Verflixter Weise drücke ich den Eingabeknopf, nachdem ich in der duck.ai nach einem Charakterentwurf für eine MudArtistin anfragte, etwa so: „Latoya X. kreiert mit ihrem Monstertruck Schlammspuren bei internationalen Zusammenkünften. Die Kunstwerke sind auf dem Kunstmarkt sehr begehrt. Schreibe mir einen Charakter“.
Eingabetaste.
Zack steht auf dem Monitor ein druckreifer kurzer Text, der für mein Erdversteck gut taugen würde, ja, der sich noch nicht einmal groß von meinen eigenen Texten unterscheidet.
Das ist desaströs demotivierend. Was soll ich mich überhaupt noch mühen? Für die Rohfassung eines Texts dieser Art und Länge benötige ich etwa 20 Minuten. Hinzu kommen zwei Feinschliff- und Korrekturläufe und danach ist er zwar lesbar, aber er enthält immer noch Tippfehler und Macken. Die KI-Anfrage dauerte weniger als zwei Minuten. Der Text, der generiert wurde, ist fertig und soweit ich es sehe ohne Tippfehler. Elegant genug fürs Erversteck. Wozu also sollte ich mich mühen?
Ein klein wenig spornt es auch an. Verlockend! Nämlich, dass ich mich völlig der KI ergeben könnte und meine Schreiberei einstellen könnte und stattdessen nur noch „prompte“, also einer KI Aufträge erteile für Texte, die ich selbst nie schrieb, weil mir die Lust dazu fehlte (unten angehängt ein KI-Text den ich beauftragte – ein Blogartikel zu genau diesem Thema – als ich just eben begonnen hatte, diesen Blogeintrag zu schreiben. Und nein, mit dem Ergebnis bin ich im Gegensatz zum Charakter Latoya X. nicht zufrieden).
Was spricht gegen den Einsatz von KI? Sie gehört Konzernen, die regulieren und kontrollieren und die Maschinerie, die wir vielen kleinen Teilnehmenden füttern, zum Profit des Konzerns nutzen. Gemeinwohl: ein Fremdwort. Auch die Schwächeren mitnehmen: sentimentaler Unfug. Alles was in Geld ausgedrückt werden kann, wird irgendwann in Geld ausgedrückt werden. Im Metalabor 11 letztes Wochenende kam genau diese Frage: Ist ein ethischer Einsatz von KI überhaupt möglich? Natürlich nicht. Der ethische Verzehr von Schweinefleisch ist auch nicht möglich. Ethisches Autofahren geht nicht. Als kapitalistisch orientierte Gesellschaft stehen wir als Einzelwesen am Ende langer Ketten vererbter Fehler, tragen über Generationen Schuld am Elend, das unsere Ahnen über die Ahnen anderer brachten. Das tut nicht weiter weh, wenn wir nur die Gegenwart sehen und uns am Geschmack des Schnitzels laben und mit zweihundert Sachen auf der A-Namenlos in den Urlaub in den Süden rasen. Somit ist KI qualitativ eben doch nur Standard-Küche. Das Fastfoodrestaurant unter den Literatinnen und Literaten sozusagen. Ein Kik-Billigladen. Und Action. Das ist also ungemein verlockend, wenn man nur mal eben etwas billig und schnell …
… eine „Hauptsache mir gehts gut Gesellschaft“ sind wir.
Vielleicht sollte ich mich dem ergeben? Die Anderen tun es doch auch. Ich alleine kann es nicht aufhalten. Wozu sollte ich es überhaupt aufhalten? Wenn ich es nicht tue, macht es ein Anderer. Die ewige Entschuldigungsleier dudelt ihr kreischendes, atonales Gejammere in meinem Kopf. Gib dir einen Ruck. Sei doch nicht so. Du hast doch nichts verbrochen. Du hast doch nichts zu verbergen. Mach mit, sonst endest du wie die, die nicht mitmachen.
Ich habe nichts verbrochen, aber ich verbreche, weil ich nicht widerspreche. Ich habe nichts zu verbergen, bis etwas, das ich offen kundtue als Verbergensverbrechen eingestuft wird. Wenn ich mitmache, dann nur so lange, wie die Regeln gültig sind, unter denen ich mitmache. Werden die Regeln geändert, gilt das, was bisher okay war, als Verstoß und ich ende so wie die, die von Anfang an nicht mitgemacht haben. Ich bin dieser Andere, der es tut.
