Lohnarbeit ist die Lizenz zur Faulheit

Hochgradig gestörtes Blogsystem. Gingen mir bis vor ein paar Wochen die Worte noch leicht von den Fingern, muss ich nun um jede Silbe kämpfen. Provokativ formulierte ich: Lohnarbeit ist die Lizenz zur Faulheit.

Ich darf gestehen, dass ich mich nicht gerade totarbeite im Amt ohne Wiederkehr, dass ich im Gegenteil einen schlimmen Fight mit dem eigenen Gewissen fechte: kannst du verantworten, von Steuerzahlern für das bezahlt zu werden, was du tust? Wenn es in allen Ämtern so ist, wie im Amt ohne Wiederkehr, brüllt eine revoluzzerische Stimme, stell‘ sie an die Wand und knall‘ sie alle ab. Vermögensberater J. berichtete von einem Steuerprüfer, der aus der freien Wirtschaft zum Finanzamt wechselte und sich sogleich an einen riesigen Stapel Akten wagte, am ersten Tag schon zehn, zwanzig Stück bearbeitete, bis ihn die Kollegen zur Seite nahmen und ihm steckten, mehr als drei Fälle solle er nicht bearbeiten.

Viele Stimmen einen sich in meinem Kopf. Fast alle sagen, dieser Job ist ein Glücksgriff, mache den weiter, sowas geschieht nie wieder. Dass im Gegenzug ein Buch nicht geschrieben wird, weil ich meine Fähigkeit zu texten verloren habe, sieht aber niemand.

Meine Tage sind bizarr: um halb sechs früh stehe ich auf und um halb sieben oder halb acht abends komme ich nach Hause. Danach lege ich mich hin und schlafe bis halb sechs. Nie war ich so faul wie heute. Es handelt sich vermutlich um Trotzfaulheit. Bzw. da ich materiell prima versorgt bin, wird mir alles andere egal. Ein fetter Löwe beobachtet die Gazellenherde.

Gestern Lunge seziert bekommen. Zum Glück mit gutem Dormikum, so dass ich von der Prozedur nichts mitbekam. War mal ne Abwechslung. Wenn mein Leben ein Buch wäre, müsste ich über den intensiv gekräuselten Linoleum-Fußboden im OP berichten. Vor einigen Jahren schon ist mir aufgefallen, dass Lungenspezialisten offenbar stets Fußböden in ihren Praxen verlegen lassen, die den Röntgenbildern der Organe ähneln. Zeichnete der Boden, den ich vor vier Jahren sah, ein seichtes, undramatisches Bild, so symbolisiert der Fußboden, den ich gestern sah beinahe schon ein nahes Ende: vernarbtes, gekräuseltes Etwas mit tiefen Rissen und Einschnitten von herunterfallenden Skalpellen.

Ich phantasiere. Der Boden war echt. Die Untersuchung jedoch reine Routine.

Sollte sich das Wetter heute noch bessern, gehts auf Radeltour mit der tollen T. Wenn nicht: Rumliegen und auf 5:30 Uhr warten.

Ein Gedanke zu „Lohnarbeit ist die Lizenz zur Faulheit“

  1. Meinst Du es liegt wirklich am „prima versorgt“sein?

    Ich weis nicht so recht.Auch wenn ich Dich nie wirklich jammern lese…so kenne ich Dich doch schon ein paar Jahre (durchs lesen)und habe immer wieder der Gedanke;“Meine Güte was macht der da..Wo ist mein Künstler?Wo ist der Europenner …der der sich immer wieder schräg-Geniales Zeug ausdenkt?………….

    Ist nicht böse gemeint.Ich lebe ja auch so.Job“lis“dem Staad zu liebe und damit ich ein gutes Vorbild sein kann gegenüber den Kindern…(obwohl ich lieber dass Vorbild sein möchte „hey..heute lassen wir die Sau raus und bemalten die Hauswand!!Nix schule und ab in den Wald!)

    °nela°

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