Wie ich einen Palast betrat und aus einer schäbigen Hütte hervor kroch

Bilderrahmen. Ich brauche Bilderrahmen. Schöne, wertige Alurahmen mit echtem Glas. Wenn ich Glück habe, verkaufen sie sie mit passendem Passepartout und ich habe keine Arbeit. Einfach Bild rein, zuklipsen, fertig.

Nicht zu teuer sollten sie sein, aber der Preis spielt keine Rolle, wenn die Qualität stimmt. Ich kenne die Rahmen mit den klangvollen schwedischen Namen von früher. Es war ein Fest, vor zehn, fünfzehn Jahren in den Laden zu gehen, den Einkaufswagen vollzupacken mit durchaus wertigen Bilderrahmen. Echtes Holz oder Alu und echtes Glas. Sauber geputzt, entgratet.

So mache ich mich auf eines morgens zur Ausstellung, die ich aufbauen will, mit einem Schwenk vorbei am Rahmendealer. Dauert nicht lange. Ein en Passent Kauf. In Gedanken war alles ausgeklügelt: Pickup Bilderrahmen, rüber zur Ausstellungshalle, Bilder in Rahmen. Aufhängen. Fertig.

Trister Tag, zehn Uhr früh. Leerer Parkplatz vor riesigem Palast, in dem es neben Rahmen auch allmöglichen Tand zu kaufen gibt. Teelichte, Kaffeekannen, Handtücher, Bettlaken, einfach alles, was das Konsumentenherz begehrt. Auch Möbel. Man kann sich das Interieur seines kompletten Einfamilienhauses in diesem Laden zusammenstellen. Ein Paradies, das auf den unvoreingenommenen Fremden wirkt wie aus purem Gold gebaut.

Auto parkt direkt vorm Eingang. Ist noch nicht viel los. Der Laden öffnet erst um zehn.

Wo, bitteschön geht es zu den Rahmen, frage ich an der Info. Von früheren Besuchen weiß ich, dass man als braver Besucher eigentlich sämtliche Abteilungen des Geschäfts in labyrinthischer Querulanz durchlaufen muss, um zur Kasse zu kommen. Aber ich weiß auch, dass es geheime Abkürzungen gibt. Unscheinbare Türen zwischen den Abteilungen für Ehebetten und Küchen, die man nur mit scharfem Blick erkennt und an denen warnende Schilder hängen: Durchgang verboten. Nur für Mitarbeiter.

Die Frau an der Info sieht sich ängstlich um und es ist wohl der Frühe der Stunde geschuldet, dass sie eine Ausnahme macht und das Geheimnis verrät: Bis zu den Küchen, dann  die Tür zur Caféteria nehmen und dann …

Ich tigere los. Hab ja kaum Zeit. Im Kopf rahme ich ohnehin schon die Bilder in feinstem Alu hinter Kristallglas. Bei den Teelichten widerstehe ich, obschon es sie in grün, rot, blau und allen anderen Farben im Hunderterpack zu kaufen gibt. Unverschämt billig.

Die Rahmenabteilung hat die gefühlte Größe eines Fußballfelds. Fein sortierte Regale. Unheimliche Preise, bei denen man sich fragt, wie ist das denn möglich!? Sooo billig! Kaufrausch. Musste zugreifen, Mann. Jetzt!

Ich lade die benötigte Menge in den Einkaufswagen und noch ein paar mehr. Man weiß ja nie. Werde stutzig. Die Dinger fühlen sich leicht an. Glas ist schwer. Mit dem Fingernagel kratze ich die Folie auf und unter der Folie die Schutzfolie, bis ich auf Acryl stoße. Ich unglücklicher Golddigger, ich. Meine Goldader ist ein schäbiger Scheiß aus Irgendwas. Ganz bestimmt kein Glas. Dabei sehen die Dinger genauso aus wie die Glasrahmen, die ich vor fünfzehn Jahren gekauft habe. Auch die Namen sind gleich wie früher. Der Preis sogar günstiger. Auch das Alu fühlt sich im Tasten komisch an. So warm. So weich. Der Klopftest ergibt, es ist Kunststoff. Ich habe den Wagen mit fabrikneuem Müll beladen. Angewidert stelle ich alles wieder zurück in die Rahmenständer, schaue nach anderen Modellen, finde keine. Auf der gefühlt mehr als zwei Hektar großen Bilderrahmenabteilung gibt es keinen einzigen Bilderrahmen mit echtem Glas oder echtem Holz oder echtem Alu.

Ein drei Kubikmeter großer innerer Müllcontainer im Kopf tut sich auf und am liebsten würde ich den ganzen Schrott hineinwerfen und entsorgen.

Wenn sie am Material sparen, sparen sie auch an den Menschen! Ein Schauer läuft mir über den Rücken. In diesen Produkten steckt kein Funken Lebensglück. Nur Frust und Ausbeutung und Menschen, die in grausamer Zwangslebenslage ihre kostbare Lebenszeit vergeuden, um irgendwie mit der Arbeit, die sie in die Produktion Minderwertstens stecken, über die Runden zu kommen. Um schließlich Minderwertstes zu kaufen. Es ist zum Heulen.

