Sonntags in der Hochleistungsgesellschaft

Sonntag ist Ausnahmetag. Das Tüpfelchen auf dem „i“ der Woche. Früher mehr als Heute. Früher waren sonntags die Läden zu. 500Beines Kommentar, ein paar Tage zuvor, kommt mir in den Sinn, als ich Fiones über die D5 verlasse: „Das Ausrollen der Gesellschaft (Konsum- Kommerz- Leistungsgesellschaft), in der wir leben, ist das normale Tempo des Künstlers.“

Ausrollen ist die Phase nach einer Rennradtour, wenn man die Muskeln und den Körper nach und nach auf den Normalzustand zurück bringen will. Die Gesellschaft, in der wir leben ist, glaube ich, in einer Leistungsspriale gefangen. Jeder will immer noch besser, noch mehr, noch schöner sein, als der Andere. Dass die Läden in Zweibrücken mittlerweile bis 22 Uhr geöffnet haben, dass sie in Frankreich auch sonntags auf sind, daran habe ich mich gewöhnt, aber ich erinnere mich auch an die Zeiten Ende der Siebziger, als grundsätzlich mittwochsnachmittags geschlossen war, 17 Uhr alles dicht, samstags nur bis 12 Uhr geöffnet.

Ich weiß es sehr zu schätzen, an diesem Sonntag in Warcq eine Pizza in einer Bäckerei kaufen zu können. Die Strecke führt durch ewiges Weideland, Getreidefelder mit feinen, grünen Schößlingen, wunderbar ruhige Straßen. Nur nur ein paar kurzgeschorene Typen mit Lonsdale-Jacken verzerren das ländliche Idyll. Sonntag sei dank kann ich es mir erlauben, zehn Kilometer weit bis Liart über die D978 zu fahren, die werktags sicher mit LKWs übervölkert ist.

Von Liart gehts weiter über radweg-ähnliche Sträßchen nach Hirson an der Loise. Für eine ganze Weile folge ich dem Tal des Thon, ein Kleinod, bis zur Abtei Bucilly. In dem kleinen Dorf treibt ein Mann seine sieben Ziegen quer über die Straße nach Hause. Es ist 18 Uhr. Ich erwäge, auf dem örtlichen Campinplatz, direkt neben dem Stadion abzusteigen, der zwar noch geschlossen ist, aber die spätnachmittägliche Szene ist so malerisch, dass ich gerne in diesem Wohlfühldorf mit angeschlossenem Kloster bleiben würde. Der Umstand, dass „Mister Oberschludrig, ehemals professioneller Europenner Irgendlink“ Regel Nr. 1 der Europennerei missachtet hat und seine Wasservorräte aufgebraucht sind, veranlasst mich, weiter zu fahren bis Hirson, zwei Kilometer berghoch, Nationalstraße links.

Et voilà. Der örtliche Auchan-Supermarkt ist geöffnet. Sonntags! Um kurz vor 19 Uhr! An einer Tankstelle fasse ich Wasser, kaufe eine Flasche Rotwein, durchquere die Stadt. Westlich liegt der Zeltplatz La Cascade. Ein Schild sagt, er sei von 1. April bis 31. Oktober geöffnet. nach einem Auf und einem Ab stehe ich vor verschlossener Tür. Kein Schwein da. Keine Telefonnummer, nur zwei dicke Ketten mit Vorhängeschlössern und ein Schild „Betreten verboten“ empfangen mich. Adieu Welpenschutz. Zwei Wege, denen ich folgen könnte: links aufwärts, rechts abwärts am Zeltplatz vorbei. Ich entscheide mich für Links, finde 100 m später einen super Stellplatz in einer Fichtenschonung – sogar ein Loch im Zaun gibt es, durch das ich theoretisch schauen könnte, ob die Duschen geöffnet sind. Der gesunde Menschenverstand sagt nein.
Um drei erwache ich, weil es mir zu heiß ist, um sechs, weil es zu kalt ist. Ich befülle den Spirituskocher und nutze ihn als Zeltheizung, tippe diese Zeilen. Ob ich mich jetzt noch mal hinlege? Ich lebe in einer Hochleistungsgesellschaft.

5 Gedanken zu „Sonntags in der Hochleistungsgesellschaft“

  1. Ernsthaft gefrag: Wie lang brauchst Du abends, um – wenn Du einen passenden Platz gefunden hast – das Zelt aufzubauen, und für alles andere bis zur Nachtruhe?

    Ich brauch immer Zeit zum „Runterkommen“, wenn ich unterwegs war …

  2. Wie ist der erste Tag nach dem ersten Freizelten?
    Mich hat in meinem früheren Leben in ähnlichen Situatiionen zumeist ein Schild angelächelt „Heute ausnahmsweise geschlossen“, mit wechselnden Begründungen.
    Riechst Du schon das Meer? Siehst Du schon die Möwen?

    1. 10 Uhr startbereit, Dina. Emil, exakt: man muss „runterkommen“, sich mit dem Platz anfreunden und, ganz im Ernst und unter uns Männern, sein Revier markieren. Eine Weile da sitzen, rund ums Lager laufen, gucken, wer oder was in der Nähe ist. Aufbau dauert ca. ne halbe Stunde, Abbau etwas länger.
      Hauptstadtethnologin, noch kein Meer und keine Möwen in Sicht. Stattdessen Kettensägengejammer im dichten Wald.

  3. so, nun habe ich also aufgeholt… ein paar tage nicht am heimischen pc zu sitzen, heißt ein paar tage deine abenteuer und gedankenketten, deine bergabundaufs nicht zeitgleich zu folgen.
    deine bilder nicht anzuschauen und ja… so einige wirken nach und deine worte auch- durch für mich fremde länder radelst du… einmal belgien durchquert, war flugs vorbei und hinterließ keine spuren, aber eine nacht in luxembourg in luxemburg schon… unvergesslich das riesenrad in der nacht und ich in der gondel, und danach den schönsten transvestiten meines lebens getroffen… so bleiben manch bilder und episoden hängen, andere verschwinden in den löchern des erinnerunghirns… du sorgst fürs erinnern und doch sind es nun schon so etliche kilometer und begegnungen, einige tilst du, andere sind nur für dich, was wohl noch hinter und zwischen den zeilen steht? ja, das ist immer das was mich noch sehr interessiert, ich alte voyeurin… lach
    gut radel und hoffentlich schon bald am meer…
    noch einmal für heute und überhaupt wieder ein liebgrüß für dich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.