Eifelsucht – von Heulöchern, Flutkatastrophen und ewigen Fettflecken – #UmsLand Tag 9

Wenn du wüsstest, woher die Straße kommt, wohin sie geht, neben der du dein Zelt aufgebaut hast, würdest du vielleicht gar nicht hier übernachten. Vielleicht ist es eine stark frequentierte Pendlerstrecke und ab fünf Uhr morgens herrscht reger Verkehr, aber die Straße erweckte abends jenseits der Hauptstoßzeiten nur den Anschein, eine verlassene alte Straße zu sein?

Wenn du die Wetterapp einschaltest und dir den stündlichen Wetterbericht anschaust, wärst du vielleicht geneigt, um halb sechs morgens das Zelt abzubauen, weil für sechs Uhr eine 70 prozentige Regenwahrscheinlichkeit vorausgesagt ist. Es gibt nichts Besseres, als ein trocken verstautes Zelt.

Wenn du wüsstest, ob es den Eifel-Zoo, auf dessen Parkplatz dein Zelt steht, noch gibt, und am nächsten Morgen massenhaft Gäste hier parken …

… der Parkplatz sieht verwaist aus, wie lange nicht genutzt. Ein ehemaliges Bahngelände, durchweg geschottert, überwachsen von Gras und Moos, aber die wenigen Heringe, die nötig waren, um das Zelt aufzurichten, ließen sich mit einiger Mühe in den Boden rammen. Bloß kein Sturm nachts. Wenn man bloß eine Prognose hätte …

Am Morgen schalte ich die Wetterapp ein, erstmals seit Tagen. Das Frösteln im Schlafsack ist doch nicht normal und ich will wissen, wieviele Grad die Wetterstation Pronsfeld meldet. 5:42 früh. Keine Spur von Dämmerung. Neun Grad. Die App sagt nicht nur die Temperatur, sondern auch, dass es von sechs bis acht Uhr regnen könnte. Ich bin versucht, in Hektik zu verfallen, das Nachtlager, hoffentlich noch vor Regenbeginn, in die Packtaschen zu verstauen, weiterzuradeln, einen trockenen Platz, eine Hütte, ein frühmorgens offenes Café zu finden.

Zu viel Wissen oder auch nur Ahnung oder Dünkel oder Vermutung schadet der Gestaltung von Gegenwart. Bzw., schaden ist zu negativ, sagen wir besser, es hat Einfluss auf die Gestaltung des Moments.

6:23 Uhr. Der mutmaßliche Regen ist bisher ausgeblieben. Auf der fernen Landstraße saust der Pendlerverkehr. Die kleine Straße beim Eifel-Zoo ist noch relativ ruhig. Ein frühes Mofa oder Moped knattert auf dem Radweg. Der Parkplatz liegt still. Das Zelt steht noch. Halb kniend, halb hockend schreibe ich diese Zeilen mit mobiler Tastatur am Handy.

Der gestrige Tag? Ein glatter Durchmarsch! Wie ist die Eifel? Flach! Von Ahweiler dem Ahr-Radweg aufwärts folgend vorbei an Blankenheim bis Hillesheim, spürt man kaum, dass man hinauf klettert in ein Mittelgebirge. Zudem ein Idyll von Radweg fern der Straße, meist auf Bahntrassen, nur etwa vier Kilometer zwischen Schuld und Fuchshofen führen auf der Landstraße.

Auf Tafeln am Wegrand lernt man viel über die Gegend, die Dörfer, die Geschichte. Immer wieder präsent das Hochwasser von 1910, das sämtliche Brücken am Fluss zerstört hat, außer der Steinbrücke in Schuld Rech. Die wurde nämlich von einem Heiligen Soundso zu Nepomuk (Name muss ich später recherchieren*) beschützt. Tragischer traf das Hochwasser eine Bauarbeitersiedlung in Antweiler. Hundertvierzig hoffnungsvolle Menschen, die den Lebensunterhalt für ihre Familien auf der Bahnbaustelle der Linie nach Jünkerath bestritten, riss das Unwetter in den Tod. Ihnen verdanke ich den wunderbaren Radweg, Brücken und Tunnel!

Der Radweg führt vorbei an einer Stützmauer, in deren Alkoven sich eine beachtliche geologische Sammlung von Steinen aus der Eifel, Rheinland-Pfalz, Deutschland und der ganzen Welt befindet. Die Steine sind einbetoniert und schauen mit den Köpfen aus dem Fundament. Schilder geben Auskunft über Namen und Herkunft. Es gibt Sitzgelegenheiten. Hier könnte man sogar prima übernachten.