Den Wagen lasse ich provokativ mitten im Labyrinth stehen, haste entlang des Parkours zur Kasse, widerstehe allem Billigen, krauche, innerlich auf Knien, vorbei an der Kasse, die für selbstscannende Kreditkartenzahler vorgesehen ist, ignoriere die Köttbullar- (Fleischklößchen) und Softeisteria, werfe mich wie ein Held aus einem Roland-Emmerich-Film, in Zeitlupe fliegend, durch die unheimlich behäbig drehende Ausgangstür, hinter mir der imaginäre Feuersturm einer lebensbedrohlichen Explosion.

Draußen. Blanker nasser Teer. Halb elf. Immer noch nur wenige Autos auf dem Parkplatz. Der All-German-Konsument schläft noch. Oder muss arbeiten.

Auf zum Auto. Regisseurwechsel. Emmerich hab ich überlebt. Nun Spielberg in Interpretation eines absolut scary Steven-King-Romans. Der Himmel blutet. Verzerrte, kahle Bäume. Krähen. Unheimlicher Wind aus dritter Dimension. Nackenhaarsträubende Stille. Hinter mir eine schäbige Hütte, in der was weiß denn ich für eine gottverdammte teuflisch unerklärbare Schandtat stattgefunden hat. Der Palast, den ich betrat hat sich in eine windschiefe Kaschemme verwandelt. Irgendwo dreht ein quietschendes Windrad. Ich bin allein. Der Wagen will nicht anspringen …

Schnitt.

Die Bilder hänge ich ungerahmt auf schneeweißen Nägeln an die Wände der Galerie. Ohne DIESE Rahmen wirken sie ohnehin besser. (Kaufen Sie meinen Horrorthriller ‚DIESE‘).

Schreibe in mein ledernes Notizbuch: ‚Der Kapitalismus ist die fragezeichenste Form des Niedergangs‘.

Was sich für eine Eigenschaft hinter dem ‚fragezeichenste‘ verbirgt? Schönste? Beste? Schlimmste? Ich weiß es nicht. Ich überlasse es Euch, liebe Leserinnen und Leser.

 

Alles

Ein paar Interna, leutselig, kunstbübchenesk, wie man den guten Herrn Irgendlink seit Bloggesgedenken kennt.

Ich hatte stets Zweifel, ob es gut ist, sich in einem Blog vor aller Öffentlichkeit zu entblößen. Es liegt allerdings in der Natur des Blogs, dass solche ‚Ausrutscher‘ der Leutseligkeit hin und wieder vorkommen. Man die Hosen runterlässt und bis zu einem gewissen Grad Dinge erzählt, die man normalerweise nur im Zwiegespräch mit Freunden thematisiert.

Man ist ja so ungestüm. Eine Eigenart des Künstlers wohl. Hat man eine Idee, posaunt man sie gleich raus wie so ein Kind, das der Mama etwas plappert, während sie im Haus wuselt und die Bude in Schuss hält zwischen Job und Kindergartenkutschierung.

Eben stelle ich die Weichen fürs nächste Jahr. Ich werde wieder bloggen. Merkt man ja schon, wenn man die letzten Blogeinträge im Blog verfolgt. Über Sommer herrschte trauerbedingt Stille. Da war nichts in mir. Und wenn etwas war und ich zaghaft darüber schrieb, dann schien es dem inneren Zensor, der trotz aller Leutseligkeit wirkt, zu weinerlich, um es offen zu legen. Zum Glück bietet WordPress die Chance, Blogeinträge auf privat zu stellen.

Langsam erhole ich mich von dem schweren Schlag, dass mein geliebter Vater im April gehen musste. Erholen? Mal schauen.

Bemerkenswert war die Erfahrung, das trotz aller Traurigkeit eine lebendige Kreativität zu Tage trat, die sich in vielen stillen Kunstwerken manifestierte. Wenig geschrieben. Viel Grafik-Zeugs und Kompositionen aus Bildern, die ich während der Reisen kreuz und quer durch Europa auf die Festplatte gerettet habe. Besonders stolz bin ich auf mein neuestes Poster ‚Du kommst hier nicht rein‘ in der Postersektion dieses Blogs. Es ist sowohl verspielt, als auch sozialkritisch und in ihm manifestiert sich neben aller Freude auch meine abgründig düstere Sicht auf die Gegenwart.

Eigentlich habe ich keine Hoffnung für uns. Für uns als Weltgemeinschaft. Das könnte einen in tiefe Depression und Selbstzerstörung stürzen, denke ich. Mein Vater hat mir aber einen unglaublichen Dreh mitgegeben, selbst Negativstest irgendwie positiv oder wenigstens nicht ganz so negativ zu sehen. Die Macht der Interpolation nenne ich es. Sich über schwierige Phasen des Lebens hinwegdenken und im Blick auf Positives, was ja auch mal wieder kommt, nach Vorne zu schauen.

