Hunderte Künstler gehen nun durch meine Hände. Ich habe direkten Einblick in ihre Bewerbungen zum Kunstpreis. Beklommenes Gefühl, all die Lebensläufe zu überfliegen. Ich kann nur jedem Künstler raten, zu versuchen hinter die Kulissen der Jury zu schauen. Sehr aufschlussreich. Habe ich doch selbst manchmal solche Bewerbungsmappen zusammen gestellt und mir verflixt noch eins den Kopf zerbrochen, was ich da alles reinpacke. Es ist zum Heulen, wie wir alle buhlen müssen, um voran zu kommen, um Anerkennung zu finden.

Gerade eben belauschte ich die Band, die in meinem Atelier probt, wie sie versuchen, den Weg an die Spitze zu finden. Immerhin, die letzten Wochen hat sich einiges getan in ihrer Bandkarriere. Morgen sind sie Vorband bei S.-Mond vor 4000 Gästen. Ihr Hit wird im Radio gespielt. Aber sie haben einen seltsamen Manager, belausche ich, der sie nach Malle bringen will und auf Volksmusikfestivals. Klar. Da ist richtig Geld zu verdienen in der wilden Besoffskis Partybranche. Aber ist es das, was man als Künstler will? Die Interessen des Managers sind nicht die Interessen des Künstlers.

Während ich die Festivalbewerbungen der Künstler im Nachbarstädtchen S. sichte, wird mir endlich klar, wie man eine gute Bewerbung macht: Bleib dir selber treu. Sei ganz wie du bist. Selbst ich, der ich nicht in der Jury sein werde, rieche ganz genau, was hinter den vielen kleinen Bluffs steckt, die mancheiner in seine Bewerbung packt. Ich beschloss, ohne groß Brimborium zu machen, alle meine guten Texte zusammen zu suchen und an ausgewählte Verlage zu schicken. Ich würde mich T. Braven nennen und hätte keine Vergangenheit, sondern nur ein paar schöne Geschichten. Naiv träumte ich, dass man manche Dinge auch um ihrer Selbst willen kaufen könnte, dass man manche Menschen auch um ihrer Selbst willen mögen kann.

Mittags spazierte ich durch die Stadt, betrat aus langeweile ein Billigkaufhaus, in dem es Dinge für 1, 2, 3 und 5 Euro zu kaufen gab. Am Hinteren Ende war ein Loch in der Wand, in das einmal ein Lüfter gepasst hatte. Dort hörte ich Stimmen. Die Leute auf der anderen Seite waren offenbar betrunken. Laut stritten sie. Im Laden spielte plötzlich eine winziges Billigprodukt, strombetrieben: „I love You“, blökte es aus dem winzigen Lautsprecher. Ich ging ohne zu kaufen und betrat den Lebensmitteldiscounter gegenüber. Aus dem Radio dudelte ein Lied: „I love You“. Die meinen wohl mich? Die wollen mich aufheitern. Ich kaufte Milch. Hinter dem Billigladen sah ich auf dem Weg zurück zur Arbeit an die 20 rotnasige Typen und torkelnde Mädchen, umgeben von leeren Flaschen und Bierdosen. Zur Monatsmitte ein letztes Aufbäumen versiegender Stütze.

Was für eine kontrastreiche Welt mal wieder.

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