Lochstreifenwandern am Ticino

Der unheimliche Typ, der mit dem Pickup auf uns zurast, kommt gerade recht. Ein bärtiger, düster aussehender Kerl wie aus einem skandinavischen Krimi, der womöglich gerade Leichen in einer Kiesgrube entsorgt hat. Der Wanderweg entlang des Ticino führt schnurgerade neben dem Hochwasserdamm Richtung Magadino am Lago Maggiore. Laaangweilig, sage ich zur SoSo und setze müde Fuß vor Fuß. Wir erfinden Geschichten. Zum Beispiel, dass die vielen Pfützen auf den beiden geschotterten Fahrstreifen rechts und links des Grases in der Mitte des Wegs, einen geheimnisvollen Code enthalten. Wie ein Lochstreifencode muss das von oben aussehen. Dieser Weg enthält wichtige Informationen! Und natürlich unser düsterer, bärtiger, grobschlächtiger Geselle mit dem Pickup und den Leichen (eigentlich sieht er ja ganz normal aus, hat garkeinen Bart, geschweige denn aufgerollte Teppiche auf der Pritsche, aber die Phantasie blüht). Ganz nah an den Damm müssen wir uns quetschen, damit er auf dem schmalen Feldweg passieren kann. Wir haben Glück, dass er uns nicht auch noch ermordet, so als Zeugen, sagt die SoSo. Vielleicht gehört er ja zu einer Dynastie von Mördern, die seit Jahrhunderten diesen Weg auf und ab fahren, ihre Opfer wegbringen, von Typen wie uns ertappt werden, diese Zeugen auch noch beseitigen, um die Tat zu vertuschen und so weiter und so fort, Ertapptwerden und Vertuschen als Familienfluch sozusagen? So vergehen die acht bis zehn Kilometer im geraden, grünen Nichts jenseits der Berge, obschon der Weg ja wunderschön ist, aber in Gedanken an ein Bad im Lago und die zurückliegende, bombastische Alpenüberquerung, fällt die Strecke ein bisschen durchs Raster. Rurale Überstimulation, die ein normales Wandererleben verunmöglicht? Den See erreichen wir durch das Naturschutzgebiet Bolle, stehen plötzlich vorm Yachthafen Magadino, der so gar nicht in das Idyll passen will, das ein bisschen so aussieht, wie man sich die Sümpfe von Florida vorstellt.
Magadino gibt sich hektisch. Linienbusse, Polizeistation, Minigolf. Touristen. Yachten werden zu Wasser gelassen, im Akkord fährt ein Trucker des Hafens die Trailer rückwärts eine Rampe hinunter in der See, lässt die Boote los und holt andere aus dem See. Sonnenbebrillter Typ. Badestrand nebenan. Vor einem Denkmal mit dem Titel Montagne, das aussieht wie drei parallel gestellte, überdimensionierte rustikale Grabsteine rasten wir, schauen dem Treiben zu, baden, entern das freie WLAN. Später dann Einkauf in einem liebevoll sortierten, gut duftenden Gemüseladen. Die Besitzerin empfiehlt uns den Zeltplatz von Vira, zwei Kilometer am See entlang. Unsere Idee, im Park beim Yachtclub zu zelten sei nicht gut, zu viele dubiose Gestalten treiben sich hier herum während der Ferienzeit. Sie stimmt ein in das Lied, das schon die Urner sangen, das Böse kommt von außen. Ein Bisschen glaube ich das sogar. Die dörfliche Mikrogesellschaft, wie ich sie von Früher in der Nordpfalz kenne, ist so gleichsam familiär, wie auch misstrauisch gegenüber dem Fremden. Dennoch fühlen wir beiden Fremden uns hier herzlich willkommen.
Die Rezeption des Zeltplatzes besteht aus einem Zettel, auf dem geschrieben steht, bitte bauen Sie Ihr Zelt auf der Zeltplatzwiese auf oder stellen Sie den Wohnwagen im Wohnwagenbereich ab. Winziger Platz direkt am Strand, jenseits einer Hecke lugen hölzerne Osterinselskulpturen.

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Handzahme Schwäne, Spatzen und Enten direkt vorm Zelt.

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Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

4 Gedanken zu „Lochstreifenwandern am Ticino“

  1. … und wenn Meineeine gerade von Sarah Lund kommt (ja, sie macht süchtig ;) ), dann ist eure Krimiphantasie fast noch harmlos …
    die Welt ist schön, und manche Menschen einfach schlecht, ob es mir passt oder nicht …
    umso schöner, dass ihr immer so herzlich auf schöne Plätze aufmerksam gemacht werdet, wie war das? Wenn du lächelst, lächelt dir die Welt zurück … nur manchmal ist es dann eben doch besser den Blick für sich zu behalten-

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