Eine Infotafel erzählt eine Begebenheit von 1945. Ein Versorgungszug der Wehrmacht war an dieser Stelle gestrandet, weil die Rückzügler die Eisenbahnbrücke in Fuchshofen gesprengt hatten. Ein regelrechter Zugstau von Jünkerath herab muss sich gebiltet haben. Die Menschen aus den umliegenden Orten plünderten den Zug, nachdem der bewachende Offizier beim Heranrücken der Amerikaner das Weite gesucht hatte. Butter, Mehl, Suppenwürfel, Köstlichkeiten wie zu Vorkriegszeiten und endlich konnte man wieder traditionell backen und hochwertige Leckereien herstellen, statt auf Behelfe und Improvisationen zurückzugreifen. Es wurde wohl auch viel gehaust, die Lebensmittel, die man nicht tragen konnte, herausgezerrt, zertrampelt und in die Ahr geworfen und der Fettfleck von tonnenweise Butter war angeblich noch fünf Jahre später zu sehen. Der Zeitzeugenbericht stammt von einem dreizehnjährigen Jungen. Vielleicht Josef Beuys?

Durch eine Bahnunterführung nahe Birgel, genannt das Heuloch, gelangt man auf eine Art Hochfläche. Wiesen, noch immer. Nach viel Gezeter, Rechtsstreit und Enteignungen, wurde an dieser Stelle ein kilometerlanger Eisenbahndamm, durch das flache Land gebaut, gut zehn, zwanzig Meter hoch und den Bauern zur Gnade wenigstens das Heuloch gegeben, damit sie nicht über die Bahntrasse fahren müssen.

Ab dem Heuloch führt der Radweg durchs Kylltal bis Stadtkyll und aufwärts bis fast nach Prüm doch noch über ein paar Aufs und Abs, die bei weitem nicht die Schrecken der Westerwald- Aufs und Abs erreichen.

Ab Prüm, das gespickt ist mit lebensgroßen Skulpturen von zum Beispiel Karl dem Großen und Pippin dem Jüngeren, führt wieder Bahntrassenradweg durch die weitläufigen Wiesen entlang der Prüm sanft abwärts, vermutlich bis über Arzfeld hinaus.

Gestern, gegen Dunkelheit, baute ich das Zelt auf dem Eifel-Zoo-Parkplatz auf, zu müde, um einen kleinen Anstieg zu überwinden und, nunja, der Platz schien ruhig und gut und leer und im nahen Fluss schöpfte ich Wasser und band den Duschsack an einen Baum, wusch mich, aß und schlief, als ob es kein Gestern und kein Morgen gäbe.

Es regnet nicht.

*EDIT: Johannes (von) Nepomuk oder Johannes von Pomu (Wiki-Artikel)
Über die verschonte Brücke kann man hier lesen: (wikipedia.org)

In der linken Bildhälfte die aus der Dämmerung eines Hügel hochragende Silhouette eines Strommasts, der genau einen Stromdraht quer durch die obere Bildhälfte führt. Unten im Schatten ein schräger Hügel quer durchs Bild, darüber Blauhimmel. Über dem Hügel Bodennebel.
Morgenstimmung
Das Reiserad steht mittig auf einem Radweg, der in der Bildmitte in einen gut beleuchteten Tunnel führt. Rechts und links und über dem Tunnel ist es grün: Wiese, Sträucher, Bäume, Efeu.
Tunneleinfahrt
Im Vordergrund ein weißes, altes Herrenrad, nach rechts zeigend, in dessen Gepäckträgerkorb rot und pink blühende Blumen wachsen. Das Rad steht zwischen zwei Straßen auf einem Kiesplatz. Im Hintergrund eine Erklärtafel mit vielen abgebildeten Vögel und noch weiter hinten ein einzelnes Haus, Wiesen und Wald.
Ein blühendes Rad mal wieder
Schwarzer Oldtimer auf kopfsteingepflastertem Dorfplatz. Rechts im Hintergrund die Stühle eines Straßencafés, links im Hintergrund ein Ladengeschäft mit davor stehenden Fahrrädern.
Oldtimer
Mann sitzt im Schneidersitz links neben seinem Reiserad auf der Straße. Von unten vorne aufgenommen, so dass vorne viel Straße zu sehen ist. Darüber blauer Himmel mit wenig Wolken. Links und rechts je ein Weidezaun und Wiesen.
Der Künstler, seine Straße, sein Himmel und sein Rad

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