Irgendlinks heiße Woche minus-vier

  • Montag. Noch vier Wochen bis zum Urlaub. Bewundere das marode Herz der Stadt S. während der Mittagspause, denn: zwischen Amt ohne Wiederkehr und dem Laden, in dem ich meinen Überlebenskakau kaufe, liegt ein unbesfestigter Parkplatz, auf dem sich bei sonnigem Wetter herunter gekommene, durchs Netz der Gesellschaft gerutschte Typen treffen und bei einigen Bieren und Zigaretten viel Spaß haben. Nassforsch denke ich: aus denen und mir, müsste man Einen einzigen perfekten Menschen machen, der sowohl mit Freizeit, Gelassenheit, als auch mit Geld und Sicherheit ausgestattet ist. Bastele im Kopf an einer großen Szene, in der die Stadt als Organismus dargestellt wird.
  • Dienstag. Ein grußresistenter Junge am Bahnhof Z., sowie ein Radler aus Davos, der rüber fährt zum 100 km entfernten Rhein, und von da weiter will bis nach Basel. Ich warne ihn vor Gewittern und empfehle ihm, sich möglichst nahe am Schwarzbach zu halten, denn das Bachtal ist gut, es ist schön und es ist lieb. Der Grußresistente bereitet mir Kopfzerbrechen: täglich fahren wir im gleichen Zug. Ich hatte ihn vor einigen Wochen einmal etwas gefragt wegen der Fahrradkabinen am Bahnhof, von denen er eine gemietet hat, um sein Fahrrad sicher abzustellen. Seither ragt er aus der Masse der anderen Fahrgäste, schließlich hat man mal ein paar Worte gewechselt und das bedeutet für mich, wenn ich ihn sehe, grüße ich ihn, bzw. erwidere seinen Gruß. Nie grüßt er zuerst. Gar meidet er meinen Blick und geht mir am liebsten ganz aus dem Weg. Sein Leben muss die Hölle sein, seit er mich kennt, ein einziger Spießrutenlauf. Vermutlich hält er mich für schwul, meidet Blickbegegnung. Wenn ich gut gelaunt bin, lasse ich ihn in Ruhe, grüße nicht, schaue nicht hin, tu so, als ob ich ihn nicht kenne.
  • Mittwoch. Erstmals besudele ich mein ledernes Notizbuch mit Arbeitsdingen. Beim Sponsorengespräch mit Bankleuten, schinde ich mit dem edlen Teil mächtig Eindruck. Im Besprechungsraum der Bank, welcher auf der Sonnenseite eines unklimatisierten Geldpalastes liegt, steigt die Temperatur auf über 30 Grad. Alle schwitzen. Ich trinke restlos Apfelsaft, Orangesaft und Mineralwasser leer, welches die Sponsoren auf dem Tisch drapiert haben. Chef R. findet kein Ende in seiner langen, bauchpinselnden Rede und die Sponsoren haben sich fettig geschminkt, so dass der Schweiß zwischen Fettschicht und Haut gefährliche kochende Wasserblasen bildet, die zu platzen drohen.
  • Donnerstag. Auf die steilste Straße der Stadt, welche ich täglich mit dem Fahrrad – morgens zum Glück abwärts – bewältige, haben Kinder in Abständen von 50 Metern mit rosa Kreide geschrieben: Kokosnuss … Pferd … Käse. Noch während mir das surreale Rätsel Kopfzerbrechen bereitet, erreiche ich die längste Straße der Stadt, welche den unteren Abschluss der steilsten Straße der Stadt bildet. Hier beginnt der Mahlstrom des Pendlers. Auto um Auto und Quad um Quad und Mofa und Mofa saußen an einem vorbei, strebend wohin? Nach Glück, nach Glück, nach Glück. Ich hasse diesen Mahlstrom des Pendlers, würde ihn gerne abschaffen, bloß wie?
    Abends auf dem Heimweg: Mächtiges Gewitter. Bewaffnet mit Schirm erreiche ich relativ trocken den Bahnhof in Nachbarstädtchen S., meinem Arbeitsort. Dort steht schon der vermutlich verkappt schwule grußresistente Junge, klatschnass und ich komme nicht umhin, ihn zu grüßen und eine nihilistische Bemerkung zum Sauwetter zu machen. Ich penetranter Missionar des Grüßianerordens; im Jemen hätte man mich dafür längst hingerichtet.
  • Freitag. Nur noch drei Wochen bis zum Urlaub; ha, denkste! Das Stadtfest im Nachbarstädtchen S. kocht langsam hoch. Die Kollegen sind alle wichtig auf den Straßen unterwegs und treffen sich in der Einsatzzentrale zum Heulen, Wut ablassen oder zum Mobben. Ich bin alleine im Amt ohne Wiederkehr und muss am Telefon mies gelaunte Standbetreiber abfertigen. Ich verspreche ihnen alles. Das wirkt.
  • Samstag auf Sonntagnacht. Zusammen mit Chef R. in der Einsatzentrale für eine nicht enden wollende Schicht eingeteilt. Die Musik wird von Stunde zu Stunde lauter. Einem hat man den Hals aufgeschlitzt und ein hippes „Klopfer“-Werbeteam verteilt Alkohol an Minderjährige. Überall Eimersaufen, meterlange Strohalme, Glas, Kotze. Mehr und mehr kristallisiert sich das Chef-R. Problem. In seiner grenzenlosen Geltungssucht macht er mich nach der Schicht wie ein Hund hinter ihm herlaufen, packt mir einen wichtigen Vertrag in den Rucksack, verlässt winkend wie ein König das Fest und als wir das Amt ohne Wiederkehr erreichen stellt er fest, dass er den Schlüssel in der Einsatzzentrale hat liegen lassen. Komm Hündchen, zurück, pfeif pfeif. Aus purem Mitleid folge ich ihm, denn in der Afterhour um halb vier brodelt es vor besoffenen, verkoksten Typen, die keine Frau abgekriegt haben und nun jemanden verprügeln wollen.
    Ich kann einfach nicht verwinden, dass Chef R. gegen 23 Uhr meine Brille benutzte, um ach so wichtige schriftliche Dinge zu erledigen. Ausgerechnet die Brille, das ist so verdammt intim.

5 Gedanken zu „Irgendlinks heiße Woche minus-vier“

  1. schön, dass du uns noch nicht weggeschmolzen bist …

    an meine brille lass ich niemanden ran …! da kenn ich nix. wie hat dein scheff denn das bloss geschafft? na so was …

    noch drei wochen! … und dann mallorca? :-) mahlstrom der familienzeit …

  2. Tja, so erlebt man ohne es zu wollen die wahren Niederungen des Menschseins.
    Patient F. hingegen hat zu ersten Mal seit 14 Jahren das Stadtfest in S. verpasst. Stattdessen ein intellektuell anregendes Jazzkonzert unter freiem Himmel genossen. Eine Wohltat.
    Ich würde lügen, wenn ich sage, man gewöhnt sich dran. Ans Stadtfest kann sich kein einigermaßen normaler Mensch gewöhnen. Man fürchtet es jedes Jahr aufs Neue…

  3. Mittwoch: Ich kann sie mir alle vorstellen, exakt, die Sponsoren und Chef R.
    Wunderbar beschrieben. Ich kenne diese Protagonisten aus meinem früheren Leben. – – Vorbei.

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