Ich bin Schwertfeger und meine Frau ist auch Schwertfeger.

Halbwegs regeneriert. Den vermaledeiten Montag mehr oder weniger zombiehaft absolviert – müde wie damals in Ax les Thermes am Vortag meiner dritten Pyrenäenüberquerung per Fahrrad. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Campingplatz vor dem Zelt einschlief, Abenddämmerung legte sich übers Land und ich erwachte erst, als der Bach kalte Luft spülte, damals im Frühling 2000.

Erfreuliche Nachrichten für die Kunst: es gelingt mir, sämtliche Fahrradreisen, die auch Kunstreisen waren, erträglich exakt zu rekonstruieren. Selbst den Kapschnitt von 1995, den ich noch nicht in einer Landkarte verzeichnete, kann ich ziemlich gut auf dem Portal Everytrail.com rekonstruieren. Millimetergenau. 1995 hat alles angefangen mit der Kunst. Ich hatte die Idee, zu reisen und alle zehn Kilometer zu stoppen und ein Bild in Richtung Reiseziel zu machen, egal, was sich an der jeweiliegn Zehnkilometerstelle befindet. So entstand der 3600 km lange Kapschnitt, die erste Kunststraße der Welt. Glücklicher Weise hat Mitreisender, Freund und Galerist QQlka den schwedischen Hauptteil der Strecke auf eine Straßenkarte gemalt; den Deutschlandteil, den ich alleine erradelte, muss ich nun an Hand meiner Tagebücher rekonstruieren. Gestern Abend erforschte ich die Streckel von Mainz bis Rostock als zunächst grobe Skizze. Immerhin kann ich viele Bildstandorte erinnern. Nach all den Jahren ist das ein Wunder.

Die zweitwichtigste Kunststraße, die ich gebaut habe ist Zweibrücken-Andorra im April und Mai 2000. Ironie des Schicksals: just am 1. Mai 2000, als ich den über 2000 Meter hohen Pas de la Casa unweit von Andorra erklommen hatte, gab die US- Regierung grünes Licht für die zivile Nutzung der Satelliten. GPS, welches heute Gang und Gebe in jedem PKW ist, war geboren. Und ich notierte in meine Notizbuch: „Pas de la Casa, Tempel des gebrochenen Willens. Tankstellen überall; es ist grotesk in dieser eisigen Gebrigslandschaft, in der noch immer Schnee liegt, schmutziges, schmieriges Grau, hinter jeder Ecke eine Tankstelle zu finden. Total! Snowboarder flippen quer den Hügel hinunter, bremsen knirschend vor der Straße, schnallen ab, überqueren die Straße und rasen weiter durch den schwindenden Schnee Richtung Norden. Hier überholen mich seit etwa elf Uhr früh Kolonnen von Touristenautos, meist Kleinwagen mit zwei oder vier Personen – was haben sie vor? Volltanken im Steuerparadies, Uhren Kaufen und Markenschnickschnack, Pi, Pa und Po …“ und: „Standort Streckenfoto km 1500 vor Oval Cafe“  (jaja, das war mein Navi 2000) Ich weiß nicht mehr, was ich mit Oval Cafe sagen wollte. War das Cafe oval? Hieß es Oval? Egal. Ich kann es jederzeit heraus finden.

Manchmal träume ich davon, die alten Kunststraßen erneut zu bereisen, immerhin sind das mindestens fünf Langstrecken und nochmal etwa 10 solcher Fotostrecken hier in der Gegend. Träume davon mit einem Packen Bilder von Damals loszuziehen und die Standorte zu suchen und zu schauen, was sich verändert hat. Insbesondere meine Ex-DDR-Durchquerung zu Beginn des Kapschnitts 1995 dürfte ziemlich spannend sein.

Egal. Erstmal gilt es, die Strecken möglichst genau auf den Everytrail-Maps zu rekonstruieren – und das geht glücklicherweise anhand der Beschreibungen in den Tagebüchern, die ich mir selbst hinterlassen habe ziemlich gut.

Leider kann nur ich das tun. Es ist eine heiden Arbeit.

Schluss mit dem Kunstgeschwafel.

Heute am örtlichen Flughafen des winzigen Bundesländchens S. auf einen eine Stunde verspäteten Flug gewartet: Arme Lisa: knapp 18-jährig schien sie ein wenig konsterniert. Aus Hamburg gekommen, frisch gelandet und empfangen von ihrem idiotischen Vater, der groß ein Schild durch die Schalterhalle trug mit der Aufschrift „Lisa just landet“, mehr noch brüllte er es hinaus „Lisa Just landet, Lisa just landet“ in seinem seltsam peinlichen saarländischen Englisch und Lisa mit den engen Jeans flüchtete hochroten Kopfs vor ihm. Tse. Da hatte es das dicke blodne Mädchen viel besser, das eine geschlagene Stunde Verspätung lang an einer Säule lehnte und auf die Fluglandeanzeigetafel (WassenWort, gell) starrte. Oder die schwarzhaarige Miriam, die ihre Großeltern abholte, wie sie strahlend lächelte, als die Oma sagte, „hab dir ne Stange Zigaretten aus dem Dutyfree mitgebrachtt“. Hey Mädel, lass das Rauchen, macht dumm. Zu guter Letzt sei Herr Schwertfeger erwähnt, auf den ein hagerer grauhaariger Kerl, Typ Vasall, wartete mit einem Zettel in der Hand.

Für den Bruchteil der Sekunde spielte ich mit dem Gedanken, zu sagen, „ich bin Schwertfeger“, und somit auf simpelste Art die Identität zu wechseln.

Ein Gedanke zu „Ich bin Schwertfeger und meine Frau ist auch Schwertfeger.“

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