrag.

Irgendlink (@irgendlink)
Ein Dienstag im Montagskostüm. Das erste Ungeschick schon hinter mir. Ich bin gewarnt. Bloß keine Kettensäge heute.

Bloggen, digitale Bildhauerei

Im Vorfeld der Radreise ans Nordkap das Blog neu zu strukturieren kommt mir vor wie Bildhauerei. Pixelmeißeln. HTML-Schnitzen. Auf Lebenswertvoll.ch hat die liebste SoSo ein Crowdfunding angelegt, das ich heute mit ein paar Inhalten ausgestattet habe. Es muss noch ein bisschen daran gefeilt werden. Wie auch hier am Irgendlink-Blog.

Ich möchte bei der kommenden Livereise auch eine Kurzübersicht in Form einer Kategorie anbieten, die es ermöglicht, wöchentlich in aller Knappheit das Voranschreiten der Reise zu beobachten (danke, Angelika für den Hinweis). Wer das volle Programm will, schaut entweder täglich hier vorbei, oder wählt die Rubrik #AnsKap. ist auch der offizielle Hashtag bei Twitter und Facebook für mein Reiseprojekt.

Für die Wochenberichte werde ich eine Rubrik AnsKapWeekly einrichten. Und wer so verrückt ist, dem Artist in Motion permanent auf den Fersen zu bleiben, schaut bei Twitter vorbei.

Zur Finanzierung insbesondere des Rückwegs bin ich wohl auf ein bisschen Unterstützung angewiesen. Die Reisekasse verzeichnet 1500 Euro für drei Monate unterwegs. Könnte klappen, rechnet das Kunstbübchen in mir. Der Rückweg ist unfinanziert (vielleicht hilft ja der Ruf: ich bin ein Künstler, holt mich hier raus :-) ).

Zum Glück ist mir die Sache mit den iDogma-Postkarten, siehe Artikel zuvor, wieder in den Sinn gekommen. Das wird ein kleines Kunstprojekt im Kunstreiseprojekt. Ich verschicke ab Smartphone mit einer App selbst gestaltete Künstlerkarten – weltweit. Jeder, der eine bestellt, ist Teil des Gesamtkunstwerks. Eine Art Brotkrümelspur aus Botschaften entsteht so. in meiner Phantasie spiele ich mit dem Gedanken, dass in einer Zukunft irgendwann ein Kuratorium für eine Ausstellung über diese, unsere Digitale Frühgeschichte, die Besitzerinnen und Besitzer dieser Postkarten, also Euch oder Eure Erben anschreibt, um alle Karten in einer Gesamtschau zu zeigen. Na, wäre das was?

Eine kniffelige Meißelei am heutigen Tag war zweifellos die Schnitzarbeit an dem Paypal-Knopf auf der rechten Seite, mit dem Ihr die Karten bestellen könnt. Ich hoffe, ihr kommt damit zurecht. Lasst es mich wissen falls nicht. Dann finden wir einen anderen Weg, wie Ihr an die Postkarten kommt.

Nun steht noch die here Trainingsaufgabe an. Sowohl Schreiben, als auch Radfahren möchte ich trainieren. Ehrlichgesagt raucht mir der Kopf von all den Zu-Bedenkens und ich bin heilfroh, wenn ich endlich losradeln kann und meine Kräfte wieder kanalisieren kann.

 

iDogma Postkarten – Eine postalische Brotkrümelspur zum Nordkap

Ein digitales Monument, das sich wie Lava durch die Risse der tektonischen Platten des frühen Internet drückte, feiert heute seinen vierhundertsten Geburtstag in einer Sonderausstellung im Museum für Digitale Frühgeschichte – (Lind Kernig, Kunsthistoriker, 21. Mai 2415)

Nichts hat mein künstlerisches Schaffen so sehr verändert, wie das Smartphone mit seinen kompakten Möglichkeiten. Auf engstem Raum des handtellergroßen Minicomputers kann ich nicht nur schreiben, fotografieren und direkt im Internet veröffentlichen, sondern auch wichtige künstlerische Arbeitsschritte mit Hilfe der mannigfaltigen Apps durchführen. Eigentlich muss man sich als digitaler Künstler nicht die Hände schmutzig machen mit Farbe und Pinsel, man kann alle Arbeitsschritte im Smartphone erledigen und das Kunstwerk in Datenform zu einem Ausbelichtungsdienst schicken, der es direkt an den Kunden schickt. Sogar ein kleines Buch habe ich schon einmal während einer langen Ausstellungsaufsicht, in der kaum Gäste in die Ausstellung kamen auf dem Smartphone gestaltet, es an ein Portal geschickt und ein paar Tage später kam das Büchlein „iDogma One“ per Post. Druckfrisch, gebunden.

