All die Menschen, ach all die herrlichen Menschen. #flussnoten #ibcoco

Durchs Fliegengitter des Innenzelts kann ich in die Luft schauen. Das Außenzelt dient mir als Kopfkissen. Die Nacht ist mild. Ich habe das Lager unter zwei riesigen Eichen aufgeschlagen. Neben mir murmelt der Altrhein. Ich bin alleine. Niemand benutzt den Radweg, der durch die Auen führt. Das nächste Dorf ist etliche Kilometer entfernt. Gegen Dunkelheit begegnete mir als letzter Mensch des gestrigen Abends ein Radler mit viel Gepäck, der nur kurz stoppte, eine Zigarette rauchte, meinen Gruß mit einem knappen Hallo erwiderte, das Licht einschaltete und weiterradelte. Vielleicht hatte er Angst vor mir, wie ich so auf einem Flecken Beton ohne ersichtliches Sonstwas den Trangia-Kocher aufgestellt hatte und mir mein Abendessen kochte. Männer ohne alles im Schneidersitz vor Spirituskocher, das ist schon seltsam. Wie ein Mensch, der hier nicht hingehört und somit stimmt auch etwas nicht an der Situation. Hätte er mein Zelt und das Radel, hundert Meter weit weg unter den Eichen gesehen, hätte er vielleicht mehr Vertrauen geschöpft?

Gegen acht Uhr breche ich auf. Junger Morgen, erste Radlergruppen. Es war ein guter Entschluss, vom Illkanal herüberzuqueren an den Rhein. Die Wucht es Flusses, seine Schiffe, das dumpfe, behäbige Brummen der Dieselmotoren, garniert mit dem Summen von Insekten und dem Gezwitscher der Vögel, strahlen eine unheimliche, zeitgenössische Magie aus. Was auf dem Strom alles transportiert wird! Man spürt die Lebensader. Kanalisiert von fünf oder noch mehr Meter hohen Staudämmen drängt der Rhein vorbei an Städten und Dörfern, kühlt  Kernkraftwerke, trägt unsere Waren und, wie ich schon früh an den zahlreichen Begegnungen erkenne, ist er ein Transportmedium für die Phantasien zahlreicher internationaler Langstreckenradler. Wenn das Buch ‚Flussnoten‘, das ab Samstag in dem Blog http://flussnoten.de gemeinsam mit Frau SoSo live geschrieben wird, ein Thema hat, dann ist es der Mensch, wird mir an diesem Morgen klar. Verflogen ist die schleppende Tristesse des vorgestrigen ersten Tags, an dem es mir beinahe unmöglich schien, das einsame Gehöft zu verlassen. Der unterschwellige Nihilismus, der mich manchmal befällt, die Kraftlosigkeit, die sich in den Knochen etabliert und mir suggeriert, es wird nie wieder aufwärts gehen, verfliegt im Nu – vielleicht sind es die vielen Menschen, die mir innerhalb weniger Stunden an diesem gestrigen dritten Reisetag begegnen und mich beflügeln sollten. Sie sind mir ein Fingerzeig, dass es immer weiter geht und ich könnte wahrlich einige Blogartikel füllen mit der ein oder anderen Begegnung, war sie auch noch so kurz – ja, vielleicht hole ich dies irgendwann nach. Hier erst einmal in Kürze und in Form einer Liste all die Menschen, ach all die herrlichen Menschen des gestrigen Tages.

  • Ein Frühradler huscht am Zelt vorbei, in der Dämmerung scheint er mich gar nicht zu bemerken und ich bleibe still, kaffeeschlürfend, um ihn nicht zu erschrecken.
  • 17 Radler mit leichtem Gepäck, morgenmufflig, stoisch nicht zurückgrüßend, die ‚Vierzig Wagen westwärts‘ des kleinen Mannes, nur ohne Schnaps an Bord, winzige Taschen baumeln an ihren stählernen Mulis. Ich dichte ihnen Ruhrpottcharme an,
  • Bagger, allüberall in den Kiesgruben jenseits von Neuenburg. Manchmal sieht es aus wie Tanz, wenn sie LKWs beladen oder einander liebevoll zu waschen scheinen wie hier in Heiko Moorlanders berühmtem Werk The Elephant Shower
  • Steinmännchen. Und was für welche. Zehn fünfzehn Stück neben einem Katarakt, der den Altrheinarm wie ein naturbelassenes Idyll wirken lässt. Erst als ich hinunter tappe ans Ufer bemerke ich die zwei Männer, die im Schatten der Weiden sitzen. Aus ihrem Radio tönt Led Zeppelin. Sie trinken Bier. Verflixt, ich stehe mitten in ihrem Wohnzimmer. Am sandigen Hang haben sie mit Planen ein Lager eingerichtet. Der eine zeigt mir sein T-Shirt, auf dem groß Polzilei steht und er fragt mich, ob ich der Panzerknacker sei, hä?, na mit der komischen Nummer auf deinem T-Shirt. Ich hebe die Hände, erwischt, fünfzig Cent koste die Fotogenehmigung, scherzen sie. Der größte der Steinmänner ist vierzehn Steine hoch. Nachts hatten sie ihn beleuchtet und er sah aus wie der Eifelturm. In der Sonne brutzelt eine Solarzelle die Akkus für das Radio voll. Aus der Fahrradpacktasche krame ich eine Dose Weißbier, noch morgenkühl, Freude bereitend.

