Kumulierte Geldautomatenschlitztiefe

Geschrieben am Abend von Tag 6, montags.
Hundemüde unter einem Wasserturm in der Nähe von Cambrai. Aus Ermangelung an touristischer Infrastruktur zelte ich wieder wild. Topfebenes Agrarland. Jedes Dorf hat seinen eigenen Wasserspeicher in Turmform. Getreidespeicher stehen monströs außerorts. Heute hatte ich den Eindruck, ständig bergab zu fahren. Trotz Sonne war es sehr kühl, so dass ich wenig zum Ausruhen gekommen bin. Sobald man anhält, verschwitzt, friert man.

Emil hat mich mit seinen Kommentaren aufmerksam gemacht, dass nicht hinlänglich klar ist, wie die alltäglichen Abläufe auf so einer Reise sind. Wie lange dauert es, Das Zeltlager auf und abzubauen? Vorhin wollte ich es stoppen. Um Punkt 19:27 schaue ich auf die Uhr, lege die Schutzplane für unters Zelt aus, stecke die Zeltstangen zusammen und gerade, als ich dabei bin, das Zelt zu stellen, verbellt mich ein Hund hinter einer Hecke. Ich bin zu nah an einem Wohngebäude, der Wind weht genau Richtung Hund und er wittert mich, den Fremden, die Gefahr. Da ich mir das nicht antun will, die ganze Nacht vom Hund verbellt zu werden, womöglich noch den Zorn des Besitzers auf mich zu ziehen, packe ich die Sachen wieder ein, ziehe ein Stück weiter, raus aus der Schusslinie. Die Gegend ist weit einsehbar, aber das macht nichts. Ich bin nur ein harmloser Radler und die da draußen sind nur harmlose Bürger. Ich vergesse, die Zeit zu stoppen. Aber ich denke ein bis zwei Stunden muss ich mit Lager Auf- und Abbau schon rechnen. Da wir schon bei Statistiken sind: Meine Brille hat nur noch einen Bügel, weshalb ich sie immer auf und absetzen muss, wenn ich in die Karte schauen möchte. Fronttasche auf, Brillenetui rausholen, öffnen, Brille rausnehmen, aufsetzen, Etui in die Tasche legen, Karte rausholen, gucken und umgekehrt alles wieder an seinen Platz legen. Es gibt noch viel mehr statistitisches: wie tief würde der Zeltnhering in die Erde reichen, wenn ich alle Heringe, immerhin fünf bis sieben pro Zeltaufbau, aneinander schweißen würde. Wie lange müsste der Reißverschluss sein, wenn ich alle Reißverschlüsse, die ich täglich auf und zu mache, aneinander binden würde. Oder allgemeiner gedacht: wie tief muss der Bankautomatenschlitz sein, wenn man alle Karteneinschiebungen an Geldautomaten eines Durchschnittsmenschen in seiner Lebenszeit zusammen zählt?

16 Gedanken zu „Kumulierte Geldautomatenschlitztiefe“

  1. gehst du in boulogne zum optiker? das ist ärgerlich, mit der brille, beeinflusst aber zum glück deine kreativität nicht. was bin ich froh, dass du guten mutes unterwegs bist.
    zur länge und tiefe: ich schätz mal? hm, 6000km? einmal ums mehr, ähm meer, sozusagen.
    gute fahrt und heute hoffentlich dann einen guten zeltplatz oder eine gite zum aufladen und duschen ;-)

  2. fragen kann mensch sich stellen! :o) – sitze hier und lache heute zum ersten Mal, aber es ist ja auch noch nicht spät und gerade erst trinke ich den ersten Kaffee, also wird es wohl ein guter Tag?! Danke… ;o)

    gerade habe ich mal auf der map geschaut wieviel tage du wohl noch bis zum meer brauchst, ich brauchte drei klicks nach westen, ob das nun auch drei tage radeln bedeutet, oder vielleicht nur zwei?
    aber nun… du näherst dich und findest hoffentlich bald einen optiker, is ja kein zustand nich…
    nach einer regennacht kommt gerade die sonne hier heraus und der himmel klärt sich, möge es bei dir nicht anders sein!
    einen guten Tag wünsche ich dir und am abend keine dich verbellende hunde, sondern ein warmes plätzchen, das sollte doch mal drin sein!!!
    herzlichst ulli

  3. liebe Frau Freihändig, ich bin dabei, wenn alles gut geht, geht morgen meine Kohle auf die Reise, dann braucht Herr Irgendlink nur wieder einen Automaten… DAS ist doch ein Vorteil der modernen Welt, oderrr?!
    tolle Idee…!