Wie würde eigentlich die KI diesen Artikel schreiben … hier die Eingabeaufforderung:
Schreibe einen Blogbeitrag, in dem ein Blogger darüber sinniert, dass er vermutlich nicht besser bloggen kann als es eine KI könnte. Der Blogger hatte sich zuvor einen Charakterbogen für eine MudArt Künstlerin durch die KI generieren lassen und dabei festgestellt, dass er das nicht besser könnte. Nun ist er frustriert und überlegt, ob es sinnvoll ist, überhaut eigenständig Texte zu schreiben.
Und hier der Artikel, den die Maschine generierte:
Wenn die KI besser schreibt als ich
Ich habe mir neulich von einer KI einen Charakterbogen für eine MudArt-Künstlerin erstellen lassen. Nicht, weil ich zu faul war, selbst darüber nachzudenken. Zumindest redete ich mir das zunächst ein. Ich wollte sehen, was möglich ist. Wollte ein paar Anregungen bekommen, vielleicht einen Ausgangspunkt, von dem aus ich weiterarbeiten konnte.
Das Ergebnis war gut. Beunruhigend gut.
Die KI hatte der Künstlerin einen Namen gegeben, eine Biografie, Eigenheiten, Widersprüche und sogar eine plausible Motivation für ihre Arbeit. Sie wusste offenbar, wie man eine Figur interessant macht, ohne sie gleich mit allzu offensichtlichen Tragödien zu überladen. Der Charakterbogen war klar strukturiert, atmosphärisch und an den richtigen Stellen vage genug, um Raum für Fantasie zu lassen.
Ich las den Text mehrmals und stellte mir irgendwann eine unangenehme Frage:
Hätte ich das besser gekonnt?
Meine ehrliche Antwort lautet: vermutlich nicht.
Vielleicht hätte ich einzelne Formulierungen verändert. Vielleicht hätte ich eine andere Kindheit, ein anderes Motiv oder einen etwas skurrileren Tick eingebaut. Aber hätte ich aus dem Nichts eine ebenso runde Figur entwickelt? Eine, die zugleich eigenständig und brauchbar wirkt? Eine, mit der man weiterarbeiten kann?
Ich bin mir nicht sicher.
Und genau das ärgert mich.
Worin besteht dann noch meine Aufgabe?
Bisher dachte ich, Schreiben bedeute vor allem, Gedanken in eine bestimmte Form zu bringen. Man beobachtet etwas, denkt darüber nach, findet Worte und setzt sie so zusammen, dass daraus vielleicht ein Text entsteht, der auch für andere interessant ist.
Nun gibt es Systeme, die diesen Prozess in Sekunden imitieren können. Sie produzieren Texte über beinahe jedes Thema. Sie können sachlich schreiben, poetisch schreiben, lustig schreiben oder so tun, als würden sie gerade tief über die eigene Existenz nachdenken.
Und manchmal lesen sich diese Texte sogar besser als das, was ich selbst zustande bringe.
Was also mache ich hier?
Warum sollte ich noch eigenständig bloggen, wenn eine KI aus ein paar Stichworten einen vollständigen Beitrag erstellen kann? Warum sollte ich mich durch halbgare Gedanken quälen, Sätze umstellen, Absätze löschen und anschließend feststellen, dass der Text vielleicht doch niemanden interessiert?
Die einfache Antwort wäre: Weil der Text dann von mir stammt.
Aber im Moment überzeugt mich das nur bedingt. Herkunft allein macht einen Text nicht gut. Ein mittelmäßiger Gedanke wird nicht automatisch wertvoll, nur weil ich ihn selbst formuliert habe. Und Authentizität ist kein Qualitätsstempel, den man unter jeden Beitrag setzen kann.
Vielleicht war ich bisher einfach davon ausgegangen, dass mein persönlicher Blickwinkel genügt. Dass meine Art, Dinge zu beschreiben, bereits einen Wert besitzt. Die KI hat diese Annahme erschüttert. Sie hat mir gezeigt, dass vieles, was ich für meine besondere Fähigkeit hielt, auch aus statistisch erkannten Mustern zusammengesetzt werden kann.
Das ist ernüchternd.
