Grenzen und ein Besuch im iBIERc – #UmsLand/Bayern

Jo do schau her, der oide Zausl, sog amoi, seid wiefuin Jahrn rennd der jetz scho da nauf zum Prechtl, trinkt sein Kaffee und starrt ausm Fenster?21. Mai 2029. Heute vor zehn Jahren fing es an mit der Wendelstein-Singualarität. Ein außergewöhnliches Wetterphänomen. Die Einheimischen nennen es den ‚Ewigen Regen‘. Die Jüngeren unter den Einwohnern kennen gar nichts anders als Regen. Sie haben die Sonne nie gesehen. Was zunächst wie ein außergewöhnliches Wetterphänomen wirkte, das vorübergeht, etablierte sich nach Wochen, Monaten und Jahren und nun glaubt eigentlich niemand mehr, dass der Regen je wieder aufhört.

Ein Tief namens Axel hatte sich über den Alpen festgesetzt. Der penetrante Axl, damischer Hund.

Die Situation war kritisch. Der Fremdenverkehr, der für die Region so wichtig war, kam völlig zum Erliegen. Die Touristen blieben aus. Bis, naja, bis der frisch gewählte Bürgermeister, der Jodler-Sepp von den Grünen, auf eine grandiose Idee kam. Du schau amal, mir ham da doch den Dauergast aufm Zeltplatz, den Blogger, den Dingsda, weißt, der mitm Radl rund um Bayern radelt und seit Monaten net mehr vom Fleck kommt wegen dem Wetter. Der is doch bekannt wie a bunti Kuh im Internet. Was meints, wenn ma dem a Zaunerl um sei Zelt bauen würd und dann Eintritt verlangen, dann kimmat die Touristn doch weltweit, oda?

So kam es, dass die kleine Gemeinde Bad Feilnbach unterm Wendelsteinmassiv einer der wenigen Touristenorte in Bayern geblieben ist, während der Rest des Landes im ewigen Regen unterging.

Unermüdlich bloggt der Künstler über seine Radtour um Bayern, die in dem kleinen Dorf wegen der widrigen Umstände ins Stocken kam. Jeden Tag schleppt sich der mittlerweile in die Jahre gekommene Mann die zwei Kilometer zum Ortszentrum lässt sich an seinem Stammplatz am Fenster des Cafés nieder im nach ihm umbenannten ehemaligen Prechtl-Kaufmannsladen, dem International Bavarian Irgendlink Eternity Rain Center (iBIERc). Dort nimmt er eine Schale Kaffee und ein großes Stück Himbeerkuchen zu sich, ganz wie am ersten Tag, an dem er in das Dorf kam.

Mittlerweile folgt ein Millionenpublikum dem als ältester Blogger der Welt im Buch der Rekorde verzeichneten Mann. Eine Webcam ist auf sein Zelt gerichtet. Die Besucherinnen und Besucher werfen manchmal Zettelchen mit Kommentaren über den Zaun.

All das begann auf den Tag genau vor zehn Jahren. Es ist an der Zeit zurückzublicken zu den Anfängen und hier lassen wir den Langzeitblogger doch persönlich zu Wort kommen mit einem seiner ersten Blogbeiträge, die er auf dem Campingplatz in Bad Feilnbach schrieb.
21. Mai 2019

Grenzen! Um sie geht es in diesem Buch. Rein geografische Grenzen, Verwaltungsgrenzen, zeitliche Grenzen (Grenzen des guten Geschmacks – man verzeihe mir diesen gedanklichen Ausrutscher), die Welt ist voller Barrieren und Schranken, Gesetze und Regeln. Nicht alle sind sinnvoll.

Gleich hinterm Zelt hinter dem Hochwasserdamm schießt der Jenbach vorbei. Ziemlich begradigtes Etwas. Als ich vorgestern Abend über den Radweg auf den Campingplatz zuradelte, empfand ich das Gewässer als natürliche Grenze. Musste erst Bach aufwärts radeln für einen knappen Kilometer, einen Steg überqueren und auf der anderen Seite, sinnigerweise heißt sie so, die Bachstraße zurück bis zur Rezeption des Campings.

Nun sitze ich hier im Schneidersitzbüro im Zelt. Kaffee vom Trangia. Seit zwei Tagen regnet es ununterbrochen. Solch eine Wettersituation habe ich glaube ich noch nie erlebt. Vielleicht während der fünf Monate um die Nordsee radelnd? In Nordengland und Schottland? Ich erinnere mich nicht. Die Erinnnerung schönt auch die Ereignisse.