  4. Als ich 2003 meine Europareise mit dem Fahrrad machte, habe ich fast immer “wild gezeltet“. Ich kenne das anfängliche Gefühl der Unsicherheit sehr gut, habe auch am Anfang öfter den Platz wieder verlassen, weil er zu einsehbar war. Nach einiger Zeit gab es das unsichere Gefühl nicht mehr, das Kriterium war nicht mehr die Einsehbarkeit des Platzes, nicht mehr meine Unsichtbarkeit. Ich hatte einen Sinn dafür entwickelt, die Plätze zu erspüren, sie auf mich zukommen zu lassen. Als ich erkannt hatte, dass das funktioniert, brauchte ich meine Plätze nicht mehr zu suchen, der Platz war immer schon da, ich musste ihn nur erkennen. Ich hatte während meiner Reise, sie ging auch über ca. 6000 Km, immer tolle Plätze.

    Das hakelige Kartenlesen mit Brille rausfummeln und wieder verstauen, damit sie heil bleibt, habe ich durch die Monokel-Variante gelöst. Ich habe mir im Supermarkt eine runde Lesebrille mit Kunststoffgläsern für 6,50 € gekauft, die Gläser entfernt und in einer Fahrradwerkstatt ein Loch bohren lassen. Fortan hatte ich mein Kartenlese-Monokel an einem Lederriemen um den Hals hängen – was für eine Erleichterung.
    Ich wünsche dir weiterhin eine spannende Reise.

  5. liebster irgendlink
    weisst du noch, wie wir neulich über die idee spinntisiert haben, dass doch die bloglesenden sagen könnten, wo du die nächste nacht hinfährst oder welche abzweigung du nehmen sollst – rechts oder links?
    nun siehst du es: wir leserInnen denken mit, wir reisen mit, wir fühlen und wir frieren sogar mit.
    aber letztlich – aber das weißt du ja und wir alle wohl auch – wirst du ja doch das tun, was du für richtig hältst, du bärbeissiger europenner der literatur du! und das ist gut so.
    deine soso

    ps: dreimal wildzelten (oder zweimal vielleicht schon?) reicht für eine übernachtung in einer hütte :-)

    @ freihändig: jep, entweder über den paypalknopf oder dann über die kontoverbindung, die ich dir gleich mailen werde. DANKE!!!

  6. Diese Überschrift habe ich mir gleich mal „geliehen“ (mit Link hierher) fürs Fratzenbuch ;-)

    Und an Hundeprobleme bei wildem Zelten (in D ist das doch sogar gestattet, wenn nicht innerhalb von xx km ein Zeltplatz ist) hätte ich nie gedacht …

  7. Hallo Jürgen, meine Reise führte mich von Schleswig Holstein über Niedersachsen nach Holland, durch einige Bundesländer, Frankreich, die Schweiz, Thüringen, Bayern, Berlin, Polen, quer durch Niedersachsen nach Oldenburg. Dort habe ich noch einige Zeit auf einem Hof verbracht, den ich ganz am Anfang meiner Reise entdeckt hatte. Danach wurde nichts wieder, wie es mal war, die intensivste Erfahrung meines Lebens.
    Ich habe heute deinen Link auf meine FB-Seite gestellt, mit einem kurzen Text. Schick mir mal deine Kontonummer. Solange noch solche Temperaturen vorherrschen, möchte ich auch für etwas Wärme sorgen. Entweder über Nachricht bei FB, dort “Fliegerhorst IZ“ oder über meine Mail.

  8. hi stefan – toll, dass du auch mitreist!
    du kannst entweder über den paypal-spendenknopf einzahlen oder wenn du nicht magst, mail ich dir jürgens kontodaten zu. wir sehen deine mail ja auf dem dashboard des blogs.
    herzlichen dank schon mal. auch fürs fratzenbuch-verlinken! super!
    liebgrüß, soso

  9. 1-2 Stunden zum Zeltauf- bzw Abbau? Das ist ganz schön lang, oder? Vor allem wenns tatsächlich Richtung 2 tendiert. Hast Du das später noch mal nachgemessen, die Zeit, meine ich?

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