Villafranca – die Welt gefriert

Eine Trutzburg. Das Summen der Zentralheizung geht durchs Haus. Über mir hängt ein Flachbildschirm, kaum hört man das Summen der N 120 durch die Doppelglasscheiben. Alles ist sauber, nichts stinkt, vielleicht sind die Wasserhähne vergoldet, aber wie gewohnt, funktioniert das Telefon auf diesem Zimmer nicht. Ich glaube, das ist ein Markenzeichen Spaniens, dass die Münzfernsprecher kaputt sind. Dass sich diese Sitte auch in Dreisternehotels fortsetzt ist mir neu.
Der Weg hierher war hart. Wie jeden Tag ist diese Etappe die anstrengendste und wie jede Nacht, ist diese Unterkunft die beste.
Die ersten 16 km ab Grañon laufe ich alleine. Minus acht Grad. Die absolute Mindesttemeratur, die ich mir vor Tagen erdacht habe, bei der ich mit dem, was ich dabei habe, laufen kann. 2 durchforene MounainbikePilger überholen mich. Nur unmerklich schneller. Sie müssen frieren wie bekloppt. Die Kollegen Thomas und Töng sind ein bisschen voraus. Auf einer umgekippten Jakobsweghinweistafel haben sie ein Herz in den Rauhreif geritzt. Sie wissen, dass ich solche Sachen fotografiere. Am Besten, wenn sie noch warm und frisch sind , wie etwa das „mal aux pieds“ der beiden Franzosen vorgestern. Die Räumfahrzeuge sind im Einsatz – prophylaktisch fächern sie Salz auf die Straße. Der Schwerlastverkehr surrt ungebremst. In einem Dorf blinkt ein Rotlichtclub, daneben der Truckerparkplatz, zwei Restaurants. Ist es das Dorf, das mir Trucker Jesus in Puente La Reina empfohlen hatte? Wie war das noch? Ich soll in das kleinere der beiden Restaurants gehen. Das ist das bessere. Eh egal. Beide sind um 10 Uhr noch zu. Ich laufe viel zu schnell. Spüre meinen Prolaps geplagten Rücken nicht mehr, Kälte kriecht das Steißbein hoch bis zum vierten Lendenwirbel. So gerate ich in Panik, dass der Rücken durch die Kälte in Mitleidenschaft gerät. Eine einsame Stelle weit weg von der Landstraße, an der ich nicht mehr weiter laufen kann. So wie in dem Traum letzte Nacht. Erstmals erinnere ich mich an einen Traum. Oder werde ich nur verrückt? Ohne Glaube kannst du diesen Weg nicht schaffen, denke ich. Ich fabuliere an einem Blogartikel, in dem ich die Kunst als Glaubensform hochleben lasse und sie auf einen ähnlichen Status hebe, wie das Hilfskonstrukt Gott in allen Religionen dieser Erde. Merke, dass die Kunst bei weitem nicht den Ansprüchen an einen echten Glauben genügt. Was mich nur noch besorgter macht. Viel besser tut es mir, den letzten Pullover aus dem Rucksack zu kramen, eine Art Vernunft, die fast schon zu spät kommt, ihn um die Lenden zu wickeln, schon bald spüre ich meinen Rücken wieder, drei Kilometer Zukunft Backbord voraus. Kann man einen Glauben entwickeln ohne einen Gott? Wäre die Zukunft eine vernünftige Basis? Die Hoffnung dass es immer weitergeht irgendwie. 10.000 Tonnen Schwerlast donnern über die N 120 zwischen Burgos und Logroño. Das letzte Stück bis Villafranca laufe ich mit Thomas und Hund Sardi. Auch Töng ist immer mal wieder am Weg. Die Pilgerherberge ist direkt an der Nationalstraße. Ein 120 Kilo dicker, völlig verwirrter, faselnder Bettler sitzt auf einer Steinbank vor der Tür. Die fettigsten Haare des Universums. Er hat zwei Kinderwagen, auf die er seine Habe gepackt hat. LKW donnern 2 m entfernt vorbei. Weil ein Zettel an der geschlossenen Herbergstür klebt mit der Adresse einer Bar, laufen wir dahin, um eine Information zu kriegen. Dunkles, Zigarren stinkendes Loch. Der Wirt hat eine schreckliche Hasenscharte. Es gibt Probleme mit dem Hund und für den Moment fühlen wir uns wie Luft. Alles. Nur nicht diesen dunklen Kerker hier und die vom Winddruck der 40Tonner vibrierende Herberge an drr Hauptstraße.
Oberhalb der Kirche steht ein Schloss ähnliches Gebäude, in dem es neben einer Bar auch ein Hotel gibt, Wifi, hohe Flure, an den Wänden hängen Schwerter und Schilde und alte Kampfbogen, Sofas, Leseecken. Sofort quartieren wir uns in einem Dreibettzimmer ein.
Später in der Badewanne frage ich mich, ob der dicke Bettler vor der Herberge je wieder in einer Badewanne liegen wird und ob er den Winter überlebt. Für ihn ist der Glaube an Gott besser, als an die Zukunft.

3 Gedanken zu „Villafranca – die Welt gefriert“

  1. Hallo Irgendlink,

    durch einen Link auf dem Blog von Rolf Kirsch hab ich hierhergefunden und seither seh ich jeden Tag nach, was du so machst! Beneiden tu ich dich nicht, bei solchen Temperaturen zu Fuß unterwegs sein. Deshalb hab ich in älteren Einträgen gesucht um herauszufinden, warum du sowas nicht machst, wenn es wärmer ist. Eine Antwort fand ich nicht. Wäre es im Frühjahr nicht angenehmer gewesen?

    Ich wünsch dir eine warme Nacht und einen nicht zu eisigen Tag morgen. Alles Gute!

    Beeindruckte Grüße
    Anhora

    1. Danke Ahora für die Wünsche. Liebe Kommentierenden, mit der App ist es schwer, die Kommentare zu managen, da sie öfter abstürzt. Bei Scheeregen schreibe ich diese Zeilen im Freewifi eines Netzcafés, welches die ganze Stadt zu überstrahlen scheint.
      Warum jetzt laufen? Weil ich jetzt zwei Monate Zeit dafür habe und weil nicht ganz so viel los ist wie im Frühling. So. Jetzt schneits aber richtig los hier.

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