Pumpe #AnsKap

Ist das eine Hummel, was da brummt? Gleich neben dem Zelt. Ein leises Lüftchen, verdammt leise, aber es genügt, um in den Kiefern ein paar Tautropfen zu lösen, die sekundenlang auf dem Zeltdach trommeln. Dann wieder dieses Nichts, die Stille. Kein Vogel zwitschert. Keine Straße rauscht im Hintergrund, kein Flieger säuselt in neun Kilometern Höhe.

Minutenlang geht das so. Manchmal zig Minuten.

Ich bin drei Kilometer von der Hauptstraße, der Nummer 365 entfernt auf einem sogenannten Naturcamping. Naturcampings sind spartanisch ausgerüstete, ebene Flächen. Oft gibt es nur ein Plumpsklo, Wasser muss man aus dem Bach oder See schöpfen, wo man sich auch waschen kann, wenn man die Kühle nicht scheut.

Dieser hier hat ein blitzesauberes Klohäuschen, Männer und Frauenkabine, Wasseranschluss und Waschbecken. Mensträsk, mitten in Lappland. An der Einfahrt zu der geteerten Fläche hängt ein dreißig Zentimeter breites Schild, das den Platz ausweist, daneben ein Zettel, der die Regeln erklärt und ein Briefkasten mit einem Tütchen Couverts daneben, auf die man seinen Namen notiert und 50 Kronen hinein tut für die Gemeinde, die den Platz unterhält.

Ich glaube, meine Nachbarn im Wohnmobil, die schon früh abgereist sind, haben Schild und Briefkasten gar nicht gesehen und sind unbezahlter Dinge weiter gefahren.

Das große Geheimnis dieser Stille, wie ich sie daheim nicht kenne – da rauscht immer irgendwo eine Straße, lärmen Bässe kilometerweit aus Stereoanlagen, schreit jemand rum, wummert eine Fabrik, ziehen Linineflieger ihre Bahnen, so dass man die Uhr nach ihnen stellen könnte – das große Geheimnis dieser Stille ist, dass sie jedes Geräusch, das irgendwann auftaucht umso lauter macht.

Auf der Straße ist das für den Radler geradezu schmerzhaft. Der Asphalt ist rau. Die Autos fahren teilweise mit hundert Sachen an einem vorbei. Zwar halten sie Abstand, aber das schneidende Geräusch, das die Reifen verursachen ist wie wenn dir alle paar Minuten jemand direkt ins Ohr schreit.

Bei den LKW kommen noch die Nebengeräusche hinzu, Klappern, oder, wenn die riesigen Holzlaster leer an dir vorbeibrausen das Klackern der Ketten, die an den Streben baumeln.

Pauschal gesagt passieren einen die Holzlaster morgens voll beladen in die eine Richtung und kommen abends leer wieder zurück. Irgendwo vor einigen hundert Kilometern sah ich einen Bahnhof mitten Im Wald, neben dem ein gigantisches Holz-Nasslager von Pumpen berieselt wurde. Dort bringen sie womöglich ihre Ladungen hin.

Wie eine riesige Pumpe, die portionsweise den Rohstoff, fein in Stücke geschnitten und verladen, aus den Wäldern in die Zentren pumpt.

Plötzlich wird mir klar, wie pumpenhaft diese Welt ist. Alles am Menschen und seiner Organisation der Gesellschaft, der Güter, des Geldes, befindet sich im steten Fluss, wird hin und her gepumpt und oft auch konvertiert. Waren werden in Geld verwandelt oder umgekehrt, Geld in Waren, die transportiert werden. Eine gigantische Warenpipeline in Form von Containerschiffenumspannt den Globus, wie auch diese, meine Holzpipeline in Form von hunderten von Lastern bestens zu funktionieren scheint.

Mehr noch, auch wir Menschen pumpen uns selbst, morgens als Berufspendler hin zum Arbeitsplatz, abends wieder nach Hause.