2011 hatte ich eine Serie gestartet mit Postkarten die aus dem digitalen Stehgreif geboren waren. Fotos und Texte mit einer App kombiniert und per Mobilfunknetz gesendet kamen als Künstlerpostkarte unikat zu einigen wenigen Freunden und Bekannten. Der Reiz etwas tun zu können löst unweigerlich die Kräfte aus, es auch tatsächlich in die Tat umzusetzen.

Die beiden ersten Postkarten gingen zum Test an mich selbst. Ich wollte mich von der Qualität überzeugen und ob das, was ich da auf dem Telefon zurecht fummelte auch mit dem, was ich mir in „Echt“ vorstellte kongruent ist. Die Karte kam per Royal Mail ein paar Tage später zu mir nach Hause.

iDogma Postkarte 1.1
iDogma Postkarte 1.1
iDogma Postkarte 1.1 Rückseite
iDogma Postkarte 1.1 Rückseite

Leider ist das Projekt ein bisschen eingeschlafen. Ich bin einfach keine Rampensau, die solch ein Projekt bis in alle Welt durchboxt und daraus eine Künstlermasche macht. Dennoch hat die Idee ihren Reiz (zumindest bei mir) nicht verloren.

Zur bevorstehenden Reise ans Nordkap mache ich einen neuen Anlauf.  Aus den täglich frisch aufgenommenen Kunstfotos gestalte ich individuelle Postkarten, garniert mit Tweets, Aphorismen. Per App werden sie an den Postkartendienst Touchnote übermittelt und per echter Post versandt. So entsteht neben der fotografischen Reise mit der konzeptuellen Straßenfotografie auch eine unikate Postkartenserie. Alle Entstehungs- und Versendungsorte werden notiert. Die Empfängerinnen und Empfänger erhalten ein Kunstwerk, das ins Gesamtkonzept eingebunden ist.

Mit dem Kauf einer iDogma Karte unterstützt Ihr zudem das Projekt.

Rechts in der Seitenleiste könnt Ihr eine Karte bestellen. Ab dem 15. Juni versende ich sie von unterwegs.

PS: Bloß schön die Postkarten aufheben, damit das Museum für Digitale Frühgeschichte auch etwas auszustellen hat, heute in vierhundert Jahren :-)

Euer Irgendlink

 

 

Memoiren

Kürzlich hatte ich eine Mail im Postfach mit dem schlichten Betreff „Memoiren“. Absender war mein Freund und Künstlerkollege Sven Schalenberg. Im Anhang zwei Dokumente und ein Jpeg-Bild, die sein Leben darstellen (danke Sven, für das Vertrauen). Skizzenhaft, nicht ausformuliert, hastig geschrieben mit etlichen Zeitsprüngen, themenbedingten Reisen durch das eigene Leben. Die Dokumente von zwanzig dreißig Seiten stellten das Leben einmal als Künstler, einmal als Privatmann dar. Das Bild – Schalenberg ist ein großartiger Maler – zeigte das Leben auf grafisch-malerische Weise mit Prognose, wie es womöglich weitergeht. Definitiv ein guter Entwurf für Memoiren, so dass ich dachte, warum bist du nicht berühmt genug, dass sich ein Filmteam deiner annimmt, oder ein Biograf. Wie es sich für große Künstler geziemt.

Auf seiner Webseite erfährt man in der Vita über den Künstler auch dass 1988 MS bei ihm diagnostiziert wurde. Sowohl in den Memoiren, als auch für diese frühe Reaktion, „inmitten des gelebten Lebens“ schon daran zu werkeln, spielt die Erkrankung eine große Rolle.

