Die Gesellschaft, von Konflikten durchsickert

Ein sonniger Samstagnachmittag. Ich lehne neben der Eingangstür von Lidl und überlege, ob ich Kaffee kaufe oder Brot und Butter. Beobachte das Treiben auf dem Parkplatz. Autos kommen, Menschen steigen aus, ziehen am Einkaufswagenschalter einen Einkaufswagen, verschwinden im Markt, Menschen quellen mit vollem Wagen durch die Schiebetür, verstauen ihren Einkauf im Kofferraum, Autos fahren wieder. Nichts ungewöhnliches an dieser Szene? Doch in mir tickt das Sensibel-Barometer, ich schaue genauer hin. Ein kurzgeschorener Typ rast mit Tempo 50 auf den Parkplatz, knallt die Tür zu, jemand schimpft, der Kurzgeschorene mault und verschwindet im Markt. Ein älteres Paar steht in der Einkaufswagenausgabe, zieht einen Wagen, in dem ein bisschen Müll liegt. Die Frau greift den Müll, wirft ihn auf den Boden: „Sauerei sowas, dass die Menschen keine Ordnung halten können.“ Nur zwei Meter weiter steht ein großer, leerer Mülleimer. Kleinlaut sagt ihr Gatte: „Das hättest du in den Mülleimer werfen können.“ „Wieso? Ich hab das nicht da rein getan.“ Nun fährt ein ähnliches Pärchen an, mitte 50, korpulent, alte Karre. Aus dem Kofferraum und dem Fußraum kramen sie an die 50 Pfandflaschen. Der Mann legt eine davon aufs Dach. Die Frau verstaut die Dinger im Einkaufswagen. Mieslaunig wirft der Mann die Flasche vom Dach quer übers Auto. Schlecht gezielt landet sie auf dem Boden. „Du hast was vergessen,“ sagt der Mann mürrisch. Die Frau bückt sich: „Nächstes Mal hebst du das selber auf.“ Geladen verschwinden sie im Markt.

Ich diagnostiziere schlechte Stimmung, kalkuliere die fünf Minuten samstagnachmittags als Mieslauneminuten, als Minuten, in denen etwas nicht stimmt mit den Menschen und zwischen den Menschen, mache eine Schätzung: Wieviele Supermärkte dieser Art gibt es in Deutschland , sagen wir 15000. Multipliziere 15000 mal 5 Minuten Konfliktsituationen und komme auf ein kumuliertes Mittel von 52 Tagen Mieselaune. In nur fünf Minuten!

Ein beachtlicher Wert.

Alles spielte sich vor einem von vier großen Lebensmitteldiscountern in der Stadt Z. ab. 52 Tage Mieselaune, Konflikt, Beleidigung, Wut, unterdrückter Hass.

Die Sonne schien. Ein wunderbarer Tag. Die Menschen sollten glücklich sein, sie sollten einander lieben, sie sollten sich gegenseitig loben und ihre Selbstwertgefühle steigern, dachte ich.

Und was tun sie? Sie maulen, sie treten, sie schinden, sie malen schwarz, pflegen Hass in dem feinen Gewebe, Teil dessen sie sind.

Es wird keinen Krieg mehr geben. Der Krieg ist wie Pilz in einem feuchten Schwamm namens Gesellschaft.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

5 Gedanken zu „Die Gesellschaft, von Konflikten durchsickert“

  1. vielleicht hat denen wer eingebläut: wage es bloß nicht, glücklich zu sein, wehe!!!!
    für sowas meinte jemand: die deutschen leute werden immer defizit-orientierter….
    LIEBE ist das ding! herzenswärme ebenfalls, eins ohne das andre geht garnet…
    gruß von der rumlebenden

  2. ja, das gibt es alles. es gibt aber auch den umgekehrten fall: du rennst selbst mit gewitterwolken über dem kopf rum und jemand grinst dich unverhofft an, vor einem supermarkt, auf der straße, egal wo. da kommen dann die sonnenstrahlen wieder durch den regen durch.
    hm.
    wenn andere schlecht gelaunt sind, muss eins ja nicht mitmachen.

    nee, ich bin nicht unter die straßenbauerInnen gegangen, grins. wir haben pflanzbottiche im hof gebaut und die hauswandseiten mit bitumen abgedichtet. inzwischen tummeln sich da schon diverse rankgewächse und walderdbeeren drin; sehr schön!
    magste dir nicht wirklich überlegen, im august herzukommen und beim geburtstagfeiern die neue bunte pracht anzugucken? so im sommer halt?

    ich denk‘ auch an dich und überlege schon die ganze zeit, wann ich das mal noch zu dir schaffe; hier passiert so viel! soll ich mal den juli ins auge fassen? geht da überhaupt noch was, wo du nu ’nen job hast?

    liebe grüße
    u
    :)

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  4. Lieber Jürgen,
    ein schöner Text mit Beobachtungen und Schlussfolgerungen, wie sie die meisten Menschen nicht zu machen in der Lage sind, bzw. wenn sie sie machen, sind sie nicht in der Lage, sie so auszudrücken.

    Ich hatte ein halbes Jahr vor Dir auch ein Wochenend-Einkaufserlebnis, zeitlich allerdings ein paar Stunden später – nämlich nach 18:00 Uhr.
    Da sieht die Welt irgendwie ganz anders aus.
    Hier nachzulesen.

  5. Du hast recht, Jürgen : es wird keinen Krieg mehr geben.

    Wir haben schon lange einen schwelenden Krieg in unserer westlichen Gesellschaft … er wird nicht entflammen diesmal, sondern in einer Welle neuen Bewusstseins ersäuft werden; damit kriegen wir ihn ganz aus, da bin ich ziemlich sicher.

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