Regen im Zelt. Ich liebs. Minim tropft es rein. Wind zaust mit hoher Stärke. Nachts hatte ich ein bisschen Sorge, dass es die dünnen Birken, Erlen, oder was, zwanzig Meter in Windrichtung knicken könnte. Zack. Eine kleine Gruppe Bäumchen, die wie Schafe bei Schlechtwetter, dicht gedrängt nebeneinander stehen.
Schneidersitzbüro, wobei, ich bin schon so lange wach, dass mir der Schneidersitz gerade Krämpfe bereitet, ich nicht weiß, wie ich die Tastatur legen soll. Gegen Morgendämmerung wohl um vier erstmals. Zum Glück hatte ich eine leere Flasche bereit gelegt. Keine Lust, mitten in der Nacht zum Waschhaus zu gehen oder auch nur zur Baumgruppe, was auch nicht gerade ziemlich ist auf einem Campingplatz.
6:30 dann raus aus den Federn. Büro. Wetter gucken hauptsächlich: Wann hört der Reegen auf, wie steht der Wind in den nächsten Tagen, wohin als nächstes? Die Windrichtung sagt Kolding, die Lust sagt Esbjerg, die Vernunft sagt Abenraa, südöstlich an der Ostsee. Mit Seitensturm. Die Werte liegen über 30, vermutlich Knoten, Windstärke sechs sagt jemand aus dem Fediversum per Mastodon-Kurznachricht und rechnet vor 30 x 1,85 gleich Kilometer pro Stunde. Ich brauche eine andere App, die genau sagt, welche Windgeschwindigkeitsmaßeinheit sie nutzt. Nur eine Zahl ist nur eine Zahl.
Gestern im Idyll erwacht und abends im ‚Naja‘ schlafen gegangen. Gestern in der Freiheit, im so sollte es sein erwacht und abends im so ist es nunmal. Den kleinen Wildes-SH-Platz hab ich im dort ausliegenden Gästebuch als ‚bedingungslos‘ bezeichnet. Es gibt keine Menschenbedingungen, nur Naturbedingungen. Wetter, sich und die Umwelt sauber halten, sich an die Situation angepasst benehmen. Sonst nichts. Hier auf dem Kommandörs Gaard Camping herrscht das Kapital. 23 Euro kostet der Fetzen Wiese, die Badhausmitbenutzung und es ist nicht idyllisch. Schön? Vielleicht. Hinter mir Holzhütten voller Leute, Gegenüber ein Dauercamp mit zwei Wohnwagen und Zelten, niemand da. Die Hütten jedoch sind alle belegt. Das Waschhaus, nicht wirklich dreckig, nicht wirklich sauber. Als ich duschte war im nach oben offenen Bereich des Badhauses – also zwischen den einzelnen Toilettenkabinen zirkuliert Luft – jemand zur Toilette, was erbärmlich stank. Nicht gerade genussvoll, die Dusche bei solch einem Ordure. Dennoch, warm. ich rasierte mich auch. Gestern früh war mein Ziel klar, Insel Röm, Navi sagte 71 km, ich machte durch geschicktes Verrirren mit Rückenwind 80 daraus. Bissel ärgerlich, dass ich die fünf Kilometer mit Rückenwind letztlich mit heftigem Gegenwind zurück musste auf die Strecke. Entdeckte zwei Shelterplätze, einen privaten kleinen Shelter in einem Vorgarten und einen offenen ungefähr drei Kilometer nördlich von Hoyer. Dort ruhte ich eine Weile. Es gibt dort zwei Hütten, die jeweils um 180 Grad gedreht stehen, so dass man mit dem Wind umgehen kann. Weht er von da, liege ich da, weht er von dort, liege ich dort. Hundert Meter weiter noch ein dritter Shelter, den ich mir auch ansehen wollte, aber es hatten sich ein paar Autoleute zum Grillen eingenistet. Fand ich nicht gut. Auto ist Macht, auto nimmt sich alles. Auto kommt überall hin.
Auch auf den breiten Strand von Romo kommt das Auto. Ich nicht mit meinen schmalen Reifen und dem Gepäck, muss ich feststellen, als ich endlich über den Dammt zur Insel am Meer ankomme. Sinke ein. Zu viel Flugsand, sagt jemand. Hatte mich neun Kilometer gegen den Wind über den Damm geschafft und mir die ganze Zeit vorgestellt, wie ich bis zur Meerlinie rolle, mich ausziehe, hineinspringe, raus komme, abtrockne, glücklich bin. Natürlich quatsch im Nachhinein. Bei dem Sturm wäre höchstens Füße baden drin, alles andere zu gefährlich. Nun, so stehe ich jedenfalls am Beginn des Strands und die Wohnmobile und SUVs fahren ein und aus bis ganz vorne zur Meerlinie wie auch Frau Soso und ich das vor Jahren mit dem Autolie taten. Ungemütlich, im zausenden Wind. Halb acht. Ich schaffe mich rüber zum Kommandörsgaard, noch vier fünf Kilometer teils gegen, teils mit dem Wind auf geteerter Trasse durch Hausgebiete. Viele kleine verteilte Häuschen in den Dünen. Unterwegs spähe ich nach Wildzeltmöglichkeiten, obschon das auf Römö illusorisch ist. Reichenland. Privat besessen. Man will seine Ruhe. Jedes Ferienhäuschen eine kleine Burg. Manche Til salg, zum Verkauf, was mich auf den Gedanken bringt, dass bei zu verkaufenden Häuschen Wildzelten im Vortgarten gar nicht so unmöglich wäre. Oder in einem der Kiefernwäldchen.
Ich will meine Ruhe im Kopf, also nicht zweifeln müssen, ob ich entdeckt werde, also kaufe ich mich frei. Bis 25 Euro darf es kosten, lege ich eine Schmerzgrenze fest, recht üppig, aber eben, freikaufen. In der Rezeption vor mir Deutsche mit Wohnmobil, die die letzte Fähre nach Sylt verpasst haben. Sie zahlen vierzig. Nuja, da kann es bei mir ja nicht so viel werden. Nuja, wird es aber dann doch. 171 Kronen, umgerechnet 23 Euro. Holla die Wattfee.
Bau mich auf im leichten Nieselregen, Horizontalregen, Platz 86 umrinmgt von Unnatürlichcampern, also Campern, die sich eigentlich nicht Camper nennen dürften. Aber es ist ruhig, ein rein optischer Makel.
Eine stark rauchende Frau mit lauter Stimme, die ständig hustet und die ich Erna taufe, weil ihre Stimme so klingt wie Erna ausgesprochen wird.
Den Morgen rumgedacht. Es bleibt ‚irgendwohin-spannend‘. Esbjerg wahrscheinlich. Mit Manfred, einem alten Freund meines Vaters habe ich mich am Montag verabredet in Eggebeck. Das wird dann der Rückweg. Der Schlenker, Esbjerg Abenraa Eggebeck könnte klappen oder auch nicht, wer weiß, was der Wind macht.