Eigentlich wollte ich im vergangenen Spätfrühling/Sommer mit dem Fahrrad den französischen Atlantik-Radweg erkunden und darüber schreiben. Im Blog radlantix.de, das ich vor ziemlich genau einem Jahr angelegt hatte, sollte die Tour stattfinden und alle dürften mitkommen.

Dann der verflixte 23. April. Frühabends wurde die SWR-Doku mit meiner UmsLand-Reise ausgestrahlt. Papa hat sie in den letzten Atemzügen geschaut. Seither frage ich mich, ob er es steuern konnte mit dem Sterben. Der 23. war auch sein Hochzeitstag. Frühmorgens am 24. war er tot.

Der Sommer plätscherte elend. Die Reise nach Norddeutschland mit Frau SoSo war eine großartige Unterbrechung, aber wie man sich vorstellen kann, die Trauer ist ein hartes Fundament, auf das man plötzlich ohne Vorwarnung in jeder Lebenssekunde aufschlagen kann, wenn das Glück zu hoch baut.

September hatte ich noch einmal versucht, in der Kunstausstellungswelt zu fruchten, nahm an einer Ausstellung teil, obwohl ich schon vor zwei Jahren aus dem ‚realen Geschäft‘ mit anfassbaren, echten (und kaufbaren) Kunstwerken Abschied genommen hatte.

Wie kann ich als Künstler bestehen, wenn ich keine fassbaren, verkaufbaren Produkte schaffe? Bilder und Bücher. Oder besser gefragt, ist es vielleicht möglich, als rein digitales Wesen zu existieren? Meine Kunst ist das Blog und das andere Blog und das nochmals andere Blog und noch so einiges. Meine Kunst sind online erzählte Geschichten von unterwegs, garniert mit Bildern.

Ein zeitgenössischer Jack Kerouac, der über das Leben nachdenkt und darüber schreibt, so sehe ich mich, würze mit Andreas Altmann und Hape Kerkeling, serviere an der schwermütigen Marlen Haushofer und da sind ja so viele, die ich gelesen habe und die ich bewundere und denen ich nacheifere und deren Tun einfließt in mein Tun. Im Nacheifern darf man jedoch das eigene kleine Ich nicht vergessen und das ist da, merke ich nun. Die letzten vier fünf Blogartikel seit ich vor ein zwei Monaten wieder begonnen habe, sind Ich. Auf diese Art will ich das Blog auch weiterführen.

Die alten Geschichten (unter Projekte in der Menüleiste oben) möchte ich ebenso aufarbeiten, wie Neue beginnen.

2018 sieht es nicht schlecht aus. Ich werde den heimischen Garten ruhen lassen und stattdessen ein zwei Reisen erbloggen. Ich lade Euch herzlich ein, mitzukommen.

Radlantix.de steht ganz oben auf meiner Liste. Aber zu Frühlingsbeginn, ziehe ich mein Paminablog.de durch. Das dauert nur zwei Wochen, sechshundert Kilometer rings um Karlsruhe, Baden, die Pfalz und das Nordelsass.

Damit Geld verdienen? Ich habs versucht. Hatte insbesondere für die Paminaregion ein paar Kooperationen angefragt und die Verbindung zu europäischen Förderprojekten angeregt, aber hey, das ist echte Schinderei. Ich denke, wenn ich das Paminablog auf real finanzierte Füße stellen möchte, müsste ich mindestens die doppelte Zeit der eigentlichen Reise mir die Hacken wund laufen, um Kooperationen zu erreichen, an Fördergelder zu kommen. Ich bin leider ein ziemlich miserabler Verwalter und Geldmensch. Wenn ich aber im Gewand des Künstlers an das eigentliche Projekt denke: Mann radelt einmal rund ums Land und schreibt darüber, wird mir ganz warm ums Herz und ich dampfe insgeheim das 10.000 Euro-Budget, das mir nach marktlichen Gesichtspunkten zweifellos zusteht, auf wenige hundert Euro ein. Sprich, ich kann das Projekt mit Hackenwundlaufen angemessen eventuell finanzieren, oder ich mache es aus purer Marktuntauglichkeit wie immer, wie rund um die Nordsee, wie Gibraltar, wie das Nordkap, wie die Rheinland-Pfalz-Radroute: ich radele und schreibe und konzentriere mich auf meine Arbeit und schere mich nicht um Gewinn und angemessene Bezahlung. Walk like an Europenner.

Was liegt also vor mir im nächsten Jahr? Zwei Reiseprojekte und im Ärmel habe ich noch einen streng geheimen Joker, den ich eventuell ausspiele (auch ein Reiseprojekt, bei dem ich mir die Geldhacken wundlaufen müsste). Viel Arbeit an den Datenbanken liegt vor mir 2018. Die Postersektion werde ich ausbauen. Jede meiner Reisen bringt als Spitze des Eisbergs immerhin ein physisches Objekt hervor, ein limitiertes, signiertes Poster mit den besten Bildern von unterwegs. Ist wahrscheinlich eine gute Geldanlage, wenn es dem Künstler gelingt, all seine Schreib- und Kunstprojekte durchzuziehen. Dann werden die Poster viel wert werden. So will es der Markt.

