Essen für Wolfgang

Es gaukeln zu viele Geschichten. Ich komme mit dem Ausformulieren gar nicht nach. Morgens surfte ich müde im Netz und blätterte literarische Begriffe: Hyperbel und Ellipse, was mich zu der Vermutung veranlasste, irgend etwas verwechselt zu haben. Mathe und so. Dabei lehrt Wikipedia, dass gerade der Satz „Mathe und so“, als Beispiel für die Ellipse stehen könnte – wenn man dem Internet glauben darf. Irgendwas kurzes halt, abgehackt, spröde dahin gespuckt, unvollständig. Eine Technik, um Vieles auf engstem Raum zu sortieren und dem Text ein bisschen Speed zu geben.

„Hm“, denk ich, „ideal, um die letzten Ereignisse zu notieren“. Jene Radeltour mit Kollege T. und der tollen T. Wir besuchten vier Hütten in der Gegend, in der die schrägsten Typen, die das Land zu bieten hat, hausten, bedienten, vorbeischauten, ihr letztes Geld verzechten:

Hütte 1 wohl am Normalsten, außer dass dort ein Storch manchmal bis zu den Tischen stolziert. Am liebsten mag er weiße Bratwurst.

Hütte 2 mitten im Wald bei einer Klosterruine. Hagerer Kerl in gelbem Auto fährt vor. Autoradio spielt Countrymusik. Man kommt ins Gespräch und der Kerl entpuppt sich als Kanadier, als Holzfäller, als Rocker: „Entspann‘ dich, wir sind Rocker“, sagt er immer wieder, will uns Wildschweine aufschwätzen, „200 Euro“, serviert Bier, dreht seltsame Zigaretten.

Hütte 3 zeichnet sich durch eine Lautsprecheranlage aus, durch die den Gästen-Selbstabholer gesagt wird, wann ihr Essen fertig ist. „341“ tönt es. Jemand steht auf, holt das Essen. „342“, das bin ich, „der Typ mit den Pommes“, fügt die Stimme hinzu. „Find ich gar nicht gut“, sag ich zu den beiden T.s, „die brandmarken mich als Billigpommeskäufer. Ich kann doch jetzt nicht nach vorne laufen“. „Stimmt“, sagt die tolle T., „dann sehen nämlich alle, dass du gar keine Radlerhose trägst, sondern eine lange Unterhose.“

Mist, dass die das bemerkt.

Später bizarrisiert sich der Lautsprecherruf: „Chicken für Wolfgang“. Wir lachen. Lachen eine Minute später herzhafter, als es heißt „Schnitzel für Wolfgang“ und wieder später, „Essen für Wolfgang“.

Muss ja ein hungriger Mensch sein, dieser Wolfgang.

Hütte 4 liegt deshalb am Ende der Tour, weil es da das Bier fast geschenkt gibt und die verrücktesten Leute, meist über 60, rumhängen. Eigens haben sie einen Verein gegründet mit dem Namen S.er Landleben, in dem der Mitgliedsbeitrag nichts kostet und der entsprechend 700 Mitglieder hat. Kollege T. und ich überlegten, dem Verein beizutreten und ehrenamtlich die Hütte zu bewirtschaften. Für immer für Freibier. Zunächst aber verzechten wir unser letztes Geld.

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