Next

Nur noch 18 km. Seit Saint Jean knapp 800 km zu Fuß. Das Unvorstellbare fühlt sich ganz natürlich an, wenn man es erst einmal wahr gemacht hat. Vorhin im Restaurant schräg gegenüber der Porte de Santiago Herberge servieren sie unser Essen auf den typischen Papiertablets, Unterlagen für Teller, Servierten und Besteck, die mit Werbung und sonstigem Schnick-Schnack bedruckt sind. Auf diesen ist der Camino von den Pyrenäen bis Santiago gedruckt, sowie die nördlichen Caminoderivate, der Küstenweg, der Camino Primitivo, der in Oviedo beginnt und der englische Weg, der von Norden nach Santiago führt.
Die üblichen fleischlastigen Speisen, Rotwein, gute Laune. Mit den beiden Rosen und Jesus (nicht verwechseln mit dem radpilgernden Trucker Jesus, mit dem ich einen Abend in Punte la Reina verbracht habw) sitze ich an einem Tisch. Ein Tisch weiter der Rest der Familie.
Auf die Papierunterlage kritzele ich alle Caminos, die mir einfallen, eine Art Todoliate für die Zukunft, falls man mal nichts zu tun haben sollte: der Ole-Way (o. Ä. ) in Südkorea, Pfälzer Jakobsweg, Via de la Plata, Kungsleden, Coast to Coast und moch ein paar weltweite Wanderstrecken. Jesus mokiert, dass meine unvollständige Liste nur Wege in der nördlichen Hemisphäre enthält. Sagt etwas von Anden und Patagonien, wo er mal gewandert ist oder es tun möchte. Mein Spanisch ist noch immer bescheiden und Roser übersetzt nur bruchstückhaft. Also schreibe ich Patagonien und Anden auch auf die Liste, sowie den Adlerweg, den uns Thomas ans Herz legt. Zusammen etliche tausend Kilometer. Ich brauche mehr Leben. Rosa setzt ihre Unterschrift darunter und nach und nach unterschreibt die gesamte Happy Family das Blatt. Es ist rührend. Jesus beäugt die Unterschriften faszoniert und beginnt den Rosen über die Charaktereigenschaften der Unterzeichnenden zu erzählen. Nicht dass er Graphologe oder Psychiarter wäre, irgendwas mit Militär macht er, munkelt Roser. Aus einem kurzen Telefonat, das ich belausche, erfahre ich, dass er mit einer gewissen Antonia redet. Dem Ring an seiner Hand nach zu urteilen, könnte es seine Frau sein.
Ich Hercules Poirot, ich Sherlock und Columbo, ich.
Egal. Jesus redet und redet und deutet und deutet die Schriftbilder und er fordert die Rosen zu weiteren graphologischen Proben auf. Roser etwa macht auffällig große Wortabstände, so als wolle sie alles, was sie schreibt mit nachdruck schreiben.
Mittlerweile verdächtige ich Jesus, dass er Militärpsychologe ist, oder Geheimdienstler, Amtonia nur ein Codewort. „Si Señor M., ich bin jetzt bei ihnen“, sagte er doch am Telefon, oder?
Im Fernsehen läuft der Wetterbericht. Es bleibt wie es ist die nächsten Tage, regnerisch, warm, galizisch irgendwie. Und Portugal, lachen wir uns kaputt, hat, wie man in der Wetterkarte sieht, überhaupt kein Wetter. Keine Sonne, keine Wolken, keine Temperatzren und keinen Wind.
Ein ganz normaler Pilgerabend nimmt seinen Lauf, der letzte unterwegs.
What’s next, frage ich. Vielleicht trifft sich die Happy Family ja mal auf dem Pfälzer Jakobsweg?

5 Gedanken zu „Next“

  1. Hey, Du Hercules Poirot, Du Sherlock und Columbo, Du
    Pseudorationalist, Du Geschichtendealer, Du Padavan, Du
    Mac Gyver, Du Hobbypsychiater, Du Kunstbübchen, Du elendes Du, Du hast es tatsächlich geschafft.

    Wahrlich, ich bin stolz auf Dich.

    Keep on walking – Mickey-Mouse-18.000 meters left
    Axel

    1. Lieber Kollege T. Schon den ganzen Morgen denke ich an den Tag in der Tackerwerkstatt, als Du und Kollege Schmitzi mir den Camino durchs Labyrinth der Regale bis zum Tacker-Arbeitplatz mit den gelben Pfeilen markiert habt. Gut getroffen, die „Sandjago“ Simulation. Obschon mir die 800 echten Kilometer lieber sind, als die 80 falschen Meter.

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