Wir denken eigentlich viel zu selten an das eigene Ableben. Marcel Duchamp hatte einst gesagt: „Es sind immer die Anderen, die sterben„. Der eigene bevorstehende Tod wird einem immer nur dann ins Bewusstsein gerückt, wenn man auf eine Beerdigung geht, oder selbst einen gesundheitlichen Schicksalsschlag erleidet. Dabei kann es fast jederzeit und überall passieren. Zack und weg und was dann, mit den angesponnenen Lebensfäden? Ich weiß nicht, ob es bei uns Künstlern und Schreibern „unvollendeter“ vorgeht, als etwa in einem Beamten- oder Fabrikarbeiter- oder Hausfrauenleben. Vielleicht ist Leben und das eigene Werk stets unvollendet? Auch wenn man nur motivationslos den ganzen Tag vor dem Fernseher liegt? Ich weiß nicht. Man dürfte nicht über die Innenwelten anderer spekulieren. Wer weiß, vielleicht schlummert im scheinbaren Nichtsnutz ein wunderbarer Philosoph, der insgeheim, Sitcoms konsumierend an der Weltformel arbeitet?

Bei kaum einer Berufsgruppe wird das sogenannte Lebenswerk so bildlich und deutlich dargestellt wie bei uns Künstlern (weil es nun mal bildlich zu Tage tritt). Kann ich das so sagen, ohne dass es überheblich wirkt gegen etwa die Vereinsvorsitzende eines Vereins zur Völkerverständigung, gegen den Modellbauer, der ein Leben lang an einer riesigen Modellbahn arbeitet?

Mein Nachbar, habe ich mir sagen lassen, schreibt auch gerade an seinen Memoiren. Von hunderten Seiten ist die Rede. Er ist 86 Jahre alt, körperlich und geistig ungewöhnlich fit. Es ist unwahrscheinlich, dass Freund Schalenberg, ja selbst ich, einmal so alt werden. Wir alle sind angezählt, aber im Gegensatz zum Boxkampf hört das Zählen nicht auf, weiß man nicht, wie weit bei jedem gezählt wird.

Auch ich denke seit 2009 (da war es mal echt knapp mit dem Weiterleben) über so eine Art Memoiren nach. Vielleicht ist das ein menschliches Bedürfnis, noch einmal zu erzählen, das und das war mir wichtig. Vielleicht ist es auch nur künstlerische Eitelkeit? Oder der Versuch, auf diese Weise dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.

Ob wohl dieses Blog taugt Memoiren zu sein, war zunächst die naive Frage. Seit 2001 entstehen hier mehr oder weniger persönliche, selbstdokumentierende Texte und Bilder. Sie balancieren hart am Rande der Wahrheit, obschon Monsieur Irgendlink stets fest und steif behauptet hat, dass er und ich, nicht in einen Topf zu tun seien. Dass er der Schauspieler ist auf der Blogbühne, der wie in einem Schattentheater das spielt, was ihm die Regie aufgibt.

Ein großer Unterschied zu Memoiren dürfte wohl sein, dass viele Texte in (m)einem Blog direkt aus der Gegenwart heraus entstehen. In den Livereisen sind sie meines Erachtens sogar so direkt, dass sie fast exakt den gegenwärtigen Status, die gegenwärtige Befindlichkeit des Erzählenden wieder geben. Wie schrieb ich einst: „eine Operation am offenen Herzen der Literatur. Kaum gedacht und erlebt und schon gebloggt“, ich nähere mich in meinen Blogtexten der Gegenwart auf ein nahezu unüberbietbares Maß, dass – wenn wir Menschen wären, die Gegenwart und ich – wir gegenseitig den Atem auf unseren Wangen spüren könnten.

Vielleicht muss im Zeitalter des Weblogs und der sogenannten Sozialen Medien auch einfach die Geschichte der Memoiren neu geschrieben werden? Die Erinnerung wird ersetzt durch ein direktes Mitdiktat des gelebten Lebens und du hast einzig das Problem zu lösen, bei diesem Mitschnitt so ehrlich wie möglich zu sein, denn auch das ist ein Unterschied zu den herkömmlichen Memoiren: Ein Blogger, der im blühenden Leben steht und weiß, dass man ihm bei seinem selbstdokumentierenden Tun über die Schulter schauen kann, schreibt anders, als ein Mensch, der im stillen Kämmerlein in der Nähe des eigenen Todes seine Erinnerungen auf Papier rettet.

Ich werde in diesem Blog nun eine Rubrik „Memoiren“ einrichten. Nur für den Fall, dass sich Vergangenes in den Mahlstrom meines Erzählens einschleicht. Memorierenswertes.