Zweischneidigkeit

Über die Zweischneidigkeit der Entscheidungen wollte ich schwadronieren, ist schon paar Tage her. Ich vermutete ein Irgendlinksches Problem, das sonst niemanden betrifft, aber vielleicht ist es doch allgemeingültig und auch andere Menschen hadern mit Entscheidungen?

In der Regel sind Entscheidungen leicht zu fällen. Ja und Nein sind klar getrennt. Auf einer Skala hat man sich die Vor- und Nachteile der jeweiligen Entscheidung notiert und es dominiert normalerweise eine Seite. Was aber, wenn Ja und Nein, bzw. die Argumente für Ja oder Nein derart eng zusammen liegen, dass es fast egal ist, ob man Ja oder Nein sagt? Beide Werte sind gleich-gültig. Dann hat man ein Problem. Messers Klinge beidseitig verletztend scharf. Egal was du tust, die andere Seite wird Dir eine Verletzung zufügen.

Diesertage im Univerum Irgendlink so viele dieser Entscheidungen, sei es nur, der armen Redakteurin D. zu verkünden, dass ich, Monsieur, Kaiser und Gott, nicht mehr für sie schreibe – mit dem Nein kommen die Gewissensbisse und die Reue, ich hätte können auch Ja sagen. Doch nun ist es zu spät. Der Job ist weg. Gehe nicht über Los, gehe vor allem nicht zu dem brechreizerweckenden Chöretreffen irgendwo da draußen auf dem Land, um darüber einen Artikel zu schreiben. Ohja, so zweischneidig war die Sache vielleicht gar nicht. Nicht dem Chörewettsingen beizuwohnen ist eine Großtat, Monsieur Irgendlink.

Oder die Karre, die Monsieur kaufte: schon gleich nachdem ich den Kaufvertrag unterzeichnet hatte kochte Reue, wie kannst Du nur, das ist unglaublich, soviel Geld kannst du in zwei Jahren nicht ausgeben und bist du dir darüber bewusst, dass du gerade zwei Jahre Leben geopfert hast, nur um ein Auto zu besitzen? Zwei Jahre Leben allerdings, in denen du mit dem Auto ans Nordkap fahren kannst, oder nach Griechenland oder nach Bern ;-). Okay. Das Auto ist eine Fehlinvestition, verleitet zu Faulheit und Dekadenz, aber triff mich die Schuld? Naahhein, schuld sind die Erbauer … welch eigenwillige Kunstbübchenmentalität.

Wassen noch auf meiner Liste der Zweischneidigkeit? Ein Wichtiges war noch, bei dem Ja und Nein derart dicht, geradezu untrennbar beieinander lagen, dass es unweigerlich wehtut, eine Entscheidung zu treffen? Ach ja: ich arbeite wieder als Tacker. Die positiven Seiten des Tackerns: während man schöne Möbel baut, kann man mit Kollege T. prima Quatsch machen. Negativ: jede Menge Lebenszeit an windige Lebenszeitspekulanten verkauft.

Bilanz: Über dem Ja steht knapp jene Phase der Großworte, in welcher ich mit Kollege T. diskutierte, wie unsere Biografien, die unbedingt geschrieben werden müssen, heißen sollen. „Ich T., Tacker und Gott“, sag ich ihm, „das wär doch ein guter Titel für deine Biografie?“ „Mhm, nicht schlecht. Und die Biografie vom Owner?“ fragt T. „Ich bin dann mal Chef“, schieße ich heraus. Wir lachen. „Meine Biografie?“, schaue ich herausfordend zu T. der gerade ein neues Möbelstück fertig gestellt hat. „Tritt näher, er ist kürzer als du denkst“, frotzelt er. Mistkerl.

Aber hey, ich kann doch meiner Biografie keinen Titel geben, der über fast allen Urinalen zwischen Rostock und Saarbrücken prangt, oder?

Kurzum: mein Ja zum Job als Tacker ist alleine durch den obigen Dialog mit Kollege T. gerechtfertigt (der wäre nie dialogisiert worden, wenn ich nicht wieder als Tacker arebiten würde). Ihr seht, die Entscheidung ist verdammt knapp.

4 Gedanken zu „Zweischneidigkeit“

  1. Ein wunderbarer „Aufsatz“, lieber Herr Irgend!

    Übrigens: Knappe Entscheidungen mögen vielleicht nicht richtig sein, aber sie sind unglaublich kreativ!

    Und noch etwas: Ich liebe Ihre Tacker-Geschichten.

  2. Es ist schön wieder von der Tackerwelt zu lesen. Manchmal ist es nämlich schöner von Geschichten zu hören oder Sie erzählt zu bekommen, als Sie zu erleben. Versteht man das? Vielleicht besser, wenn man dabei war.
    Mach weiter so!

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