Der Pass nicht einer, nicht zweier, nein vieler Tankstellen | #zwand20

Reiserand auf freigeräumter, grauer Teerstraße neben verschneiter Gebirgsgegend

Wer bin ich? Ein Mensch auf dem Weg zur Erkenntnis. Was ist die Erkenntnis? Frag‘ nicht.

Gestern habe ich im Jahr 2000 die Pyrenäen überquert. Tag 17 der Reise nach Andorra. In einem ausgetrockneten Flussbett baute ich abends erschöpft und glücklich, aber auch ein bisschen depressiv, das Europenner-Zelt auf.

Gestern habe ich während der Reise im Jahr 2010 erkannt, dass ich gemütlich und Impulsen folgend besser vorankomme als wenn ich mich zu etwas zwinge. Rein zeitlich gesehen ist das zwar katastrophal, aber manchmal muss man menschgemachte Wertkonstrukte über Bord werfen, um mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen in der Zeit in der man lebt im Einklang mit sich selbst gut voranzukommen. Ich liege dreihundert Kilometer zurück im Vergleich zur Reise im Jahr 2000. Das Zelt habe ich abends zuvor einem Impuls folgend auf einem schönen, flachen Rastplatz vor einem Tunnel aufgebaut. Vermutlich ist das flache Gelände ein ehemaliges Gleisdreieck oder Bahnhofsgelände, etwas Außerhalb der Ortschaft Broquies. Es wachsen Birken (meine ich, mich zu erinnern), typische Gewächse für verlassene Bahnanlagen.

Am gestrigen ‚Reisetag‘ des Jahres 2020 habe ich Ja gesagt, obwohl ich hätte Nein sagen wollen. Zu spät erkenne ich meinen echten Willen, aber da ist das Ja schon ausgesprochen, das ein Nein hätte sein sollen. In einem privaten Beitrag schreibe ich mich an die Thematik heran und stoße auf das Phänomen des GEFÜHLs, das ich in einem ebenso privaten Beitrag vorgestern an Tag 15 diesem Blogbuch hinzufügte. Nur falls man sich wundern sollte, wo denn Tag 15 geblieben ist. Für eine Veröffentlichung als echtes Buch muss ja auch noch ein bisschen Futter da sein.

Es ist ungewöhnlich kalt in der Tarnschlucht an diesem 6. Mai 2010. Alle meine Kleider muss ich anziehen, geht aus dem Tagebuch hervor. Wechselhaftes Wetter, immer wieder Regen, weshalb ich mich hin und wieder irgendwo unterstelle und die Phasen des Stillstands nutze, um ein paar Zeilen ins Tagebuch zu kritzeln. Nach einer Passage bergauf, bergab, die gepaart mit Kälte und Regen an den Nerven zerrt, notiere ich:

Hinzu kommt die anhaltende Kälte, etwa 8 Grad, sowie seit Tagen keine Sonne gesehen, sieht man einmal ab von den paar Wolkenlöchern am Mont Lozère. Das geht ganz schön an die Psyche – ständig erwarte ich, dass sich hier in dem engen Tal eine der dicken Wolken öffnet, mich auf dem falschen Fuß erwischt und mir die unverpackt am Radel angebrachte teure Technik (Solar- und Ladegeräte) verregnet.

Technik und Datenübertragung stehen auch im Jahr 2010 noch ganz am Anfang. Wo hätte ich damals geahnt, dass ich einmal frei bloggend und publizierend, beinahe völlig digital ohne handschriftliche Notizen machen zu müssen, durch Lappland radeln würde. Wo hätte ich an diesem sechsten Mai 2010 geahnt, dass nun, Anfang April des Jahres 2020 Temperaturen jenseits jeglicher Vorstellung herrschen würden und das Thermometer sommerliche Temperaturen zeigen würde. Millau meldet heute 18 Grad, Sonne satt, null Millimeter Niederschlag, Wind aus Nordwest (okay, der ist ein bisschen ungünstig, denn der Tarn fließt westwärts. Aber schon bald hinter Broquies soll meine Route  nach Süden führen).

Der achtzehnte Reisetag heute. Im Jahr 2000 ist die Reise vorbei und der Rückweg beginnt. Im Jahr 2010 habe ich noch knapp 300 Kiloemeter bis Andorra und im Jahr 2020 verzweifle ich vor Angst, weil ich Freund Journalist F. ins Krankenhaus bringen muss. Aber das ist Thema des morgigen Blogeintrags.

Die Tagebuch- und Blogeinträge meiner Radreisen erzählen, meist nachts oder am frühen Morgen geschrieben, stets das Geschehen des Vortags. Von Liveblog kann also eigentlich niemals die Rede sein. Aber ich nutze das Wort, weil mir kein anderes einfällt. Wie ich als Autor das Buch gliedere, ist sicher eine Wissenschaft. Es ist jedenfalls ziemlich schwer, so spontan und direkt mit wenigen Stunden Bedenkzeit ein Buch zu schreiben, das, so hoffe ich, freude macht, zu lesen. Wenn ich nicht direkt und ungefiltert mit Minimalkorrekturen aus dem Bauch heraus arbeiten müsste, könnte ich sicher viel mehr Klarheit schaffen, aber ich käme auch nicht vom Fleck – hier würde heute kein Blogeintrag zu lesen sein.

