Die Opportunitätskosten der Kunst #AnsKap

Noch ist unklar, ob ich diesen Artikel mit den Nacktschnecken aufziehe, oder lieber mit den Gedanken eines, der mitten auf einer schwedischen Landstraße steht und mit dem iPhone drei Bilder in Richtung seines Reiseziels macht und eines zurück. Atmosphäre versus verschwurbelte Konzeptkunst-Denke. Körperliches versus unsichtbare Vorgänge und Denkstrukturen.

Das Leben als reisender Künstler und Schriftsteller ist kompliziert.

Nun ist Freund Ray für vierzehn Tage mit im Künstlerboot, was auch eine gewisse Änderung im Tagesrhythmus bedeutet. Zum Positiven hin. Aus dem Selbstausbeuterischen anarchischen Drauflos der letzten Wochen formt sich ein lieblicher Tagesablauf mit Breakfast und Lunchtime – Ray ist Schotte – und genau wie auf der Nordseerunde #UmsMeer 2012, klingelt sein Armbanduhrwecker immer noch um sieben Uhr abends, um auf die Lagerplatzsuche aufmerksam zu machen.

Das Orchestrale am Menschsein, schießt es mir in den Sinn, als ich ein typisches Kunststraßenbild-Quadrupel knipse bei Kilometer 1300 plus X. Ray radelt langsam weiter, verschwindet am Horizont, geht seinen eigenen Rhythmus, während ich den meinen, selbst auferlegten, gehe. Das Land ist schön, Gerstenfelder und Rapsfelder wechseln sich ab. Dazwischen hat in impressionistischer Manier eine unbekannte Kraft einsame Gehöfte getupft mit roten Scheunen und schneeweiß glänzenden Metalldächern.

Erst nach etwa einem Kilometer hole ich Ray wieder ein, der im Schatten eines Baumes wartet.

   
     

Typisches Kunststraßen-Quadrupel: drei Vorblicke (1 Normalbild, 1 sw Hipstamatic und 1 Color Hipstamatic), sowie das Bild in die andere Richtung. Zurück.

Ein Kilometer Reisestrecke sind die Opportunitätskosten für mein Kunstkonzept. Alle zehn Kilometer radele ich einen Kilometer weniger, als jemand, der nicht Kunststraßen fotografiert.

Jeder Blogartikel kostet mich 20 Kilometer, die ich nicht radeln kann derweil. Ungefähr. Jede iDogmakarte kostet vielleicht fünf bis zehn Kilometer.

Manchmal kostet mich die Produktion meiner Kunst und Literatur auch das Abendessen.

Eigentlich ein gutes Bild, um zu verdeutlichen, wie wir ‚Taugenichtse‘ der feinen Künste, die wir alltäglich scheinbar ein feines, freies Leben jenseits der Knochenmühle führen, ticken.

Unsere Ideen und Bilder strahlen wir hinaus in die Welt. Jeder darf sie haben, darf sie nutzen, sich daran erfreuen oder auch mal darüber aufregen, sich inspirieren lassen. Kostenlos.

Dennoch stehen wir Künstlerwesen stets ein bisschen so da, als würden wir uns das Leben auf Kosten Anderer leicht machen. Verdammt, es ist ja auch frei und leicht, aber das Auf-Kosten-Anderer kann so nicht stehen bleiben.

Kunst ist oft eine nicht wahrgenommene Arbeit. Genau wie Luft eine nicht wahrgenommene Ressource ist.

Und Schnecken? Hunderte braune eklige nackte Viecher kriechen am Abend aus der Wiese. Als lebten sie in einer unterirdischen Gegenwelt, kriechen am Zelt hinauf, an den Wasserflaschen, am (ausen) Kocher und in die Schuhe. Hinterlassen Kackspuren, Schleim. Der Lagerplatz auf einer abgegrasten Weide unweit von Eslöv ist dennoch viele Sterne wert. Five Stars sagt Ray.

Mhmm, four because of the trains nearby.

Alle halbe Stunde donnern Güterzüge etwa hundert Meter jenseits an uns vorbei. Das gibt Punktabzug.

Und wenn ich es mir nun recht überlege, ich hätte diesen Artikel auch mit den Güterzügen beginnen können.

16 Gedanken zu „Die Opportunitätskosten der Kunst #AnsKap“

  1. Auch das ist für mich einer dieser vielen Unterschiede zwischen einem kunstschaffenden und einem – ähm – normalen Menschen: Diese Denke von Bewusstsein von Möglichkeiten. Die Basis jeglicher Kreativität ist die Möglichkeit. Das Wissen und Ahnen um die Wahl. Dass ich wählen kann. Kunst kommt ja von können.
    Vielleicht von wählen können?