  • Grimmige Großmutter schimpft ihren kaum fünfjährigen Enkel vom Radweg, wie ein Hund behandelt sie das Kind, das im Zickzack auf mich zusteuert. Perplex schaue ich den beiden hinterher und denke, das arme Kind.
  • Die Bullen. Mit Warnwesten bekleidet lauern sie hinter einer Hecke in einer Radwegumleitung – die Strecke ist für Radler und Fußgänger aus unerfindlichen Gründen gesperrt und ich nehme demütig den Weg über die Straße bis nach einigen hundert Metern zurückgeleitet wird auf den Radweg, gerade noch rechtzeitig …
  • … um ein tätowiertes Mädchen ohne Licht und Helm mit nur einer funktionsfähigen Bremse, Achtung die Bullen, davon abzuhalten, den verbotenen Weg einzuschlagen. Mit ihren vielen Tatoos ist sie ohnehin eine Reizfigur für alles was mit Ordnung zu tun hat, glaubt sie, kehrt um, gondelt ein Stück neben mir her, schleicht sich in einem Feldweg hinunter zum Rhein auf den Wanderweg. Ich habe ihren Nachmittag gerettet, puuuh, sagt sie.
  • Zwei Frauen aus Cherbourg mit schwerbepackten Fahrrädern. Frankreichwimpel und, ja, was ist das für eine komische andere Flagge? Vielleicht die der Heimatregion, wir schwadronieren französisch, sie wollen nach Konstanz und essen wollen sie, das sagen sie auf deutsch, jetzt, dort bei der Bank unter dem Baum am Fluss.
  • Zu wenig Geld in der Tasche im grenznahen Aldi hat das junge Paar, nur ein paar zig Cent fehlen und unisono bieten sich alle in der Schlange hinter ihnen an, den Rest zu bezahlen, fummeln in ihren Geldbeuteln. Einfach so.
  • Wildgelockter Reiseradler, dreitagebärtig in der Fußgängerzone Rheinfelden, kurz der Gruß. Es ist elend heiß. Später treffe ich ihn bei der Badi (beim Schwimmbad) in Möhlin, Schweiz wieder, ihn und seinen Kumpel, die Räder zerlegt, der Kofferraum des Autos offen, und wir halten ein Schwätzchen. Aus Gouda kommen sie und sie haben gerade in elf Tagen die Schweiz umradelt, was auf dem Schweizer Fernradwegenetz über die drei Routen Jura, Rhone und Rhein prima möglich ist. Stolz zeigt er mir die Karte, Knapp zwölfhundert Kilometer. Höchster Punkt ist übrigens der Oberalppass, ab dem Frau SoSo und ich morgen unsere Rheinwanderung starten werden. Ich frage mich, wie sie es geschafft haben, das Auto für anderthalb Wochen beim Schwimmbad abzustellen, ohne dafür eine saftige Buße erhalten zu haben. Sie sind glücklich.
  • Der unbekannte Bauarbeiter, der in Effingen ein Baustellenschild vor das Radweghinweisschild gestellt hat, wenn ich dem jemals begegne. Er bescherte mir ein doppeltes Bözbergchen und die Grundlage für eine Geschichte mit dem Titel ‚Bözberg-Gate – Skandal um Radweg 56‘ (bald hier in diesem Blog (falls ich nachher noch die Muse habe, sie aufzuschreiben)).

7 Gedanken zu „All die Menschen, ach all die herrlichen Menschen. #flussnoten #ibcoco“

  1. Vom Nihilismus in die buntvolle Sprache des Radlerreisenden zurückgekehrt und ich … ich freue mich, für dich und für euch!!!
    Ich streue Sonnenschein und Leichtigkeit auf deine, eure Wege
    Ulli

  2. he jürgen, während du am illkanal – wahrscheinlich im nordosten frankreichs – entlang radelste, saß ich an der ill im westen österreichs. bin jetzt wieder in sigmaringen und trinke einen kühlen weißen. ich würde mich freuen, wenn ihr beide mal einen abstecher nach feldkirch und dabei einen besuch bei meiner installation (bei der musikschule) machen würdet. die laaangweilige flussnote kam übrigens gleich drei mal bei mir an. erst beim dritten durchlesen fiel mir das dann auch auf!
    wünsche guten reisewind gruß an soso

    1. Lieber Rudi, Feldkirch liegt ja quasi am Weg. Da wollen wir gerne hin. Es wäre nicht das erste Hundefänger-Werk, neben dem ich lagere 🙂

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