Uff

(geschrieben am 23. Dez. 2010, früh; nun als Geschenk für alle Weihnachtsmuffelinnen am Heiligen Abend veröffentlicht)
Habts gut da Draußen, meine Lieben.

Alle haben mich gewarnt. Vor allem der Soulsnatcher und Andrea, vor dem Heimkommen und dem Nicht-mehr-reisen-tun. Seltsam befinde ich mich in einer Art Vakuum ohne Ziel und Richtung, in der sich mein Dasein ausbreitet, als sei gerade das Weltall explodiert. Anstatt stur geradeaus in Richtung Reiseziel zu wandern und der Existenz einen geradezu einfachsten alller Sinne zu geben, herrscht ein schwabbeliger Zustand ohne jegliche Richtung. Ultreia, wo bist du? Sustreia (?), wie sehr habe ich deine Wichtigkeit unterschätzt (Ultreïa ist der Hinweg auf dem Jakobsweg, Sus-Irgendwas der Rückweg).
Ich könnte Koch sein und an einem feinen Menü arbeiten just jetzt gegen 11 Uhr an diesem 23. Dezember im Jahre des Herrn 2010, diesem meinem heiligen Jahr. Oder an einem Buch arbeiten könnte ich, überlege ich, als ich mir im Bad die Zähne putze. Das Rauschen der Wasserleitung zwecks Wiederbefüllens des Spülkastens klingt wie ein Gebirgsbach. Durchs geschlossene Fenster sirrt die neue Trambahn hinaus nach Bümplitz.
Die Nichtreise ist nunmal nicht Reisen. „Sich an einem Ort befinden ist nicht wie von einem Ort zum anderen zu wollen“, fabuliere ich Binsenweisheiten, auf die man aber erst mal kommen muss.
In Gedanken schnippele ich Gemüse koreaisch klein. Millimeterdicke Zucchinischnitzel, Karotten und Tomatenwürfel, ich Koch ich, der eigenen Verzweiflung. Essen bereiten ist eine der elementarsten Tätigkeiten der menschlichen Existenz. Neben dem Verzehr. Langsam kommt der Hunger. Auf mehr, auf eine neue Reise, auf tägliche kleine iPhoneberichte, auf ewiges unterwegs sein. Aber das führt doch zu nichts, mein Junge, Kunstbübchen, Padawan, musst doch auch mal ankommen. Ruhe, innehalten -Stillstand ist der buckilge Stiefbuder jeglicher Bewegung, sowohl im Geiste, als auch rein physisch, schießt es mir durch den Sinn. Die Tram bremst quietschend am Halt Steigerhubel gleich neben dem Haus. Für ein paar Sekunden Ruhe. Leute steigen ein, aus, gehen ihres Weges. Dann fährt sie wieder an auf fest verlegtem Gleis. Wenn meine Seele eine Tram wäre, wäre sie an der täglichen Endhaltestelle todunglücklich. Im menschlichen Körper ist die Seele geborgen. Jeder Tag ist ein neuer Aufbruch. Am Morgen ist Hunger. Koreanisches Omelette, so wie es Chaeuk in Portomarín zubereitet hat, wäre jetzt genau das Richtige.

4 Gedanken zu „Uff“

  1. ich schließe mich den worten von waldviertelleben an: danke
    für all deine worte!!! und deine fotos!!! bin bei dir und alice
    „stillschweigend mitgewandert“ gutes wieder ankommen!!!
    waldwanderer

  2. Lieber Irgendlink,
    das hast du soo schön beschrieben!!!
    Ich danke dir auch für deine Worte und Fotos und dafür,dass du mich mitgenommen hast auf den Camino und ein Stückchen mit in dein Leben.
    Gutes Ankommen und gutes Witerschreiben und -wandern wünscht Stela!
    Alles Liebe!

  3. Der Sinn der Reise ist das Reisen, das Ankommen nur der Effekt. Doch definieren wir die Reise:
    Zweibrücken – Andorra?
    Zweibrücken – Santiago?
    Geburt – Tod?
    Manche Menschen müssen einfach unterwegs sein, es ist ihre Bestimmung. Sie sind dann glücklich, wenn sie an den Hort der Geborgenheit (nach Hause) zurückkehren mit dem Wissen das sie wieder hinaus gehen.
    Gute Reise, Jürgen :-)

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