Gebirgspassstraße zwischen Schneefeldern
Verzweigung zum Col de Puymorene.

Die Überquerung des Pyrenäenpasses von Frankreich über Andorra nach Spanien mit dem Fahrrad ist weniger dramatisch, als man vermuten würde. Wie es sowieso oft ein Kopfproblem ist, wenn man sich mit dem Fahrrad Wind oder Bergen entgegen stellt. Morgens habe ich schon ein bisschen Sorge. 1700 Höhenmeter stehen bevor. Im Jahr 2000 bin ich fit genug, etwa 400 Höhenmeter pro Stunde zu schaffen, egal wie steil die Strecke ist. Mehr Sorge macht mir der Verkehr auf der Hauptstraße. Wichtige Nord-Süd-Verbindung. Keine Alternativen zur bis zu 12 Prozent steilen, serpentinösen Strecke. Mit diesen Sorgen mache ich mich recht früh an die ‚Arbeit‘. Passiere Ax-les-Thermes. Der Thermalbrunnen mitten in der Stadt ist nicht mit Wasser gefüllt wie ich ihn in Erinnerung habe. Während einer Autotour 1995 machten wir eine Pause bei dem Brunnen und zogen unsere Badesachen an, um in dem recht großen Becken bei winterlichen Temperaturen außerhalb, bei Badewannentemperaturen innerhalb, zu baden. Niemand kümmerte das. Ax-les-Themers befindet sich auf einer Höhe von etwa 700 bis 800 Metern. Bis zum Pass bei 2400 Metern, der Porte d’Envalira muss ich 1700 Meter überwinden. Vor zehn Uhr ist der Verkehr gut zu ertragen, aber dann setzt der Einkaufs- und Tanktourismus ein. Ich erinnere mich noch an den atemberaubenden Anblick nicht einer, nicht zweier, nein vieler Tankstellen zwischen dem Ort Pas de la Casa (2000 Meter hoch gelegen) und der Passhöhe. Das gibt es nicht! Wie pervers muss der Mensch sein, Tankstellen auf einem Gebirgspass zu errichten!

Das war es also mit der Reise im Jahr 2000. Zwölf Prozent steil rausche ich die Hauptstraße abwärts nach La Vella, der Hauptstadt des Landes. In weniger als zwei, drei Stunden mit knappen Fotostopps habe ich die spanische Grenze erreicht. Höhe wieder um die 700 Meter. Weiter abwärts nach Seo d’Urgell. In einer Platanenallee mitten in der Stadt mache ich das letzte Kunststraßenfoto und notiere im Tagebuch, dass dies mein Anschlusspunkt werden soll, sollte ich je auf die Idee kommen das Kunststraßenprojekt nach Gibraltar weiterzuführen.

Und noch eine Erinnerung ist sehr präsent: das erste Mal nach Wasser fragen. In einer Tapasbar. Weiß nicht, wie ich darauf kam, ‚Aqua Cliente‘ heißt Trinkwasser. Jedenfalls sagte ich dem Wirt, brachial spanisch radebrechend, Aqua Caliente pro favor und er blickte mich verwundert an, aber naja, komischer deutscher Tourist und füllte meine Flasche mit Heißwasser, woraufhin ich mich wunderte, wieso er Heißwasser eingefüllt hatte, aber egal. Jahre später lernte ich dann, das caliente warm oder heiß heißt.

Abend ist es geworden am heimischen Schreibtisch des Jahres 2020. Widrige Umstände haben mich gezwungen, diesen Text, den ich nach normalem ‚Reiserhythmus‘ zwischen vier Uhr nachts und elf Uhr morgens geschrieben hätte, erst heute Abend fertig zu stellen. Man möge es mir verzeihen. Ich hoffe, ich verwirre nicht zu sehr in diesem live geschriebenen Buch, das im Stillstand von Bewegung handelt.

Der heutige Artikel Artikel wird in der Karte auf der Porte d’Envalira in den Pyrenäen eingezeichnet.

Das habe ich mir, das haben wir uns verdient.

 

 

3 Gedanken zu „Der Pass nicht einer, nicht zweier, nein vieler Tankstellen | #zwand20“

  1. “ Wer bin ich? Ein Mensch auf dem Weg zur Erkenntnis. Was ist die Erkenntnis? Frag‘ nicht.“ Ich habe laut gelacht. Vor Freude! Das ist der elegante Übergang zu deiner Frage: Ja, mir macht dein Reisetagebuch vom heimischen Schreibstuhl her Freude. Durchaus auch nachdenklich, aber Nachdenklichkeit schließt die Freude nicht aus.
    Liebe Grüße
    Ulli (kein bisschen verwirrt)
    P.S. Gutes deinem Freund und du bleib gesund!

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