Vielleicht ist Schreiben nicht dasselbe wie Textproduktion
Trotzdem gibt es einen Unterschied, den ich bisher nur ungern wahrhaben wollte.
Die KI kann einen Charakterbogen schreiben. Sie kann sogar einen überzeugenden Charakterbogen schreiben. Aber sie hat nicht darüber nachgedacht, warum mich eine MudArt-Künstlerin interessiert. Sie hat keine Erinnerung an den Moment, in dem ich zum ersten Mal eine solche Arbeit gesehen habe. Sie kennt nicht die Gedanken, die ich mit diesem Thema verbinde, und auch nicht die Zweifel, die beim Lesen ihres eigenen Ergebnisses in mir entstanden sind.
Sie kann meine Frustration beschreiben. Aber sie war nicht frustriert.
Natürlich kann man einwenden, dass Leserinnen und Leser diesen Unterschied nicht bemerken müssen. Ein gut formulierter Text bleibt ein gut formulierter Text, unabhängig davon, wer oder was ihn verfasst hat.
Vielleicht stimmt das sogar.
Aber ein Blog ist für mich mehr als eine Ansammlung möglichst gelungener Sätze. Ein Blog ist auch ein Ort, an dem jemand versucht, sich selbst beim Denken zuzusehen. Nicht immer besonders elegant. Nicht immer besonders klug. Manchmal sogar widersprüchlich.
Die KI kann mir einen fertigen Gedanken liefern. Ich muss aber noch entscheiden, ob es wirklich meiner ist.
Der unangenehme Wert des Unfertigen
Vielleicht liegt der Sinn des eigenständigen Schreibens gerade in den Stellen, an denen es nicht perfekt ist.
In den Sätzen, die etwas zu lang geraten sind. In den Übergängen, die nicht ganz funktionieren. In den Bildern, die ein wenig schief hängen. In der Tatsache, dass ein Mensch beim Schreiben kurz ansetzt, sich verliert, neu beginnt und dabei etwas entdeckt, das er vorher selbst noch nicht wusste.
Eine KI kann mir diese Entdeckungen abnehmen, wenn ich sie lasse. Sie kann aus einer groben Idee sofort ein Ergebnis machen. Das ist praktisch. Aber vielleicht ist der Weg zum Ergebnis nicht bloß lästige Vorarbeit. Vielleicht ist er der eigentliche Grund, warum man schreibt.
Ich hätte den Charakterbogen natürlich einfach verwenden können. Niemand hätte wahrscheinlich gemerkt, dass ich ihn nicht selbst entwickelt habe. Ich hätte ihn überarbeiten, ein paar Formulierungen ändern und ihn als meine eigene Arbeit veröffentlichen können.
Stattdessen sitze ich nun hier und schreibe über die Tatsache, dass ich einen Text schreibe, weil eine KI einen anderen Text besser geschrieben hat als ich.
Das ist vermutlich kein besonders cleverer Umgang mit dem Problem.
Aber immerhin ist es mein Umgang damit.
Also: aufhören?
Ich weiß noch nicht, ob ich nach diesem Erlebnis anders bloggen werde. Vielleicht werde ich KI häufiger als Werkzeug einsetzen. Vielleicht werde ich sie um Gegenpositionen bitten, um Ideen, um eine erste Struktur. Vielleicht werde ich mir sogar weiterhin Charakterbögen erstellen lassen, wenn mir selbst nichts einfällt.
Aber ich glaube, ich möchte nicht vollständig an sie abgeben, was am Schreiben schwierig ist.
Nicht, weil meine Texte immer besser wären. Das sind sie vermutlich nicht. Sondern weil ich beim eigenen Schreiben etwas riskiere: dass ein unfertiger, widersprüchlicher oder sogar peinlicher Gedanke sichtbar wird.
Eine KI kann mir dabei helfen, diesen Gedanken besser auszudrücken. Sie kann ihn ordnen und schärfen. Vielleicht kann sie sogar eine elegant klingende Version davon erstellen.
Aber ob ich diesen Gedanken überhaupt haben will, muss ich weiterhin selbst entscheiden.
Und vielleicht ist genau das der Teil des Bloggens, den ich nicht auslagern sollte.
Auch wenn ich vermutlich nie so gut darin werde, darüber zu schreiben wie eine KI.
