Es war die Nachtigall und nicht die Manschettendichtung am Fuße des Klospülkastens

Unweigerlich muss ich an die Kuh Elsa denken, als der Anruf aus dem Haupthaus kommt. Hör mal, Junge, hörmal, hör Dir das mal an, tönt es durch die Leitung und ich stelle mir vor, wie das Telefon vom Ohr der Gegenüber weggehalten wird, irgendwohin, wo es Geräusche gibt. Ein Gluckern und Zischen ist zu vernehmen. Die gedämpfte Stimme fernab vom Telefonlautsprecher redet weiter. Das Wort Klospülung, verstehe ich und sofort kommt mir diese breite Manschettendichtung in den Sinn am Fuße des Klospülkastens, die das Wasser im Spülkasten davon abhält, wegzufließen, wenn die Spülung ruht und der Kasten voller Wasser ist.

Sicherlich eine der genialsten Erfindungen, die der Sanitärbau in den letzten zweitausend Jahren hervorgebracht hat. Wäre da nicht die Kuh Elsa.

Schon beim Aufsetzen des Kaffeewassers am Morgen hatte ich den Eindruck, dass der Wasserhahn sehr träge läuft. Gut möglich also, dass die rohrbeheizte überirdisch verlaufende Leitung zum Atelier eingefroren ist. Die Hiobsbotschaft aus dem Haupthaus will allerdings zur Diagnose, Rohrleitung zum Atelier eingefroren nicht passen. Es kann nicht im Haupthaus nahe dem Kern der Wasserversorgung gluckern, wenn die Wasserleitung in der Peripherie verstopft ist. Ich renne rüber zur Pumpstation, denn wenn eines der Hauptrohre zwischen Hausanschluss und Brunnenkopf eingefroren ist, könnte es sein, dass die 170 Meter tief hängende Druckpumpe gegen einen Widerstand anpumpt und sich bei der Rackerei selbst zerstört. Ist wie Herzinfarkt, nur mit schmutzigem mehrzölligem Stahlrohr, das in der Tiefe des Pfälzer Lehms versenkt ist.

Stille im Brunnenraum. Die Pumpe läuft also nicht (mehr). Das Pufferfass im Haupthaus, das als Wasserverteiler dient, ist leer. Mit letztem Druck hat es Luft in die Leitungen gepumpt. Das erklärt das Gluckern im Klospülkasten. Puuuuh. Muy Problemo! Normalerweise regelt ein Druckschalter, wann die Pumpe in der Tiefe ein und ausschaltet. Bei zwei Bar schaltet sie ein. Bei vier oder fünf schaltet sie aus. Also erst einmal Druckschalter inspizieren. Das Relais lässt sich händisch betätigen. Funken sprühen. Strom scheint da zu sein. Aller Sicherungen okay. Das klingt nach Reparatur im unteren fünfstelligen Bereich, denn die Pumpe wäre wohl kaputt und müsste ersetzt werden. Mir graut davor. Man muss die Pumpe und das 170 Meter lange Rohr aus dem Schacht ziehen und durch eine neue Pumpe und neues Rohr ersetzen. Zudem bei diesem eisigen Nordoster, der noch ein paar Tage vorherrschen wird.

Aber erst einmal Ausschlussverfahren. Rein in den Pumpenschacht, Stecker umstöpseln und die Pumpe über eine andere Steckdose laufen lassen. Nichts. Am Kopfrohr befindet sich ein Druckmesser und ein Wasserhahn. Damit haben wir noch nicht experimentiert, die fetten Spinnen, die im Pumpenschacht überwintern und ich. Das Manometer zeigt ein paar Bar Überdruck an. Will heißen, da ist noch Wasser in der Rohrleitung und die Pumpe, tief unten, hat es auf diese paar Bar gepresst. Gut möglich, dass das Kopfrohr doch eingefroren ist. Ich habe einen Heizkörper in den drei Meter tiefen Schacht gestellt, der nun fürs Rohr und die Spinnen ein erträgliches Klima schafft. Derweil drehe ich an dem Wasserhahn neben dem Manometer. Das Wasser beginnt, zu sprudeln. Gutso. Bis hier hoch kommt also schon etwas. Notfalls kann man einen Bypass ins Haus legen. Nachdem es eine Weile geplätschert hatte, drehe ich den Hahn wieder zu und begebe mich in den Technikraum, noch einmal den Pumpenschalter betätigen, auch wenn ich keine große Hoffnung hatte … Wunder!

Deutlich ist das Säuseln der Pumpe zu vernehmen und das Wasser im Druckbehälter steigt.

Der Supergau blieb aus. Heute. Jetzt. Ich lasse den Kessel volllaufen. Nun muss noch der Hauswasserdruck justiert werden; alles geriet aus den Fugen und das ist recht kompliziert. Immerhin gibt es jetzt wieder etwa 100 Liter Wasser. Das reicht ein paar Tage. Und mit etwas Glück ist die Pumpe nur aus unbekannter Ursache ausgefallen und funktioniert wieder. Die nächsten Stunden werden es zeigen.