Aber ich warne vor Geld. Es ist überbewertet. Und es ist eine dreckige Essenz, denke ich mir manchmal. Wer alles es benutzt und es mit üblen Geschäften verschmutzt! Wenn Geld Luft oder Wasser wäre, wären wir längst alle vergiftet.

Vor ein paar Tagen besuchte ich den Maler Sven Schalenberg in seinem Atelier in Hahnheim. Als einer der bedeutendsten Maler (leider auch nicht gut verwachsen im Kunstmarkt),  bezeichnete er mich als einen der bedeutendsten Künstler des Landes. Was mich ehrt, was mir den Bauch pinselt. Was wichtig ist. Wir redeten über Kunst und Anerkennung und wie wichtig die Anerkennung für einen selbst ist und wie angreifbar sie einen macht. Die Schnittstellen zum Geld sind für uns Künstler (leider) die Galerien.

Mein ehemaliger Galerist hat ein eigenartiges Geschäftsmodell entwickelt. Alle zwei Wochen macht er eine Vernissage in seinen vier oder fünf Galerien. Viel Frischfleisch. Zig Künstlerinnen und Künstler schleust er zweiwöchentlich durch und hilft ihnen – so zumindest die Annahme – zu Ruhm und Ehren. In Wahrheit fußt das Geschäftsmodell auf der Archillesferse der Künstlerinnen und Künstler. Auf Bauchpinselei und ‚Du, das ist gut für Dich, Dein Name kommt ins Gespräch. Vielleicht kommst Du bald groß raus‘. Lobe die Menschen und sie werden dir geben. Wandmiete zwischen fünfhundert und tausend Euro. Für eine Ausstellung, die sich kaum einer ansieht, bei denen immer nur die selben Vernissagentrunkhansels anwesend sind, kein einziger Sammler. Niemand verkauft dort Kunst. Nach zwei Wochen mit Zeitungsartikel und Namensnennung in der lokalen Presse ist der Spuk vorbei. Den Artikel kann man sich rahmen. ‚Nein, ich habe nicht bezahlt‘, muss ich immer wieder beteuern und wer mich kennt, weiß, ich hätte das gar nicht gekonnt. Es gibt auch einige wenige im Galerieprogramm, die als erlesene Perlen – (Schalenberg) oder Spinner (ich), die niemand versteht – mit reinrutschen, wenn mal nicht genügend Zahlhansels da sind, um die Wände vollzukriegen. Aber im Grunde ist das Galeriegeschäftsmodell wie das klassische Provinzkunstmodell: Künstler darf im Schaufenster der örtlichen Apotheke ein paar Bilder zeigen oder in einem Arztwartezimmer (hei, Ärzte, Geld, Profit!) oder in einem Altersheim. Packt uns bei unserer Eitelkeit und ihr werdet uns kriegen (das gilt nicht nur für Kunst, das gilt überall – wann hat man dich zuletzt bei deiner Eitelkeit gepackt und gekriegt?). Lasst das. Bloggt.

Molloch.

Die letzte Ausstellung mit physischer Präsenz im vergangenen September, was soll ich sagen, war ganz nett. Riesige alte Fabrikhalle. Vier Künstler, zu Gnaden eines Immobilienmaklers, dessen Interesse es war, die Halle in umgebauter Form als Appartements zu vermarkten. Ein fairer Handel gegenseitigen Aufmerksamkeitshochschaukelns. Verkauft habe ich nichts. Ausgegeben auch so gut wie nichts. Eine Null-auf-Null-Rechnung, wenn ich meine gut zweiwöchige Arbeitszeit (dummerweise unbezahlter Webmaster des Projekts) nicht rechne.

Bleibe im Blog und nähre dich redlich. Ich denke, hier bin ich am besten aufgehoben. Das ist meine Hood. Alles digital. Nichts zum Mitnehmen. Nur konsumieren kann man es. Gratis. In Text und Bild.

Als Kopfarbeiter habe ich ein Problem und viele Chancen, merke ich im Anblick meiner kleingeistigen Kunstbübchen-Jahresrechnung. Und das war auch ein Thema im Gespräch mit Schalenberg. Dass es so einfach ist, zu arbeiten. So einfach, kreativ zu sein. So einfach, Ideen in die Welt zu setzen. Wie so ein Fluss, der einfach fließt. Oder eine Sonne, die strahlt. Wenn das Geld nicht wäre und ich einfach nur arbeiten könnte, einfach machen, dann würde das prima laufen, postulierte ich.

Was soll ich sagen: so ist es auch. Ich muss nur einen Weg finden, Geld nicht zu brauchen und ich bin glücklich bis an mein Lebensende und ich werde großartige Dinge schaffen. Beißt sich die Innere Bussines-Katze in den eigenen Schwanz.

Kniffelige Situation. Menschen wie ich taugen nicht für den Markt. Sie verstehen den Mark nicht und der Mark versteht sie nicht. Wie willst du denn leben ohne greifbare Produkte, die man kaufen kann, die man kaufen würde? Das Blog und all die Bildchen sind doch gratis. Jeder kann sie konsumieren. Willst du betteln, Europenner, du?