Neben den täglichen Pumpzyklen gibt es die saisonalen Pumpzyklen. Wir pumpen uns in die Sommerferien und wieder zurück, massenhaft, millionenfach, in den Skiurlaub, oder vor langen Wochenenden bis weit jenseits der Infarktgrenze in die Supermärkte zum Großeinkauf.

Minutenlang herrscht Stille auf der 365. Nur das Schnurgeln der Radelreifen auf dem Teer ist zu hören. Die Kette quietscht, ich muss sie mal wieder ölen. Hundert Meter weit vorne starren mich zwei Rentiere an, drehen sich um, verschwinden klackernden Hufes im Wald. Von Hinten höre ich hunderte Meter weit entfernt ein Auto. Vermutlich eines jener neumodischen, großen Vierraddinger. Langsam erkennt man die Fahrzeugarten schon an ihrem Geräusch. Generell klingt es so wie etwa zu Hause, wenn man an einem Bahngleis steht und ein Zug kommt, nur ohne das Singen der Schienen.

Vor ein paar Stunden ist mir ein Radler begegnet, der sogenannte Micky Mäuse trug, also Ohrschützer, wie man sie in lauten Fabrikhallen aufzieht. Auch ich fahre seit Asele mit Ohrstöpseln. Eine Wohltat. Anfangs dachte ich, das sei gefährlich, weil man nicht mehr hört, wenn etwas auf einen zukommt, aber ganz im Gegenteil. Es filtert nur die Lärmspitzen und macht das Radeln in der gigantischen Weltenpumpe auf der mäßig befahrenen Hauptstraße durch den Wald erträglich.

Ich weiß nicht, ob man die Funktionsweise der Welt und des Menschseins tatsächlich in Form eines Pumpsystems erklären kann. Es ist auch nur so ein Eindruck.

Dieses eigenartige Gefühl wie es vielleicht ein Teilchen hat, das sich plötzlich als Teil des Ganzen begreift und sich durch die unergründlichen Windungen allen Seins zu denken versucht, und letztlich, so kommt es mir in den Sinn, funktioniert man auch selbst, als denkender, reisender Künstler fast wie eine Pumpe, die Gedanken von einem Ort zum anderen pumpt, sie aus dem Hirn in die Tasten, zerlegt in Bits und neu organisiert als sinnvolle Kette von Ascii-Zeichen hinausjagt ins Netz.

Wer weiß, wie sie dort weiter gepumpt werden.

10 Gedanken zu „Pumpe #AnsKap“

  1. Die Idylle des Naturcampings. Leider nicht mehr oft anzutreffen in unserer dichtbesiedelten Zivilisation. Wer kann schon noch mit dieser vollkommenen Stille umgehen?
    Geniess diese seltenen Momente. Bestimmt werden auch andere Sinneswahrnehmungen wacher und du kannst schon bald die Ladung der Holzlaster anhand der Duftwolke bestimmen. Zwanzigjähriger Kiefer, nass. Junge Fichte, geschält.

    1. Das stimmt, Christian, die Sinne werden hier ganz anders stimuliert, bzw. eben gerade nicht, so dass man anders wahrnimmt, als in der turbulenten Heimat.

  2. Leben ist ein einziges Hin- und Herschieben von Dingen, sage ich ja zuweilen. Pumpen ist das neue Schieben für mich.
    Wer ist es, der oder das pumpt?
    Wozu? Wohin?
    Wer wendet die Energie auf?
    Alles ein einziger Fluss. Wie der Wasserkreislauf.
    Danke für deine Metaphern.

    Gute Weiterfahrt!

  3. Hallo Juergen,
    also ganz, absolut still moechte ich es nicht haben. Ich haette gern „stille Natur“, also z.B. ein wenig Saeuseln des Windes in den Baeumen, oder Rauschen eines Baches oder Zwitschern von Voegeln. Und hier, des abends, manchmal sogar etwas weniger Natur, wenn die Zikaden ein unmoegliches akustisches Spektakel veranstalten. ;)
    Hab’s fein,
    Pit

    1. Es gibt hier natürlich auch Geräusche. Aber bei Windstille ist es schon arg still. Ganz selten mal ein Vogel. Öfter schon Stechmücken, vor allem abends.

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