Mittag nun. Auf den Schreck hatte ich diesen Blogartikel begonnen. Während der Notfallmaßnahmen legte ich am einsamen Gehöft etwa zwei Kilometer zurück, um Werkzeuge und andere Utensilien zusammenzusuchen. Eine Leiter für in den Brunnenschacht, ein Starkstromkabel, eine Zange. Und ganz viel Brille, immer wieder Brille, damit ich auch sehe, was ich tue. Zwischendrin ein bisschen Internetrecherche und Nachbarn anrufen, wen man denn anrufen könnte, der oder die sich des Problems annehmen könnte. Ha, auf folgende Weitsicht bin ich besonder stolz: Als ich mir vorstellte, zu den Schnecken und Spinnen in den erdigen Brunnenschacht zu klettern, ermahnte mein Hirn, Herr Irgendlink, es ist ungewiss, wann Du Dich oder Deine Kleider je wieder waschen kannst, gibt ja kein Wasser, No Wasser, no Waschmaschin‘ (denks zu einem Reggae-Song), also bloß nicht mit den Schönfeinkleidchen da runter, ach, solche Dinge denkt man in solchen Momenten und dass man sich glücklich schätzen kann, dass es nur dieses Problem ist und nicht etwas schlimmeres wie Krebserkrankung, Unfalltod, Flucht, was heutzutage den Menschen alles zustoßen kann. Herrjeh, wie auch immer, dieser Blogartikel lag begonnen im PC, nachdem ich aus dem Brunnen zurückgekehrt war und was bleibt mir anderes, als ihn zu Ende zu bringen. Der Titel, wie so oft, kommt erst zum Schluss: Was mit Manschettendichtung am Fuße des Klospülkastens sollte im Titel stehen, denke ich. Ja und ein Zitat von Shakespeare oder wem auch immer.

16 Gedanken zu „Es war die Nachtigall und nicht die Manschettendichtung am Fuße des Klospülkastens“

  1. Unsereiner, gut: Meinereiner kann sich eine so komplizierte Wasserversorgung gar nicht vorstellen. Und sind wirklich nur 100 Liter ausreichend oder hattest Du nicht ausreichend Nullen zur Verfügung?

    1. Habs grob nachgerechnet: 1,2 mal 0,35 mal 0,35 mal Pi dürfte das Wasservolumen im Fass sein. Der Luftdruck, in einem Gummisack im Fass als Membrane, sorgt für gleichbleibenden Wasserleitungsdruck in den Rohren im Haus. Wenn sich das Fass leert, springt normalerweise die Pumpe an und füllt es erneut. Durch den Puffer läuft die Pumpe nicht permanent, wenn Wasser genutzt wird.

    1. Naja, die Sache ist leider noch nicht ausgestanden. Erst mal alle Leitungen entlüften heute Abend. Und die Heizkörper usw. Ich bin zuversichtlich, dass die Pumpe wieder funktioniert, auch im Automatischen Betrieb. Zur Sicherheit aber erst einmal manuell.

  2. ……. ich kenne diese Technik auch, wie jeder, der einen eigenen Brunnen hat.
    Schönes eigenes, qualitativ hochwertiges Wasser zu haben, ist natürlich etwas Tolles. Wenn der Fluss allerdings versiegt, kann man nicht eben mal bei den Stadtwerken anrufen und meckern, wenn die das Problem nicht in ein, zwei Stunden lösen.
    So triggert mich diese Geschichte ein wenig und ich wünsche Dir, dass alles glimpflich ausgeht. Mir wünsche ich, dass unser Brunnen gar nicht erst zickt.
    Liebe Grüße aus dem kalten Norden

  3. manschettendichtung gefällt mir, irgendwie aus dem täglichen sprachschatz gefallen. dass du dich so gut auskennst ist toll, bist du auch aus einer handwerkerfamilie? bei uns machen auch alle immer selbst bei problemen mit heizung, wasser oder ähnlichen notreparaturen.
    gut beschrieben, wie es geht wann etwas ausfällt, selbsthilfe und alles wird(fast) gut.

  4. Spannend wie ein Krimi. Und Hut ab vor so viel Nachdenk- und Handelskapazität! Möge nun alles wieder einfach so, na ja gut, also möge einfach alles wieder laufen, Pumpe, Wasser und mögen die Spinnen weiter winterruhen.
    Herzlichst, Ulli

    1. Leider nicht. Es war einfach nur Glück. Von den drei Menschen, die hätten helfen können und die sich auskennen mit Haustechnik sind zwei gestorben und einer in Rente.

  5. Ich freue mich fuer Dich, dass das Problem ohne finanziellen Aufwand geloest werden konnte. Hier habe ich Angst davor, dass unser Grundwasserspeigel mal so weit absinkt, dass die Pumpe nichts mehr foerdert und wir unseren Brunnen vertiefen lassen oder uns ans staedtische Wassernetz anschliessen lassen muessen.
    Liebe Gruesse,
    Pit

    1. Die Sorge mit dem Grundwasserspiegel haben wir hier leider auch. Gelöst ist das Problem nicht. Ich werde das Pufferfass nachher wieder händisch füllen müssen. Immerhin gibts Wasser.

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