Fan der Band, die nicht auftritt

Seit Donnerstag im Ausnahmezustand. Die kataraktisch labyrinthische Künstlerbude ist voller Gäste. Das Sofa belegt, irgendwo auf einem Futon lebt nun Freund QQlka und heute Abend noch zwei weitere Gäste, die untergebracht werden wollen. Habe SoSo und mich daher ausquartiert im Zelt weitab des Ateliers am Südrand des einsamen Gehöfts. Auf einem unheimlichen, erdigen aber flachen Platz unter einem Nussbaum, auf dem kein Kräutchen wächst. Ob es am Nussbaum liegt und am Dauerschatten, dass da nichts wächst, oder ob es sich, wie ich scherzhaft plapperte, dabei um einen keltischen Richtplatz handelt? Stille. Ab und zu kracht ein Schuss. Jäger sind in den umliegenden Maisfeldern auf Wildschweinejagd. Morgendämmerung. Nuss fällt aufs Zeltdach und ein Tier reißt eine ganze Serie von Äpfeln von einem der Bäume, was ein eigenartiges Geräusch ist. Nie gehört. Das Geräusch eines einzelnen fallenden Apfels mal zehn. Pferdeäpfel klingen so ähnlich.

Heute ist der Hauptabend des Kunstzwergfestivals. Irgendwie lief es mit der Presse mächtig schief: Aufmacher des halbseitigen Vorberichts ist eine relativ bekannte Zweibrücker Band, die aber gar nicht auftritt. Riesenbild der Band als Titel. Ich glaube, es gab Riesengezeter. Die Kulturredakteuerin hatte mir eigens aus Kanada eine Dringlichkeitsmail geschickt, ich solle das in Ordnung bringen. Das seltsame an der Situation ist, dass es eine Situation ohne Schuldigen ist. Journalist F., der den Artikel schon vor Wochen verfasst und in die Redaktion gesendet hatte, schöpfte sein Wissen aus der Kunstzwergseite, auf der wiederum, weil man sich mit der Band nicht einigen konnte, das Programm kurzfristig abgeändert wurde. Leider erst nachdem Journalist F. sein Wissen geschöpft hatte. Wer hätte geahnt, dass dieser Zeitungsartikel eine tickende Zeitbombe ist. Frühmorgens überlege ich, ob die Welt mit ihren schlimmen Konflikten, Krieg, Leid und Elend dieser Tage auch nur in eine verquere Situation ohne Schuldigen geraten ist. Ob es eine ganz natürliche Sache ist. Dass Missstimmungen wie aus dem Nichts entstehen. Eine Checksumme von verketteten Umständen, deren Zusammenhänge nicht in menschlichen Geschicken liegen. Gegen Elf erwacht. Hinterm Zelt stehen quadratmeterweit Pilze. Die waren doch gestern noch nicht da? Egal. Es wird ein schöner Tag, hoffe ich und die Fans der Band, die nicht auftritt, haben hoffentlich den Dementibericht in der Zeitung noch gelesen.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

2 Gedanken zu „Fan der Band, die nicht auftritt“

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