    Nicht Kunschtschaffende (erinnere dich an das Gespräch neulich zu 6t auf meiner Terrasse mit Kunstalbum) verstehen die Welt anders, nehmen mehr als gegeben hin, hinterfragen anders und weniger.

    Sie sehen die Schnecke und hören den Zug.

    Danke für dein Freitagmorgen-Tagesdenkfutter!

    1. Schöne Zusammenfassung. Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Ja: die Möglichkeiten. Das Durchspielen unterschiedlicher Ansichts- und Standpunkte. Das Selbst- und Alleshinterfragen. Wie Stephan F. das einmal, wie ich finde, auch sehr schön formuliert hat: Alles ist, wie es ist. Aber es könnte auch anders sein. Und darin liegt unheimliches Potential.

  2. Endlich komme ich dazu ein wenig mit dir mitzureisen. Faul daheim bei runtergelassenen Jalousien, 36 Grad und es wird noch heisser. Deine geopferten 20 km für deine Blogartikel lohnen sich aus Lesersicht auf jeden Fall. Weiter so! Danke für das Teilen deines Abenteuers.

  3. Die, von denen die „anderen“ glauben, sie ‚müßiggangwandelten‘ durch den Tag, arbeiten immer. Selbst im Traum, vielleicht da besonders. Und wenn die, von denen die „anderen“ glauben, sie würden nichts tun und dem lieben Gott die Zeit stehlen (diese Phrase höre ich oft in meinem Müßigtraumleben, manchmal schreit sie sogar der innere Schweinehund mir selbst zu), einmal wirklich bewusst versuchen , müßiggängig zu sein, so fühlen sie sich nicht gut, nicht in der Spur, nicht bei sich selbst. So ist das mit denen, die Dinge schaffen, von denen die „anderen“ oft denken, man brauche sie nicht unbedingt und sie seien auch nicht unbedingt etwas oder viel wert. Ja, genau so.

    Es ist großartig, ein Kunst-Taugenichts zu sein.
    Punkt.

    Vielleicht ist es ja gerade etwas zu heiß in meiner „Gammel“-Kammer, aber eines verstehe ich gerade nicht:
    „Alle zehn Kilometer radele ich einen Kilometer weniger, als jemand, der nicht Kunststraßen fotografiert.“
    Du überhüpfst jeden zehnten Streckenkilometer? Ich stelle mir das gerade vor und sehe ein lustiges Bild …

    Gut weiterhüpfen und lieber Gruß
    Ele

    1. Ha. Überhüpfen. So siehts aus. Aber im Ernst: die Fotoarbeit hält mich eben auf. Manchmal mache ich Umwege, um etwas Interessantes näher zu beäugen. Wie eine Biene von Blüte zu Blüte.

  4. Genau. Nur körperliche Arbeit ist richtige Arbeit. Nur ein geregelter Achtstundentag sichert gesellschaftliche Anerkennung. Dieses Kunstgedöns ist eh nur was für Reiche.

  5. Bücher wollen viele Lesen, Musik wollen sie hören und Bilder sehen und Nachrichten und und und … Alles das wird von Kreativen wie von Dir geschaffen. Daß es wirklich schwere Arbeit ist, etwas zu produzieren, das dann auch goutiert wird, sehen nur wenige. „Kost‘ ja nix.“ denken sie vielleicht.

    Und hier schreibst Du, daß all das doch etwas kostet: Kilometer des Weges, die DU eben nicht fahren kannst, manchmal sogar Dein Abendessen, zu dem Du eben wegen der Kreation von Kunst nicht kommst …

    Ob Du einen Artikel mit Schnecken, Güterzügen, mehrsprachigen Schildern, gewetzten Wölfen oder sonstigem beginnst, war bisher eher unwesentlich für mich als Rezipierenden. Am Ende stand immer etwas mit einem (wenigstens kleinen) „Aha!“ hier …

  6. The thoughts that stay inside our heads!! in mine I had taken a gold star off the field because of the freight trains but did not tell you and the same with you! This is the point in the journey where I started to love the wilderness. on my walk I spotted a deer in the wild field next to ours. And later the deer or an Elk made loud its annoyance at finding adventurers in its domain. We have become good friends with those homeless snails… the slugs – they love our company

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