Wer weiß, wie ich in zehn Jahren über diese Wettersituation, das gemeine Tief Axel, denken werde? Jo, da hab ich auf dem Campingplatz den Regen abgewartet und es mir gut gehen lassen im Zelt und im Aufenthaltsraum des Campingplatzes, der wie ein gemütlich eingerichteter Bunker wirkt, weil die Wände des Kellergeschosses aus unbehandeltem Beton sind und die Fenster wie Schlitze nach außen starren.

Gestern bin ich im strömenden Regen in die Stadt spaziert, um etwas zu tun. Denn nur im Zelt hocken oder im Bunker (hey, das passt auch zu Burroughs, die Sache mit dem Bunker, jeder große Schriftsteller sollte einen Bunker haben), also zu Fuß die knapp zwei Kilometer ins Ortszentrum entlang des Jenbachs.

Dort gibt es nicht viel. Rathaus, Einkaufzentrum, Café. Ein paar Erlebnispfade, die im Prospekt ‚Streifzüge durch Bad Feilnach‘ verzeichnet sind: Auf den Spuren von Jeni, der Wassernixe – für Kinder ab drei, Die Wasserdetektive sind unterwegs – für Kinder ab sechs, Auf Gottes Spuren, Wasserreich und Wasserarm – schon sehe ich mich als alten, graubärtigen Zausel wie ein Geist durchs Dorf irren im ewigen Regen, hängengeblieben, in seine Grenzen verwiesen, Dorfblogger for ever … halt halt halt.

Abends bereite ich mir im Aufenthaltsraum, indem es auch Kühlschrank und Herdplatten gibt ein köstliches Mal. Salat und Leberknödel. Leider vergessen, Pfeffersoße zu kaufen. Und Sauerkraut. Und Kartoffelbrei. Also Leberknödel pur bis zum Abwinken.

In der benachbarten Waschküche müht sich ein junges Paar, die Waschanleitung mit dem Google-Übersetzer zu übersetzen. Ich helfe ihnen, diese Sprachgrenze zu überwinden, übersetze ins Englische.

Die beiden kommen aus Israel, sind in Slowenien gestartet mit einem geliehenen Wohnmobil, über Österreich hierher und wollen weiter nach Köln und in die Niederlande mit einem finalen Abstecher nach Venedig, nachdem sie das Wohnmobil in Slowenien zurückgegeben haben.

In einem Europa mit Grenzen wäre das bestimmt eine Tortur, aus solch einem fremden Land kommend. Zig verschiedene Einreisebestimmungen.

Die beiden erzählen mir von Israel und ich könne doch mal rund um Isreal radeln. 36 Grad hätten sie da heuer. Sie wohnen in der Stadt Cäsaria, eine uralte Stadt, zudem eine der kriegsfernsten Städte Israels. Weder die Raketen aus Syrien, noch aus dem Gazastreifen reichen da hin, wenn ich es recht verstehe. Noch so eine Grenze. Grenzen allüberall. Die Grenze der tödlichen Gefahr.

Die beiden erzählen mir, dass sie es schwer haben, aus Israel in die Nachbarländer zu reisen. Ich als Europäer dürfe wohl einfach so die Grenzen überqueren, aber sie als Israelis können allenfalls nach Jordanien und auf den Sinai.

Wie widernatürlich doch das ist, was der Mensch Grenze nennt, wie willkürlich, kleingeistig, rückschrittlich und dem, was die Menschheit sein könnte, eine große, gute Weltgemeinschaft, zuwider laufend, denke ich auf dem Weg zum Zelt.

22 Uhr. Nachruhe. Grenze rein zeitlich. Über mir der nicht enden wollende Regen. Wenigstens der kennt keine Grenzen. Das Geprassel lullt mich in den Schlaf.

Was, wenn der Regen für immer anhält?

4 Gedanken zu „Grenzen und ein Besuch im iBIERc – #UmsLand/Bayern“

  1. Ganz großes Kino, lieber Jürgen! Mit Tiefgang … ich habe gelacht und am Schluss genickt und geseufzt, die Weltenbürger*innenschaft, das wäre es schon! Irgendwann entwarf ich mal eine Flagge für alle, aber herrjeh, wie war das noch? Egal.
    Heute habe ich auf alle Fälle viel an dich gedacht und gestern auch schon, auch hier sank Axel tief und tiefer, erst seit ca. einer Stunde hat er sich wieder in die Höhe geschraubt, mögen die Wetterpropheten Recht behalten und morgen dir und uns die Sonne scheinen.
    Herzensdank auch für deine Post, so warm und Einer wird sich sehr freuen!
    Liebe Grüße und mach, dass du da weg kommst, du Zausel, du ;o)
    Ulli

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