Traumpfade

Albergue Municipal in Frómista. Die Mitte der Reise und die Mitte des Buchs. Mit einem Lächeln muss ich an Monty Pythons ‚Mitte des Films‘ (Sinn des Lebens?) denken.
Irgendwie lässt mich das Aki-Nora-Mysterium nicht los und ich laufe die ersten sechs Kilometer viel zu schnell, weil ich ihre Pilgergruppe einholen will. Erstmals aus dem eigenen Takt. Fast ist es wie früher in der Schule, als man alles mögliche Widersinnige getan hat, nur um irgendwie zur coolen Clicque zu gehören. Tatsächlich bilden sich morgens beim Frühstück zwei Gruppen. Ich sag noch zu Alice: „Guck, die da drüben sind die coolen Kiffertypen, die sich hinter der Turnhalle zum Rauchen treffen und wir sind die braven Streber, die immer schön ihre Hausaufgaben machen.“ Desillusioniert nehme ich meine Hornbrille von der Nase. Paar Stunden später treffe ich Nora, Aki, den Bologneser Hochleistungspilger Paolo und die zwei Spanierinnen in einer Bar in Itero wieder. Am Tisch kein Platz mehr frei. Trolle ich mich an den Strebertresen. Aufwärmen. Durch den Nordwestwind bin ich fast erfroren. Der Mundschenk murmelt etwas von ocho und Allemagna und zeigt mit der Daumen nach unten und macht Brrr, um mir zu sagen, dass es daheim noch viel kälter ist, als hier. Ich Glücklicher. Hier hat es gerade mal Minus drei Grad und die Sonne scheint. Als die fünf die Bar verlassen, klopft mir Nora ermunternd auf die Schulter. Hinter Itero finde ich meine eigene Geschwindigkeit wieder. Genug Zeit, über diese seltsamen Menschen nachzudenken. Und mal wieder darüber, dass all unsere Bilder, die wir uns auf dem Weg erdenken, erschreiben und ertratschen, also die Bilder von unseren Mitpilgern, doch nur ein 800 km langes Kulissenschieben ist. Jeder für sich. Nichts und niemand ist echt. Nichts hat Bestand. Der Jakobsweg ist eine riesige Ansammlung von Variablen. Und auch was ich hier festschreibe, solltet Ihr, die Ihr das lest niemals als Ratgeber für die Reise benutzen. Geht hinaus und macht Euch euer eigenes Bild. Und genießt diesen Augenblick, den ich hier schreibe als das was er ist: ein winziges Element seiner Zeit. Um die ganze Wahrheit über Nora und Aki herauszufinden, müsste ich sie nur fragen. Die Wahrheit läuft gerade mal 200 m vor mir in der garstigen kastilischen Einöde.
Wäre ich diese Strecke vor 20 Jahren gelaufen, würde ich jetzt sicher im Irrenhaus sitzen. Ich kann mit großen weiten Flächen ohne Baum und Strauch überhaupt nicht umgehen. Es macht mich geradezu panisch. Einzig die Immunisierung, die ich durch meine vielen Reisen erfahren habe, ermöglicht mir, heute diese Strecke zu laufen. Und die Gewissheit, dass ich ein Molekül im großen Pilgerstrom bin.
Kurz hinter Itero ziehe ich meine Mütze in die Augen, so dass ich nur noch zwei Meter Weg vor mir sehe. Kein Horizont, keine fernen Dörfer oder garstige Bergkuppen oder die Fünfergruppe da vorne. Nur noch der Weg, gefrorene Pfützen, faustgroße Kiesel. Im Kopf installiere ich kurzerhand das malerische Appeltal in der Nordpfalz, wo ich aufgewachsen bin. Seine sanften Hügel, die kleinen Felder, Bachauen am Fuße des Donnersbergs. So laufe ich in Gedanken von der Appelquelle in Marienthal den feinen Wanderweg vorbei am Rußmühler Hof über Gerbach, Sankt Alban (auch Delwe genannt) nach Gaugrehweiler. Mütze hochschieben, gucken, immer noch kahl, Mütze wieder runter, Kläranlage des Abwasserverbands, Oberhausen, gedanklicher Abstecher zum Grab meiner Oma, Mütze hoch, immer noch leere Weite, Mütze runter, Niederhausen, Tiefenthal. Als Orientierung auf diesem meinem Traumpfad dienen mir einzig die Fußspuren meiner Mitpilger, die sich im tauenden Weg abdrücken. Akis und Noras Wespentaillenprofil sind unverkennbar. Kilometerweit laufe ich einzig mit einem quadratmetergroßen Wegstück voller brauner Kiesel vor Augen. Ein km hinter Boadilla trifft der Camino auf den Canal de Castilla. Ein tiefgrünes Gewässer, das durch den Wind aufgewellt wird. Bis Frómista etwa drei vier Kilometer, wo der etwa acht Meter breite Bewässerungskanal über vier Stufen in die Tiefe stürzt. Etwa sechs Meter tiefer verläuft das Gewässer ab Fromista weiter bis Valladolid.

Nun sitze ich hier in der eiskalten Herberge. Der winzige Radiator ist nicht in der Lage, das 12qm Zimmer aufzuheizen. Wir sind zu sechst: Martina, Aki, Nora, Misaki (ich hab riesen Probleme, mir fernöstliche Namen zu merken) und Neuzugang Nicholas, der seit drei Monaten von Paris aus unterwegs ist.

Morgen werde ich das Alsenztal in meinem Kopf installieren. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht in der Bischhoff-Brauerei in Winnweiler hängen bleibe.

Etwa zwei Stunden durch die Einöde zwischen Castrojeriz und Itero de la Vega

4 Gedanken zu „Traumpfade“

  1. ich glaube, DAS kann man echt nur überleben, wenn man entweder spinnt oder bloggt, was vielleicht sogar das gleiche ist! :-)
    warme füße wünsch ich dir!
    ps: toller text. tolle texte – das muss ich jetzt einfach mal wieder loswerden!

  2. Lieber Juergen, ich sitze hier im Warmen und lese Deinen Text! Du schreibst wunderbar eindringlich. Noras Geste finde ich wundervoll, ein Raetsel bleiben die bleiden trotzdem. Ein auch-mal-busfahrendes Raetsel, wie ich hier hoere. Offenbar beschaeftigen die beiden eine ganze Menge Koepfe hier! Kicher! Vielleicht sind sie einfach nur Teil eines riesigen Camino-Verwirr-Spiels?? Eine neudeutsche Doki-Soap ohne Pilotsendung?
    Ach, ich spinn ja nur rum! Lass es Dir gutgehn! Buen Camino!

  3. Ich kann sofasophia, Alice und Engelbert nur beipflichten. Wunderbarer Text, der sich wohltuend von sonst üblichen Wander- und Reisebeschreibungen abhebt, die meist im Tenor verfasst sind:
    Links steh’n Bäume, rechts steh’n Bäume und dazwischen Zwischenräume.

    Keep on walking
    Axel

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