Reduktion der Möglichkeiten

Die Amarok von Mike Oldfield liebe ich deswegen so sehr, weil das gut einstündige Musikstück so klingt wie ein Mann, der sich über eine Kiste Bier her macht: brachiale Einsätze, als würde man mit einer Bauschippe eine Bierflasche öffnen, wechseln mit harmonischen Passagen, die sich anfühlen, als rinne gut gekühlte Gerstenflüssigkeit sanft durch die eigene Kehle.

Da!

Nach all den Jahren bin ich bereit, das Weblog als eigenständiges Buch zu betrachten. Keine Ahnung, ob es für den Langzeitleser einen Nährwert bildet, ob man einen roten Faden erkennt, ob es den Langzeitleser überhaupt gibt. Ich sitze im Atelier, wo sich die Reggaerockers mit schwarzem Stoff eine Höhle eingerichtet haben, um etwa einmal die Woche zu üben für ihre vielfältigen Auftritte. Die Reggaerockers sind in den letzten Tagen ein bisschen bekannter geworden, weil Leadsänger O. kürzlich in dem TV-Spektakel Schlag den R. aufgetreten ist und leider verloren hat. Zum Glück, muss ich sagen, sonst hätte er vielleicht meinen Eltern ein unausschlagbares Angebot gemacht und das einsame Gehöft mitsamt Proberaum und Irgendlink gekauft. „Dein Arsch gehört mir,“ hätte O. grinsend gesagt und fürderhin fänden auf der jetzt so friedlichen Südterrasse unkontrollierte alkoholische Exzesse statt. Wie dies in Rockmusikerkreisen so üblich ist. Ich starre aus den riesigen Fenstern des Proberaums. Die Nacht hat seichte Helligkeit erlangt. Es ist kühl. Ich habe mir eine Wolldecke um den Bauch gebunden und ein paar Jacken übergestreift. Der Mond steht in scharfer Sichel. Von Wolken keine Spur.

Allmögliche Gedanken um die Zukunft. Vermögensberater J. rückt mir auf die Pelle, will einen Termin, um mir etwas zu verkaufen, schließlich bin ich, im Gegensatz zum letzten Jahr, als er mich selbstständigen Hungerleider besuchte, nun ein betuchter Arbeitnehmer, dem es sich lohnt, Beratung angedeihen zu lassen. Ich sollte ein bisschen Andreas Altmanns „Sucht nach Leben“ lesen, bevor ich mich mit ihm treffe. Um mich zu immunisieren. (Ja, ich habe es gekauft, liebe Sonia, es ist großartig).

So jongliere ich, im Atelier sitzend, mit allen Gedanken und Plänen und Ideen, die mich die letzten Tage beschäftigten:

  • wie geht es weiter mit der Arbeit
  • wenn es endet, wirst du pilgern? Ja.
  • Versprochen? Sicher.
  • was danach!
  • und die Liebe? Gewisse Möglichkeiten, widerspricht dem Pilgern leider
  • werde wortbrüchig
  • bleib dir treu
  • Wortbruch schließt Treue nicht aus

Mein Blick fällt auf ein Messieeck, das die Reggaerockers in einer Ecke des Proberaums eingerichtet haben. Rocker sind immer unordentlich und sie räumen nur dann auf, wenn das Fernsehen vorbei kommt oder sonstige Presse. Überquillender Bierkasten, drappiert mit leeren Flaschen Sprudel und Mixgetränken, im Mülleimer Red Bull. Dass die auch nie lernen, dass auf den kleinen Red Bull Dosen 25 Cent Pfand sind. Ich fummele alle Red Bull Dosen aus dem Müll und entdecke drei volle Flaschen Bier. Die wollten sie vor mir verstecken. Die kennen mich. Nehme die Flaschen an mich. Damit machste dir jetzt einen schönen Abend. An Schäbigkeit ist dieser Mister Europenner manchmal nicht zu überbieten.

Folge weiter den Gedanken: letztlich zählt doch nur noch das Schreiben. Nach dem heißen Jahr in der Lohnsteuerklasseeins-Hölle, kannst du doch als Künstler nirgendwo mehr landen. Du kannst bestenfalls noch so eine Art Bukowski-Typ im Weblog-Format werden. Weniger Sex, leider, und andere Themen, als der große Kalifornier. Aber abgefuckt genug bist du, um solch ein Leben zu führen.

Zu guter Letzt kommt mir in den Sinn, dass ich schon seit zwanzig Jahren auf eine finale Frage hoffe, einen Scheidepunkt im Leben, an dem es auf die Auswahl zwischen den Möglichkeiten nur noch eine einzige Antwort gibt, weil es nur noch eine Möglichkeit gibt.

Das Perfide im Leben ist, dass man immer verschiedene Wahlmöglichkeiten hat und sich für Eines entscheiden muss. Dass man die anderen Möglichkeiten direkt ausschließt, wenn man sich entschieden hat. Schrecklicher Verzicht. Sei es nur, dass man grundsätzlich zwei oder mehr Frauen symphatisch findet, mit denen man sich einlassen würde. Sobald man sich für Eine entscheidet, entscheidet man sich gegen die Anderen. Klar. Wäre ich Bukowski, hätte ich das Problem nicht. Oder dass man sich, sobald man sich für den sicheren Job in diesen Krisentagen entscheidet, gegen das Pilgern entscheidet. Und so weiter und so fort.

Seit zwanzig Jahren träume ich davon, dass die Frage kommt, die nur eine Antwort zulässt und die Antwort lautet:

Schreib!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.