Familientausch in Larrasoña

Morgens um 7:07 Uhr titele ich im Halbschlaf: „Heute Feuerprobe – äh Wasserprobe“ das wär doch ein cooler Blogtitel. Auf der Toilette hört man durchs geschlossene Fenster den Regen plätschern. Das vollbesetzte Pilgerzimmer erwacht, allen voran eine Crew tougher Spanier, die sich wie ich auf den Pass verirrt haben. Auch der Hochleistungspilger ist irgendwo im Kloster untergekrochen, vielleicht im Hotel. Beim abendlichen Pilgermenü reichte er mir generös die Hand, er scheint Bodybuilder zu sein. Das Menü gibt es am Weg scheinbar immer zu einer bestimmten Zeit und man muss sich vorher anmelden. Im Restaurant stehen wir wie Lemminge in einer Reihe und der Ober prüft unsere Coupons, sortiert die Pilger nach Nationen an Vierertischen. Ich lande am Tisch Korea direkt neben der Österreich/Schweiz/USA?/Frankreich-Melange.
Doch zurück an den Morgen danach, den heutigen. (Wenn ich die Muse hätte oder einen PC, würde ich sicher noch Struktur in den Artikel bringen. Aber so ist nunmal das iDogma direkt und verzeiht alle Fehler.)
Das Wort „Regen“ in allen Sprachen. Wasserdichtes Zeug wird aus Rucksäcken gekramt. Der morgendliche Rucksack-Relaunch hat begonnen. An Schlaf nicht mehr zu denken. Für einen Moment sehne ich mich an meinen Tackerarbeitsplatz zuruück. Später sitze ich als letzter mit den drei Slovenen am Tisch und sie erzählen mir vom vorhergesagten Dauerregen und dass sie kein Geld mehr haben für Zigaretten. Die drei ernähren sich von Nutella und Baguette. Als wir das Kloster verlassen, hat der Regen aufgehört. Ich hole Team Korea ein und wir laufen ein Stück zusammen. Regenbogen. Sonne durchsetzt Buchenwälder. Wolken, Nieselregen. Vom Alto Erro steil bergab nach Zubiri. Die Etappe ist anstrengender, als die gestrige. Triathlet Frank hat es mir schon prophezeiht. Tag zwei, drei und vier seien die härtesten, auch wenn es kürzere Strecken sind. Ab Zubiri alleine weiter. Anderthalb Stunden bis Larrasoña. Auf einem Schild neben einem kilometerlangen lärmenden Giftwerk hat jemand gekritzelt „You are leaving Zubiri. Thank God!“ Etwas positivere Stimmung verbreitete ein umgestaltetes Stop-Schild auf dem Alto Erro: „Dont STOP Walking“. Wieder woanders steht mit Filzstift an einen Pfosten geschrieben „Viva el Camino“.
In der unterkühlten Pilgerherberge in Larrasoña sind wir nur zu sechst: zwei Katalanen, die drei Spanier aus Roncevalls und ich. Übernachtungspreis 6 €. Pilgeressen gibt es in einer Bäckerei im Hinterzimmer. Weiße Bohnen, Kartoffeln mit Kraut und Schweine-Schälrippen. Überteuert mit 12 Euro, zudem schlechten Wein. Die Besitzerin ist eine rege Italienerin. Der Hinterraum mit dem großen Esstisch ist Kult. An den Wänden mischen sich alle Stilrichtungen der „Kunst“ in unharmonischen Bildern: Popart meets Landschaftsmalerei und religiösen Kitsch, garniert mit einem Stich vom Brandenburger Tor zur Jahrhundertwende und was den Vogel abschießt: handgeknüpfte Teppichbilder von Rehen und Kaspern. Ein Klavier grenzt den Verkaufsraum der Panaderia vom Esszimmer ab Gitarren in der Ecke. Absolut Kult!
Ich radebreche spanisch und als es den Dreien zu bunt wird, ruft einer seinen Bruder Juan an, der ein bisschen Deutsch kann. Ihm erzähle ich das Nötigste und er übersetzt es..
Ich weiß nicht, wo meine geliebte Pilgerfamilie geblieben ist. Der Österreicher Bernhard, die Schweizerin Lea und der Franzose Michel sind am Morgen gemeinsam losgezogen und ich hatte eigentlich erwartet, sie hier zu treffen. Der Hochleistungspilger scheint über alle Berge. Bjong Su und Töng (eigentlich T-Bä ungefähr ausgesprochen) haben sich in Zubiri einquartiert. Die drei Slovenier haben einen Kanadier mit Hund kennen gelernt, der aussieht wie ein aus dem Grab gestiegener Che Guevara. Inclusive Tarnanzug und Baskenmütze. Sie wollen in einem Abbruchhaus außerhalb von Zubiri schlafen. In einer Kneipe in Zubiri kaufe ich Zigaretten, drücke sie Jan in die Hand und lasse die drei trinkend mit dem Che zurück.
Nun hier mit meiner neuen spanischen Famile am Herbergsaufenthaltsraumtisch. Sie spielen Domino, es könnte richtig witzig sein mit denen, wenn ich nur besser spanisch könnte. Achwas: es IST witzig.

Einziger Wermutstropfen: auf dem steinigen steilen und oft auch schlammigen Weg abwärts vom Alto Erro ziehen meine Füße in Mitleidenschaft. „In der Haut meiner Füße möchte ich nicht stecken“, rede ich mit mir selbst. Lache. Später finde ich zwei Blasen. Eine „nähe“ ich, um dem Mythos auf die Spur zu kommen, ob das schneller heilt. Die andere steche ich auf und drücke das Wasser heraus.

Mischung aus skurrilen Botschaften auf der Camino-Etappe Roncesvalls-Larrasoña

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