Warum eigentlich nicht. Die letzten vier Reiseprojekte, AnsKap, Gibrantiago, Flussnoten und UmsLand (siehe Projekte) haben sich durch Spenden finanziert. Mehr schlecht als recht. Sechs Wochen AnsKap brachte die Reisekosten von 1000 Euro ein, die sechs Wochen Flussnoten und Gibrantiago dito. UmsLand war ohnehin nur mit 500 Euro budgetiert. Hat geklappt. Okay, bisschen was hast du draufgelegt, Mister Europenner. Das war es aber auch wert. Du machtest was du wolltest auf die Weise die du wolltest und du warst glücklich im Tagesdrift.

Was aber ist mit der Sicherheit? Der Zukunft. Was, wenn die Technik versagt, du ein neues Smartphone brauchst, um von unterwegs zu kommunizieren, neuen PC, neues Fahrrad? Dann biste erledigt. Der Server kostet Geld und macht Arbeit, die du besser jemand anderem überlassen würdest, der das natürlich nicht umsonst macht.

Was habe ich mich eingedampft, seit ich 2012 die Welt des Lohnerwerbs verlassen habe. Anfangs war das nicht leicht. Vom sicheren Lohn in die Bettelei zu gehen. Als erstes verreckte das Auto. Die schäbige Künstlerbude kostet zum Glück keine Miete. Essen mit Selbstversorgung durch eigenen Garten ist auch nicht so teuer. Und zudem gesünder. Fixkosten im Monat etwa zweihundert Euro. Unschlagbar. Mit Strom und Alles. Ein bisschen macht mich das stolz. Dennoch, nach offizieller Armutsgrenze könnte man aus einem Typen wie mir wohl zwei Arme machen, so wenig verdiene ich.

Dafür bin ich frei. Wenn ich an den ‚wunderbaren‘ Job im Amt ohne Wiederkehr zurückdenke, jajahhh, ich war mal sowas wie ein Angestellter mit tollem Lohn und super korrekten fairen monatlichen Abrechnungen, denke ich manchmal, wäre es das gewesen, ein Leben lang? Es war so schön sicher, so wohlig, so wunderbar geregelt. Stattdessen nun draußen in der Ungewissheit wie so ein Major Tom im kalten All. Alleine mit allen Unbilden, die hin und wieder doch auftauchen und einen piesacken.

‚Ich sitze auf einem Seelenverkäufer mitten im Atlantik und stopfe Loch um Loch und mit jedem gestopften Loch tun sich zwei neue auf. Die Belanglosigkeit hat sich im Rettungsboot davon gemacht‘, twitterte ich kürzlich.

Sehnsuchtsort Belanglosigkeit. Neben dem Vater ist es das Gefühl der Belanglosigkeit (oder besser Sorglosigkeit), mit dem man selbst den härtesten Prüfungen entgegentreten konnte, das ich am meisten vermisse. Ich weiß nicht, wo es geblieben ist. Manchmal stehe ich draußen unter dem grausam verrenkten Nussbaum vor der Künstlerbude und schaue in den Himmel, so wie ich es früher immer tat, um Belanglosigkeitsgefühle zu tanken. Dann stelle ich fest, das geht nicht mehr. Es ist weg. Futsch. Gegangen. Für immer? Dieses tolle Scheißegalgefühl, wenn dir das Leben wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, die du in deinem Innern zu Riesen aufbaust, wieder einschenkt. Weg ist es. Und ich stehe alleine in der Kälte der Nacht und bewundere die seichtorangenen Nieselregenwolken über den Laternen der Stadt im unverschämt verschränkten Geäst des Baums und fühle: Nichts. Keine Erleichterung. Keine Sorge. Nur nichts.

Den Baum hatte mein Vater seit Anbeginn dessen Lebens malträtiert. Eigentlich sollte das Wesen, das einst von Eichhörnchen gepflanzt wurde, gar nicht so nahe beim Haus stehen. Deshalb rückte er ihm wieder und wieder mit der Axt zu Leibe, verdrehte die Äste, brach sie, gab nach einigen Jahren aber auf und das Wesen wuchs und wuchs und wuchs. Mit all seinen verschränkten, gehackten, geschundenen Ästen.

‚Alles‘, dachte ich vorhin. Geld war wieder im Hirngemahle. Wie Griesel  in den Adern. Wie Salz im Blut. Die Reisen in diesem Blog sind wie Eisberge, dachte ich. Das ist mein Produkt. Reisen und jeder der will kommt mit, liest mit, schaut die wunderbaren Bilder, die du unterwegs einfährst. Aber verkaufen lässt sich das nicht. Du kannst keine Blogartikel im eigenen Blog verkaufen. Das Blog lebt vom Nichtverkauf. Von Freiheit, von nimm‘ was du willst, fremder Leser, fremde Leserin, nimm‘ und lass‘ es wirken oder klicke einfach weg, wenn es dich langweilt. That’s Internet. Das ist wahre Freiheit zwischen Kunden und Geschäftstreibenden. Das ist meine Philosophie für meine Kopfgüter. Nimm reichlich und gib, wenn du magst. Mit diesen Gib-wenn-du-magsts, Spenden, ließen sich immerhin die letzten Bloggerreisen ’schadensbegrenzt‘ durchführen. Danke an all die lieben Spendenden!

Aber da ist mehr. Und das wurde mir kürzlich klar. Echte, kaufbare Produkte, die mir direkt Geld einbringen. Die Spitzen meiner Eisberge sind, allen voran, die Poster, aber auch T-Shirt-Motive, Ebooks und es gibt sogar ein gedrucktes Buch.

Der Nabel zum Geld sind die Übrigbleibsel des Großen, das einst war, das jeden Tag neu geschieht.

Dennoch setze ich für 2018 weiterhin auf die unverkaufbaren Sockel meiner Eisberge und werde, nach Kräften radlantix.de und das paminablog.de durchführen und es werden auch daraus wieder Gipfel der Eisberge in Form von Postern entstehen, die man als markttrainierter Mensch kaufen kann.

Alles. Um zum Kern des Artikels zu kommen, wird ein 120×80 cm großes Bild in einer Auflage von sieben Stück. Darauf montiere ich in meinem speziellen Bildcollagen-Stil 408 Fotos aus den letzten sieben Jahren. Im Gegensatz zu den Postern wird es als Wandbild realisiert. Hochpreisig. Weil es das wert ist. Mir schwebt ein symbolischer Tausender vor. Mal sieben. Netto etwa viertausend Euro. Ein großzügiges Europenner-Jahresgehalt.

Wenn Ihr also Alles wollt, ich gebe Euch alles. Fragt mich danach.

Bahngleisgossenhamlet

‚Schlechte Werbung! Jetzt wollt ich mir mal den neuen Zug ansehen …‘, so steigt er die Treppe des ICE herunter. Hinter ihm die Schaffnerin, die so ganz und gar nicht amüsiert schien, ihn zum Verlassen des Zugs auffordern zu müssen. ‚Schlechchte Werrbung!‘ intoniert er erneut unter seinem grauem Moustache. Als ob das hier ein Theaterstück wäre. Er der Hauptdarsteller mit imaginärem, hamletesken Totenschädel weihevoll vor sich. Perfekte Neonröhrenausleuchtung an digitaler Anzeigetafel. Spärliches Publikum: nur ich mit meinem schweren Europenner-Rucksack und eine feine Frau von irgendwo aus der Südsee mit Rollköfferchen. Und die arme Schaffnerin, deren Tag er macht, indem er sie als Statistin in sein Bühnenstück einbaut. Wir blicken dem Bahngleisgossenhamlet hinterher wie er am hunderte Meter langen ICE entlang streicht. Zwanzig Minuten bis zur Abfahrt. Alle Türen sind offen und im Zug werkeln die Putzleute in ihren orangenen Uniformen mit riesigen blauen Säcken. Neben jeder Tür leuchtet rot ein Display ‚Endstation. Nicht einsteigen‘ auf Deutsch und Englisch. Im Epizentrum des Unrats, dem Bordrestaurant, tummeln sie sich – womöglich – wie Elektronen, die ein superschweres radioaktives Element umschwirren. Auf dem Bahnsteig durchwühlt ein heruntergekommener Kerl die Rollcontainer, in die sie die Müllsäcke werfen, nach Essbarem. Der Bahngleishamlet nutzt die volle Länge der ellenlangen Gleisbühne. Sein ‚Schlechchchte Werrrbung‘-Geschnattere verliert sich in der Länge des Zugs und mit jedem Meter werden es mehr CHs und Rs. Der Typ wäre sicher ein guter Laienschauspieler auf klamaukesker Dorfbühne in der Provinz (obschon dieser die nötige Länge fehlt). Hier vor den Türen des ICE namens Ingolstadt wirkt er eher wie ein Panther. Als gäb‘ es tausend ICE-Tür’n, aber hinter tausend ICE-Tür’n keine Welt.

Höhe 226,325 – der Rotz läuft

Spuckt mich der junge Morgen am Zweibrücker Bahnhof aus. ZW-HBF, titele ich eine Geschichte. Gesprochen ‚Zwuhubf‘ mit ganz grausam verstümmelten Us.

Viertel Stunde zu früh. Auf Gleis zwei brummt der Diesel eines Triebwagens. Fast verwaister Bahnsteig. Ein schlacksiger Typ mit orangener Warnweste schließt die Aushängekästen auf und tauscht die Fahrpläne. Er hat einen Karton bei sich, in dem die gelben Poster gerollt Seite an Seite stehen. Die Ampel für meinen Zug steht schon auf grün. Gutes Zeichen. Keine Verspätung, hoffentlich. Dennoch muss ich die Minuten totschlagen. Schwerer Reiserucksack auf dem Rücken.

Das uralte, vermackte Emailleschild am Bahnhof in Zweibrücken zeigt die Höhe über Normal Null. An den meisten alten Bahnhöfen hängen solche Höhenangaben.

Die Fahrt aus der Pfalz zur Hauptlinie bei Karlsruhe dauert länger als die restliche Strecke mit dem ICE. Der Bahnhof hat weiß Gott schon bessere Tage gesehen. An der Wand bei Gleis Eins hängt ein Höhenschild. 226,325 Meter über Normal Null. Wenn ich ein so tiefes Loch in den Bahnsteig bohre, bin ich auf Meereshöhe. Ungefähr so weit wie bis zur grünen Bahngleisampel. Nur, um es mir bildlich vorzustellen. Wobei die Angabe vielleicht gar nicht mehr stimmt. Der Meeresspiegel steigt ja. Und noch mehr stimmt nicht mit diesem Bahnhof. Zum Beispiel ist das Kiosk verschwunden. Hinter zwei Meter hohen Scheiben klafft ein leerer Raum. Das wäre eine schöne Galerie. Jetzt ist es nur ein öder Raum. Überhaupt ist der Bahnhof in einem erbarmenswerten Zustand. Dort wo früher die Fahrkartenschalter waren, sind Bretter vernagelt. Gegenüber des ehemaligen Schalters könnten vor langer Zeit auch einmal Läden gewesen sein. Nun leere Räume. Nur noch ein Versicherungsbüro kauert hinter Milchglasscheiben. Welch‘ Signal Iduna. Der Taxidienst hat zu. Niemand will so früh mit dem Taxi fahren. Ein ‚zues‘ Restaurant ohne Öffnungszeiten namens Tender. Die Fleischgerichte sind gar nicht mal so teuer. In der Wartehalle tummeln sich einige Schüler. Besonders warm ist es auch hier in dem unheimlich schmutzigen Raum nicht. Klebriger Boden. Als habe die halbe Stadt gekotzt, gespuckt, aus elenden Wunden geblutet. Was für ein grausamer Tatort des Zerfalls. Ich rufe mir andere Bilder des Zerfalls vor Augen aus Frankreich und Spanien. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Provinz in ihrer Abgelegenheit langsam ausblutet, dass Menschen und Arbeitsplätze und der Komfort und das Miteinander und die Zwischenmenschlichkeit in die Städte fliehen. Was habe ich verwaiste Dörfer erlebt in den Cevennen, im Zentralmassiv, in Katalonien und Andalusien. Überall wirkte der Zerfall eleganter als hier vor der eigenen Haustür. Manchmal durchquerte ich Dörfer, in denen nur noch ein Haus bewohnt war, in denen nie ein Bus halten würde, in denen eigenbrötlerische Typen ihren kleinen Traum von Abgeschiedenheit und Ruhe lebten. Aber mit so viel mehr Würde.

In der Wartehalle saß ein dick eingemummelter Typ, schäbige Klamotten, uralte Sneakers, Koffer und Tüten neben sich. Nein, er saß nicht, er hing wie ein Klappmesser auf einem der austernförmigen Drahtmaschensitze. Das sind keine Sitze, das sind Verbrechen. Das ist ein Tatort. Jugendliche im Schmutz des Massakers. Jawohl: Tatort. Die Gesellschaft stirbt ab wie ein Lebewesenkörper. Zuerst die Extremitäten, Füße, Beine, Arme. Dann der Rest. Zuerst die Provinz. Was bleibt, ist Gerippe. Zerfallende Bauten. Und wenn der letzte Mensch die Provinz verlassen hat/gegangen ist, ist es auch sauber. Keine Spur mehr von Tatort, Spucke, Kaugummi und womöglich sogar Blut.

Seichtgrauer Winterhimmel hinter verwahrlosten Scheiben. Wie zum Hohn lacht der dreckigste Fußboden der Welt gen Decke. Der arme Teufel muss in Klappmesserchenstellung schlafen. Immer wieder klappt sein Oberkörper zwischen die Knie. Leise schnarcht er. Wie eine Wurst sieht er aus in der dicken, schmierigen, olivgrünen Pelle seines Parkas. Eine Wurst namens Klappmesser.

Fünf Minuten noch. Das Display am Gleis zeigt keine Verspätung an. Erleichternd. Ich krame einen Euro aus dem Geldbeutel und lege ihn dem Schlafenden auf den Koffer. Hoffe, dass ihn niemand bestiehlt, denn wenn dir jemand unbemerkt einen Euro hinlegen kann, kann ihn jemand anderes dir auch unbemerkt wegnehmen. Alles könnte man dem Mann nehmen.

Der Zug nimmt mich und die Schüler auf. Heizung defekt. Im imaginären Abschiedswinken sehe ich den Fahrplanwechsler, wie er an Gleis Zwei sein Werk fotografiert. Langsam setzen wir uns in Bewegung, das Schwarzbachtal hinauf. Man hat wohl eine Schleuse geöffnet. Der Bach hat wenig Wasser. Halbmeterhoch braun bleckt die Wasserfraßnarbe. Bäume liegen quer. Eigentlich ein Idyll, dieser nur etwa fünfzig Kilometer lange Wiesenfluss.  Thaleischweiler Fröschen. Ausstieg links. Bald Pirmasens-Nord, schlimmster aller Bahnhöfe. Verwahrlosung in Reinkultur.

Schaffner pyknisch behäbig nett. Mit Frühmorgencharme kitzele ich ein Lächeln aus ihm.

Der wachsende Wasserfall nahe Niederehe konnte erst entstehen, als durch den Bau der Bahnlinie viele Quellen vereint wurden. Moos und Kalk bilden seine stetigwachsende Grundlage. Die Bahnlinie ist heute ein Radweg.
Der wachsende Wasserfall nahe Niederehe konnte erst entstehen, als durch den Bau der Bahnlinie viele Quellen vereint wurden. Moos und Kalk bilden seine stetigwachsende Grundlage. Die Bahnlinie ist heute ein Radweg.

Umstieg in Landau. Dieser Bahnhof ist ein bisschen belebter, ein Tick weniger schäbig als Zweibrücken oder der Molloch Pirmasens-Nord. Auf dem Gleis bettelt ein etwa fünfzigjähriger Mann. Schmutzig. Laut und deutlich und ohne uns ’normalen‘ Wartenden zu nahe zu treten geht er auf und ab: ‚Habt ihr fuffzich Cent? Habt ihr fuffzich Cehent?‘ Unermüdlicher Münzenharvester. Sein ganzes Antlitz ist ein nikotinöser Exzess. Insgeheim taufe ich ihn ‚Der beige Mann‘. Unter seiner Nase hat ein gelb-bräunlicher Fluss aus Rotz und Nikotin Lauf genommen, der auch nicht vor der Oberlippe, der plappernden Mundöffnung, Unterlippe und Kinn halt macht. Ich fühle mich an den wachsenden Wasserfall in der Eifel erinnert. Dort fließt seit einigen Zig Jahren, durch die Vereinigung einiger Quellen zu einem Rinnsal gebündelt, ein kleiner Bach. Moos und Kalk des harten Wassers schichten eine erkleckliche grün-braun-gelbe Nase unterhalb eines ehemaligen Bahndamms. Was, wenn der Mann für immer hier auf dem Umsteigegleis in Landau auf und abläuft und ‚Habt ihr fuffzich Cent‘ plappert? Und Nikotin und Rotz schichten einen Wasserfall. Ich scherze bitter in mir selbst. Dabei ist es so traurig. Wie eine Aufziehpuppe aus den Siebzigern klingt seine Stimme, nur dass das 50-Cent-Geleiere der Puppe ein herzzerreißendes ‚Mama‘ war.

Bald bin ich auf der Hauptstrecke. Karlsruhe. ICE. Hochgeschwindigkeit. ‚Normale‘ Reisende, denen ein paar Münzen weniger überhaupt keine Schmerzen bereiten.
Rückblickend im weichen warmen Abteil fabuliere ich: Eine Welt wie das letzte Schütteln eines verflohten Hundes. Wie Schweißausbruch. Aus allen Poren kommt Blut. Oder Bettler. Oder Verzweifelte. Oder Kranke.

Lieferwagenumdrehmaschine

Zwei Apfelbäume. Zwei andere Bäume mit für Menschen nicht essbaren Früchten. Eine auf Halbwüchsigkeit gestutzte Ligusterhecke. Drei Autos der Nachbarn vorm Gärtchen. Blau, silber-grün, weiß. Das Mietshaus gegenüber ist seicht-blau. Grauer Himmel deckelt das Bild. Die Dachrinne zur Rechten, zum Greifen nah, Wasser plätschert im Kupferrohr. Zwischen dem Mietshaus und dem, vor dem ich sitze, weitet sich die Welt, führt über ein ‚beidseits Parken verboten‘-Schild und die Mülltonnen auf fernere Häuser, die sich am Horizont im Nieselgrau verlieren. Fichte, Bettlaken, Schnick-Schnack, drei zur Unkenntlichkeit winterverpackte Koniferen. Neben dem Kreisverkehr lugt ein Dorfbrunnen. Ein Lieferwagen schleicht durchs Bild, verschwindet hinterm Haus, kehrt ‚umgedreht‘ zurück. Noch ein Lieferwagen, der ebenso umgedreht zurückkehrt. Da stimmt doch was nicht.
Wenn dies alles wäre, was ich von der Welt zu sehen bekomme, wenn ich stundenlang den tristen Weltenausschnitt zwischen den beiden gegenüberliegenden Häusern beobachten würde, tagelang, wochenlang, für immer, wenn weitere Lieferwagen durchs Bild führen und nach kurzer Zeit umgedreht in die andere Richtung zurückkehrten, läge es dann nicht nahe, irgendwo im Dorfdschungel hinter dem Häusern eine Lieferwagenumdrehmaschine zu vermuten. Vielleicht ein drehbares Stück Teer, ähnlich wie man es von Lokrangierschuppen kennt, auf das die Lieferwagen fahren. Dann setzt sich der Mechanismus in Bewegung und dreht um hundertachtzig Grad und sie kehren zurück auf ihrem Weg vom Woher nach Wohin.
Ich sollte einen Dorfspaziergang machen.